Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 38 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063316-3063354--04470-3071314- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Leite 8. Die Wahrheit Sir. 38. mdien kommend, 24. September 6 Uhr 45 Min. morgens auf der Elbe. D. Batavia,' nach Newyork, 23. September 3 Uhr nachmittags Dover passiert. D. Blücher, nach Newyork, 22. September 5 Uhr 30 Min. nachmittags Lizard passiert. D. B o s n i a, 22. September 8 Uhr morgens in Boston. D. Calabria, nach Westindien,'22. September Ponta Doarnel passiert. D. D a c i a, 24. September 6 Uhr morgens von Manila. D. Georgia, von Galveston kommend, 23. September 10 Uhr 35 Min. nachts ans der Elbe. D. Graf Wäldersee, 22. September 10 Uhr morgens von Newyork via Plymouth und Cherbourg nach Hamburg. D. Hellas, 23. September in St. Thomas. D. H i s p a n i a, von Westindien kommend, 23. September 10 Uhr morgens Prawle Point passiert. D. Kaiserin A u g u st e V i c t o r i a. 22. September 2 Uhr nachmittags aus der Elbe. D. La P l ata, nach Nordbrasilien, 23. September 1 Uhr nachmittags Cuxhaven passiert. D. M a c e d o n i a, von dem La Plata kommend, 23. September 11 Uhr morgens von Funchal- D. M o l t k e, von Newyork nach Genua, 23. September 2 Uhr 30 Min. nachmittags in Neapel. D. P o n t o s, 22. September in Santos. D. Prinz Oskar. 22. September 4 Uhr 30 Min. nachmittags von Genua nach dem La Plata. D. Rh a eti a, uach Mittelbrasilien, 22. September 10 Uhr morgens von Lisiabon. D. R h e n a n i a, ans der Ausreise nach Ostasien, 23. September Quesiant Crasch passiert. D. S a v o i a, nach Persien, 24. September 7 Uhr morgens Dover passiert. D. S c a n d i a, 22. September von Hongkong. D. Schaumburg, nach Westindien, 23. September von Antwerpen. D. S e n e g a m b i a. 23. September, 6 Uhr morgens von Moji. D. Sevilla, von Neworleans kommend, 23. September 2 Uhr 30 Min. nachmittags Dover passtert. D. S i c i l i a. 23. September in Mascat. D. Sparta, 23. September in Santos. D. St. Jan, von Mexiko und Westindien kommend, 23. September 8 Uhr morgens von Coruna. D. S u e v i a. 23. September nachmittags von Iokohama. London. Das Bureau Laffan meldet: Der Unterstaatssekretär des auswärtigen Amtes, Sir Francis H a r d i n g u e, empfing Montag eine Abordnung hervorragender englischer Juden, die ihm beunruhigende Meldungen über die Entstehung der Judenmetzeleien in Siedlce und ihre Anstifter sowie über bevorstehende neue Pogroms in Warschau und anderen Orten vorlegten. Der Inhalt dieser Informationen machte aus den Unterstaatssekretär so tiefen Eindruck, daß er an den britischen Botschafter in Petersburg, Sir Arthur Nikolson, telegraphierte, er solle in der Sache sofort dringende Vorstellungen bei der russischen Regierung erheben. In London betrachtet man es als Beweis für die außerordentlichen Gefahren, die den russischen Juden drohen, daß das britische auswärtige Amt sich zu solch einem bedeutungsvollen Schritt entschloß. (Alle Rechte Vorbehalten.) Eine Erzählung frei nach dem Talmud von Hanna Grube. (Schluß.) Verwundert schaut Schlome sie an. Die Weiber sind immer Rätsel! Sie lachen, wenn einer meint, daß sie weinen werden. Dafür weinen sie allerdings manchesmal, wenn einer ihnen das Lachen zumutet. Lea zauderte nicht, traf alle Vorbereitungen zu einer Festtafel, zu der kein Hausgenosse eine Veranlassung entdecken konnte. Einmal hatte sie eine lange Unterredung mit Jossel, der seit fünfundzwanzig Jahren Knecht im Hause war. Dann besuchte sie gar seine Schwester, die alte Holland, die ein verfallenes Häuschen in einer Winkelgasse besaß. Als Frau Bruchstein die Alte verlassen hatte, humpelte diese in das Obergeschoß ihrer Hütte und unterzog die große Stube daselbst einer gründlichen Reinigung. Der Freitag kam. Wieder fasteten Lea und Schlome. Und als der Tag sich neigte, kredenzte diesmal Lea selber und nicht die Sarwerus Schlome den goldenen Juch und die Teigmandeln. Als die Dunkelheit hereinbrach, ließ das Pärchen sich zum Mahle nieder an dem Tisch, den Schaul, der Schammes, gedeckt hatte, wie es Sitte ist, daß er Hochzeitstafeln deckt. Schlome war verlegen, schweigend, tieftraurig. Lea in starrer Seide, mit ihren Juwelen