Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 38 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 38. Die Wahrheit. Leue o. rede des Großrabbiners", mit der die russischen Judenhetzer den Muschik wider die jüdische Bevölkerung aufzureizen beflissen sind. Ein Organ der deutschen Antisemiten, die Liebermannsche „Antis. Korr.", hat diese Rede seinerzeit einem Schauerroman entnommen, sie für echt ausgegeben und sie als Hetzmittel gegen die jüdische Bevölkerung verwandt. Auch als ihnen nachgewiesen wurde, daß diese „Rabbinerrede" eine absolute Erdichtung sei, haben unsere Antisemiten sie unverfroren weiter als Verhetzungsmittel benutzt. Diesem ihrem verbrecherischen Treiben setzt jetzt die Tatsache, daß die russischen Judenhetzer die Fälschung ihrer deutschen Gesinnungsgenossen in einem Mordanfruf gegen die russischen Inden verwerten, die Krone aus! Der deutsche Anlisemitismus hat den herostratischen Ruhm, den russischen Bluthunden die vergifteten Waffen in die Hand gedrückt zu haben, mit denen sie Schrecken und Elend, unerhörte Greneltaten heraufbeschwören. Man höre, welche Bewandtnis es mit dieser „Geheimrede des Großrabbiners" hat. Eine hiesige Korrespondenz teilt mit: Das in Hunderttausenden von Exemplaren von der russischen Geistlichkeit verbreitete Flugblatt gegen die Juden ist der wörtliche Abdruck jener plumpen Fälschung, mit der die Liebermann v. Sonnenbergsche „Antis. Korr." im Februar 1901 verbreitete verbrecherische Flugblatt zu Judenschlächtereien führt, sägen müssen, daß russische Schmach deutsche Schmach ist. Denn Deutsche sind es gewesen die zu dem schmählichen Treiben der! russischen Mordbanden die Waffen geliefert haben. j Zur Prnstdenteriwnhi in der Sndn- | pester Gemeinde.! Bevor wir die Deiailbesprechuug des Weis zffchen Pro-! grammes sorlsetzen, wobei wir den wichtigsten Teil desselben, j den Religionsunterricht, vor Augen haben, wollen wir uns noch l eine kleine Exkursion von Trans nach Eis gestatten und ans die j bekannten Anregungen des Herrn Maximilian Paul Schiss i in Wien zurückkommen. Herr Schiss möchte vorerst die jüdische i Jugend „entlasten," die „tote" hebräische Sprache ans der i Schule eliminieren, und gelänge ihm das — was freilich selbst! in unserer religionslosen Zeit noch immer ein Ding der Un- | Möglichkeit ist — so möchte er dann wahrscheinlich, wie dies j bei den Reformgemeinden extremster Richtung bereits der Fall! ist, dieser abgestorbenen und zu den Toten gelegten Sprache i auch die jüdischen Gotteshäuser verschließen. Er denkt sich: in Deutschland ihr antisemitisches Gift auszustreuen versucht hat. Das Blatt hatte damals sogar den traurigen Mut, die Nummer, welche die „sensationelle Enthüllung" enthielt, den Vorstandsmitgliedern des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus „als Angebinde" zu widmen. Man forschte nach: Wer ist denn dieser Großrabbiner? Wie heißt er? Wo hat er gelebt? Wo und wann hat er diese niederträchtige Rede gehalten? Ist er wirklich ein lebendiger Mensch von Fleisch und Blut gewesen? Nichts von alledem! Diese Rede, die nach der „Antis. Korr." ein Großrabbiner in einer geheimen Versammlung gehalten hat" (!!), ist nichts als eine widerliche, aus der Luft gegriffene Erfindung ans einem Roman niedriger Gattung, der unter dem Titel: „Gaela, Warschau, Düppel" in Berlin im Jahre 1868 erschienen ist. Der Verfasser dieses Romans ist der ans dem Prozeß Waldek wohlbekannte Zeuge, Rechnungsrat Hermann Gödsche, welcher als Romanschriftsteller den Namen John versteht denn der alte Jndengott nur hebräisch und kann man denn nicht auch in seiner Muttersprache, das heißt in der Landessprache, zu diesem Universalgott beten? Ans den ersten Blick scheint das ja ganz plausibel, aber dennoch ist als Gebetssprache beim öffentlichen Gottesdienst in den Bethäuseru, Synagogen und Tempeln der Judenheit nur das Hebräische anwendbar. Sie ist die „heilige" Sprache, denn in derselben hat vom! stammenden Sinai herab der hochheilige Gott der Offenbarung das Zehngebor verkündet, welches die Grundlage aller positiven j Religionen bildet; in dieser Sprache hat der Gottesmann! Mo sch eh auf Geheiß des