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Die Wahrheit · 1906-09-28 · Heft 38 (28.9.1906) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 38 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Leite 4. . Die Wahrheit Nr. 38. Blumen geschmückte Hütte und erquickt Euch darin. Aus den verschiedenen Früchten, die ich hervorwachsen ließ aus der Erde, windet einen Feststrauß und stimmt an das Hallelujah und Hosianah vor mir. Jubelt und frohlockt unter Harfenspiel und Schalmeien, unter Sang und Reigentanz. Haltet ein die Freudenszeit, die zur Herzenswonne ich bestimmt habe." Die sieben Festtage der genußfrohen Sukkotfeier gehen zu Ende. Kühl weht der Wind, trübe Wolken bedecken den Himmel, Regenschauer und Sturmgüsse ringsumher, so ists am Tage nachher, an dem der Sohn zur Abreise sich rüstet, zum Abschied vom geliebten, jetzt heißer noch gelieben Vaterhause. Es ist Schm in i Azereth, der achte Tag des Schlußsestes. Wehmut erfüllt die Menschen beim Gedanken an die Kälte, die Regenschauer und Stürme, die dahinbrausen über Schnee- und Eisfelder in der heraneilenden Winterszeit, in der die Natur erstirbt vor unseren Augen; Wehmut überkommt uns beim Scheiden aus dem warmen, trauten Heim, wo uns soviel Vatergüte, soviel Mutterliebe zuteil geworden ist. Heißt es doch jetzt: hinausziehen und den Kampf in der Fremde wieder aufzunehmen. O, wie das Scheiden so wehtut! Siehe, da mitten in die Sorgenstimmung kommt Mutter Religion wieder mit frohem muteinflößendem Angesichte und überreicht dem zagenden Kinde ein kostbares Andenken. Aus dem Krystullrahmen, in den ihre Hände blaue Blümelein eingebrannt, blicken freundlich die Züge des edlen Vaters und darunter ihre Schrift und ihre Poesie. Dies Geschenk bannt jeden Mißmut, und an Stelle der Wehmut tritt Hoffnungsfreudigkeit auf das blühende Angesicht des Scheidenden. Mutter Religion bereitet am Schlußfeste eine neue Freude, Schmini Azereth wird zur Simchat Thora. „Hier überreiche ich Dir ein Andenken, das Dir, mein Israel, Vater und Mutter zu steten Begleitern macht: die Thora; aus ihr, dieser Thora, siehst Du auf jeder Seite des Allvaters unendliche Liebe und Treue, das strahlende Bild des einzigen Gottes und Vaters aller Menschen, eingerahmt von dem Geboten der Moral, des Rechtes, der Tugend, der Bescheidenheit und allumfassenden Menschenliebe." Mutter Religion mahnt an Pietät und Treue zum Vaterglauben in allen Lebenslagen, das bedeuten ihm die Vergißmeinnichtblüten, aus dessen Sternchen das Prophetenwort: ..Gedenket der Lehre Moses" für und für entgegenleuchtet. Zuletzt festigt die gute und weise Erzieherin mit ihren eigenen Schriftzügen, mit ihrer zu Herzen gehenden Stiftung die Willenskraft ihres Kindes und weist ihm die Ziele des Glückes an. Es ist die Thora mit ihrer herrlichen Poesie, mit ihren unerreichten Weisheitslehren, die Gemüt und Willen des Menschen kräftigen und ihn in allen Zeiten und an allen Orten das Gluck zeigen, das in Verbindung liegt mit Gott und der göttlichen Religion. (Schluß folgt.) Großherzog Friedrich von Kaden. Zur Feier des dreifachen Jubelfestes, das Großherzog Friedrich von Baden, diese Lichtgestalt auf dem Fürstenthron, in den letzten Tagen begieng, priesen mit vollem Recht und tiefer Dankbarkeit auch die jüdischen Blätter das hohe Gerechtigkeitsgefühl und die Güte dieses Fürsten und seiner erlauchten Gemahlin, seine Vorurteilslosigkeit, die ihn keinen Unterschied machen läßt zwischen seinen Landeskindern, welchem Glaubensbekenntnis sie auch angehören, und die edle Menschenfreundlichkeit, mit der er das Leid der Unterdrückten nachzufühlen versteht. Unvergessen sei es und soll es bleiben, daß der Jubelsürft, allein unter allen Trägern einer Krone, seine Opferwilligkeit für die Opfer der Greuel in Rußland betätigt hat, und wie während feiner halbhundertjährigen Regierung seine jüdischen Untertanen aus dem Zustande der Rechtslosigkeit zum Vollbürgertum emporgestiegen sind, beweist am besten die Tatsache, daß 25 Jahre hindurch der Jude Moritz Ellstädter