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Die Wahrheit · 1906-10-26 · Heft 41 (26.10.1906) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 41 (26.10.1906)
Date
1906-10-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 41. Die Wahrhell. Leite 5. Millionen Brüder befinden sich in höchster Lebensgefahr, hört \ ihr es, öder hört ihr es nicht, ihr Finanz- und Rachmones-! juden? Der Appell an das europäische Gewissen verhallt! wirkungslos, weil es sich „bloß um Juden handelt." Pogrome auf Pogrome hänfen sich, schauderhaft, der Zivilisation hohnsprechend. Angesichts der hereinbrechenden nationalen Katastrophe müsset! sich Zionisten und Zangwillisten stramm zu einer segenbringenden Tätigkeit vereinigen. Das jüdische Volk kann Fragen von höchster Bedeutung, solange sie als Problem akademisch behandelt werden, höchstens Sympathien entgegenbringen. Es wird sich aber erst, angesichts der wirklichen Tatsache der erfolgversprechenden, sofortigen Inangriffnahme einer starken Kolonisation in Syrien — ohne Charter — das goldene, jüdische Herz voll und ganz entfalten. An die Flüsse Babylons lockt die jüdische Jugend eine nie wiederkehrende Arbeitsgelegenheit. Der Bau der Bagdadbahn, Wald, Wasser und Wiesen ermöglichen unter den denkbar bescheidensten Kosten eine gedeihliche Ansiedlung. Genug der Suche nach fremden Ländern. Die unheilschweren Ereignisse in Rußland drängen zur Tat. Das jüdische Volk wartet auf Erlösung aus dieser namenlosen Pein. Beherzigen wir daher das bekannte: „Wozu in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah." Hermann Kohn. Die „Uerftrbnng" Ungarns. Nachdem die Antisemiten das große Deutsche Reich mit seinen mehr als 60 Millionen Einwohnern wegen der halben Million Juden unter ihnen für verjudet erklärt haben, nachdem selbst Frankreich, das damals wohl kaum 100.000 Juden zählte, von Ehren-Drumont als durch und durch verjudet bezeichnet worden ist, darf man sich kaum wundern, daß jetzt von den Antisemiten Ungarn mit seiner Million Juden, die alle politischen und bürgerlichen Rechte genießen, als von den Juden unterjocht, bejammert wird. Antisemitischer Statistik ist zwar nicht zu trauen. Aber lassen wir sie einmal gelten. Da klagt ein angeblich den Pester Universitätskreisen angehörender Antisemit in dem „Westungarischen Grenzboten", daß das Schülermaterial der höheren Anstalten zu 80°/0 jüdisch sei. „In die Realschulen." klagt er weiter, „die höheren Handelsschulen drängen sich fast ausschließlich Juden. Die Handelslehrknrse für Frauen und die höheren Mädchenschulen — alles verjudet. Nicht genug, daß jeder Jude eine höhere Bildung anstrebt als sein christlicher Konkurrent, jetzt marschieren sie in Doppelreihen an, jetzt schürfen auch die jüdischen Frauen und Mädchen ihre geistigen Waffen für den Kampf wider uns." Für einen Universitätslehrer ist dieses Jammern über den Bildungsdrang eigentlich sehr befremdlich. Er müßte von Rechtswegen diesen Eifer loben, die Juden als Muster hinstellen und alle anderen anspornen, ihnen nachzuahmen. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß es sich um einen Antisemiten handelt, und bei einem solchen darf man sich über keinen Bocksprung wundern. Doch hören wir seine Klagen weiter. Es besuchten nach dem Universitätsalmanach die Ofen-Pester Hochschule im Jahre 1905/6 2744 katholische Studenten, 2266 jüdische und etwa 1000 evangelische. ..Wenn, schließt er daraus, eine einzige, sich fortwährend vermehrende Million genau so viel Bildungsmenschen produziert als die anderen 18 Millionen, dann muß das Mißverhältnis schließlich ein so ungeheuerliches werden, daß aller Besitz, alle Erwerbsquellen und auch alle geistige und politische Macht schließlich an die Nachkommen dieser einen Million fallen müssen." „Genau so viele Bildungsmenschen," ist das nur nach antisemitischer Rechnung, denn 3744 christliche Studenten sind ganz und gar nicht „genau so viel" wie 2266 jüdische. Aber wir geben dasselbe zu von der weiteren Klage, die da lautet: „Unsere 18 Millionen Christen haben nur 1661 Juristen an der Univelffität, die eine Million Juden hat 1369! Wir achtzehn Millionen Christen