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Die Wahrheit · 1906-09-21 · Heft 37 (21.9.1906) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 37 (21.9.1906)
Date
1906-09-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 37. schickten, um seine trefflichen Anlagen auszubilden, und wie ihren Augapfel behüteten, damit sein Gemüt edel, sein Herz rein bliebe auch im regen Verkehr mit den verschieden gearteten Kindern seiner Umgebung. Bis zu seiner Konfirmation blieb er daheim und war die Freude des Vaters, der Stolz der Mutter. Um seine Kenntnisse zu bereichern und seinen Charakter gedeihlich fortzuentwickeln, schickten die fürsorglichen Eltern den Sohn nach der feierlichen Einsegnung in eine auswärtige,' von der Heimat weit entfernte höhere Unterrichtsanstalt und widmeten beträchtliche Summen der kostspieligen Verpflegung, der Erziehung und dem von vielen Lehrkräften erteilten Unterricht ihres Kindes, das sie ja als ihren höchsten Schatz aus Erden betrachteten. In der ersten Zeit ging auch alles nach Wunsch. In jeder Woche kamen etliche Briefe, die eine wahre Erquickuug für die Elternherzen waren. Aber es wurde anders. Der Fleiß des Schülers nahm ab, die Lehrer fingen an, über Mangel an Aufmerksamkeit zu klagen, er verschwieg jeden Tadel, immer spärlicher kamen die Berichte, immer kühler gestaltete sich das Verhältnis vom Sohn zu Vater und Mutter, zur tiefsten Betrübnis derselben. Böse Gesellschaft verleitete ihn zu Unfleiß und führte ihn aus abschüssige Wege, verlockte ihn zu unkindlichen, häßlichen Handlungen, raubte ihm die Reinheit und den Zauber kindlichen Gemütes, kurz, er wurde zuchtlos, sittenlos und sank von Stufe zu Stufe. Welchen Kummer, welche schwere Tage und schlaflose Nächte dies den Eltern daheim bereitete und wie wenig die Ermahnungen von ihnen und von den Lehrern und Freunden bei dem täglich mehr und mehr verstockt werdenden Jüngling nutzten, ist kaum zu sagen. So vergingen viele Wochen und Monde bis der Tage nahte, da der Baumeister, wie alljährlich, im Kreise seiner Familie und zahlreicher Freunde ein Fest feierte zum Andenken an das erste und größte Haus, das ihm aufzubauen gelungen war und das ihm vor vielen Jahren Ruhm und hohe Würden begründet und gesichert hatte. Auch in diesem Jahre ergingen, wie sonst, die Einladungen zu diesem Feste; dies erfuhr der Sohn und wenige Tage vor Anbruch des Festmorgens machte er sich aus, einer inneren Stimme, die ihn heimrief, zu folgen und in das einst so liebe Hans zu eilen, in dem die treuesten Nächsten diesmal schweren, bekümmerten Herzens seiner Ankunft entgegenharrten. Schon hatten sich einige Freunde des Hauses zur Beglückwünschung eingesunden, da erschien als der Gäste letzter der Sohn des Hauses. Aber wie? Mit entstellten Zügen, mit wirren Haaren, schmutzigen Händen, bestaubten, zerrissenen Kleidern. Die Festgeber erbleichten, Scham überzog ihr Angesicht. Zornesröte flammte aus der düster gefalteten Stirn des Vaters, der einen knorrigen Stab ergriff, um den entarteten Sohn zu züchtigen. Die Gäste hatten sich verlegen entfernt. Da trat die Mutter schluchzend zu dem Gatten, ihn zu beruhigen, und versprach, alles auszubieten, um das Kind ihres Herzens zurückzuführen zur Pflicht und Ehre. Und wirklich gelang es ihrer Umsicht und Weisheit, den jungen Sünder, nachdem sie ihn ins Verhör genommen, ihn gereinigt und mit neuen Gewändern bekleidet hatte, in kurzer Zeit umzuwandeln. Nach Verlauf einer Woche schon trat er reuig vor seinen Vater und sprach: „Mein Vater, ich habe Deinen Zorn verdient. Züchtige mich, denn ich geriet in schlechte Gesellschaft, die mir alles Verbotene und Unziemliche so reizvoll ausgemalt, daß ich in meiner Schwäche und Blindheit nicht widerstehen konnte. Ich habe vergessen die guten Lehren der Kindheit, . mit denen die grenzenlose Liebe meiner Eltern mich ausgerüstet hatten, bevor ich in die Fremde gezogen war. Wäre ich nicht jetzt heimgekommen, ich wäre ganz verdorben — ein Verlorener geworden. Ich bereue es, mein Vater, züchtige mich, strafe mich und vergieb!" Diese Worte besänftigten den um Jahre gealterten Vater, er umarmte seinen Sohn, sah ihm wieder väterlich liebevoll in das Auge, dankte gerührt der glückselig dreinschauenden Mutter und — verzieh. „Jetzt kam die Stunde/ so sprach er, „wo wir das Versäumte nachholen wollen. Jetzt ladet