Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 39 (5.10.1906)
- Date
- 1906-10-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4. Die Wahrheit Nr. 39. Unsere Feiertage. Ein neue Parabel für jung und alt von Dr. D. Leimdörfer-Hamburg. (Schluß.) ' Diesem Segen der Verbindung des Sohnes mit Vater und Mutter gibt vor der Trennung der Vater noch einen nachhaltigen Ausdruck: Die Kette aus Gold, die das Mutterandeuken festhält über dem Herzen des Kindes, ist die Liebe zur Familie, ein Schmuck für den Hals, ein Geschmeide für die Brust, mehr als alles, was den Menschen ziert und Ansehen verleiht, ist dieses goldene Kettlein, das innige Zusammenhalten des Sohnes mit Vater und Mutter. Nicht in flüchtigen Liebkosungen besteht die F a m i l i e n l i e b e, sondern in der bleibenden opferfähigen Hingebung. Aus Ringen, bestebt die Kette, Ringe haben kein Ende, sie weisen auf die Unendlichkeit oder auf die Ewigkeit hin, aus Gold ist die Kette, Gold rostet nicht, so sollte auch die Familienliebe, lauter wie Gold, stets die gleiche bleiben und sich niemals ändern. Es folgen nun noch Verheißungen reicher Belohnung, die wir bald kennen lernen werden und der Abschiedssegeu. Von mächtiger Wirkung für des Kindes Zukunft ist all das zuletzt Erlebte. Jeden Morgen und jeden Abend besieht er seiner Mutter Gabe, die Religion lehrt beten früh und abend, des himmlischen Vaters Einheit und Einigkeit im „Schema-Bekenntnis" zu künden. Wenn die Woche und der Monat zu Ende gingen, da halten Sohn und Vater ein Zwiegespräch und Weihe zieht ein in des Kindes Seele. So ist es immer, wenn der Sabbat naht und wenn des Mondes erster Silberstreifen am Nachthimmel erscheint, am N e u m o n d stage in Israel der Fall gewesen. Heilige Andacht und edle Vorsätze für ein Gott wohlgefälliges, religiös-sittliches Leben begleiten diese Stunden und nähern Israel seinem Gotte. Es kommt die strengste Jahreszeit, kalt und finster wird es draußen in der erstorbenen Natur, da erscheint die Mutter mit einem köstlichen Angebinde für den Geist, sie bringt einen Silberleuchter mit und weilt acht Tage lang beim Sohn. Allabendlich zündet im warmen Zimmer Mutter Religion ihm helle freundliche Lichtlein an und acht Tage singt sie mit ihm: „Naos zur“, „Eine feste Burg ist unser Gott' . Es ist die Menora, die Weihelampe des Licht- und Weihe fest es, C h a n u k a. Wenn die Eiskruste .wieder zu schmelzen beginnt, kommt der Vater wieder und trägt einen neuen Gegenstand dem Sohne zu, ein herrliches, goldenes Buch, das ihm erzählt von dem Falle des Lasters und dem Sieg der Tugend, was den Guten das Herz mit unsagbarer Freude erfüllt. Dies Buch ist die Esterrolle, die Megilla, in der Israel der Unschuld Sieg am Purimfeste schildert. Da bereitet Gott einen frohen Tag des Lichtes, der Freude und der Herrlichkeit dem viel verfolgten, unschuldig getretenen Wurm Jakob, Israel. Zweimal noch in seinem Schuljahr begibt der Sohn sich ins Elternhaus, an seinem und an seiner Mutter Geburtstag. Israel ward als Volk geboren am Feste der Erlösung aus Egypten, Peßach, und Israels Mutter Religion ward geboren am Sinai am 6. Siwan, dem Feste der Offenbarung des Zehnwortes, S ch a b u o t h. Da kommt das Kind in Gottes Haus uud grüßt den Herrn der Welt bei priesterlichen, reinen Genüssen dafür, daß es durch den Auszug aus Egypten und die Offenbarung am Sinai ein heiliges Volk geworden, berufen, Religion auf Erden zu pflanzen, bis alle Menschen Gottes Priester werden und einander gegenseitig Treue und Liebe erweisen, als Kinder eines Vaters, als Brüder — in den Tagen des Messias. Also lobnt der Vater seinem Kinde seine Liebe bis auf diesen Tag. Wer hat dies vermocht? Wer solches zuwege gebracht? Des Kindes Freude an der Mutter Andenken, Israels Freude an dem Geschenk der Religion, an der T h o ra, Simchat Thora. Kinder alle, groß und klein, haltet dies Geschenk in Ehren, denkt an Euren einig einzigen