Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 37 (21.9.1906)
- Date
- 1906-09-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3062972-3063316-3063353--04454-3071297- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ahfyert yiebaftioit u. Sldmiiiistlalio»: ttzieu, II/, Novaragasse 27. Ti-lephou Nr. der Druckerei I5SUL. Jirseraio SS'Hell, ver Nonvareille-^eiie. -lbonnementSu. Jnieitiousdeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. nakhängige Heitfchrift für jllöifche Iniere^en. Erscheint jeden Areitng. Motto : „Da.» Siegel Gottes ist Wahrheit!“ J Verugspyei»: II Ganzjährig ... ft nt.— j| Halbjährig . K. 8.- |I .! Für Cultusbeamtc. I Ganzjährig ... ft.!«!.- I Für tfudlaiib . i Ganzjährig . . . s Mark ü Rubel aber >6 ,scs Ur. 37. Wien, 21. September 1906. Inhalt: Der TJnssane Tokef und die Zarenregierung. — Unsere Feiertage. — Der Pogrom in Siedlce. — Die Einweihung des Kaiser Franz Josef Jnbilänms-Tempels in Prag. — Der Stammbaum des deutschen Kolonialdirektors. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Exeelsior. — Zur Organisation. — Ausländische Kultusbeamte in Preußen. Allen geehrten Herren Abonnenten, Lesern, Freunden und Mitarbeitern unseres Blattes entbieten wir die herzlichsten Glückwünsche zum Jahres-! Wechsel. Die Redaktion. - | Der Unssane Tokef und die Zaren i regiernng. In holder Friedenszeit, wenn es der leicht vergessenden! menschlichen Gesellschaft gegönnt ist, bei blühenden Gewerben, bei Ausbreitung der Wissenschaften und Künste im gemütsheiteren Fleiße die Wunden zu heilen, welche sie von den Peitschenhieben wilder und verwildeter Jahrgänge davon getragen hat, im Atmen der frischen, in schweren Kämpfen errungenen Freiheitsluft verliert der mit seinen erschreckenden Lebens- und Sterbensbildern wiederkehrende Unssane Tokef den größten Teil seiner Schauerlichkeit. Er figuriert da nur als ein Rühr- und Zugstück kantoraler Kunst. Die Anfangs- und Schlußeffekte: Leben, Sterben, Armut, Reichtum, Hoheit und Niedrigkeit sind allerdings jederzeit gewaltige Glockenschläge, die das menschliche Herz erzittern machen. Doch das mittlere, reichhaltige Register: Wer gesteinigt, wer wilder Tiere Fraß, wer des Schwertes Beute, des Hungers und des Durstes Raub, wer erwürgt, wer zerfleischt, wer zerrissen, wer verbrannt, wer ertränkt, wer in die Irre getrieben werden soll — wem konnte man damit bange machen? Leben wir doch im Schutze der Gesetze, in der Obhut vorsorglicher Regierungen! Erst den Berichten ans dem jammervollen russischen Reiche, die uns seit Kischenew an jedem Morgen das Frühstück vergällen, die Lust des Tages trüben, den Schlag des Herzens hemmen, die uns die furchtbaren Vorstellungsbilder jener See- und Landschlachten, der erfrierenden und verschmachtenden Verwundeten, der beschossenen und geplünderten Städte, der zerstörten Neichtümer Vorhalten, die verleihen wieder unserem Unssane Tokef das volle Gewicht seiner Schreckhaftigkeit, die erregenden Farben, welche die Weh- und Jammerruse verschollener Jahrhunderte, die Zeiten des Marius und Sulla in Rom, unseren entsetzten Sinnen nahe bringen. 0 tempora, o mores! Und wir sehen es mit Schaudern an? Wir vernehmen es mit über den Rücken fahrendem Gruseln? Wir erstarren und lassen es über uns ergehen? Müssen es denn immer nur die letzten Reste der feinfühligen Volksschichten, die wenigen, ihre Zeit überragenden Parlamentarier sein, welche die Minister der europäischen Großmächte tränenden Auges anflehen, in Rußland doch etwas zur Ehrenrettung unseres Zeitalters zu versuchen? Und müssen es immer diese Minister sein, welche mit dem Hinweise aus die Untunlichkeit zur Abrüstung mahnen? Können sich diese Minister, die Vertrauensmänner der Kronen und Parlamente, nicht auch einmal angesichts der Regierungsgreuel in Siedelce aus eigener Menschlichkeit angeregt fühlen, das zu tun, was solche Unmenschlichkeit geradezu herausfordert? Hat sich nicht England ein schönes Blatt in der Zeitgeschichte erworben, als es den diplomatischen Verkehr mit der serbischen Regierung verweigerte, weil sie Königsmörder in hohen Aemtern duldete? Das Gleiche am Zarenhose geübt, welcher ja von lauter volksmörderischen Würdenträgern, Ministern, Gouverneuren und Prokuratoren starrt, wäre sofort die Rettung Rußlands. Die augenblickliche Abberufung aller westländischen Botschafter und Konsuln, die Nichtanerkennung einer solchen anarchistischen Regierung, wie sie jetzt in Rußland tollhäuslerisch wütet, wäre die sofortige Erlösung der wehleidenden Menschheit. Denn der Zar und seine Regiernng Hütten dann zu fürchten, daß erbarmungsvolle und auch die von der russischen Regierung so arg betrogenen Kapitalisten den russischen Freiheitshelden, von keinem behindert, Waffen und Kanonen beistellen würden, mit deren Hilfe sie eine andere, menschenwürdigere Regierung in Rußland zustande brächten. Denn der Unssane Tokef ist noch in einem andern Sinne eine große Wahrheit. Nicht nur über die Menschen, auch über Ideen und Regierungsmaxime fällt das Gottesurteil, welche von der Erde schwinden, welche neu kommen müssen, sei es auch auf dem schrecklichen Wege durch Totschlägen. Herabzerren, zu Tode schleifen der Gott- und Menschenschänder bis zum endgiltigen Siege des Erbarmens. Rachamuna lizlon! Dr. M. L. Stern. Unsere Feiertage. Ein neue Parabel für jung und alt von Dr. D. Leimdörfer-Hamburg. Im fernen Osten lebte ein berühmter Baumeister, ein Mann von hohen Geistesgaben, vornehmen Sinnes und edlen Herzens, verehrt und geliebt von allen, die ihn kannten. Ihm zur Seite stand eine treue Lebensgefährtin, schön und hoheitsvoll, aber zugleich milde, bescheiden und wohltätig, eine Frau, die um ihres holden Tugendschmuckes willen, aber auch wegen ihrer großen Klugheit der Mittelpunkt zahlreicher Kreise der Gesellschaft geworden war. Sie hatten einen Sohn, den sie mit seltener Liebe und Zärtlichkeit erzogen, in die besten Schulen