Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 37 (21.9.1906)
- Date
- 1906-09-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 37. Trebitsch Sonntag, den 9. September, starb nach kurzem Leiden der Rabbiner unserer Gemeinde, Herr Dr. Samuel Pollak, der 25 Jahre in unserer Gemeinde segensreich gewirkt hat. Eine Zierde seines Standes, ein Mann der Gelehrsamkeit, ein Muster von Sanftmut und Geduld, ein nachahmungswürdiges Beispiel von Bescheidenheit und Ausdauer, das wäre die kurz skizzierte Biographie des beliebten Seelenhirten mid Gottesmannes, der seine Familie und Gemeinde in tiefster Trauer zurückläßt. Die Beliebtheit und die Wertschätzung, deren sich der wackere Seelenhirte hier in allen Kreisen erfreute, zeigte sich in eklatanter Weise bei seinem am 12. September stattgefundenen Leichenbegängnisse, an welchem sich eine unabsehbare Menge Leidtragender beteiligte. Im schwarzdrapierten Tempel, wo die Leiche aufgebahrt war, hatten sich außer der Familie und seinen zahlreichen Verehrern und Schülern eingefunden: Die Vertretung unserer Kultusgemeinde mit dem Präses Herrn Josef T a u ß i g, die Vertretung der politischen Jsraelitengemenide mit denr Bürgermeister Herrn Adolf S u b a k, der heilige Verein mit seinem Obmann Herrn F. A. O r n st e i n, Vertreter der politischen Stadtgemeinde und Unterkloster, Vertreter aller staatlichen und Privatbehörden, Vertreter der Geistlichkeit anderer Konfessionen, Abordnungen vieler Kultusgenieinden und Vereine, sowie die Schuljugend mit ihrem Lehrkörper. Die Trauerfeier begann mit einem vom Oberkantor Herrn Moriz Fuchs mit klangvoller, käftiger Stimme vorgelragenen Psalme. Namens des löbl. Kultusausschusies und der demselben unterstehende!'. Institutionen hat Herr Dr. H. Weißenstein in schönen Worten die Verdienste des Verewigten gewürdigt und der Empfindung einer durch 25 Jahre ungeschwächten Dankbarkeit gegen den verehrten Seelsorger würdigsten Ausdruck gegeben. Hierauf hielt Herr Rabbiner Dr. L ö w y aus Brünn eine tiefergreifende, formvollendete Trauerrede. Nach exakter Absingung des Scliewißi und eines Trauerchores durch den deutschen Männergesangverein wurde der Sarg von Mitgliedern des löbl. Kultueausschusses und der hl. Chewra auf den Wagen gehoben. Die spontane Trauerkundgebung bei seinem Leichenbegängnisse zeigte sich am besten, was Dr. Pollak für Trebitsch war. Unaufgefordert schlossen sämtliche Kaufleute ihre Läden in den Gassen, durch welche der Trauerzug sich bewegte. Beim zweiten Tempel hielt der Leichenzug und es wurde bei geöffueten Toren em Psalm vorqetragen. In der Zeremonienhalle hielt nach Absingung des Hazur tomim Herr Rabbiner Dr. Stern aus Triesch eine mit warmer Empfindung vorqetragene Leichenrede. Die hierauf von Frl. Hedwig Triesch er. einer Schülerin des Verewigten, gesprochenen Dankesworte rührten alle Zuhörer zu Tränen. Am offenen Grabe sprach Lehrer Jakob K o u a t e k im Namen der Religionslehrer und Schüler in kurzen gefühlvollen Worten, dem gewiffenhaften Lehrer das letzte Lebewohl. Mit einem von Herrn Dr. Stern verrichteten andächtigen Gebete und einem Trauerchore schloß die Trauerfeier. 