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Die Wahrheit · 1906-10-19 · Heft 40 (19.10.1906) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 40 (19.10.1906)
Date
1906-10-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 40. Die Wahrheit Leite 7. der Gouvernements Bessarabien, Wilna, Witebsk, Wolhynien, Grodno, Kiew, Jekaterinoslaw, Kowno, Minsk, Mohilew, Podolien, Taurien', Tschernigow, Cherson und des Königreiches Polen ungehindert zu wohnen. 2. Diejenigen russischen Juden, die schon jetzt auf Grund der bestehenden Bestimmungen berechtigt sind, überall dauernd oder zeitweilig zu wohnen und längeren oder kürzeren Aufenthalt zu nehmen, dürfen von nun an in ganz Rußland, Sibirien und den Grenzgebieten wohnen. 3. Jüdischen Handwerkern ist der Wohnsitz in ganz Rußland gestattet. 4. Familienmitglieder und minderjährige Anverwandte genießen dieselben Rechte wie die Familienoberhäupter. 6. Den russischen Juden werden in denjenigen Orten, wo sie dauernd oder vorübergehend wohnen dürfen, folgende Zugeständnisse gewährt: a) In zivilrechtlicher Beziehung: Gleichberechtigung mit anderen Staatsangehörigen, a usgenommen Erwerbung oder Pachtung der den Bauern zugeteilten oder von diesen durch die Agrarbank erworbenen Ländereien; d) in handelsrechtlicher Beziehung: ebenfalls G l e t ch b e r e ch t i g u n g, ausgenommen Verkauf und Herstellung von Heiligenbildern, Kreuzen und sonstigen, von den orthodoxen Christen verehrten Gegenständen; c) den zuständigen Ministern bleibt es überlassen, die bisherigen Einschränkungen für die Juden bezüglich der Teilnahme an der Verwaltung einheimischer und ausländischer Aktiengesellschaften entsprechend aufzuheben und den Juden den Erwerb oder Nießbrauch von unbeweglichem Vermögen in Rußland zu gestatten. „Der Dornbusch." Unmaßgebliche Richtigstellung des „Irrlichtes". Von Dan S. Albachary. In Ihrer letzten Nummer 39 der „Wahrheit" führen Sie unter anderem ein Vorkommnis aus dem praktischen Leben an: Ein achtzehnjähriges Mädchen behauptete: „Das Mosesbuch enthalte-lauter Märchen und Fabeln", und als eklatantes Beispiel weist es auf den Dornbusch hin, der da brannte, aber nicht verbrannte. Darauf erlaube ich mir Folgendes zu erwidern: Voriges Jahr hatte ich in der Wiener ..Urania" Gelegenheit, durch das Skioptikon tatsächlich einen der Natur entnommenen brennenden oder vielmehr an allen Ecken und Enden aufleuchtenden Baum zu sehen. Wie ein flammender Dornbusch loderte er herrlich und majestätisch auf und brannte mitunter ruhig weiter, ohne aber zu verbrennen oder sich zu verzehren. Das Publikum ergötzte sich an diesem schönen Anblicke und der Vortragende, ein berühmter Botaniker, erklärte sich diese Naturerscheinung, die selten vorkommt, aus folgende Weise: Manchmal sei die Luft im Freien so sehr mit Elektrizität geschwängert, daß sie sich auch den Pflanzen und Sträuchern mitteilt, und so kommt es vor, daß diese im Finstern zu leuchten beginnen, mehr oder weniger, je nach der Fülle und Intensität der daselbst vorhandenen Elektrizität und es kann förmlich ein Baum lichterloh in all seinen Aesten und Zweigen dastehen, ohne aber zu verbrennen. Eine sehr seltene Erscheinung, die aber auch heute vorkommt (siehe Kinematograph, ausgenommen in