Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 36 (14.9.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 8. . Die Wahrheit Sir. 36. Ein großer Teil der Beratungen galt der Festigung und dem , weiteren Ausbau der Organisation. Für das Institut des „Indischen! Nationalfonds," aus desien Mitteln Boden für das jüdische Volk in! Palästina gekauft werden soll und der aus kleinsten Spenden bereue bis! zu einer Höhe von eineinhalb Millionen Francs angewachsen ist, wurde die gesetzliche Form geschaffen. Das Statut der Jüdischen Kolonialbank j wurde dahin festgelegt, daß ihre kolonisatorische Tätigkeit auf Palästina und den Orient begrenzt wird. Diese Festlegung bedeutet eine definitive , Absage an alle etwaigen Bestrebungen, ^eine Heimstätte für das jüdische - Volk anderswo als in Palästina zu schaffen. j Die Jahreskonfereuz nahm weiters die Berichte der Propaganda j und der volkswirtschaftlich-statistischen Kommission entgegen, deren Arbeiten j einen immer größeren Umfang annehmen. Großes Interesse boten die Mitteilungen des Vorsitzenden der Kommission zur Erforschung der Ursachen und Wirkungen der Pogrome, deren Ergebnisse in einem groß angelegten Werke der Oeffentlichkeit vorgelegt werden sollen. Anläßlich der Jahreskonferenz gab die zionistische Vereinigung in Köln zu Ehren der Gäste einen Festkommers, der von zirka 1000 Personen besucht war. Großen Beifall fanden dabei die Vorführungen des jüdischen Turn-Vereins. München. Die „Münchener Neuesten Nachrichten" veröffentlichen! die nachstehende, am 19. Juni 1806 ui der „König!. Baierischen Staatsj zeitung" unter der Ueberschrift „Ueber die Lage der Juden in Deutschj land" erschienene Korrespondenz aus Breslau, welche als Hundertjahr- Ermnerung Interesse verdient: ,>Sie wundern sich, daß so viele Juden in Breslau sich taufen lassen. Wäre Ihnen die Lage und die Denkungsart dieser Menschen so bekannt, wie mir, Sie würden sich weniger wundern. Mehr als die Hälfte derselben hat nur eine natürliche Religion und setzt sich öffentlich über die Zeremonialgesetze hinweg. „Könnten sich diese nicht alle taufen lassen?" — Freilich; aber einige fürchten, des Eigennutzes von beiden Parteien beschuldigt zu werden; andere glauben, dieser Schritt sei wider Gewissen und Ehre: noch andere sind Juden aus Gewohnheit, oder weil es ihre Eltern auch waren. Nur die wenigsten sind wahre Juden und, wie sie glauben, aus Grundsätzen. — Die Lage der Juden ist hier, für die ehrlichen und vernünftigen unter ihnen, schlimmer, als in jeder anderen Stadt in preußischen Landen Der alte Haß und die Verachtung von Seite des Bürgerstandes har, seitdem der Jude sich mehr innerlich und äußerlich gebildet und einige Handlungsfreiheit erhalten hat, eher abals zugenommen. Freilich hat die Humanität und unparteiische Gerechtigkeitsliebe mehrerer angesehenen Personen (deren Namen ich hier ungern verschweige) auf die Beförderung der Toleranz hingearbeitet, viel Gutes geweckt und noch mehr Böses verhindert. Es ist aber noch vieles zu tun übrig, und das von einer Seite, die am wirksamsten sein könnte. Es leben hier gegen dreitausend Juden (die Familien sind sehr kinderreich); davon haben einige schon von Friedrich dem Einzigen die ausgedehntesten Freiheiten eines Kaufmannes, sechs bis acht Familien aber .erst vor einigen Jahren und nach langen Prozessen die Erlaubnis erhalten, mit einigen Artikeln en detail zu handeln. Mehrere leben von Geldmäklerei und Wechselgeschäften; manche gehen dabei zugrunde; einige aber werden geschwind reich und vergrößern dadurch den Haß und Neid im ganzen. Künstler (die hier alle zu einer oder der anderen Zunft gehören und das Zwangsrecht haben), Handwerker und Taglöhner sind sehr gegen die Juden eingenommen, und mehrere nehmen keinen Lehrling auf. Nur erst seit einigen Jahren und mit vieler Mühe hat es die königliche Kammer, die alles aufbietet, um die Industrie bei den Juden zu fördern, in Breslau dahin gebracht, daß zwei Maler jüdischer Religion hier sein können, und in den kleineren Städten durch Belohnung der Meister und ernsthaftes Benehmen gegen die Vorurteile der Vorgesetzten, daß Lehrjungen und Meister ausgenommen werden." In derselben Nummer meldet die „König!. Baierische Staatszeitung": „In Prag macht es viel Aufsehen, daß der Sohn und Erbprinz des regierenden Fürsten Wilhelm von Ausersperg mit Genehmigung feines Vaters die Tochter eines getauften Juden, der aber ein Millionär ist, heiratet." Petersburg. Ende Oktober tritt in Petersburg ein Kongreß des Verbandes zur Erreichung der Gleichberechtigung der Juden zusammen. Der Kongreß wird über die Frage der Beteiligung der Juden an der bevorstehenden Wahlcampagne beraten. Kertsch. 