geschmückt, in strahlender, sieghafter Schönheit, schien ihm heut begehrenswerter, verführerischer als an ihrem Hochzeitstage, sicher gesprächiger, munterer! Unausgesetzt legte sie ihm die ausgesuchtesten Leckerbissen aus den Teller, drang in ihn, von den starkgewürzten Speisen zu essen, füllte wieder und immer wieder das Glas, das er rascher als sonst leerte. Bald flimmerte es ihm vor den Augen, die Zunge wurde ihm schwer. Aus ungewöhnliche Redseligkeit folgte krampfhafte Rührung. Und dann, dann stellte sich jener Moment ein, in dem Herr Schlome Bruchstein unter den Tisch sank, wie manch anderer braver Mann vor ihm, des süßen Weines voll, seit Vater Noahs Abenteuer. Als am anderen Tage die lieben Mittagsglocken die hungrige Menschheit ohne Unterschied der Konfession zum Essen rief, erwachte Schlome aus langem, traumlosem Schlaf, rieb sich die Äugen und blickte verwirrt um sich. „Wenn mir nur einer sagen möchte, wo ich jetzt bin!" murmelte er vor sich hin. „Im Dachzimmer des Hauses von Jossels Schwester," ließ sich Leas Stimme vernehmen. „Bei der Hab ich mich einstweilen einquartiert." „Wie kommst Du auf solche Idee?" „Hast Du mir nicht gestern den Scheidebrief unter den Teller gelegt? Ihn mir zu überreichen, fehlte Dir der grausame Mut. Fort sollt ich aus Deinem Haus! Und Du siehst, fort bin ich!" „Der Scheidebrief, ach richtig!" Langsam begann es in Schlomes Kopf zu dämmern. „Immerhin weiß ich nicht, wie ich hieher gekommen bin." „Nicht auf Deines Schusters Rappen, lieber Schlome! Jossel und der Kutscher haben Dich hergetragen. Fest mußten sie Dich anfassen, aber gespürt hast Du nichts davon! Schlome! Hast Du mir nicht erlaubt, den kostbarsten Schatz Deines Hauses mit mir ins Elend zu nehmen, mir gehöre er?" Schlome blickte schweigend zu seinem Weibe auf. Schweigend auch stand Lea nun vor ihm, fast wie eine Schuldige, eine Gerichtete. Aller freudiger Triumph, alle stolze Siegesgewißheit war von ihr gewichen. Ein schreckerfüllter Abgrund gähnte ihr entgegen, eine lange Zukunft voll trostloser Verlassenheit, voll unverdienter Verachtung, als von einem geheimnisvollen, von einem erbarmungslosen Verhängnis verfolgt. „Es wäre Schlome lieber, ich hätte mir die Perlenschnur seiner Mutter mitgenommen, die viele tausend Rubel wert ist. Oder den alten Schmuck mit den großen Smaragden, den er so teuer hätte verkaufen können, damals, als der Zar für die Zaritza ein Diadem aus Smaragden hat zusammenstellen lassen, Alles, alles hätte ich mir aneignen dürfen dafür, daß ich ihn von mir befreite." „Und Du hast gemeint, ich selber sei meines Hauses wertvollster, kostbarster Schatz?" brach Schlome endlich das peinvolle Schweigen. „Ja, Schlome, das Hab ich gemeint. Himmel und Erde birgt nichts, was meinem Herzen teurer wäre als Du, mein Geliebter, mein Gatte, mein Herr! Keinen Wert hat das Leben für mich, fehlst Du mir! Der Tod bedeutet nur die Trennung von Dir l" ..Du armes, Du gepeinigtes, Du treues Weib! Dich, die schon so schwer an ihrem unverdienten, traurigen Lose trägt, Hab ich Elender noch mit meiner Selbstsucht gepeinigt! Als ob dem noch etwas zu wünschen erlaubt wäre, der ein so edles Weib sein Eigen nennt! Kannst Du mir je verzeihen, mich wieder in Gnaden aufnehmen? Nichts als der Tod kann fürder die Bande zerreißen, die uns verbinden!" flehte Schlome reuevoll. Wie anbetend warf Lea sich vor ihm auf'die Kniee, denn nimmer kann der zu zärtlich sein, der zu vergeben hat. „Du Teurer, Einziger! Dein heißes Wünschen erst und jetzt Dein Entsagen verstehe ich! Mit dem Herzen, wie Weiber zu verstehen pflegen! Daß heute noch gestattet wäre, was Sarai, die Unfruchtbare, einst getan, damit der Wunsch des geliebten Mannes sich erfülle!" „Lea! Das sogar, sogar das wärst Du für mich zu tun imstande?" fuhr Schlome auf. „Nicht darf sich liebend nennen, der an sich selber denkt." „O, Lea! Setze mich wie ein Siegel auf Dein Herz und wie ein Siegel auf Deinen Arm! Denn Liebe ist stark wie der Tod und. eisenfest wie die Hölle! Viele Wasser mögen die Liebe nicht auszulöschen, noch die Ströme sie zu ersäufen. Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so gälte es alles nichts!" „Schlome! Laß Deine Liebe das Panier über meinem Haupte sein!"