Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 37 (21.9.1906)
- Date
- 1906-09-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37. Die Wahrheit. Seite 5. Personen arbeiteten, unter anderen auch der Stadlpräsident und der Verwalter der Kanzlei. Chwieschtschenko. Diese Koyimission zeichnete sich durch besondere Grausamkeit aus, besonders berüchtigt wurde sie seit der Verhaftung des Zentralkomitees der Polmsch sozialistischen Partei (P. P. S.) und der schrecklichen Folter, denen sie alle Verhafteten unterzog und denen viele unterlagen. Als unmittelbare Antwort auf diese Greuel kann die Bombe angesehen werden, welche die Mitglieder der Kampsesorganisation der P. P. S. auf die obgenannten Mitglieder des Bureaus geworfen haben. Zwei von den Beamten wurden getötet, Chwieschtschenko schwer verwundet. Unmittelbar nach dem Attentat soll sich Gouverneur Wolzyn geäußert haben: ..Niemals werde ich den Juden das verzeihen". In demselben Sinne äußerte sich auch nach seiner Genesung Chwieschtschenko. Die mörderischen Pläne wurden aber erst reif nach dem Attentat auf den Polizeimeister von Siedlce, das vor zwei Wochen vollbracht wurde. Da machte man sich energisch an die Vorbereitungen znm Pogrom. Da das Dubainer Regiment, welches von der revolutionären Propaganda beeinflußt ist und in Siedlce quartiert, keinen sicheren Boden für solche Streiche bildet, so wurde aus Biala das Libaner Regiment und das 39. Narwski Dragonerregiment nach Siedlce bezogen. Hier muß bemerkt werden, daß das Libaner Regiment während des Bjelostoker Pogroms „tätig" war. sich also durch „Sachkenntnis" auszeichnete. Sofort nach dem Attentat auf den Polizeimeister wurde auf dem Turm des Magistratsgebäudes eine rote Fahne befestigt. Ein junger Mann H. Hofneis fragte einen Polizisten, was diese Fahne zu bedeuten habe. Dieser antwortete: „Es ist ein Signal, daß in der Stadt eine Aufruhr (Bund) hervorgebrochen ist." Donnerstag morgens erklärte sich der Gouverneur Wolzyn für. krank und übergab die ganze Macht dem Beamten der Stadtverwaltung Rimskij-Korsakow. Daß die Kanonen noch vor Sonnabend aus Biala nach Siedlce gebracht wurden, kann aus folgenden Gründen festgestellt werden. Als die Bürgerdelegatio» beim Kommandanten der Ochrana Tichanowski um 5 Uhr morgens vorsprach, drohte dieser, daß er Kanonen ans Biala kommen lassen wird. Während aber die Reisezeit aus Biala nach Siedlce über zwei Stunden beträgt, waren schon nach Verlauf von l1/^ Stunden die Kanonen auf den Straßen aufgestellt. Die Hauptrolle in der Organisation des Pogroms haben Offiziere des obgenannten Libaner und Narwski Regimentes gespielt. So erzählt der Gemeinde-Sekretär Tschatzkis, daß er 10 Tage vor dem Pogrom zwei Offiziere des Libaner Regimentes bemerkte, welche in der Stadt herum gingen und die Hausnummern der jüdischen Häuser und Läden und die Namen ihrer Eigentümer notierten. In der stacht von Sonnabend auf Sonntag, als die Wohnung von eineyt gewissen Lewin revidiert wurde, hörte Tschatzkis, wie ein Offizier fragte: „Und wo ist die Nummer 56". Die Nummer des Hauses 56 war bereits früher notiert worden, weil sich dort die größten und reichsten jüdischen Läden befanden, so das Geschäft von Glowitschower und andern. Aus diesem Hause wurde ein älterer Jude herausgeführt, der Offizier forderte von ihm Geld. Da der Jude kein Geld hatte, wurde er vor dem Hause ermordet. Die ersten Nachrichten aus Siedlce lauteten, daß die jüdischen Läden von durchreisenden beurlaubten Soldaten geplündert wurden. Doch hat sich erwiesen, daß diese Gerüchte lügenhaft waren. In ganz Siedlce befand sich ein beurlaubter jüdischer Soldat, der von den Soldaten im Rathause ermordet wurde, weil er ihnen seine Uhr und sein Geld nicht geben wollte. Ein anderer jüdischer Soldat, der vor einigen Tagen aus fernem Osten zurück kam und bei seiner Familie weilte, wurde schwer verwundet. Auch die ..Schwarze Hundert", welche in Siedlce sehr zahlreich ist, und im Teehaus des Antialkoholvereines ihren Sitz hat, wurde in die Aktion nicht hineingezogen. Es war nur einzig und allein