einem Garten). Als Moses in Gedanken an die Befreiung seines Volkes vertieft, einmal in dunkler Nacht so grübelnd durch die Wüste schritt, da hielt er plötzlich betroffen inne: .... Am Abhange des Horeb, in einiger Entfernung, erblickte er einen Dornbusch, der, obwohl er brannte, dennoch nicht verbrannte. Moses wagte es erst nicht, näherzutreten; eine scheue Angst hielt ihn gebannt an seinem Platze; denn im Augenblicke mußte er nicht, daß dieses Phänomen nichts anderes war, als das Leuchten der in der Luft aufgespeicherten Elektrizität, welche sich diesem Strauch mitgeteilt hat. Und während Moses diese sonderbare Erscheinung überrascht anstaunte, kamen ihm wieder die Leiden seiner gemarterten Brüder und der Gedanke an deren Erlösung in den Sinn; er verglich sein Volk mit diesem brennenden Dornbusch, und schöpfte daraus neue Hoffnungen und frischen Mut. Dieses Mysterium regte ihn an und wies ihm den Weg, den er einzuschlagen hatte. Er faßte diese Erscheinung als eine Mahnung aus und nahm sie zum Ausgangspunkte einer heroischen Tat, die schon beim Erschlagen des Egypters in Mizraim bei ihm im Herzen eingeschrieben stand. Nicht jedem Helden ist es gegönnt, seine Gedanken zur Ausführung zu bringen. Die Gottheit wohnt in uns allen als Wille zur guten Tat. Diese Schaffensfreudigkeit nicht erschlaffen zu lassen, ist aber das Vermächtnis einzelner Personen, die zu edlen Taten gleichsam von Gott auserkoren sind. Hindernisse stellen sich zuweilen ein, und so manchem Helden ist es für eine Zeitlang versagt, seinem guten Trieb zu folgen. Durch besondere Zufälle werden sie daran wieder erinnert. Auch in Moses leuchtete der Gedanke und die Liebe zu seinem verlassenen Volke wieder auf. Voll Sehnsucht zog es ihn hin zu seinen Brüdern, von welchen er solange ferne bleiben mußte und die Gottheit in seinem Gewissen sprach: Zieh ruhig hin nach Egypten, Deine Feinde sind tot. es wird Dir nichts geschehen. Du kannst das Befreiungswerk beginnen. Fasse Mut, es wird schon gehn. Gott ist mit Dir. Verschiedene Uachrichteu. Wien. Freitag, den 19. Oktober 1906, Predigt im Stadttempel und im Tempel XV., Turnergaffe 22. Wien. Sonntag, den 14. d. M., ist Herr Adolf S t i a ß n y, das älteste Mitglied des Bethausvorstandes der Wiener Kultnsgemeinde, im 82. Lebensjahre gestorben. Brs vor kurzer Zeit erfreute er sicb einer geradezu bewunderungswürdigen geistigen und körperlichen Frische, und man mußte staunen, mit welcher fast jugendlichen Elastizität er trotz seines Alters noch immer sein Ehrenamt als Bethausvorsteher ausübte, das er mehr als 40 Jahre mit seltenem Eifer verwaltete. Adolf Stiaßny war der Typus eines Biedermannes aus der guten alten Zeit. Seme Kindheit fiel in die Zeit des Werdens der heutigen Wiener Kultusgeineinde, und der Beginn seiner Wirksamkeit im Bethausvorstande ist zugleich der Beginn jener Epoche, in welcher unter stetiger und gewaltiger Zunahme der Wiener Bevölkerung Wien zur Großstadt und die Wiener Kultusgeineinde zur Großgemeinde wurde. So war er, mit seinen persönlichen Erinnerungen in die Zeit der Altvorderen zurückreichend, in die moderne Zeit und die modernen Verhältnisse hineingewachsen, und er wußte sich durch seine liebenswürdige Persönlichkeit, die den Typus jüdischen