Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 41 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4. Die Wahrheu Nr. 44. Bei diesem nicht vereinzelt dastehenden Streben, die Juden abzusperren, kann man sich den Horror vorstellen, der gewisse Kreise erfaßte, als während der letzten Kaisertage in Breslau j Prinz Eitel Friedrich' mit seiner Gemahlin bei einem j Juden, dem Fabriksbesitzer Sternberg, Wohnung nahm und die „Deutsche Hochwacht" machte ihrem bekümmerten Herzen damals! mit dem allerdings nicht geschmackvollen Witze Luft, daß nicht gemeldet wurde, ob die fürstlichen Gäste dort auch (koscher) beköstigt wurden. Diese Affaire erinnert an eine Geschichte, die man von Friedrich Wilhelm IV. erzählt. Als derselbe im Jahre 1840 aus seiner Reise nach Königsberg i. P. durch Landsberg kam, dessen erster Gasthansbesitzer jüdischen Glaubens war, äußerte ein Mitglied des Magistrats dem Monarchen gegenüber, daß man Anordnung getroffen habe, Sr. Majestät eine andere Wohnung einzuräumen; aber der König entgegnete: „Es ist mein Wille, da zu wohnen, wo auch mein seliger Vater gewohnt hat. Ich denke zwar nicht daran, den jüdischen Gasthosbesitzer zum Christen zu machen, fürchte aber auch nicht, von ihm zum Juden gemacht zu werden!" * * * Die Sensation der politischen Ereignisse in Frankreich bildet die Tatsache, daß eine der Hauptpersonen im Prozesse Drey fuß. an die Spitze der Militärverwaltung berufen wurde. General Picq nart, der damals noch Oberst, nicht gerade aus Philosemitismus, sondern aus reinem Patriotismus mit so vielem Mute und unter Gefährdung seines Lebens und seiner militärischen Position für die Unschuld Dreyfus' eintrat, ist, nachdem er erst vor wenigen Monaten vom Parlamente rehabilitiert wurde, im Kabiuet Clemenceau zum Kriegsminister ernannt worden. Eine solche Wandlung in so kurzer Zeit ist nur In Frankreich möglich, wo trotz vorübergehender Rückschläge, Wahrheit und Gerechtigkeit immer zu endlichem Durchbruche gelangen. * Wo das Volk getreten und mißhandelt wird, sind die Juden zu allen Zeiten zweifach die bedauernswerten Opfer der Unterdrückung. Die alte böswillige Maxime, man könne der Unzufriedenheit des Volkes ein Ventil öffnen, indem man ihm gestattet, seine glühende Erbitterung an noch unglücklicheren, noch wehrloseren Elementen zu kühlen, feiert in Rußland besondere Triumphe, wo jetzt wieder die reaktionäre Partei das Heft in Händen hat. Mit welch' geradezu verbrecherischen Lügen auf dieser Seite gekämpft wird, beweist das folgende Schreiben, das vor kurzem nach der Mitteilung der „Rußkoje Snamja" von einer Abteilung des „Verbandes des russischen Volkes" an den Zaren gerichtet wurde: „Herr und Kaiser! Schwer wird das russische Volk von einigen deiner Minister, die Beschützer der Juden sind, beleidigt; der Unterrichtsminister hat aus Kosten der Russen die Türen der Lehranstalten weit für die Juden geöffnet; dasselbe hat der Kriegsminister in bezug auf die Militärmedizinische Akademie getan. Verbiete es, Herr und Kaiser, daß die russischen Lehranstalten von Juden gefüllt werden; dieses Volk verdirbt unrettbar unsere Jugend, da die Juden in der Jugend alles Russische ertönten und die Verwandlung des russischen Kaiserreiches in einen jüdischen Staat mit einem jüdischen Zaren aus dem Geschlecht Dans an der Spitze vorbereiten." Unterzeichnet ist das Schriftstück von dem Präsidenten der Jaroslawschen Abteilung des Verbandes des russischen Volkes, Kazaurow. Mit solch' infamen Lügen hat z. B. auch die Reaktion in Oesterreich die Bewegung des Jahres 1848 als ein Werk der Inden zu stigmatisieren versucht. Vorkämpfer und Märtyrer der Freiheit sind di e Iu de u allerdings überall; aber wenn es gilt, die Früchte der gewonnenen Freiheit zu genießen, sind sie die letzten, sowie sie die ersten sind, denen sie entrissen werden. * * * Der Staatssekretär