das Militär, welches unter der Leitung der Offiziere das Werk des Mordes, des Raubes und der Vernichtung vollbrachte. Interessant ist auch, daß der- Kriegsgeneralgouverneur Engelke am Sonnabend, das heißt am Pogromtage, die Verordnung erließ, daß die Geschäfte Rs 10 Uhr abends geöffnet sein können, während sie sonst schon um 8 Uhr geschlossen werden mußten. Die Patrouillen erschienen in jedem Geschäfte mit den Worten: „Heute könnt ihr eure Geschäfte bis 10 Uhr offen lassen, handelt frei, bis ihr satt werdet." Toten-Liste (unvollständig). Dwojra Feigenbaum 16 Jahre, Mordko Möller 40 Jahre, Majer Wulf 33 Jahre, Jzaak Weinberg 40 Jahre, Abraham Rafal 25 Jahre, Mendel Feinblum 38 Jahre, Hersch Dnla 22 Jahre, Bereg Schklasck 40 Jahre, Gabriel Sonnheim 26 Jahre, Feiwel Ratanewitz 27 Jahre, Chaim Liebermann 50 Jahre, Chan Liebadler 20 Jahre, Bluma Burstyn 45 Jahre, Hendla Weinstein 50 Jahre, Mordko Goldberg 27 Jahre, Majer Solasch 17 Jahre, Nuchim Sluschny 18 Jahre, Chana Swienconykamen 17 Jahre, Rosen 14 Jahre, Chana Leibchaner 30 Jahre. * * * Der Hilfsverein der deutschen Juden erhielt von einer angesehenen und vertrauenswürdigen Persönlichkeit in Warschau folgenden Bericht: „Warschau, 14. September. Meine teuren Freunde! Es ist bekannt geworden, daß ein schreckliches Blutbad den Juden in Warschau bereitet wird. Es steht dies fest. Wir haben das von einigen liberal gesinnten russischen und polnischen Offizieren erfahren. Auch jüdische Soldaten erzählen dasselbe. Die Chefs der hiesigen Regimenter haben in den Kasernen alle Soldaten (die Juden ausgeschlossen) versammelt und hielten vor ihnen heftige, aufrührerische Reden gegen das Judentum im allgemeinen und insbesondere gegen die Warschauer Juden in bekannter Art und Weise. „Aber nahe sei der große Tag, den der Zar selbst festgesetzt hat, an dem die Abrechnung mit den Gotlverhaßten endlich stattfindet, um arn ihren Händen sein Volk, seinen Glauben und sein Land zu retten. So seid denn bereit. 90.000 Rubel seien von a. h. Stelle zur Verteilung unter die in Polen dienenden Soldaten bestimmzum Zeichen der a. h. Anerkennung ihres treuen Dienstes Kurz, es unterliegt keinem Zweifel, daß uns ein schreckliches Blutbad bevorsteht. Wir sind hier ganz machtlos. Alle Türen sind vor uns geschlossen. Unsere einzige Hoffnung sind unsere Brüder und edle zivilisierte Christen im Westen. Das Schwert hängt über unserem Hals, die Todesgefahr schwebt vor unseren Augen. Um Gottes willen, rettet, helfet. Lasset die Presse ihre Stimmen erheben. Erwecket alle Männer der Schrift und der Tat, alle, die ein Herz besitzen. Redet zu den Großen, wirket ein auf jedermann, der Einfluß i und Macht besitzt. Lasset nach Petersburg drahten (von hier! aus ist es unmöglich). Tuet, was euch möglich ist. Rettet dir! größte jüdische Gemeinde vor Tod und Verheerung, behüte! Gott. Ich unterzeichne meinen Namen nicht aus selbstverständ-! lichem Grunde, ihr kennt aber meine Handschrift." j Die Gmweitznng des Kaiser Kran;! Josef Jubiläums Tempels in Prag. j In überaus feierlicher Weise fand letzten Sonntag, 11 Uhr i vormittags, die Schlußsteinlegung und Einweihung des herrlichen! Prachtbaues in der Jerusalemsgasse statt. Lange vor Beginn der! Festes war das Gotteshaus in allen seinen Räumen mit Gästen! gefüllt, welche im Vestibüle von dem Exekutiv-Komitee, an der! Spitze der Obmann Ottomar R o s e n b a u m und der Architekt! Baurat Stiaßny aus Wien, begrüßt wurden. I Die Kultusgemeinden von Prag und dessen Vorstädten, i sowie viele auswärtige Kultusgemeinden und Korporationen - hatten Vertreter entsendet. So waren erschienen: der Präses der Prager israel. Kultusgemeinde Dr. Rosenbacher, ferner Delegationen aus K a r o l i n e n t h a l, S m i ch o v, Pilsen. - Gablonz, Jglau u. s. w.; ferner Kommerzialrat Grab, kais. Räte Andres, Klatscher und Knbik, Kommerzialrat; Schalek u. A. Kurz vor 1l Uhr erschienen die Vertreter der Prager! Stadtgemeinde und der staatlichen Zivil- und Militärbehörden: > Bürgermeister Dr. Gros mit zwei Stadträten, Polizeidirektor ■SK .lUiiJimmTmiin