Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 39 (5.10.1906)
- Date
- 1906-10-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion u. Slbiuiniftiation: Wien, II/, Novaragasse 27. Telephon Str. der Druckerei 15302. JJiUurate 25 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsu. Jnsertions. betrage sind in Wie» zahlbar und klagbar. nakhängtge Aeitfchrifi für Mische Ivlere^en. Arsche int jeden Kreitag. l^otio: „Das Gottes ist Wahrheit!“ Verngsppeis: Ganzjährig Halbjährig St 12.— ft. 6— Für Cultnsbeamte: Ganzjährig . . St. 10 — Für Ausland: Ganzjährig . . . s Mark ü Rubel oder io Fc». Ur. 39. Wien, 3. Oktober 1906. Inhalt: Pogrom von Siedlce und kein Ende. — Unsere Feiertage. — Zur Präsidentenwahl in der Budapester Gemeinde. — Die Verantwortung im Judentum. — Staatsstellungen und Judentum. — Lord Selborne über die Judenfrage — Der halbe Eßrog — Verschiedene Nachrichten. R. Elia Wilna als synagogaler Reformer. Die geehrten Kerren Abonnenten werden um umgehende Krneuerung des Abonnements für das am 1. Mtoöer begonnene 4. Huartat ersucht, damit die regelmäßige Zusendung des Mattes keine Unterbrechung erleide. Vierteljährig Kr. 3.— . Probenummern stehen zur Verfügung. Die Wedaktion. Pogrom in Siedler nnd kein Ende. In der Sonne blinken Helm und Rüstung und es gleist der Sand, Dort dem Cäsar sind die Blicke aller Fechter zugewandt. „Ave Caesar morituri te salutant“ tönts im Chor Zu des Kaisers Loge, ihrem Schicksal tönt der Ruf empor. Die dem Tod sich weihten, muskelstrotzend, Hünen im Verein Erst nachdem sie grüßten, werden diese Riesen handgemein. Unterliegt ein Gladiator und den Daumen Cäsar senkt, Stirbt der Fechter, sein gehobner Daumen ihm das Leben schenkt. Ja es gab Momente, da selbst Nero wie ein Mensch empfand Und trotz Lieblingsknaben gegen Damen zart zu sein verstand. Gab er nicht der Gnade Zeichen, überließ er's oft den Frau'n, Zu entscheiden, ob Besiegte sollten noch die Sonne schau'n. 'Romas Mädchen, Romas Frauen duftend von den Spezerei'n, Die Arabien gesendet, atmen Blutgerüche ein. Diese Schönen riechen lüstern Dünste aus zerriss'nem Darm, Blut von Körpern, die sich winden, die noch zucken lebenswarm. Romas Pöbel, Romas Adel, beider Nasen gleicherweise, Lassen sich mit Wonne kitzeln von der Mischung: Blut und Schweiß. Die Circenses sind ein Teilbild in der römischen Kultur, Wie viel sanfter, wie viel milder wär' der Zustand der Natur! Trotz des Katz- und Mausespieles, trotz des Raubtier-Fechterspiels, Nach Jahrtausenden wir lernen heute noch die Sprach' Virgils. Solche Studien betreiben, nennen Humaniora wir, Wo der Mensch doch weithin sichtbar tief gesunken unters Tier. Wir nun freilich in der „Jetztzeit" haben's herrlich weit gebracht, Und mit Schätzen schwer beladen, segelt unsrer Bildung Fracht. Wir, wir rufen nur nach panem und nach Butter aus dem Brot, Was bekümmert uns in Rußland dort der Spiele Not und Tod. Der Arena Dimensionen, ach wie dehnen sie sich weit, Rußlands Rieseneb'ne ist es, wie so lang doch und so breit! Und der Zirkus-Thespiskarren wandert unaufhörlich fort, Von Odessa nach