2. K. Lemberg. Bei der Freitag, den 14. d. M. stattgehabten Ersatzwahl für den Reichsrath im Städtebezirke Brody-Zloczow wurde der Kandidat des Polenklubs Dr. Josef Gold, Vizebürgermeister von Zloczow, mit 855 von 1446 abgegebenen Stimmen gewählt. Der zionistische Kandidat Adolf Stand erhielt 454 Stimmen. Brody (Mußte es so kommen?) Eine stürmisch bewegte Wahlperiode liegt hinter nns und was am meisten bedauerlich ist, dieselbe brachte keinesfalls ein den Brodyer Wählern geuehmes Resultat. Der von allem Anfänge an mit Hochdruck in den Wahlkampf eingetretene Kandidat Herr Dr. Josef Gold'ist zum Abgeordneten gewählt worden. Es ist dies das erste Mal, daß die Stadt Brody, die von jeher bei der Wahl eines Abgeordneten aus dem Städtebezirke Brody-Zloczow tonangebend war, einen von den Wählern der Stadt Zloczow nominirten Kandidaten atzeptiren mußte. Und doch wäre die Wahl eines Abgeordneten durchführbar gewesen, der schon vermöge seines Standes und seiner jüdischwissenschaftlichen Bildung der Berufenste wäre, Brody, die galizische Stadt der jüdischen Intelligenz Lut sxoobeu und gleichzeitig auch die Interessen des Judentums im allgemeinen im Reichsrate zu vertreten. Dr. R o s e n m a n n, Rabbiner in Wien, hat sich obschon er erst im letzten Stadium der Wahlbewegung als Bewerber um das Mandat auftrat, durch seine in Form, Inhalt und Takt gleich ausgezeichnete Programmrede, seine treffenden Jnterpellationsbeantwortungen wie auch durch seine Persönlichkeit die Sympatien aller Wahlkreise erworben. Seine Kandidatur wäre die einzig richtige, die bestehenden und noch mehr den geschaffenen Verhältnissen entsprechendste gewesen, wenn nicht durch Uebereifer und Verkennung der Situation seitens mancher jüdischer Kreise die Machtfaktoren des Landes veranlaßt worden wären, die Wahl des Dr. Gold gegen den Wunsch der Brodyer durchzusetzen. Habeant sibi! Krakau. Während seines hiesigen Aufenthaltes empfing Handelsminister Dr. Forscht auch eine Deputation der israel. Kultusgemeinde und informierte sich beim Präsidium über deren Berhältniffe. Herr Dr. T i l l e s benützte die Gelegenheit, um dem Minister die Wünsche der israelitischen Kaufmannschaft vorzubringen. Insbesondere die derzeitigen Vorschriften über die Sonntagsruhe seien für die jüdische Kaufmannschaft in Galizien, welche zum weit größten Teile Samstag als Ruhetag feiert, sehr nachteilig, weil hiedurch die jüdischen Kaufleute, zu noch einem Ruhetage in jeder Woche verhalten werden; es sei daher zu wünschen, daß die Vorschriften über die Sonntagsruhe für solche Kaufleute neu geregelt werden. Der Minister bekundete großes Interesse für alle Fragen und versprach, insbesondere die Vorschriften über die Sonntagsruhe in der angeregten Richtung einer Prüfung zu unterziehen, und, soweit dies mit den großen Grundzügen der Sozialpolitik vereinbar, die vorgebrachten Wünsche zu berücksichtigen. Ragusa. Der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand, der in Vertretung Sr. Majestät des Kaisers die Huldigungen der hiesigen Bevölkerung entgegennahm, empfing auch eine Abordnung der hiesigen Kultusgemeinde. Auf die Huldigungsansprache des. Vorstandes erwiderte der Erzherzog: „Ich vernehme mit Genugtuung den Ausdruck loygler Gefühle, die Sie m, Namen der israelitischen Kultusgemeinde mir üb erbringen. Ich kann Sie der Gnade Sr. Majestät versichern." Breslau. Montag, den 10. d. M. vormittag hat Ihre Majestät die Kaiserin das jüdische Krankenhaus mit ihrem Besuche ausgezeichnet- Sie wurde am Portal vou Mitgliedern des Vorstandes und von den Aystaltsärzten begrüßt, und besichtigte darauf zunächst die Innere Abteilung, durch welche sie Herr Primararzt Dr. S a n d b e r g geleitete. Besonderes Interesse erweckten bei der Kaiserin die hydrotherapeutische