Vater, der zu Euch spricht: I Vergißmeinnicht.! denkt an der Mutter poetisch schönen und doch so kindlich schlichten Spruch : „In Freud und Schmerz leg an Dein Herz Dies Bild und' diese Blüte! Sei gut und fromm! So geh und komm In Treue und in Güte, Zu uns zurück, zu Deinem Glück!" •. Zur priistdkntemvnhl tit der Kudapester Gemeinde. Sämtliche Religionen können sich einzig und allein nur durch den der Jugend zu erteilenden Religionsunterricht behaupten, daher legen die Bekenner der verschiedenen Religionen dem Religionsunterrichte eine ganz besondere Wichtigkeit bei, die derselbe denn auch in der Tat mit vollstem Rechte verdient. Wir beschäftigen uns deshalb mit demselben bei Besprechung des Weiszffchen Programmes etwas eingehender und wollen vorerst die ideale Seite des Religionsunterrichtes, dann aber auch die Schwierigkeiten, die sich demselben entgegenstellen, und endlich die zeitgemäße Erteilung, oder besser gesagt, die Umgestaltung, aber auch die Erweiterung des modernen Religionsunterrichtes besprechen. Ausgehend von dem Dichterwort: „Von oben mußt du schauen, frisch und heiter! Von oben her reicht Geist und Auge weiter," hat Hofrat Berthold Weisz sein übersichtliches Programm entwickelt. Seiner Ansicht nach muß der Präsident der Pester israelitischen Religionsgemeinde sein Hauptaugenmerk auf die Religionsübung (Kultus), den Religionsunterricht (Schule), der Pflege des nationalen Sinnes als Bürger (Patriotismus) und der guten, billigen Administration, mit gerechter Verteilung der Lasten, richten. Wir können uns nicht verhehlen, daß dies eine Riesenaufgabe ist, die ein einzelner nicht bewältigen kann. Nachdem aber der Vorstand ans sieben Herren und dem Präsidenten besteht, können durch gehörige Aufteilung der auflaufenden Agenden auch das ideale Streben und die in Aussicht genommenen Ziele verwirklicht werden. Und sollte am Ende die Bewältigung der imWeiszsichen Programme angeführten Ein- und Durchführungen dem Gesamtvorstande noch zu viel sein, dann kann sich ja derselbe durch Heranziehung geeigneter Kräfte vermehren und so das ganze Programm praktisch ins Leben treten lassen. Gelänge all das, was dem Hofrat Weisz vorschwebt und was in seinem Programm klipp und klar angedeutet ist, dann würde die Pester Großgemeinde nicht nur in Ungarn, sondern aus dem weiten Erdenrund eine führende sein. Allerdings erfordert die Gegenwart mehr denn je Männer, die für das Ideale und für das Idealste des Mosaismus ein warmes Herz haben, und die bereit wären, der reinen Fahne des Hofrat Weisz zu folgen und ihr den Sieg zu erringen. Fragt man uns, wie es mit dem Religionsunterricht in Budapest, in Wien und in anderen ungezählten Jfraelitengemeinden bestellt ist, so wollen wir die Antwort darauf mit einem Vorkommnis aus dem praktischen Leben geben. Ein der Mittelklasse angehörendes 18jühriges Mädchen, das erst im Vorjahre eine höhere Mädchenschule verlassen hat, behauptete, „das Mofesbuch enthalte lauter Märchen und Fabeln." Schreiber dieser Zeilen forderte hierauf, sie möge dies auch nur durch ein Beispiel erhärten. Voll Staunen erhielt er zur Antwort: ..Der Dornbusch" — so soll ihr Religionsprofessor erklärt haben — „hätte nicht gebrannt, sondern es war daselbst ein Irrlicht und deshalb hatte es den Anschein, als ob der Dornbusch brannte." Wahrlich, man müßte lachen, wenn das nicht gar so traurig wäre. Wie kann sich ein Irrlicht in die Wüste verirreu? Das würde das Wunder vom brennenden Dornbusch noch himmelhoch übertreffen. Es scheint bei dem betreffenden Religionsprofessor stark zu irrlichtern, sonst hätte er sagen müssen, daß wir im Bilde des Dornbusches die Gottesflamme leuchtend und wärmend, aber nicht verzehrend gewahren. Und doch ist der Einig-Einzige ein verzehrend Feuer, verzehrend das Böse, ernährend das Gute. So werden heutzutage besonders in religiösen Dingen Wahrheiten verkündet, welche das gerade Gegenteil von wahr