Einzig-Einen den Pentateuch, das i heiligste aller heiligen Bücher, geschrieben. Dieser Sprache be-! dienten sich die Propheten alle, der königliche Sänger und j Psalmist, sowie der weiseste aller Erdenkönige und aller Weisen.! Beide haben ihre unerreicht gebliebenen Geistesprodnkte in der hebräischen Sprache der Welt übergeben. Sie verdient daher Netcliff führte. Im ersten Band dieses Romans befindet sich ein Kapitel „Aus dem Jndenkirchhof in Prag". Es wird dort der Verlauf eines erdichteten Sanhedrin geschildert, welches alle hundert Jahre einmal an dem Grabe des Rabi Simeon Ben Jehuda in der Nacht stattfinden „soll". Das jetzt in Rußland in Massen verbreitete aufreizende Flugblatt enthält genau denselben blödsinnigen Text der Rede, die nach dem Roman der Großrabbiner auf dem Judenfriedhof gehalten hat. Die „Antis. Korr.", der alsbald ihre niederträchtige Fälschung nachgewiesen worden war, erklärte alsdann auch kleinlaut: „Nun es ist ein Roman." Es handle sich aber schließlich .nicht darum, „ob diese Rede auf dem Prager Judenkirchhof oder anderswo gehalten wurde, ob sie überhaupt als Rede mit diesen Worten zum Ausdruck kam (!!): die Ideen und Bestrebungen, die darin offenbart sind, haben bestanden und bestehen noch heute — das lehren tausend Tatsachen." Nach demselben schmählichen Rezept werden wahrscheinlich die russischen Spießgesellen der „Antis. Korr." jetzt verfahren, sobald sie die Fälschung nicht länger aufrecht erhalten können. Empört über die Schändlichkeit der „Antis. Korr." schrieb damals ein kirchliches Blatt in Deutschland: „Man bedenke, wie entsetzlich groß die Gefahr ist. solche lügenhaften und haßdürchglühten Pamphlete in die urteilslose Menge zu werfen, und vor allem in ländliche Wahlkreise, in denen gar zu leicht alles Gedruckte für bare Münze genommen wird." Diese Gefahr ist in Rußland natürlich noch weit größer, wo das Volk auf einer ungleich niedrigeren Kulturstufe steht und blindlings auf das Wort des Popen schwört. Der spätere Kaiser Friedrich nannte als Kronprinz einmal den Antisemitismus die „Schmach des Jahrhunderts". In Anlehnung an das Wort seines Sohnes, der russische Trauer deutsche Trauer nannte, wird man, wenn das auch in Plock jetzt in Hunderttausenden von Exemplaren mit vollstem Rechte das Prädikat „heilig." Während das katholische Christentum die hebräische Sprache, deren sich dessen Stifter, dessen Apostel und Evangelisten bedienten und in der die Schriften des neuen Bundes geschrieben wurden, beiseite schob und an ihre Stelle die lateinische, also eine heidnische und eben deshalb unheilige Sprache, die gleichfalls zu den toten Sprachen gehört, als Gebetsprache einsührte, blieb das Judentum der hebräischen Sprache, welche die Sprache der uralten, echten und unverfälschten Bibel ist, unentwegt treu und wird ihr stets die Treue bewahren. Pastor W. M. .Christic in Aleppo, ein Judenmissionür, äußert sich über die vom Herrn Schiff in Acht und Bann gelegte hebräische Sprache unter anderen wie folgt: „Die hebräische Sprache nimmt wieder auf ihrem heimatlichen Boden (Palästina) ihre Stelle ein. Sie war niemals tot, wiewohl das gewöhnlich angenommen wird. Jederzeit und in jedem Lande war ein Ueberrest in Israel, der am Sabbat nichts anderes als Hebräisch sprach, und noch jedes Jahrhundert hat sich die hebräische Literatur um Werke bereichert, auf die jedes Volk stolz sein könnte. Hebräische Tageszeitungen kommen jetzt beinahe in jedem Lande heraus, und ihre allgemeinen Vorzüge sowohl wie ihr literarischer Stil übertreffen viele der unsrigen. Die Klassiker aller anderen Sprachen sind ins Hebräische übersetzt worden; unter den Palmen von Jaffa oder aus dem Strande von Cäsarea kann man heutigen Tages den hebräischen Knaben sehen, wie er die Abenteuer des Robinson, die Ränke der Lady Macbeth, oder die Leiden der Maria Stuart in der Sprache Mosis und Jesaias liest. Es ist eine interessante und bedeutsame Tatsache, daß die Renaissance der hebräischen Sprache als Umgangssprache gerade in Palästina ansängt, und der Umstand, daß gar nichts Gemachtes darin ist, berechtigt auch st'ir die Zukunft zu einer festen Hoffnung dastir. Was es zuwege