Abteilung, das Röntgen-Zimmer und die offenen Liegehallen, in denen den .Heilungbedürftigen der günstige Einfluß der Sonne zu teil werden kann. Schließlich besuchte sie die chirurgische Abteilung und richtete auch hier freundliche Worte an die Patienten. Die Kaiserin äußerte wiederholt ihre Freude über die lichten Räume und die vorzüglichen Einrichtungen des Hauses. Vor ihrer sehr liebenswürdigen Verabschiedung »trug Ihre Majestät noch ihren Namen in das „Goldene Buch" der Anstalt ein. — Am Sonnabend mittag empfing Prinzessin Eitel Friedrich die Leiter des „Priuzeß-Louisen- Heims" in Audienz. Sie unterhielt sich längere Zeit mit den einzelnen Mitgliedern, darunter auch mit Herrn Rabbiner Dr. Rosenthal. ji0¥ (Alle Rechte Vorbehalten.) Eine Erzählung frei nach dem Talmud von Hanna Grube. (Fortsetzung.) Lea frug ihren Mann nicht, was er mit dem Rabbiner habe zu sprechen gehabt. Sie fühlte, daß das Entsetzliche nun über sie hereinbrechen wird, das seit Monaten drohend über ihr plant. „Lea!" Hub Schlome leise an, „Du bist der beglückende Traum meiner schönsten Mannesjahre, der blühende Rosenhain meines Lebens gewesen!" „Gewesen!" hauchte Lea. „£), meine Taube! Lieblich war der Lenz mit seiner Blütenfülle, .des Daseins Maieujubel voll Blumenduft und Nachtigallensang." „Deine Linke, mein Geliebter, lag unter meinem Haupt und Deine Rechte liebkoste mich!" flüsterte Lea. „Der Herbst wird kommen und der Winter und jeder fragt: .Wo ist die Frucht?£ Lieben kann das Herz nur einmal." „Das meinst Du in dieser Stunde. Ganz so, genau so wie das eine Mal liebt keiner das andere Mal. Betrachte Dir den Honig! Nimmt er nicht die Form von jedem Gefäße an, in das er gegossen wird? Und immer ist er, in anderer Form, der. gleich liebliche Honig." „Daß mir von Dir das Kind würde, Du Einzigsüße!" jammerte Schlome. „Der Herr hat mich gestraft in seinem Ingrimm!" schluchzte das Weib. „Du verstehst? Du kannst begreifen! Wer begreift, verzeiht!" „Ich weiß!" erwiderte Lea tonlos. „Ich muß, ich kann, es -— bleibt mir nur übrig, Dir' den Scheidebrief auszustellen. Leu erbleichte. „Dein Freund bin ich, solang ich lebe! Und was mein Haus an Schönem birgt, an Dingen, die Dir lieb und teuer, nimm sie mit Dir. Dir gehören sie! Und noch eins Geliebte!- Einmal wollen wir miteinander bei reichgeschmückter Tafel sitzen. Noch einmal soll es für uns werden wie damals an unserem Hochzeitstag. Dann verlasse ich das Haus —" . „Und wenn du heimkommst, stehe ich Dir nicht mehr im Weg. Welchen Tag hast Du zu der Abschiedsfeier bestimmt?" ergänzte Lea gelassen." „Den .. . nächsten Freitag. Sind doch am Freitag soviele Trauungen. Und nicht wahr, genau so wie damals wird es werden! Vergiß mir ja nicht den.bucklichen Manasse, der das Badchen war und die Gram angestimmt und mir Deine Geschenke gebracht hat! Und die Sarwerns sollen wieder Kuchen backen! Zahle sie gut, sonst stellen sie Dich diesmal mewajisch! Auch den alten Schammes, den Schaul, mußt Dü beschenken, daß er sich einen guten Tag antut, er und sein Weib. Und gib den Armen Almosen! Es sind ihrer so viele jetzt, das Elend ist groß!' Aber unglücklicher, trauriger ist keiner, als ich in diesen Tagen." „Verlaß Dich auf mich, mein Freund! Alles soll werden wie damals,, nur keine fröhlichen Vivats werden diesmal ausgebracht und der Vorbeter braucht nicht zu kommen, denn Gästewird es keine geben, denen er den Mischeberach machen muß,"' entgegnete Lea lächelnd. (Schluß folgt.)