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Die Wahrheit · 1906-10-26 · Heft 41 (26.10.1906) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 41 (26.10.1906)
Date
1906-10-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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akrcheit Nedaktion u. Aduiinisti alio»: Wien, II/. Novaragasse 27. AbonneuieiilSu. Jnsertioiiöbeträge sind in Wie» znhlbar und klagbar. Inserate Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Telephon Nr. der Druckerei 15302. »abhängige Heitschrifl für jüöische HttfereJjfetL Erscheint jeden Arei 1 ng. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ | Verugspyris: Ganzjährig ... ft. I Halbjährig . ft. 6i Für Cuitusbeanlte: 'Ganzjährig . . ft. 1» Für Ausland: Äanzjährig . . . ü Mark ü Rubel oder lü Fcs Ar. 41. Wien, 26. Oktober «966. Inhalt: Aus der Woche. — Ein Wort an die Zionisten und Zangwillisten. — Die „Berjudung" Ungarns. — Rabbiner Philipp Lederer. — Ahlem. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der russisch-türkische Krieg >1877). — Zur Organisationsfrage. Ans der Woche. Der 24. Oktober, der Geburtstag Dr. Luegers, wird alljährlich von seiner Partei festlich begangen, und so wußten auch inden letzten Tagen die Blätter über die mannigfachen Ovationen zu berichten, die dem Bürgermeister, der gegenwärtig ans Krankenlager gefesselt ist, dargebracht wurden. Bekanntlich erwarten die Christlichsozialen von der Wahlreform eine große Stärkung ihrer politischen Macht, und dieser Hoffnung wurde auch in der Gratulation des Stadtrates Ausdruck verliehen, die mit dem Wunsche der baldigen Genesung in die Apostrophe ausklang: ..dann wartet Deiner jener Tag der Freude, da Du, ein Triumphator, an der Spitze einer großen Reichspartei stehend, dem neuen V o l k s p a r l a m e n t e seine Geleise legen wirst." Inwieweit'die Hoffnungen der Christlichsozialen sich verwirklichen werden, das wird die Zukunft lehren, aber immerhin haben sie vollen Grund, den Bürgermeister mit Ueberschwang zu feiern. Ihm haben sie es zu danken, daß sie, die vor zwei Jahrzehnten eine von allgemeiner Verachtung gezüchtigte, einstußlose und kleine Fraktion bildeten, heute in Wien die ungeschmälerte Herrschaft ansüben. Dem Dr. Lueger haben die Christlichsozialen es zu danken, daß der Name „Antisemit" nicht mehr als eine blutige Beschimpfung angesehen wird, für die — wie wohl noch erinnerlich — vor 20 Jahren häufig noch gerichtliche Sühne gefordert wurde, und vielleicht nennt sich heute mancher selbst stolz „Antisemit", der einst wegen dieser Titulatur als Kläger erschienen war. Trotz dieser unleugbaren Verdienste Dr. Luegers um den Antisemitismus, haben auch die Juden Grund und Anlaß, dem Bürgermeister, Gefühle der Dankbarkeit entgegenzubringen. Was immer er auch ihnen Böses zugefügt hat, sie müssen doch, im Sinne der jüdischen Lehre auch dessen gedenken, was er für sie Gutes-getan. Nie und nimmer dürfen die Juden vergessen, daß Dr. Lueger einst das ewig wahre und unsterbliche Wort gesprochen hat: „Nur ein Schuft oder ein Esel kann ein Antisemit sein!" Da wir nun als Juden Dankbarkeit zu üben verpstichtet sind, wollen wir daftir Sorge tragen, daß gerade anläßlich der jeweiligen Geburtstagsfeiern und anderer Luegerfeste dieses treffenden, wahren und niemals abzuleugnenden Lueger-Wortes gedacht werde. Die Vorbereitungen für die anfangs Dezember dieses j Jahres stattfindenden Neu- und Ersatzwahlen in den Wiener j Kultusvorstand sind in vollem Zuge, und in diversen Wahll konventikeln werden Herz und Nieren und auch die Schwere! des Geldsackes der einzelnen Kandidaten geprüft, die sich um! ein Vorstehermandat bewerben. An Bewerbern ist allerdings! kein Mangel, aber soweit die Namen der neuen Kandidaten bis i jetzt bekannt wurden, befindet sich unter denselben keine einzige! hervorragende Persönlichkeit mit ausgeprägter Individualität, j und trotzdem fast ein Drittheil oer Mandate zur Wahl gelangt,! wird an der bisherigen Zusammensetzung des Vorstandes im! Wesentlichen wenig geändert werden. . Der Fall Köpenick machte in Deutschland nicht nur des-; wegen berechtigtes Aufsehen, weil knapp unter den Toren Berlins , ein solcher Schwindel gelingen konnte, sondern weil man auch dadurch allgemein zum Bewußtsein kam, zu welchen Absurditäten : das enorme Uebergewicht, das besonders in Preußen, der Milij tär gegenüber dem Zivilisten besitzt, führen kann. Ein! ähnliches soziales Mißverhältnis besteht zwischen Behörden und! Bürgern, besonders wenn letztere jüdischen Glaubens sind und! so wird z. B. aus jüngster Zeit ein geradezu unglaublich klin- ' gender Akt behördlicher Bevormundung gemeldet, der sich in! Reichelsheim (Odenwald) zutrug. j Die dortigen Israeliten wollten einen Ball abhalten. Der i Bürgermeister erteilte die hiefür nachgesuchte Genehmigung, aber j mit dem Hinzufügen: „Nur für Juden." Eine wegen der ' Einschränkung beim Kreisamt Erbach erhobene Vorstellung! hatte keinen Erfolg. Als Abend der Ball beginnen sollte,! erschien die Gendarmerie, die Andersgläubigen den Eintritt verwehrte. Der Wunsch der Juden, i isoliert zu bleiben, bestand durchaus nicht; es waren sogar; schriftliche Einladungen an eine Reihe christlicher Mitbürger er- ■ gangen. In früheren Jahren kannte man hier derartige Eiu-; schränkungen nicht. Mit Recht fragt die „Frankf.-Ztg.", aus! welche gesetzliche Bestimmungen sich das behördliche Vorgehen j gründet, da das Gesetz keine Vorschrift des Inhalts enthält,! daß gesellige Veranstaltungen in konfessionellem Rahmen stattzufinden haben? Selbstverständlich wird bei dem grundsätzlichen Charakter der Angelegenheit das Erforderliche zu geschehen haben und geschehen, um das Vorgehen des Ortsgewaltigen und dessen Billigung durch die zunächst zuständige Behörde der Nachprüfung höherer Instanzen zu unterbreiten.

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