Bjelostok, heute hier und morgen dort. Mit Kanonen wird geschossen, auf die Spatzen? ja vielleicht! Wenn man nur ein wenig nachdenft und ein bischen nur vergleicht. Keck wie Sperlinge und arglos Juden übers Land verstreut. Fürchteten der Buben Steinwurs, nicht, daß die Kanone dräut. Von Europas Völkern keines diesen Metzeleien wehrt. Und des Väterchens, des Zaren Daumen stets hinab sich kehrt. O, Ihr Mächtigen, Einflußreichen, wollt Ihr regen nicht ein Glied? Wenig nur bedürft's, man wäre dieser Bestien Störenfried. Dieses Glied wird niemand rühren, denn die Staatsraison, sie spricht Klug geheimnisvoll ein Wörtchen: „Nichteinmengung ist uns Pflicht!" Nur ein unverbesserlicher Schwärmer sich besonders strapaziert. Solcher geht nach Tages Mühen zur Versammlung, die da — protestiert. Ja, einst gab es Protestanten mit dem Schwerte in der Faust, Wartest du, bis diese streiten, wartest du, bis du ergraust. Von den Juden fordern, daß sie kämpfen, nun das wäre ja verkehrt, Denn Romanen und Germanen ließen sie nicht ziehn das Schwert. Drum auch Juden protestieren, ist's doch eine Anstandspflicht, Doch die Sache bringt kaum merklich sie aus ihrem Gleichgewicht. Der Humanität Europas, ihr wird unbedingt vertraut, Unter ihrem Schutze glaubt der Jude sicher seine Haut. Seiner fernen Brüder Unheil, ihn erschüttert's wohl im Augenblick, Doch man faßt sich, ins Gemüte kehrt die Ruhe schnell zurück. Und es glätten sich die Falten seiner sorgenvollen Stirn: „Unserm Bruder leuchtet einmal nun des Mißgeschicks Gestirn." Der Polarstern ist's der fixe, er beschreibet keine Bahn, Und man läßt das Fatum walten und unwandelbaren Wahn. Hoch im Norden glänzt so kalt, gefühllos dort der mitternächt'ge Stern, Nun so hält man seinem Heiden auch des Bruders Unglück fern. O Ihr-Toren! ein Memento soll Euch dieses Morden sein. Denn des Okzidents Kultur auch ruht nicht auf Granit, auf Stein. Die so ruhig läßt gewähren Rand an Gütern. Lebensraub, O wie leichtlich auch bei Eurem Jammern bleibt dereinst sie taub. Auf die Herzen drum, die Beutel, hilf ein jeder, wie er helfen mag. Eurer Milde Schöpfung, herrlich sei sie, wie der Schöpfung erster Tag! Und Ihr Ritter von dem Geiste, Ritter von Judäas Geist, Wandelt doch dieselbe Straße, die Euch mancher Edle weist! Wisset, Blut allein nicht, Tinte auch ist ein besonderer Saft, Auf! erweiset Euern Adel, Eure kühne Ritterschaft. Schon Jesaias, unser großer, unser edelster Prophet Kündete den ew'gen Frieden, wie so herrlich und beredt. Unsere Kultur, die alte, sie berauscht sich nicht an Blut, Fließe Tinte drum, damit der Lebensstrom es wen'ger tut. Bor unschuld'gem Blute stets hats unserer Kultur gegraut. Trotzdem hat der Feinde Rotte zu verdächtigen sich getraut. Ja für Heerd.und Heimat kämpft' der Jude tapfer wie der Leu, Da vergoß der Feinde Blut er und sein eignes ohne Scheu. Doch vom Osterblut das Märchen, es erfands die Lügenbrut, Denn unstillbar ist ihr ew'ges Dürsten nach dem Judenblut. Die Pogrome sind ein Teilbild in der heutigen Kultur Wie viel sanfter, wie viel milder wär der Zustand der Natur! 3. Yineta.