Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 36 (14.9.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Oesterr.-unaar. Kantoren -Mmm. Emannel Kirschner. Zum 25jährigen A m t s j u b i I ä u m i n Manche n. Bon Eugen Dawison (Teplitz). Mancher trägt das, was er getan — und auch nicht getan, an seiner Brust, Medaillen und Orden! Es gibt sogar Orden, denen eine Ehrenbezeugung zukommt, und sehr ost habe ich als einstiger „Dreiundsiebziger" auf Schloßwache vor solchen mit Orden ausgezeichneten Männern das übliche Honneur erwiesen. „Mit Gewehr über stillstehen" heißt es diesbezüglich im Reglement. Auch heute heißt es einem Ordensritter ein Honneur erweisen, aber es ist ein Ritter „vom Geiste" und die Denkmünze hat er sich selbst geprägt. Die Ehrenbezeugung heißt, um ein Wort Robert Schumanns zu zitieren: „Hut ab, hier ist ein Talent." Und wem gebührt sie? Unserem Emannel Kirschner, der auf eine 25jährige Tätigkeit in der jüdischen Gemeinde der Laierischen Residenz zurückblicken kann. Käme nur sein kanwrales Wirken in Betracht, so hätte bloß aus dem Orte seiner Berufstätigkeit ein Hymnus der Dankbarkeit die Festesmelodie anzustimmen. Dieser Mann ist aber nicht bloß der Kantor für München, er ist auch der Vorsänger für seine Berufsgenossen geworden und hat ihnen seine Inspiration durch Kompositionen von dauerndem Wert nahegebracht. Nun, wäre das etwas so Verdienstvolles, könnte man einwenden, wird nicht genug des Guten getan? Beantworten wir uns zuvörderst die Frage: Wer hat Talent? Talent hat jeder dafür, dem er leben serhaltende Kräfte zuführen kann! Wollten wir mit diesem Maßstabe messen, so wäre die Ausbeute seit dem Erscheinen unserer richtunggebenden synagogalen Gesangsliteratur eine ziemlich dürftige. Zeder gebildete Mensch verfügt heute über einen glatten, prägnanten Styl; ist damit schon der Befähigungsnachweis zum Schriftsteller erbracht? Oder gar zum Poeten? Die suggestive Kraft, ein Stück Leben gewissermaßen in die Psyche des andern hinüberzuleiten, als wäre es „Fleisch von seinem Fleische", so wie es das schriftstellerische Talent vermag, das bei jedem anzunehmen, der schon einen Styl hat, liegt noch lange kein Recht vor. Genau so ist es in der Musik. Ich kenne ganz vorzügliche Musiker, die aber einsichtig genug sind, das Komponieren auch denen zu überlassen, die eben Talent dazu haben, und unser trefflicher Musikästhetiker Josef Singer macht an dieser Stelle auch niemals ein Hehl daraus. Nur ist er nachsichtig genug, das meist zwischen den Zeilen zu sagen. Einen gütigeren Kritiker wird die kommende Generation nicht mehr stnden; tatsächlich kann man nicht umhin, dem Uebereifer am Produzieren etwas zu steuern. Etwas Belangloses niederzuschreiben, weder geglättet vom Stylgefühl eines Formentalentes, noch erfüllt vom Lebenstrieb einer schönheitsbefruchtenden Phantasie— das ist Selbsttäuschung; und zwingt man seine Kollegen, in den Kauf einzugehen, indem man das Werk (?) an die Gemeinde direkt verschickt, so — ich denke, jeder findet das entsprechende Wort dafür von selbst. Das Raffinement in der Orgelbegleitung als Verschleierung des dürftigen und noch dazu wenig synagogalen Inhaltes rettet das Schifflein nicht vor dem Untergange. Es muß auf hoher See fest im Kurs bleiben. Nun ja, dieser Steuermann, unser Kirschner. ist keiner von jenen Piloten. Er ist das strikte Gegenteil! Seine Vergangenheit^ liegt vor uns, aber er war so gütig, mich auch einen Blick in seine Zukunft tun zu lassen. In die Zukunft seines Schaffens. Welcher Ausstieg! Die Zeit ist nicht fern, uns zum Worte darüber zu melden. Was aber neu geschaffen im Manuskript vorliegt, ist neu, neu im Ausdruck, von Schöpferkraft durchdrungen, so ganz ersproffenes Gewächs auf dem heimatlichen Boden unserer jüdischen Religion und unserer jüdischen Empfindung, so daß wir