haben nur 299 Studenten, die sich der Medizin widmen, die eine Million Juden hat 566 medizinische Studenten!" Aber indem wir das zugeben, brauchen wir noch nicht übereinzustimmen mit den Folgerungen, daß ..die Rechtsgeschäfte der Nachkommen ausschließlich von Juden werden gemacht werden und für ihre Gesundheit ausschließlich Israel sorgen werde". Das ist stark Milchmädchenrechnung. Es kommt nämlich immer anders und ganz naturgemäß anders. In Ungarn so wenig, wie in anderen Ländern werden die Leute sich Aerzte und Rechtsanwälte aussuchen, weil sie Juden sind. Man nimmt diese, weil sie ihnen als tüchtig erscheinen. Und so lange sie das sind, ist es ein Glück für das Volk, daß sie solche Leute haben, an die sie sich wenden können. Bei den Juden ist die Wertschätzung des Lebens, der Gesundheit viel älter als bei den meisten andern. Aber man lernt in allen Kulturvölkern rapide den Wert des Lebens und der Gesundheit sehr schätzen, und deshalb werden die christlichen Aerzte, die in wissensch aftli cher Hinsich t ohnehin den jüdischen nicht nach stehen, später ebenso g e s u ch t') e i n w i e die jüdischen Kollegen. Den jüdischen Juristen kommt noch zu statten, daß sie fast ausschließlich aus einer geschäftskundigen Umgebung stammen und darum für die meisten Zivilprozesse und sonstige geschäftliche Angelegenheiten sich vorläufig besser eignen. So lange das der Fall ist, wäre es eine Torheit auf Seiten des Volkes, sich der geschäftskundigen Juristen nicht zu bedienen, und eine Schlechtigkeit, wollte man das Volk, durch diese oder jene antisemitische Maßregel, wie z. B. die von dem Gewährsmanne des „Westungarischen Grenzboten" vorgeschlagene Einschränkung der jüdischen Schüler- und Studentenzahl daran verhindern. Solche Befürchtungen, wie sie die Antisemiten hegen bezw. zu hegen vorgeben, sind um so törichter, als man ja bereits aus verschiedenen anderen Gebiten Gelegenheit gehabt hat, zu sehen, wie sich mit der Zeit die Dinge ganz von selbst ausgleichen. Die Juden sind lange nicht mehr wie früher die fast ausschließlichen oder doch hauptsächlichen Besorger der Bankgeschäfte, der Börsengeschäfte, des Großhandels, des Kleinhandels und selbst der Hausiergeschäfte. Wie schnell sich dergleichen ausgleicht, das kann man in der Provinz Posen sehen, wo vor drei bis vier Jahrzehnten es in den größeren wie in den kleineren Städten fast nur jüdische und fast gar keine polnische Geschäfte gab. und wo jetzt die Zahl der polnischen Geschäfte eine für das Deutschtum in jener Provinz geradezu beängstigend große geworden ist. Maßregeln, wie sie die Antisemiten vorzuschlagen lieben, sind nicht nur ungerecht und gehässig, sondern auch dumm. Durch eine Einschränkung der jüdischen Schüler- und Studentenzahl würde nur der magyarische Wetteifer gedämpft, das Bildungsniveau und die Leistungsfähigkeit Ungarns herabgedrückt werden. Das Volk soll, um nur keine jüdischen Aerzte zu nehmen, lieber hinsiechen und sterben. Das ist antisemitische Weisheit, das ist antisemitische Volksliebe. Das ist unseres Erachtens an Blindheit grenzende Kurzsichtigkeit, an Idiotismus grenzende Dummheit. Uabbmer Philipp Lederer. Mit Philipp Lederer ist ein großer Mann in den ersten Tagen des Hüttenfestes begraben worden. Bescheiden wie ein wahrhaft Großer, lebte er nur der jüdischen Lehre. „Uwohem nehege jomom wolojlo". Tag und Nacht in Gottes Wmt forschen, es verbreiten und fördern durch gutes Beispiel, das war dieses Gerechten Grundsatz. Eiftig forschte er in der bouaara, den Rischonim und Acharonim, und darin sah er seines Geistes Labung. Wo immer er wirkte, zeichnete er sich durch jene wahre, tiefe Frömmigkeit aus, die den Menschen verklärt und des Lebens Prüfungen und Leiden ertragen läßt. Lederer war literarisch hervorragend tätig und schrieb u. a. eine Uebersetzung des Schulchan-Aruch, ein durch Genauigkeit und Klarheit ausgezeichnetes Buch, das neben dem hebräischen einen wortgetreuen, dabei klaren deutschen Text zeigt und dem Laien das Verständnis der wichtigsten Bestimmungen des täglichen religiösen Lebens vermitteln soll, Nebst diesem

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