Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 36 (14.9.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 36. Die Wahrheit. Seite b. eine traurige Tatsache und bestätigt obigen Ausspruch vollkommen. Wen trifft jedoch hiefnr die volle Verantwortung? Doch nur die Schule und das Rabbinat! . . . Es hätte uichl so weit kommen dürfen, daß wir zumeist nur „Namensjuden" haben. Jetzt gilt es, dem unjüdischen Hause durch die Schule ein Paroli zu bieten und das Heranwachsende Geschlecht in der Religion derart einzuführen, daß ihre einstigen Häuser die mächtigsten und kräftigsten Stützen der Schule werden sollen. Und wie solches möglich werden soll, möglich werden kann, das wollen wir im Sinne und im Geiste des Hofrat Weisz andeuten. Zweifelsohne sind die Rabbinen und die Lehrer die Seelenärzte— oder sollten essein — bei denen ein höheres Bildungsniveau allerdings vonnöten und unbedingt wünschenswert ist. Ohne Herzensbildung jedoch ist und bleibt die Verstandesbildnng ein sehr gefährliches Instrument, das statt Segen zu verbreiten nur Unheil stiftet. Es muß vor allem auf zuverlässige, gottesfürchtige und tüchtige Lehrkräfte großes Gewicht gelegt werden. Jeder Lehrer soll und muß aber auch außer seiner Tüchtigkeit noch Lust und Liebe zu seinem Berufe mitbringen und zu seinen Schülern sprechen können: ..Richtet euch nach meinen Worten und nehmt mein Tun zu eurem Vorbilde!" . . . Der Religionsunterricht soll nicht von einem Einzelnen allein, sondern hauptsächlich durch das Rabbinat kontrolliert werden, das auch — da die Sache von der allergrößten Wichtigkeit ist — in erster Reihe die Verantwortung hiesür zu tragen hätte. Die Religion muß den Kindern als ihr unverlierbares Eigentum von der Schule mitgegeben werden, sonst hat sie ihren Zweck schlecht und mangelhaft entsprochen. Die Religion lehrt uns, Gott und seinen heiligen Willen kennen lernen. Sie lehrt uns nicht nur, wer Gott sei, sondern auch wer er für uns sei, was er für uns getan, noch tut und tun werde. Sie lehrt uns ferner, was wir tun müssen, wenn wir ihm gefallen wollen. Die Religion ist aber auch eine Tugendlehre, welche ihr gleichsam zum Mittelpunkt dient, und worauf alle Hre Anterw'eisungen sich beziehen. Aber vor allem muß man glauben, denn Religion ohne Glauben läßt sich gar nicht denken. Man muß glauben und erkennen, dann aber auch bekennen, daß der Einig-Einzige ein Gott der Liebe, der Vater und Erbarmer aller Menschen, der langmütige Verschoner der Sünder, der unparteiische Vergelter alles Guten und Bösen sei. Und all das hat der Religionsunterricht den jüdischen Kindern beizubringen, das fordern und erwarten wir von ihm. Soll Israel, seiner Bestimmung und dem Willen Gottes nach, ein Priestervolk, demnach ein heiliges Volk und ein Volk des Eigentums, das Gott sich auserwählt hat aus allen Völkern der Erde, sein, so muß jedes jüdische Haus ein Tempel Gottes sein, und das ist nur durch den wahren und klaren, durch den richtigen Religionsunterricht möglich. Es ist unbestritten wahr: das Haus ist die erste und wichtigste Schule der Erziehung des Kindes, die Schule hat die humanistische und geistige Erziehung der Kinder zu besorgen, aber sie soll und muß das ganz und voll tun. Besonders gilt dies vom Religionsunterricht, da darf es vor allem keine Zusammenstoppelung fragmentarischer Kenntnisse, keine Bruchstücke von Lehren und Geschichten aus den heiligen Schriften geben, sondern ein komplettes Wissen der Moseslehre, ihrem wichtigsten Inhalte nach. Die Religion ist für die jüdische Schule oder für den jüdischen Religionsunterricht die Hauptsache und darf nie zur Nebensache degradiert werden. Bei der israelitischen Jugend soll das Bibelstudium ganz besonders gehegt und gepflegt werden, denn heutzutage ist die Bibel beim jüdischen Volke (moderner Richtung) leider vergessen und verlernt worden. Fragt jedoch ein „Schiff", vom Zweifel geleitet, wozu das soll? dann sagen wir ihm, daß nur die Kenntnis der alten Moseslehre ihrem ethischen und moralischen Inhalte nach dem Juden den Weg zeigt, den er im Leben zu gehen hat. Daher ist nur der geläuterte, nach biblischem Sinn j logisch richtige und gründlich aufgefaßte Religionsunterricht imstande, der Jugend zu lehren, was sie tun, lassen und glauben soll. Was aber fordert die Moseslehre? Sie fordert von ihrem Bekenner als höchstes und heiligstes Religionsprinzip Gottes- und Menschenliebe, die aber nicht bloß im Munde geführt werden soll, sondern durch Werktätigkeit geübt werden muß. > Der rein mosaische biblische Religionsunterricht ist zum , Fortbestand der Ethik des Judentums unentbehrlich. Dazu | bedarf es aber zweierlei: Erprobte Lehrer, die es mit dem hochwichtigen Lehrstoffe ernst nehmen und pflichttreu die Jugend belehren, dann — trotz der schiefen Ansicht des Herrn Schiff — der Unterricht der hebräischen Sprache, die im allgemeinen zu den todten Sprachen zählt, aber von der lebendigen Gottesmajestät