Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 39 (5.10.1906)
- Date
- 1906-10-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063316-3063355--04478-3071323- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 39 Die Wahrheit. Leite ö. sind. Soll daher ein guter gottgefälliger und menschenerfreuender Geist die jüdische Jugend beseelen, so muß sie einen entsprechenden und intensiven, aber auch richtigen und zum Glauben führenden Religionsunterricht erhalten. Die Bibel ist ein Denkmal aus der guten alten Zeit und wurde für alle Zeiten gegeben, hat demnach ihre ungeschwächte Kraft und Gültigkeit auch in unserer modernen Zeit sich bewahrt. Es könnte über unsere Jugend kein schwererer, aber auch verhängnisvollerer Fluch kommen, als ein schlechter oder mangelhafter Religionsunterricht, denn wenn bte Religion nicht gehörig gepstegt wird, kann sie auch nicht zur sittlichen Bildung der Jugend dienen. Deshalb muß der Religionslehrer seine ganze Persönlichkeit einsetzen und mit Kopf und Herz diesen wichtigen Gegenstand kultivieren. Bedauerlich ist nur das Eine: gar oft spricht, lehrt und handelt der Religionslehrer nicht so wie die Kinder es im Elternhaus zu sehen gewohnt sind, und gar oft ist dies auch im entgegengesetzten Sinne der Fall. Die Jugend hängt vertrauensvoll an dem Religionslehrer. Wenn nun dieser nicht so tut, wie er lehrt, so fällt auf die aufkeimende Menschenblüte ein kalter Reif, der dieselbe zerstört; denn da stellt sich das Gift des Zweifels ein, das dann den Glauben vernichtet und der Jugend die Ueberzeugung raubt, die allein nur imstande ist, ihr den Glauben zu erhalten. Ist solches der Fall — und es ist leider nur zu oft der Fall — dann wirft die Jugend den ererbten Väterglauben von sich und wirft sich einem anderen Glauben an den Hals, oder sie wird im günstigsten Falle — konfessionslos! Und das ist höchst beklagenswert, denn mit der Zunahme der Religionslosigkeit nimmt die Menschlichkeit ab, denn religionslos sein, heiß gottlos sein, und wer Gott nicht kennt, achtet und beachtet auch die Menschen nicht. Ein charakterfester Religionslehrer mit weniger unterrichtlicher Begabung kann demnach weit segensreicher wirken, als ein akademisch gebildeter, in der Religion aber eine gewisse Kälte verratender Religionslehrer, das ist unbestritten wahr und auch im praktischen Leven erprobt. Und deshalb ist auch der Religionsunterricht von so eminenter Wichtigkeit, weil er bestimmt und berufen ist, die Jugend für Gott zu erziehen. Er ist am besten dadurch gesichert, wenn er von berufstreuen Lehrern gelehrt wird; sich hiebei täuschen, oder sich täuschen lassen, ist von unberechenbarem Uebel. Von dem jüdischen Religionslehrer muß demnach nebst der gründlichen Kenntnis der mosaischen Religion und seiner Lehrbefähigung noch ganz besonders gefordert werden, daß er ein pflichttreuer und gewissenhafter Lehrer sei, der den Religionsunterricht mit dem nötigen Ernste und der ihm gebührenden Würde zu erteilen imstande ist. Gott hat das mosaische Moralgesetz unverrückbar festgestellt. Wir, und mit uns Hofrat Weiß, so wie jeder mit der Religion es ehrlich meinender Israelit, wollen beim Religionsunterricht keine neuen Experimente, keine neuen Methoden und auch keine neuen Gesichtspunkte. Wir wollen, daß das Gotteswort in seiner Klarheit und Wahrheit gelehrt und daß ganz besonders auf die einziggeartete Moral, sowie die unübertreffliche und unerreichbare Ethik der Moseslehre der Schwerpunkt des Religionsunterrichtes gelegt werde. Das Selbstbewußtsein muß bei der jüdischen.Jugend geweckt werden, damit sich diese mit Stolz als Juden bekennen, als Juden leben und auch als Juden sterben. Daher soll sie und muß sie die mosaische Religion kultivieren, denn wir brauchen religiöse Juden. Das ist in unserer religionslosen, so schrecklich aufgeklärt tuenden Zeit das Allerwichtigste. (Wird fortgesetzt.) 