Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 41 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit. Mr. 41. Werke erschien auch eine Uebersetzung des Talmud, ein Versuch, dem Laien durch gute Uebersetzung und Erklärung das Studiuum dieses großen, herrlichen Werkes, das leider so stark vernachlässigt ist, möglich zu machen, soweit Uebersetzungen überhaupt die haarscharfe Dialektik des Talmuds wiederzugeben vermögen. T'oro schebealpe kann als mündliche Lehre nur durch den Mund des bewährten Meisters mitgeteilt und dem Verständnisse nahegebracht werden. Soweit Agada, Sentenzen, Fabeln, Parabeln und allgemein verständliche Sätze erbaulichen Inhalts in Betracht kommen, ist eine gute Uebersetzung gewiß sehr nützlich; wie aber soll die scharfe Rede und Gegenrede, das Spiel der Gedanken und Schlüsse, Behauptung, Einwand, Gegenbeweis und Zurückweisung desselben, kurz, ein ganzes schakel wetarje, eine logisch aufgebaute Behandlung eines Themas, wobei oft gerade auf ein Wort der Hanplton zu legen ist, in der denkbar besten Uebersetzung zum Ausdruck gelangen? Philipp Lederer, ein Meister talmudischer Dialektik, hat das Beste gewollt, und gewiß auch an diese Schwierigkeiten gedacht, doch die Sorge für die Verbreitung der toro hat alles überwunden, und jeder, den seine Uebersetzung liest, gewinnt wenigstens eine gute Uebersicht über das Ganze. Sowie Lederer durch Uebersetzungen die volkstümliche Behandlung unseres Schrifttums förderte, übersetzte er auch die Minhagim und Dinim für die einzelnen Sabbathe und Fest- und Fasttage des Jahres für den Brandeis'schen Kalender. Auch diese Arbeit zeichnet sich durch Klarheit und Gedankenkürze aus und vermittelt dem Volke die Kenntnis der Bestimmungen für die einzelnen Feste. Freuden- und Trauertage unseres Jahres. Es bereitete dem edlen Manne Freude, für sein geliebtes Judentum in selbstloser Weise wirken zu können. In diesen schweren Tagen der Verfolgung und Unterdrückung brauchen wir wahrlich solche Männer der Tat, die das Judentum durch ihr Leben, ihre Bescheidenheit und Herzensgüte nach außen und innen ehren, wie es der teure Verstorbene getan. Er wirkte zuletzt in der altehrwürdigen, heute allerdings kleinen Gemeinde Rosenberg in Südböhmen, dem Wirkungskreise durch ihr Wissen großer Rabbiner. Hier verstand es unser Rabbi, durch seine Herzensgüte alle ohne Unterschied zu gewinnen und auch fürs Judentum durch aufklärende Tätigkeit etwas zu leisten. Wir müssen heute — so dachte unser vielbetrauerter Freund — mit unseren Mitbürgern das beste Verhältnis anbahnen und in Wort und Tat unsere Duldsamkeit und Friedensliebe bekunden. Talmide chachomim marbim scbolom boolom. Die Ahronsjünger der Thora sollen den Frieden in der Welt fördern, wollen anders sie hier Gottes Heiligtum erbauen. Auch er war in diesem Sinne sein ganzes Leben tätig, und darum ist und bleibt sein Gedenken ein Segen. Wer ihn gekannt, muß gestehen, daß er nicht bloß seiner Familie ein treu sorgender lieberfüllter Vater uub Förderer, sondern auch seiner Gemeinde, dem Judentum ein hingebungsvoller Führer und Lehrer gewesen. Sein Name wird stets in Ehren genannt werden! Dr. L. Hirsch, Krumau. Ahlem.*) Wer mit Antisemiten in Versammlungen zu kämpfen hat, weiß, daß ihm immer derselbe Gedankengang entgegentritt: „Die Juden sind das Handels- und Schachervolk par excellence; von „wahrhaft" produktiver, insbesondere von körperlicher Arbeit halten sie sich fern-; sie suchen nur mühelosen Gewinn auf Kosten ihrer christlichen Mitmenschen; wo hat man je einen Juden hinter dem Pfluge hergehen oder an der Hobelbank stehen sehen?" Verweist man demgegenüber darauf, daß es zwar in Deutschland nur vereinzelte jüdische Landwirte und Handwerker gebe, daß aber andere Länder jüdische Ackerbaukolonien, Massen von jüdischen Handwerkern, jüdische Arbeiter in den körperlich anstrengendsten Berufen kennen, so heißt es spöttisch: „Lassen Sie uns doch mit dem fernen Ausland zufrieden! Solche Be- *) Aus der „Nation". Häuptlingen kann niemand kontrollieren! Wir haben es nicht mit irgendwelchen