Finanzminister und Bundesrats-Bevoümächtigter Badens gewesen ist. Das große Interesse, das dieser edle Fürst für jüdische Fragen im allgemeinen bekundete, kam auch in einer Audienz die er vor Jahren dem Professor am Berliner Rabbiner-Seminar, Dr. A. Berliner, gewährte, zum Ausdruck und es erscheint überaus zeitmäß, den Bericht, den damals der letztere über die denkwürdige Audienz gab, heute wieder in Erinnerung zu bringen: Am 19. vorigen Monats, so schrieb Dr. Berliner im September 1899, hatte ich dem Großherzog bei dessen Anwesenheit in 'St. Moritz mein Buch: „Geschichte der Juden in Rom" eingesandt, „dem Fürsten, dem so viele Herzen im deutschen Vaterlande voller Liebe entgegenschlageu". Am 24., abends ließ mir der Geheime Legationsrat Babo melden, daß Seine königliche Hoheit der Großherzog mich am folgenden Tage um 12^2 Uhr in besonderer Audienz zu empfangen wünsche. Der hohe Herr empfing mich zur festgesetzten Stunde mit freundlichen Dankesworten für mein Buch und lud mich sofort zum Sitzen ein. Er ließ sich hierauf die Quellen näher angeben,. aus denen ich die Materialien für mein Geschichtswerk gewonnen habe. Dann ging er zu Georg Eber's Forschungen über, indem er mir seine persönliche Bekanntschaft mit dem Verfasser schilderte. Hierauf fragte er mich nach meinen Personalien, nach dem Rabbiner-Seminar, an welchem ich seit 25 Jahren lehre, und ließ sich von den bisher erzielten Resultaten dieses Institutes unterrichten. Ganz außer dem Zusammenhang fieng er hierauf an, von der zionistischen Bewegung zu sprechen, „die Sie sicher kennen, wie auch den Führer derselben, Dr. Herzl, ein edler Mann, der ohne alle Selbstsucht, aus den reinsten Motiven, an die Spitze dieser Bewegung sich gestellt hat. Sie wird ja allerdings noch viel gebessert werden müssen; sie bedarf daher einer kräftigen Unterstützung — und sie ist auch derselben wert —, damit sie in die richtigen Wege gelenkt werde. Leider hat man in Constantinopel noch nicht das rechte Verständnis hiesür; hoffen wir aber, daß dorthin bald mehr Licht dringen werde. Sie mißverstehen mich nicht, Herr Doktor; für unsere deutschen Juden braucht man keine Zufluchtsstätte zu schaffen. Aber dort im Osten und Norden, wo nicht Ihre Glaubensgenossen allein, sondern auch evangelische Christen in bedrängter Lage sich befinden. Sie wissen, Herr Doktor, wie sich auch in unserem Vaterlande eine gewisse Partei zusammengetan hat, um sich politisch aufzuspielen, aber nur aus Eigennutz und speziellem Interesse, ein Verderbnis unserer Zeit, aber sie wird nicht mehr schaden; denn sie hört auf und verschwindet." Dann erkundigte sich der Großherzog nach der Zahl der Gotteshäuser in Berlin, erzählte mir, wie er und die Großherzogin die Synagoge in Amsterdam besucht und mit welcher Aufmerksamkeit sie die altjüdischen Gesänge des Vorbeters gehört haben, wie auch die jüdischen Demantschleifer ihr Interesse erregt haben. „Es sind brave und fleißige Arbeiter, intelligente Menschen." Hierauf sprach er zu mir über die geordneten staatlichen Verhältnisse der Judenschaft Badens, über die Gemeinden und Synagogen in Carlsrube, über das neue Gotteshaus in der Stadt Baden, welches der fremden Glaubensgenossen wegen erbaut worden ist, die dorthin kommen und für die das bisherige Gotteshaus nicht mehr ausreichend war, und noch über verschiedenes Andere. Am Schluffe reichte mir der Großherzog wiederholt die Hand, wünschte mir gesundes Wiedersehen und entließ mich in der huldvollsten Weise. Die deutschen Antisemiten — Helfershelfer der „Schwarzen Hundert"! Wenn das in der letzten Montagsausgabe von uns abgedruckte Flugblatt der russischen Judenhetzer, so schreibt das „Verl. Tagbl. ', den von ihnen gewollten blutigen Erfolg hat — und leider ist das nur zu wahrscheinlich — dann fällt die Verantwortung für die russischen Judeumetzeleien am letzten Ende auf die deutschen Antisemiten. Denn aus dem Verleumdungsarsenal der deutschen Antisemiten stammt die erdichtete „Geheim-

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