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Die Wahrheit · 1906-10-19 · Heft 40 (19.10.1906) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 40 (19.10.1906)
Date
1906-10-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 40. der köng. ung. Landes-Rabbinerschule, Präsident des Budapester Hilfswerkes für die russischen Juden u. A. m. Dr. Wilhelm Grauer, der Benjamin des Gemeindevorstandes, ist erst 40 Jahre alt und doch schon ein vollgereifter, an Wissen und Verdiensten überreicher Mann. Er war schon vor 11 Jahren Repräsentant der Pester Großgemeinde, kam bald darauf in den Ausschuß, ward Schulstuhlpräsident und Vorsteher des großen Tempels in der Tabakgasse. In selten raschem Aufstieg hat er nun die höchste Staffel der Ehrenleiter erklommen und ist Vorsteher der Unterrichtssektion geworden. Dr. Grauer hat fabelhast schnell Carriöre gemacht und hat alles was er erreichte, aus eigener Kraft und ohne Protektion erreicht. Er ist ein frommgläubiger Jude, ein brillanter Redner, der berufen ist der Sprechminister des Vorstandes zu werden; t ist eilt großer Wohltäter, übt werktätige Menschenliebe, wird den Religionsunterricht im jüdischen Geiste heben und beleben, ist für die Erbauung eines jüdischen Gymnasiums eifrig tätig, und wird auch das Ansehen seiner Sektion heben. Er ist Großindustrieller und hauptstädtischer Repräsentant und kann sagen, daß es bei der Pester isr. Religionsgemeinde noch nie einen so jungen Vorsteher gegeben! ... 8. Die Jude»» und die rnßstsche Revolution. Die antisemitische Presse aller Länder behauptet, daß die Juden die Hauptträger der Revolution sind. Die Sprache der statistischen Zahlen straft diese Behauptung indessen Lügen. Von den Angeklagten der 369 politischen Prozesse, welche im Jahre 1905 in Petersburg verhandelt wurden, gehörten 62%% dem Bauern-, 27%°/0 dem Mittelstand, der Rest anderen Berufskreisen an. Der Mittelstand, der in Rußland kaum 120/0 der Gesamtbevölkerung ausmacht, hat also mehr als 27% aller Revolutionäre gestellt. Wie einst in allen anderen Ländern, geht die 'Revolution in Rußland von den Städten aus und wird vorwiegend von dem Mittelstand geleitet. Man müßte demnach erwarten, daß die Juden, die ja von der Regierung seit 25 Jahren gewaltsam in den Städten zusammengepfercht werden, ein unverhältnismäßig starkes Kontingent — sagen wir 10% — aller Revolutionäre gestellt haben. In Wirklichkeit verhält sich die Sache ganz anders. Während der zehn Monate vom 23. November 1905 bis 28. August 1906 sind in Rußland nicht weniger als 12.694 politische Verbrecher meist nach Ostsibirien verbannt worden. Unter ihnen befanden sich nur 972, d. h. kaum 7'65% Juden. So sieht die antisemitische Fabel von der überwiegenden Anteilnahme der russischen Juden an der Revolution in statistischer Beleuchtung aus. Man muß dabei ferner noch berücksichtigen, daß eine große Anzahl jener jüdischen „Revolutionäre " tatsächlich mit der Revolution nicht das geringste zu schaffen hatten, sondern von erpresserischen Beamten, deren Habgier sie nicht befriedigen konnten, dessen bezichtigt wurden oder dafür büßen müssen, daß sie während der Pogrome ihren bedrohten Glaubensgenossen beistanden. „Zum Verständnis der jüdischen Frage in Rußland" schreibt der Petersburger Mitarbeiter der nationalliberalen „Königsb. Allg. Ztg.": „Wenn das .Endziel, das die Gesetzgeber im Auge hatten, nämlich die Beschränkung des jüdischen Einflusses, keineswegs erreicht worden ist, ja überhaupt gar nicht zu erreichen war, so haben diese Ausnahmegesetze zu einem Resultat geführt, das für die Regierung und das ganze Land geradezu verhängnisvoll ist. Ich meine hier die allgemeine, bis ans äußerste grenzende Erbitterung der j ü d i s ch e n B e v ö l k e r u n g. Wer niemals Gelegenheit hatte, die Städtchen und Marktflecken des Ansiedlungsgebietes zu besuchen, der hat keinen Begriff von dem grenzenlosen Elend, der bettelarmen Existenz der jüdischen Bevölkerung. Doch lassen wir Zahlen reden. Nach den statistischen Angaben des Jahres 1898 (Materialien zu der ökonomischen Lage der Juden in Rußland, Band II, Seite 226) lebten 18*8% der jüdischen Bevölkerung des Ansiedlungsgebietes auf Kosten der öffentlichen Wohltätigkeit. Um dieses Verhältnis mit westeuropäischen Zuständen zu