8. der Bundisten forderte, welche Forderung die Rabbinen natürlich nicht erfüllen konnten. Die russische Regierung will also die Bundisten aus dem Felde haben. Es wäre somit entschieden im Interesse des russischen Judentums gelegen, wenn die Bundisten gerade jetzt offiziell den „Bund" für aufgelöst erklärten, mir der offenherzigen Motivierung, daß sie die weitere Verantwortung für ihre unschuldigen Mitbrüder nicht tragen können. Jii ihrem letzten Aufruf sollten sie den Sozialisten die Gründe darlegen, daß sie weiter nicht mittun können, weil sie von ihnen (den Sozialisten) im Augenblicke der Not steis im Stiche gelassen werden, als Partei aber viel zu schwach sind, und was die Hauptsache ist, insbesondere als Juden ihretwegen nicht die gesamte Judenheit leiden lassen können. Diese Antwort dürften die Sozialisten in Rußland als Männer von Charakter wohl beherzigen, wenn man ihnen schon den Vorwurf nicht ersparen kann, daß sie nach jedem Pogrom sich so verbrecherisch gleichgiltig betrugen, anstatt alle erdenklichen Mittel aufzubieten, um diese entsetzlichen Grausamkeiten zu verhüten, zumindest aber zu rächen. Die russische Regierung selbst jedoch, müßte veranlaßt werden, wenn sie schon gegen die Juden auftritt, wenigstens einen Ukas zur Auswanderung der Juden aus Rußland zu erlassen. Spanien ist seinerzeit mit den Juden ..humaner verfahren, indem es einen Termin festsetzte, bis zu welchem die Juden das Land zu verlassen hatten, und nur wer über diese Zeit hinaus im Lande verblieb, hatte dann die Konsequenzen zil tragen. Dies zumindest hat heute auch Rußland zu tun, bevor es die Pogrome ins Werk setzt, und nicht sich so brutal und barbarisch auf hilflose und unvorbereitete Juden zu stürzen. Die Juden werden sich dann nach erfolgtem Befehle zur Auswanderung bis zu einem plausiblen Termin an die Gesamtmächte Europas zu wenden haben, welche uns ein aufnahmsfähiges Territorium anweisen und die große Judenwanderung aus Rußland zu schützen haben, und den Weg, den uns die Nationen weisen, werden wir in Gottes Namen betreten. Dies wäre eine momentane, freilich unangenehme Lösung der Judenfrage in Rußland. Solange aber dort die Zustände nicht besser werden, müssen wir uns mit diesem Plane befreunden. Andererseits müßten wir Juden in unserer Mitte die Autorität unter uns wieder Herstellen, unseren selbstgewählten Führern Folge leisten, um mit Erfolg uns aus der Verlegenheit zu retten. Wir haben in Rußland als Juden unseren Teil im Interesse der gesamten Menschheit zur Genüge geopfert, nun sollten wir endlich ernstlich dazu sehen, daß wir, die wir auch in ruhigen Zeiten ein so jämmerliches Dasein führen, vorerst für uns selbst eine gesunde Lebensbasis schaffen! Wir möchten die Sozialisten in Rußland bitten, uns von der weiteren Verpflichtung zum Kampfe zu entheben, weil wir als Minorität viel zu schwach und im Notfälle hilflos dastehen. Jeder einzelne jüdische Sozialist müßte vorderhand auf die Führung und Leitung in der Bewegung verzichten, bis endlich die gesamte Judenheit Ruhe erlangt. Wir werden der sozialistischen Bewegung als solcher sympathisch gegenüberstehen, welche die Befreiung der Unterdrückten bedeutet. Aber unseren Anteil haben wir dieser Gesamtbewegung bereits gebracht und können darob die Gesamtheit nicht in Mitleidenschaft ziehen. Die jüdischen Märtyrer fallen wohl leichten Herzens hin. ohne aber für ihre Hinterbliebenen Vorsorge getroffen zu haben. Staatsstellungen und Indent««. Die Uerantmortnng im Judentum. Von D. S. Albachary. „AI timredu bagojim betoch hagaluth!“ „Lehnet euch gegen die Völker nicht auf, solange ihr im Exile seid!" Die permanenten Pogrome in Rußland mahnen uns zur Frage: Warum setzt die russische Regierung ihr grausames Verfahren fort? Im letzten Pogrom in Siedlce hat sie Farbe bekannt, indem d.er Gouverneur von den Inden die Auslieferung Mit der Ueberschrift Snum cuique erhält die „Kölnische V o l k s z e i t u n g" aus jüdischen Kreisen eine längere Zuschrift, welcher wir die folgenden Ausführungen entnehmen: Die Berufung des Bankdirektors Dernburg, dessen Vater als Jude geboren, dessen Mutter Christin war, zur Leitung des Kolonialamtes begleitete die „Kreuzzeitung" mit folgenden Ausführungen: „Herr Dernburg ist jüdischer Abstammung. Der erste vom Fürsten Bismarck berufene Kolonialdirektor Kayser war es auch. Daß Dernburg noch dem Judentum angehört, ist nach unseren Informationen nicht anzunehmen. Sollte es