der Vereinigten Staaten von Nord-! amerika Mr. El hu R o o t, hat auf seiner jüngsten Reise j nach Südamerika eine Abordnung ller argentinischen Zionisten | in Buenos Ayres empfangen, die im eine Willkommadresse > überreichten. Mr. Root antwortete dem Führer der Deputation,! dem Mitgliede des Aktionskomitees, Herrn Aron Vecht, folgendes: „Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre freundliche Begrüßung und schätze mich glücklich, Zeuge zu sein der warmen Gefühle, die das jüdische Volk gegenüber den Vereinigten Staaten hegt. Das amerikanische Volk wird Immer mit Freuden bereit sein, dem jüdischen Volke überall in der Welt zu helfen.. Ich. bin aber überzeugt, daß die letzte Hilfe immer nur von der jüdischen Nation selbst Herkommen kann, wenn es ihr gelingen wird, ihre alte Heimat in Palästina wieder zu erlangen. Gin Mort an die Zionisten nnd Znngwillisten. Armes, jüdisches Volk! Groß in der Vergangenheit, aber klein, sehr klein, in der Gegenwart. Wo sind die Nachkommen derer, die ihre Großtaten in der Geschichte des Altertums mit goldenen Lettern verewigt haben? Wo sind die Nachkommen der unvergleichlich dastehenden Heroen? In kleine Parteien, in Grüppchen zersplittert, die im N i ch t s t u n wetteifern. Im Nichtstun, — denn alle Beratungen sind zwecklos. Es wird mit allem Eifer und Scharfsinn das Geistreichste gesprochen nnd geschrieben, aber ohne irgend welche Spur eines positiven Erfolges zu hinterlassen. Die Stimmung machenden und Hoffnung erweckenden Reden verhallen, zerrinnen in ein nichts. Das eigentliche jüdische Volk, welches hüben nnd drüben um sein Leben und seine Existenz zittert, ist zum Spielbäll verschiedener Parteimeinungen geworden. Der Streit um des Sultans Bart .schleudert das jüdische Volk von Ansicht, zu Ansicht, so daß es immer tiefer und tiefer sinkt. Wollen wir denn wirklich bloß ein kritisches Volk darstellen, welches schon zu vermorscht ist, um etwas Positives schaffen zu können? Nein? Das arme, um seine Existenz kämpfende, jüdische Volk wird durch seine leider allzugroße Anzahl Führer mit öden Schönredereien hier, durch Almosen dort geknechtet. So viel Ansichten, ebensoviel Parteien, die ihrerseits ein starkes Kontingent von „Führern" in den Vordergrund stellen. Gegenstand der Beratungen: „Wie kann man der Krankheit des jüdischen Volkes beikommen?" Ein durch Intelligenz, bäuchliche Fülle und soziale Stellung sich auszeichnende Partei bekundet einen wahren Heldenmut, angesichts des antisemitischen Druckes zur Flucht aus dem Judentum anzuraten. An diesen Dekorationsjuden mit ihren gefüllten Knopslöchen und mit ihren zahllosen Ehrenstellen bewährt sich das Sprichwort: „Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand." Eine andere Partei kommt nach jedem Pogrom mildtätig zum Vorschein. Diesen Rachmonesjuden, die gedanken- und planlos, ohne zu rechnen, Geld hergeben, ist der biblische Unterricht aus ihrem Gedächtnis entschwunden. Sonst müßte ihnen die Geschichte mit den sieben mageren und sieben fetten Kühen kein Märchen, sondern Wirklichkeit sein. Die einzig radikale Partei, die sich die Heimstättengründung zur Aufgabe macht, ist leider durch die beiden vorgenannten unterdrückt und durch eine innere Meinungsverschiedenheit lahmgelegt. Sie beschränkt sich darauf, gegen die Finanzmänner, welche der russischen Regierung zur Erhaltung der Judenmörder Millionen hergeben, mit allem Recht zu protestieren und an den Rachmonesjuden unsanft Kritik zu üben. Soll etwa durch dieses Protestieren oder Kritisieren den wiederkehrenden, mordenden und sengenden Kreuzzügen gesteuert werden? Oder ist es jetzt an der Zeit, bequem im Samtpolster auf der Landkarte nach irgend einem freien Lande herumznsuchen? Vor den Mauern Jeruscholaims tobt der heftige Angriff und drinnen streiten die Weisen und Gelehrten um ein i-Tüpfelchen. Sechs