vergleichen, finde ich. folgende Daten für Westeuropa, wo der Prozentsatz der auf Gemeindekosten verpstegten Armen beträgt in Frankreich 4*7%, in Deutschland 3-4o/o, in Großbritannien 2-9%, in den Vereinigten Staaten O-I40/0. In der Stadt Wilna steigt dieser Satz bis zu der ungeheuerlichen Norm von 37-7o/o (Seidenmann, Die rechtliche Stellung der Juden in Rußland, Seite 22). Leute, die unter solchen Umständen ihr Dasein fristen oder die aus solchen Verhältnissen hervorgegangen sind, haben nicht viel zu verlieren, wenn sie den verbittertsten Kampf gegen die bestehenden Zustände führen, und man kann es dann oft begreiflich finden, daß zahlreiche junge Männer in die Reihen der Regierungsfeinde treten. Damit wäre auch indirekt die Frage wenigstens teilweise beantwortet, ob und inwiefern die ganze Bewegung eine jüdische ist. Die Juden streben nach Befreiuung aus ihrer gegenwärtigen Lage, und sie haben wahrhaftig Grund genug, um nach der Gleichberechtigung mit den übrigen Staatsbürgern zu ringen.... Im Interesse des allgemeinen Friedens im Lande wäre es — abgesehen von höheren, humanen Gesichtspunkten — durchaus wünschenswert, daß die Gleichberechtigung der Juden zustande käme. >Es ist auch hier zu bedauern, daß die Regierung, die unter dem leidigen Zeichen des beständigen „zu spät" steht, die Judenfrage nicht früher gelöst hat, als sie noch in der Vollmacht ihrer Autorität stand und von den Antisemiten weniger zu befürchten hatte. Doch auch jetzt ist der Zeitpunkt nicht verloren, denn mit der Abschaffung der jüdischen Ausnahmegesetze würden alle staatserhaltenden Elemente unter den Israeliten der Regierung als Verbüüdete gewonnen werden und eine brennende Frage aus der Welt geschafft sein." In dem gleichen Sinne sprach sich der ehemalige Dumaabgeordnete Graf Tyszkewitsch in dem Kadettenorgan aus-. ./seit Jahrhunderten leben die Juden in Polen, seit Jahrhunderten besteht zwischen ihnen und der örtlichen Bevölkerung der Wirtschaftskampf, in welchem einzelne den Grund des Zwiespalts zwischen Russen und Juden sehen wollen. Dessenungeachtet hat Polen nie Judenhetzen gekannt. Ja, es läßt sich'mich mehr sagen: In Polen gibt es „Polen jüdischen Glaubens", also Inden, die Polen so sehr als ihr Vaterland betrachten, daß sie sich in den Freiheitskämpfer!, ebenso wie die Vertreter der echt polnischen Familien, opferten. Womit läßt sich dieses friedliche Znsammenleben von Polen und Juden erklären? Doch nicht etwa dadurch, daß beide seit 70 Jahren in gleicher Weise geknechtet werden? Allein auch zu den Zeiten, wo Polen noch unabhängig war, kam es zu keinen solchen Vorgängen, daß eine Bevölkerungsklasse gegen die andere gehetzt wurde. Man erhebt in der Bjelostoker Affaire den Vorwurf, daß die jüdischen politischen Organisationen sich verteidigt und zusammengeschlossen hätten, aber tun das nicht auch die christlichen Organisationen in den Ostseeprovinzen oder anderen Teilen des Reiches? Beim Juden erscheint dieses Zusammenschließen seiner rechtlosen Lage wegen als schon eine ungeheure Dreistigkeit, fast als ein Verbrechen. Darin liegt aber auch der Schwerpunkt der Frage. Weil einzelne das selbständige Auftreten der Juden im politischen Kampfe für ein Verbrechen halten, wird zu solchen Mitteln wie Judenhetzen gegriffen. Hiebei gibt es nur einen Ausweg unb. eine Abhilfe: das ist die volle Gleichberechtigung der Juden. Die rechtlose Stellung der Juden ist die Quelle aller Erniedrigung und Schande, sie muß daher aufgehoben werden. Nur die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Inden kann der unleidlichen Lage der Dinge ein Ende machen. Diese Gleichberechtigung fordert ebenso das Volksgewissen wie der öffentliche Nutzen, denn mit der Gleichberechtigung schwindet jenes Ungetüm aus Rußland, welches man die Judenfrage nennt." Man sollte annehmen, daß diese Notwendigkeit auch den beschränktesten Köpfen einleuchten müßte. In Rußland herrschen aber leider, was die elementarste Auffassungsgabe anlangt, in den leitenden Kreisen anormale Zustände. * -ii * Dem Ministerrat ist der nachfolgende Entwurf eines neuen Gesetzes für die russischen Juden zur Begutachtung zngegangen: 1. Alle russischen Juden genießen das Recht, in allen Orten

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