anderen, sondern eben mit den deutschen Juden zu tun, und auf sie trifft die Behauptung zu, . daß sie körperliche Arbeit scheuen." . Man ist dann gezwungen, auf die Geschichte des jüdischen Volkes einzugehen. Wie kann man sich wundern, daß ein Volk sich zum Handelsvolk entwickelt hat, wenn es all die Jahrhunderte hindurch von den Nationen, unter denen es als kleine Minderheit lebte, gezwungen wurde, sich auf den Handel zu beschränken? Wie kann man von Leuten Ackerbau und Handwerk verlangen, denen seit unvordenklichen Zeiten der Erwerb von Grund und der Eintritt in die Zünfte untersagt war? Ja, so heißt es dann, seit 1869 spätestens seien aber die Juden doch „gleichberechtigt". Warum stürzen sie sich denn nun nicht in Massen auf die Erwerbszweige, die ihnen früher verschlossen waren, sondern bleiben fast sämtlich dem Handel treu? Nun, Gewohnheiten, die einem Bolksbestandteil Jahrhunderte hindurch aufgezwnngen worden sind, lassen sich nutürlich nicht in wenigen Jahrzehnten mit Stunipf und Stiel ausrotten. Das liegt so auf der Hand, daß man unbelehrbar sein muß wie das Gros der Antisemiten, um es nicht sofort einzusehen. Immerhin hätten es die Gegner der Antisemiten leichter, wenn sie auf etwas mehr Fälle , des Ueberganges zur Landwirtschaft und zum Handwerk verweisen könnten, als es bis jetzt in Deutschland möglich ist. Es liegt auch, von diesem politischen Moment ganz abgesehen, im Interesse der Juden selbst, wenn sie jetzt, da ihnen die Gelegenheit — wenn auch oft unter außerordentlich erschwerenden Umständen! — geboten ist, sich mehr auch den ihnen früher versagten Berufszweigen zuwendeten. Es ist Physisch wie psychisch für einen Volksbestandteil kein Segen, wenn er sich ausschließlich einer Beschäftigung widmet und dabei die Berührung mit der „Mutter Erde" allzusehr verliert. Es ergibt sich daraus eine Einseitigkeit, die ihre Vorzüge, aber doch noch größere Schattenseiten aufweist. Insbesondere die ärmsten Schichten des Volkes, das Proletariat, leiden darunter. Es ist ein Aberglaube, die Juden für durchweg oder auch nur überwiegend wohlhabend zu halten. Ich kenne z. B. manches arme hessische Dorf, wo ein Dutzend jüdischer Familien in geradezu brennender Armut dahinlebt. Leim Handel, den sie fast durchweg treiben, können sie nie auf einen grünen Zweig kommen. Es gibt eben in jenen ärmlichen Gegenden so wenig zu handeln, daß der Handel vielleicht zwei, aber sicher nicht zwölf Familien anständig ernähren kann. Gelänge es, einen Teil dieses jüdischen Handelsproletariats dem Handwerk und der Landwirtschaft zuzuführen, so wäre das ein wahrer Segen. Nun hat man ja den Versuch gemacht, einen Teil des jüdischen Proletariats aus Osteuropa in Ackerbaukolonien, namentlich in Amerika, unterzubringen. Diese Versuche haben überwiegend ein wenig ermutigendes Resultat gehabt, soweit ich wenigstens unterrichtet bin. Es ist eben verzweifelt schwer, Personen in reifen Lebensjahren aus ihrem Milieu herauszureißen und sie unter ganz anderen Verhältnissen in eine völlig andere Tätigkeit unvermittelt hineinzustellen. Das sieht man schon an den vergeblichen Bemühungen, deutsche Industriearbeiter in den Zeiten industrieller Krisen als Landarbeiter zu beschäftigen. Das Akkommodationsvermögen erwachsener Menschen ist in den meisten Fällen für einen solchen Berufswechsel nicht ausreichend. Oft fehlt es einfach an der körperlichen Eignung. Will man Aussicht auf Erfolg haben, so muß man bei der Jugend einsetzen. Das war der Gedanke, der den leider im vorigen Jahre verstorbenen Konsul Moritz Simon in Hannover veranlaßt, die israelitische Erziehungsanstalt Ahlem vor nunmehr vierzehn Jahren ins Leben zu rufen. Vor den Toren von Hannover stiftete er ein Gelände von sechzig Morgen, das den Kindern des jüdischen Proletariats Gelegenheit geben soll, systematisch im Gartenbau ausgebildet zu werden. Von Jahr .zu Jahr ist das Unternehmen gewachsen. Heute besteht es aus drei getrennten und doch innerlich zusammenhängenden Anstalten. Der Kern ist die Lehrlingsabteilung.' Sie bildet schulentlassene israelitische