mir alle unsere Freunde, groß und klein, reich und arm, ein, und lasset mehrere Tage uns der Freude hingeben. Schmücket das Haus mit Licht und Blumen, schaffet die besten Speisen und Getränke herbei; Musik, Gesang und Reigentanz soll auch nicht fehlen. Fröhlich wollen wir sein' bevor Du wieder in die nun näher gelegene Schule zur Fortsetzung Deiner Studien Dich begibst, mein Sohn!" Hochbeglückt ob solcher Elterngüte vollzog sich im Innern des Jünglings die Wandlung zum Guten, er faßte edle Vorsätze, um dieser Liebe täglich würdiger zu werden, er gelobte, seinem Familienhause Ehre und Freude zu bereiten. Schon nach acht Tagen, nach Schluß der Ferien, wollte er abreifen in die neue Anstalt und durch Lerneifer und gute Lebensführung beweisen, wie ernst und aufrichtig er es meine. Alle Freunde des Hauses strömten zusammen, um nachzuholen was der Hausherr an Vergnügungen aller Art am Wiegenfeste seines Ruhmes zu bieten geplant hatte. Fest folgte auf Fest, Lust reihte sich an Lust, ohne daß der Armen vergessen wurde. Als der Tag vor de 2 Sohnes Abschied heranbrach, da war es den Eltern gar wehmütig ums Herz, manche Träne floß, es stieg wieder auf die Sorge um die Zukunft ihres Lieblings und zugleich der Zweifel in der Seele der zärtlichen Gatten,. ob ihre Saat, ihre neue Aussaat, unter soviel Schmerz gestreut, auch Früchte tragen werde. Da holte die Mutter aus dem Kämmerlein, in dem sie täglich zu Gott gebetet hatte und mit emer köstlichen Handarbeit in diesen letzten Tagen viel beschäftigt gewesen war, einen sorgfältig umhüllten Gegenstand hervor und überreichte ihn in Gegenwart ihres Mannes dem scheidenden Sohne zum Andenken. Es war ein von ihr selbst gemaltes Bild seines Vaters, vorzüglich getroffen, in einem kunstvollen Nahmen, in die sie Vergißmeinnicht, naturgetreu eingebrannt hatte. Unter dem Bilde aber waren Schriftzeichen von ihrer Hand. Bewegt und tief ergriffen erfaßte der Jüngling dieses Andenken und unterbrochen vom Schluchzen las er seiner Mutter Gedicht: „In Freud und Schmerz leg an Dein Herz dies Bild und diese Blüte, Sei gut und fromm! So geh und komm' in Treue und voll Güte, Zu uns zurück — zu Deinem Glück!" Deine Mutter. Unfähig zu.sprechen, preßte er die Mutter an sein Herz. Als er das Bild, nachdem er es geküßt, am Busen verbergen wollte, nahm es der Vater aus seiner Hand und befestigte daran eine goldne Kette und legte es ihm um den Hals. Dabei sprach er: „Wirst Du's in Ehren tragen, so stelle ich Dir in Aussicht, jede Woche und jeden Monat, nachdem Du uns vom redlichen Fortgang Deiner Arbeiten berichtet haben wirst, eine kleine Freude zu machen. Im Winter, wenn die Eisdecke die Erde umrindet und Dunkel sie umhüllt, und dann, wenn der erste Sonnenstrahl sie schmilzt und das Dunkel weicht, werden wir zu Dir kommen, um Dir ein Angebinde von bleibendem Wert für Geist und Gemüt zu überreichen. Du aber sollst auch an unserem Tische mehr als einmal im Jahre erscheinen; Du sollst kommen an Deinem Geburtstage, mein Sohn, der fällt in den Frühling, wenn die ersten Blüten den Boden verlassen, und zum Geburtstage der Mutter, das wir hier nunmehr alle Jahre zusammen feiern wollen." Worte hatte der Sohn nicht, als er dies Abschiedswort vernahm, aber in seinem Gesichte verriet jeder Zug heißen Dank und heiliges Versprechen. Mit dem mütterlichen und väterlichen Segen schied er von dannen. In der neuen Fremde, so oft ihm eine. Versuchung nahte, so oft wieder eine böse Gesellschaft sich ihm aufdrängte, so oft der niedrige Geist seiner Umgebung ihn von Sittsamkeit, Fleiß und Arbeit und von der Erfüllung seiner Vorsätze abführen wollten, da griff er nach des Vaters Bild und der Mutter Lehre und Mahnung und er strauchelte und fiel nicht mehr, sondern blieb standhaft und fest, wurde wieder gut und fromm, ein echter und rechter Sohn seiner Eltern, und der reichste Segen folgte seinem Tun bis zum heutigen Tage. (Schluß folgt). Der Pogrom in Siedtee. Das zionistische Aktionskomitee in Köln erhält von seinem, nach Siedlce gesandten Spezialberichterstatter folgende ausführlichen Nachrichten über die Vorgeschichte des Pogroms: Der Pogrom kann als Racheakt seitens des Gouverneurs von Siedlce Wolzyn angesehen werden. Vor einigen Monaten gründete er ein spezielles geheimes Bureau, in dem einige

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