Biedersinnes mit der alten Wiener Gemütlichkeit vereinte, jederzeit nur Freunde zu erwerben. Ein Genuß war es, ihm zuzuhören, wenn er ans jenen Zeiten erzählte, als die glanzvollen Namen der alten jüdischen Patrizierfamilien noch mit Herz und Hand an der Verwaltung der Wiener Kultusgemeinde teilnahmen, und Wehmut beschlich den Zuhörer, wenn er bedachte, wohin so viele Epigonen jener glaubensstarken Männer geraten sind. Nun ist auch er, als der letzte im Bethausvorstande aus der alten Zeit, dahingeganqen. Er ruhe in Frieden! Die Sympathien, deren Adolf Stiaßny in weiteren Kreisen der Wiener Gesellschaft sich erfreute, kamen in der starken Beteiligung an seinem Leichenbegängnisse zum Ausdrucke. Unter den Trauergästen hatten sich eingefunden: Der Präsident der Kultnsgemeinde Dr. Alfred Stern und der I. Vize-Präsident Dr. Gustav K o h n mit den Kultusvorstehern David Ritter v. G u t m a n n, Baurat Stiaßny, Emil Horner, Baurat M a r m o r e k und dem Sekretär kaiserlichen Rat Dr. Lieben, der Präsident der Chewra Kndischa Salo Cohn, bie Bethausvorsteher Kann, Schrame k, W a ff e r v o g e l, W i n t e r b e r g, I a i t e l e s, kais. Rat Wilhelm, die Regierungsräte Dr. P i s l i n g und Bankdirektor Wiesmayer, Professor Dr. Josef Bayer, Baumeister Z i f f e r e r, die kaiserlichen Räte L i ch t e n st a d t, Fröhlich und Kühn berge r. der persische Generalkonsul H a r t w i ch, Kustos Dr. Frankfurter, die Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Theodor Baumgarten. Dr. Julius Loew und Dr. Eduard Neumann. Direktor Ludwig Horch, Börsenrat S t e i n h ü b l :c. In der Zeremonienhalle des Zentralfriedhofes würdigten, nachdem Oberkantor Singer mit tiefer: Ergriffenheit das Hazur Tomim rezitiert hatte, Oberrabbiner Dr. Güdemann und Vizepräsident Dr. Gustav K o h n in warmempfundenen Nachrufen die Charaktereigenschaften des Verstorbenen, seinen Gemeinsinn und die Verdienste, die er als langjähriges Vorstandsmitglied sich um die hiesige Kultusgemeinde erworben hat. Hierauf wurden unter den üblichen Trauerklängen die irdischen Reste dieses selten braven Mannes zur ewigen Ruhe bestattet. .T—“2Wn Wien. Ein peinlicher Vorfall, der sich am Simchath-Thora-Abend im Stadttempel ereignete, wurde im Publikum höchst abfällig für den Bethansvorstand besprochen. Es ist seit jeher Gepflogenheit, daß der Kantor, der das Thoravorlesen am Simchath-Thora versieht, zu den „Hakofoth" am Festtage selbst und am Abend vorher beim Ansheben der Thorarollen assistiert. Demgemäß stieg 1. Kantor Schiller nach Oeffnen der Bundeslade zum Oraun Hakadisch hinauf, mußte aber zum Staunen des Publikums, über Auftrag des Bethausvorstandes W i n t e r b e r g, wieder von dort zurückrreten. Die Frage nach Recht und Beweggrund dieser Verfügung wollen wir ganz unerörtert lassen, aber jedenfalls erscheint es uns höchst unpassend, daß der betreffende Herr Vorsteher die Rücksicht auf den heiligen Ort und die ebenso gebotene Rücksicht auf den langjährigen gottesdienstlichen Funktionär vollkommen bei Seite ließ und dem letzteren vor der versammelten Gemeinde eine offenbare Kränkung zufügte. Das mag sich der Gemeindegewaltige in Bumeisl leisten, aber in der Wiener Kultus-

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