Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 38 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ahrcheit Nedaktiou u. Sldiiiiiiiftialion: Wien, II/, Novaragasse 27. Telephon 8tr. der Druckerei 15308. - Hulmitf 85 He», per SloiU'nreiUr^^eiie. Abonnementsn. Jnieitionsbeträge sind in Äthe» zahlbar und klagbar. Unabhängige Aeitfchrift für Mische Interessent Erscheint jeden Ireitag. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ ji Verngspyeis-: >;J i ■| Ganzjährig ... ft ts.—! |l Halbjährig ft. 6.— j ji Für CiiltttSbeumte: | i I j! Ganzjährig . ft io j Für Ausland. J jj Ganzjährig . . . s Mark jj jj 5 Rubel oder 16 gc-. | Ar. 38. Wien. 28. September Inhalt: Unsere Feiertage. — Großherzog Friedrich von Baden. —Die deutschen Antisemiten — Helfershelfer der „Schwarzen Hundert." — Zur Präsidentenwahl in der Budapester Gemeinde. — Die russischen Juden und die Revolution. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Excelsior. — Kantoren-Enquete und Organisation. Die geehrten Kerren Abonnenten werden um i umgehende Erneuerung des Abonnements für das j am 1. Oktober beginnende 4. Ouartat ersucht, j damit die regelmäßige Zusendung des Malles j Keine Unterbrechung erleide.! Dierteljährig Kr. 3.—.! Probenummern stehen zur Verfügung. i Die HlsüakLion. | Unsere Feiertage. | Ein neue Parabel sür jung und alt von Dr. D. Leimdörser-Hamburg. | (Fortsetzung.)! Bis zum heutigen Tage — ja, denn Jener lebt noch.! Ich erzählte eine Geschichte, die sich zutrug in Wahrheit, die! ich selber erlebt habe, die sich zuträgt vor unseren Augen, die wir selber stets erlebt und erleben werden. Der Baumeister, von dessen Ruhm und Herrlichkeit die Erde voll ist, ist der himmlische Bäte r, der in seiner Allmacht einen Bau aufgesührt hat, ein Wunderwerk, I erhaben und gewaltig — die Welt. Die Mutter, prangend in Schönheit, Güte und Weisheit — ist die Religion. Der fürsorglich geleitete, in Liebe erzogene, zur Erreichung sittlicher Vollkommenheit und Tugend wohlgeschulte und weidlich unterj wiesene Sohn — ist Israel. Alljährlich ergeht die Einladung j des Weltenbaumeisters zur Feier des Denktages seiner Schöpfung, j die Posaune tönt, es hallt am Neujahrsfeste, Roschj haschana, der Gottesrus: „Geschöpfe, gedenket Eures Schöpfers, j es ist der Tag der Erinnerung an die Geburt des Weltalls." j Der geliebte Sohn weilt während des ganzen Jahres weit ent- | fernt von Vater und Mutter. Im Drange der Alltäglichkeit, im! Kampfe ums Dasein, in der Ringschule des Lebens vergißt er i seines gütigen Schöpfers und Vaters, seiner weisen Erzieherin, der Mutter Religion. Böse Einstüsse von außen machen sich geltend, Menschen mit schlechtem Beispiel gesellen sich ihm, verderben ihn und locken ihn an, Neigungen und Leidenschaften zu fröhnen, die ihn oft an den Rand des Lasters führen. Im üppigen Lebensgenüsse taumelt er wie ein.Trunkener umher, ohne zu merken, daß ihm die Reinheit-und Unschuld der Jugend, der frohen Kindheit abhanden gekommen. Er stürzt von der höchsten Höhe der Ebenbildlichkeit Gottes in die tiefste Tiefe tierischer Versunkenheit. So geht es Tag und Nacht, so stießen Wochen, Monde dahin, zu Ende geht das Jahr. Da vernimmt er eines Tages die Stimme der Posaune, der fernen Mutter Stimme, die ihn heimruft zur Festesfeier, zum Tage der Begründung des Ruhmes seines Vaters. Scheu nur entwindet er sich den Fesseln seiner lustigen Genossen und mit verzerrten Zügen zieht er heim. Irr und wirr, in schmutzigen Gewändern naht er dem Reinsten — der Vater ist beleidigt, die Mutter gekränkt. Der himmlische Vater, stets milde und barmherzig, sitzt heute aus seinem Throne, um Recht zu sprechen, denn Gerechtigkeit ist seines Thrones Stütze, und der Schöpfungstag der Welt wird dem Sohne zum ernsten Gerichtstage. Zitternd und bebend schaut der Sündige auf das strafende Schwert neben der Wage der Gerechtigkeit. Da tritt Mutter Religion beschwichtigend vor den Weltenrichter: . Herr, Du bist gnädig und barmherzig — sprich Dein Urteil noch nicht! Ueberlasse mir das Kind, daß ich es reinige und reuig zu Dir zurückführe." Inden zehn Tagen derBuße vollzieht die Mutter Religion das Werk der Liebe an ihrem Kinde. Tief zerknirscht bekennt und bereut er, was er getan und kehrt zurück demütig zu dem Vater — am Versöhnungstage. „Mein erhabener Vater, mein heiliger Richter? Ich habe gesündigt, mich gar arg verschuldet gegen Dich, ich verdiene Deine Züchtigung; ich will anders werden, rein und gut wie Du, ich will der Mutter folgen, deren Gebote mir heilig fein sollen. Ich verspreche am Schlüsse meiner Buße und Kasteiung volle Rückkehr zu Dir, Du Urideal aller Menschentugend! Nimm den Bußfertigen auf! Verzeihe!" Und des Vaters Huldgestalt umarmt den nahezu Verlorenen und redet warm, innig, väterlich: „Ich verzeihe, wie Du gesprochen, mein Kind, denn ich habe nicht Wohlgefallen an des Sünders Tod und Untergang, nein, wohl aber an seiner Besserung und durch diese an seinem Leben und seiner Wohlfahrt! Nun aber, mein Kind, etwas anderes. Wir wollen jetzt alle Trübsal der vergangenen Tage vergessen, wir wollen dem reuigen Kinde eine Freude bereiten, wir wollen uns die bisher versagten Genüsse reichlich ersetzen, es soll sieben Tage lang in unserem Hause in Beisein aller Freunde aus allen Ständen, auch der verlassenen Witwen, der Waisen und Obdachlosen und brodsuchenden Armen, die alle sollen kommen und mit uns feiern das Laubhüttenfest. Oeffnet die mit Licht und