9. September. Auf dem Boden der Hauptsynagoge explodierte eine Bombe. Eine Person wurde getötet, eine andere verletzt. Die Synagoge wird von einer Militärpatrouille bewacht. ßrcelstor (Alle Rechte Vorbehalten.) Eine Erzählung frei nach dem Talmud von Hanna Grube. (Fortsetzung.) „Raten Sie mir, was soll ich tun, ich armer, geschlagener Mann!" bat Schlome am Schlüsse seiner Rede. „Gewiß ist Nachkommenschast gesegnete Gottesgabe!" antwortete der alte Mann überlegend, „die gesegnetste von allen. .Doch die Liebe auch zu einem treuen Weib ist Himmelssegen. Selbstlos macht auch sie, und was uns selbstlos macht, das kommt von oben. Nach oben führt es, zum Herrn, zum reinsten Ideal." „Nur wenig Männern ist das Kind versagt. Wie viele Wissens auch nicht zu schätzen!" klagte Bruchstein. „Vielen Männern ist beides beschieden worden, das geliebte Weib und vom geliebten Weib das heißersehnte Kind. Und Weib und Kind ist ihnen vom Tod grausam wieder geraubt worden. Warum? Verschieden sind die Lose der Menschen. Verschieden wird Glück und Leid zugemessen! Keinem aber bin ich noch begegnet, der nicht gemurrt hätte: ,Jch bin zu kurz gekommen? Und, verehrter Herr, es leben der Väter viele, die in Verzweiflung ihre Kleider zerreißen, weil Kinder Schmach und Schande über ihr graues Haupt gebracht haben. Wenn Sie versuchen möchten, ihr Unglück von diesem Standpunkt aus zu betrachten." „Es war der letzte Wunsch'meines sterbenden Vaters, daß sein Name, den er durch ein Leben voll Mühe und Arbeit zu Ansehen gebracht hat,' in seinen Kindeskindern weilerlebe. Deshalb mußte ich ihm auch versprechen, zu heiraten," antwortete Schlome. „Dann freilich stehen Sie vor schwerer Entscheidung!" sagte Ascher teilnahmsvoll. „Sie haben zu wählen zwischen der kinderlosen Frau, der ihr Herz gehört"-Neumann zögerte. „Und?" srug Schlome erregt. „Es ist dem Manne gestattet, von der Kinderlosen sich zu trennen und sich mit einem anderen Weibe zu verbinden." „Und was soll aus Lea, aus meiner armen, geliebten Lea werden?" schrie Schlome auf. „Sie haben ja volle Freiheit für Ihre Entschlüsse. Nur Ihr Herz ist maßgebend. Wenn zwei Menschen sich lieben, ist Scheidung ein Schnitt ins gesunde Fleisch." Lange starrte Schlome wortlos vor sich hin. „Wie soll das arme Weib diesen neuen Jammer überwinden! So schwer bedrückt sie die Kinderlosigkeit! So heiß ersehnt sie die Mutterschaft! Nun soll sie gestraft noch werden für ihren tiefsten Schmerz!" seufzte Schlome. „Wenn es zum Auseinandergehen kommt, was ja ganz in Ihrer Hand liegt, so bin ich gewiß, sie werden alles tnn, was in Ihrer Macht steht, das Schicksal der beklagenswerten Frau zu erleichtern. Sie sind ein reicher Mann. Geld ist nicht Heilmittel für jedes Weh. Wohl uns, wäre dem so. Aber es vermag viel, viel! Es kann Zerstreuung bringen!" beruhigte der Rabbiner. „Zerstreuung bei solchem Leid?" Schlome schüttelte wehmütig den Kopf. „Doch! Glauben Sie mir. Vergessen Sie nicht, daß Frauen allzeit Kinder bleiben! Darin liegt gerade so viel Reiz für uns Männer! Wer die Frauen zu beschäftigen weiß, hilft ihnen stets über die ersten und traurigsten Stunden hinweg und gewinnt den mächtigsten aller Bundesgenossen, die Zeit, die Allheilerin. Haben Sie sich zu dem traurigen Schritt entschlossen, erteilen Sie Ihrer Frau den Auftrag, ein Festmahl zu bereiten, wie jenes an Ihrem Hochzeitstage ist gewesen. Daß Sie nur wohl Acht habe, genau wie jenes! Daß nur nichts vergessen werde! Nach diesem Bankett übergeben Sie ihr das betreffende Dokument, erlauben ihr aber zugleich, aus ihrem Hause mitzunehmen. was ihr das kostbarste und wertvollste Gut erscheint. Dann verlassen Sie das Haus und wenn Sie wiederkommen —" „Kein Wort mehr! Ich beschwöre Sie!" unterbrach ihn Schlome. Die Türe war aufgetan worden! Der Gedanke war eingetreten! Ganz klein erst, wuchs er, wie bösartige Riesenkinder wachsen. Und hackte sich ein und ließ sich nicht verscheuchen. Schlome kämpfte mit ihm, aber endlich unterlag er, und an diesem Tag trat Schlome in Leas Zimmer, die Scheidung vorzubereiten. „Lea," fing er an, „erinnerst Du Dich an Onkel Baruch?" „Wie sollt ich nicht? Gott segne den alten Mann." Schlome besann sich ein Weilchen. „Neulich verbrachte ich ein paar Stunden bei Schmul Lewi." „Da hast Du recht getan. Du solltest ihn nicht vernachlässigen. Er ist ein so guter, braver Mann. Feigeles Geburtstag war vor etlichen Tagen. Da Hab ich ihnen geschickt, was ein Fest gibt für Eltern und Kinder. Gefreut werden sie sich haben." „An alle denkest Du voll Güte!" seufzte Schlome. „Ich habe Ascher Neumann ausgesucht." (Fortsetzung folgt.)