Kantoren gerade am Jubiläumstage diesem schöpferischen Geiste unsere treuesten Wünsche und Grüße zuzurufen freudigste Veranlassung haben. Wer das Typische j unserer reichen Tradition f e st z u h a l t e n vermag und sie e r-! weitert, der ist unser Mann! Dadurch sichern wir ja selber i unsere Zukunft, indem wir unsere Eigenart, respektive das Gold > der Individualität nicht eintauschen gegen die Marktware eines allgemeinen Musikstyles. Das Kantorat ist ja das Gegenteil davon, und ihm den exotischen Charakter rauben, heißt soviel,! wie der Alltäglichkeit es ausliesern, dem Dilettantismus Tür j und Tor öffnen.! In hohem Grade erfreulich ist es daher, daß sich endlich auch unter den Kantoren Männer wie Kirschner gefunden haben, die mit dem musikalischen Ausbau nach Kunstregeln im allgemeinen und im Sinne chasonischer Art noch im besonderen einen Meisterschaftsgrad erreicht haben. Genug der Komponisten! Wir brauchen schöpferische Kräfte, die im jüdischen > G e i st e komponieren, sich in die Empfindung hineinleben, wie sie die Synagoge und der Charakter des f e st l i ch e n Tages der jüdischen Seele vererbte. Keine andere musikalische Kunst kann diese Note beleben. Unsere Tradition, unsere Steiger vermögen es. Der Reichtum im harmonischen Gefüge kommt gerade unserem Gebiete zugute, denn viel früher als die anderen Völker das perpetuum mobile des Modulierens kennen lernten, lebte und webte es im chasonischen Element. Ein solcher Hüter der Tradition im künstlerischen Sinne, Chasen und moderner Musiker zugleich — das ist unser Jubilar und Berufsgenosse Kirschner in München. Ihm gilt heute unser kollegial freundschaftliches Gedenken, ihm, als einer Zierde unseres Standes. Kantoren-Enqnele. Dieser Aufruf der geehrten Redaktion wird nicht verfehlen, bei den Fachgenossen, die es mit ihrem Berufe und mit den Angelegenheiten des Vereines ernst meinen, den lebhaftesten Widerhall zu erwecken. Ist doch schon wieder eine Reihe von Jahren vergangen, da das Feld der kantoralen Diskussion ziemlich brach gelegen ist, und mit erneuerter Kraft kann dasselbe bebaut werden. Der Wünsche, Beschwerden und Anträge gibt es so viele, daß die Zeit der Tagung ganz ausgefüllt werden wird; aber auch die Leistungsfähigkeit der geehrten Bereinsleitung wird vor eine harte Kraftprobe gestellt sein, dafür aber wird sie das unvergängliche Verdienst haben, für eine wichtige Sache eingetreten zu sein, und ewiger Dank wird deren Lohn sein. Vor allem andern wird es die erste Sorge sein, durch eine öffentliche Kantorenschule dem Stande seinen fachmännischen Halt zu geben; es ist dies gleichsam wie die Dauben eines Gebindes, wenn dieselben fehlen, so fallen dieselben auseinander. Zum zweiten soll der daraus hervorgehende Zweck gleichsam statutarisch feststellen, daß mit der Einführung der öffentlichen Kantorenschule die hebräische Sprache die Sprache unseres Gottesdienstes sein und bleiben muß, und wird der Kantorentag zu einer Manifestation für die Beibehaltung der hebräischen Sprache, die mit der Tätigkeit des Vorbeters unauflöslich ist, dienen. Zum dritten wird für die Weitererhaltung und Prosperierung unseres Fachblattes, des einzigen in Oesterreich, die geistige und materielle Unterstützung von der Kollegenschaft gefordert werden müssen. Jungbunzlau, 28. August 1906. B. Singer. Publikationen tlcs ö(tetr -uug.Jiuntoreii-$ereitie8. Mit Rücksicht auf die sich anhäufenden Rückstände und in Anbetracht der Verpflichtungen, die dem Vereine den Mitgliedern gegenüber jederzeit erwachsen können, werden die letzteren ersucht, die rückständigen und laufenden Jahree- und Pflichtbeiträge einzusenden, da sonst der Vorstand streng an den Bestimmungen der Statuten festhalten muß. die im Falle eines Rückstandes den Anspruch auf jede Art von Benefizium zeitweilig sistieren. Der Bereinsvorftarrd.