gesprochen wurde und beim Bibelunterrichte und im Gotteshause, beim Kultus und im Gebete stets zu neuem, sriich pulsierendem Leben erweckt wird. Und wer vermag ein heiliges Buch aufzuweisen, das .gleichwertig wäre mit der Moseslehre, dem Gollesworte des israelitischen Volkes, das gleichzeitig sein unverrückbares, unerschütterliches Fundament bildet? So bleibt las Judentum der Verkünder der ewigen Wahrheiten für die Gesamtmenschheit alle Zeitalter hindurch. Eben deswegen muß unsere Jugend ihre Religion erfassen, damit sie eine unbeugsame Glaubensfeüigkeir sich aneignen und bewahren soll. dann, aber auch nur dann, wird sie treu bleiben ihrem Bäterglauben und um keinen Preis, und selbst wenn die Verlockung riesengroß an sie herautritt, fahnenflüchtig werden, d. h. ihre Religion verläugnen und verlasfen. (Wird sirtgesetzr.) 8. Verschiedene Uachrichlen Wien. (Gott lieb Taussig.! Ter Tod hält schreckliche Ernte in den Reihen der Vorstandsmitglieder der Wiener Kulrnsgemeiiive. Manchen braven und wackeren Mann sahen wir in den letzten zwei Jahren von hinnen scheiden, und nun ist mit Kommerzialrat Gottlieb Taus sie,, der am 6. d. M. im 73. Lebensjahre gestorben ist, wieder Einer aus dem Vorstandskollegium vom irdischen Schauplatze abgetreten. Er war der Seniorches der Hof - Toilerreseife- und Parfümeriewarenfabrik Gottlieb Taussig, die sein Vater im Jahre 1854 begründet hatre und die der Verstorbene in jahrzehntelanger, rastloser Arbeit zu hoher Blüte gebracht hat. Seine hervorragende Tätigkeit auf kommerziellem Gebiete und sein humanitäres Wirken wurde vom Kaiser durch Verleihung des Ritterkreuzes des Franz Josefs-Ordens und des goldenen Berdienstkreuzes ausgezeichnet. Vordem an der Spitze der Fünfhauser Kultusgemeinde, wurde er im Jahre 1892 nach Vereinigung der Vorortegemeinden mit der Wiener Kultusgemeinde in den Kultusvorstand gewählt und gehörte diesem Kollegium, in dem ec vermöge seiner reichen Erfahrung, seines integren Charakters und seiner friedensliebenden, dem Konservativismus zuueigenden Gesinuung hohes Ansehen genoß, bis zu seinem Lebensende an. Mit besonderem Interesse betätigte er sich an der Förderung der kultuellen und hunlanitären Institutionen seines Bezirkes und sein Hinscheiden wird besonders in diesen Kreiseil schwer empfunden. Das Leichenbegängnis fand Sonntag, den 9. d. M., unter ungemein zahlreicher Beteiligung statt. Unter den Trauergästen bemerkte man den Präsidenten der Kultusgemeinde Dr. Stern mit mehreren Kultusvorstehern, den gesamten Bethausvorstand von Fünfhaus, Vertreter der Wiener Tempelvereine und humanitärer Vereine, sowie zahlreiche persönliche Freunde des Verblichenen. Als im Trauerhause der greise Rabbiner Dr. Schmied l, der früher durch viele Jahre in Fünfhaus als Seelsorger amtierte, das Lebensbild des Heimgegangenen zeichnete, blieb kein Auge trocken. Namens der Freunde sprach Dr. Leo Kris, und dann wurde unter wehmütigen Klängen der liturgischen Gesänge, diel.Kantor Schleifer unter Assistenz des Kantor Rothwein und des Chores anstimmte, der Sarg gehoben und aus den Zentralfriedhof überführt. Hier würdigte Rabbiner Dr. G r u u w a l d mit beredten Worten das Wirken und die hohen Tugenden des Peibi.cheiien, dem noch Fabriksdirektor Leopold Baß die letzten von tiefer Trauer durchwehreu Scheidegrüße des Personals zurief. Im Namen des Fünshauser Vorstandes sprach Vorsteher Samuel S t e i» e r, und hierauf ivnrden die sterblichen Reste Gottlieb Taußigs unter den vom I. Kantor Schleifer ergreifend angestimmten Trauergesäugen ins Grab gebettet. Wien. (Spenden z n g u n st e u der Opfer der Exzesse in B j e l o st o k.) Bei der „Israelitischen Allianz zu Wie n" sind an Spenden eingegangen : W i e n : M a r t i n & 9? i it i K 1000, E. H. X 20, S. A l t sch ul X 5, M. S. K n ö p f e l m a ch e r X 2, Anonym X 10; Brünn: Berta B r u ck X 30, Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde X 14; hiezu die bereits auSgewiesenen X 5543'81, zusammen bis 11. September K 6624*81. — Weitere Spenden werden erbeten und dankend bestätigt im Bureau der „Israelitischen Allianz zu Wien", I., Weihburggasse 10, zwischen 9 und 1 Uhr vormittags, oder mit Postsparkassakonto 8152. Wien. Eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Wiener haute | finance, Bankier Siegmund Reitzes, ist Dienstag, den 4. d. M. in seiner Wohnung, I., Universitätsstraße 5, nach langer schwerer Krankheit im 71. Jahre aus dem Leben geschieden. Reitzes war Chef der Bankfirma Gebrüder S. und M. Reitzes, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren unter die tonangebenden Häuser des Wiener Platzes gezählt werden durfte. Siegmund Reitzes, der nur über ganz bescheidene Mittel verfügte, wußte diese mit solchem Geschick, mit so außerordentlicher Routine und blitzschnellem Erfassen der Konjunkturen zu verwerten, daß die Firma bald an größere Aufgaben herantreten konnte und sich zunächst mit dem Arbi-