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Die Wahrheit · 1906-09-14 · Heft 36 (14.9.1906) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 36 (14.9.1906)
Date
1906-09-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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eene 4. Die Wahrheil Nr. 36. Zahl der „schwarzen Banden" und Antisemiten in Rußland genau abgeschätzt und berechnet hat. Eine jede Regierung ist ein mehr oder weniger treues Spiegelbild ihres Volkes. Zum warnenden Exempel für unsere Erwägungen kann uns ja Galizien mit seinen Inden dienen. Seit vierzig Jahren erfreuen sich die Juden Galiziens einer Konstitution, und dennoch ist die Armut und Verkommenheit derselben sprichwörtlich geworden. Werden sich denn die russischen Slaven den Juden gegenüber edler benehmen, als die Polen, die sich wenigstens zu blutigen Judenkrawallen bis nun, Gott sei Dank, nicht verstiegen haben?! Es ist meine tiefe Ueberzeugnng, daß nach Eintritt der Judenemanzipation, nach den ersten Berbrüderungsumarmungen und -Küssen der Regierungs-Antisemitismus einem Vols-Antisemitismus Platz machen wird, der seinesgleichen suchen wird. Aber vorläufig sind wir ja noch nicht so weit; wir haben die Judenemanzipation noch lange nicht, im Gegenteil, wir befinden uns gerade jetzt in der gräßlichsten Situation eines echten Belagerungszustandes und müssen gewärtig sein, daß. die unzähligen schwarzen Banden ein jedes zugunsten der Juden erlassene Gesetz mit neuen Metzeleien, neuen Oktobertagen quittieren werden.*) Diese unsägliche Judennot sucht vorläufig einen Ausweg in der Massenflucht, der Massenemigration. Aber das ist ja bloß ein temporäres Palliativ, welchem über kurz oder lang ein Damm gesetzt werden wird. Es ist doch nun einmal Tatsache, daß diejenigen Staaten, die von jüdischen „Paupers" überflutet werden, dagegen Maßregeln ergreifen, daß sie den unglücklichen Flüchtlingen „Stop?" zurufen werden. Und was dann? Wir Territorialisten sehen keinen anderen, rationelleren Ausweg, um dieser moralischen und ökonomischen Judennot zu steuern und um der Lösung der Judenfrage überhaupt näher zu kommen, als die Schaffung eines Heims, eines Territoriums für diejenigen Inden, die in ihren jetzigen Vaterländern nicht bleiben können oder wollen. Land! Land! Wir brauchen einen festen Boden, ein „Ir miklot“, ein „liome“ für das unglückliche Volk, welches nicht sterben will und nicht leben kann. Wir brauchen ein Land, auf welchem sie sich frei ausleben und ihren Volksgeist entfalten können. Ohne eigenen Boden ist die Fortexistenz eines Volkes unmöglich, undenkbar. Der Boden, die Erde ist ja im Grunde ein lebendes Wesen, welches auf alle vernünftig an sie gestellten Fragen eine vernünftige Antwort gibt, vernünftigere und humanere Antworten, als ein jedes Parlament und eine jede Regierung; die Erde kennt keinen Antisemitismus, nimmt in ihren Schoß alle auf ohne Unterschied der Konfession, ernährt aber auch alle Unterschied der Konfession und Rasse. Wir brauchen ein Land, und sollten wir es auch vom Monde herunterholen müssen. Wir appellieren dabei an das großmütige England, welches schon längst unsere verzweifelte Situation eingesehen, uns vor drei Jahren helfend unter die Arme greisen wollte und es hoffentlich auch jetzt tun wird. Nicht seit heute und nicht seit gestern sind wir „Ländersucher" geworden; wir taten es ja in verhältnismäßig friedlichen Zeiten, seit vielen Jahren, wo man uns, wie einst die Kassandra, verspottete, als wir erklärten, daß in dem hölzernen Ungetüm — Rußland genanut — unheilbringende, rohe Gesellen verborgen liegen, die uns mit Mann und Maus vernichten können. Und jetzt gar, wo so viel unschuldig Blut geflossen, ist es nicht jetzt höchste Zeit, daß wir endlich einmal aufhören, für die slavischen Völker den Kulturbarometer abzugeben, wobei das Fallen dieses aus Fleisch und Knochen bestehenden, atmenden und fühlenden Barometers mit Schädelzertrümmerungen, Bauchaufschlitzungen wehrloser Weiber und Kinder verknüpft ist? Soll das wirklich unsere ausschließliche Mission sein? Oder sollten wir diese Mission nicht lieber denjenigen unverbesserlichen jüdischrussischen Allmenschen, Kosmopoliten, oder denjenigen Russen. Polen -„mosaischer Konfession" überlassen, deren Herz so groß und elastisch ist, daß es nicht nur 130 Millionen .Russen, Polen, Tataren, Armenier, Letten — und weiß Gott) men noch, sondern die ganze Menschheit in sich schließen kann? Ich gestehe es offen, *) Die schrecklichen Ereignisse der letzten Tage haben hiefür eine traurige Bestätigung gebracht. (Änm. d. Red.) unser territorialistisches Herz ist so winzig und enge, daß es kaum "fünf Millionen russischer. Juden einzuschließen vermag, und auch dabei möchte es jeden Augenblick schier bersten, so es die Schandtaten sieht, die an diesen Unglücklichen verübt werden. Uebrigens können wir ja nach zwei Fronten hin für eine bessere Zukunft unseres Volkes kämpfen: für das „Olam hase“,für eine momentane Erleichterung in Rußland selbst und für das „Olam habo‘, für eine glückliche Zukunft' in ferneren Zeiten. Das Eine schließt das Andere keineswegs aus. So mich nicht alles täuscht, scheinen unsere Glaubensgenossen des Westens zu der Ueberzeugnng gekommen zu sein, daß eine vernünftig geleitete Emigration der östlichen Juden zur unausweichlichen Notwendigkeit geworden ist. Es handelt sich bloß noch um die prinzipielle Frage: ob Zerstreuung oder Konzentration; ob wir die Juden des Ostens nach einem ganz bestimmten Territorium hinüberleiten, oder ob wir sie nach allen Richtungen der Windrose hin zerstreuen sollen? Ich halte es nicht für angemessen, diese wichtige Frage hier anzuschneiden; sie würde uns zu weit führen. Meine persönlichen Anschauungen haben Sie soeben kennen gelernt. Ich will aber bloß hier zum Schluffe und zur Beleuchtung dieser Frage den Ausspruch des berühmten Humoristen Mark Twain zitieren, den ich vor einigen Tagen zufällig gelesen habe. „Wenn," sagt er halb im Ernst, halb im Scherz, die Vereinigung, die Konzentration der schlauesten Hirne (der Juden nämlich) auf freiem Boden zustande käme, wäre es politisch klug, dies zu verhindern. Es wird nicht ratsam sein, jene Rasse ihrer Kraft sich bewußt werden zu lassen; würden die Pferde ihre eigene Kraft kennen, dann würden wir nicht mehr reiten." Es wäre höchste Zeit, daß wir eben versuchen, uns zu konzentrieren, und daß wir unsere eigene Kraft kennen lernen, damit man endlich aufhöre, auf uns zu reiten! Zur Nriistdenlenwaht in der Snda pester Gemeinde. Der Religionsunterricht bildet den Kardinalpunkt des Weiszffchen Programms. Hofrat Berthold Weisz will die Mitglieder der Pester israelitischen Religionsgemeinde dem Judentume und dadurch auch der Gemeinde erhalten, und eben deswegen möchte er seine wärmste Fürsorge dem so überaus wichtigen Religionsunterrichte zuwenden, da er von der Ueberzeugung durchdrungen ist, daß man nur dann Jude ist und bleibt, wenn man die unverfälschte Religion des Judentums in sich ausgenommen hat. Man mißverstehe uns nicht. Weder wir, noch Hosrat Weisz, oder sonst ein moderner intelligenter Mensch wünschen, aus dem Heranwachsenden Geschlechte eine Schar von hebräischen Schriftgelehrten, Rabbinen und Talmudisten hervorgehen zu sehen, was am Ende, auch nicht das größte Unglück wäre; unser Streben geht einzig und allein nur dahin, daß man uns Juden erziehe und keine Renegaten.' Wenn aber das Kind von der jüdischen Religion gar nichts weiß, oder nur mangelhaftes Wissen besitzt, woher soll es dann die Begeisterung schöpfen, seinem altehrwüdigen Väterglauben treu und unentwegt anzuhängen? Woher soll die Standhaftigkeit kommen, sich vor den von außenher eindringenden Stürmen und schlagenden Wettern erfolgreich zu schützen? Vierzig Jahre lang vegetierte der Religionsunterricht in der Pester Großgemeinde, da ging's mit demselben stark bergab und auf dieser schiefen Ebene gedieh einzig und allein die Religionslosigkeit! . . . Damit ist's nun freilich seit einigen Jahren besser geworden, aber von gut ist noch lange keine Rede. Die Religionsprofessoren mit dem Religionsinspektor an der Spitze, sowie die Rabbinen haben dafür allerdings eine einzige Entschuldigung: „Die Schule a llein kann nich ts rich ten, d a s Haus, d. h. die Familie muß diese unterstützen." Das wäre wahr, ist aber heutzutage nicht stichhältig. Auch unsere Gemeinde hat gleich der hochangesehenen Wiener Schwestergemeinde ihre „Schiff" und gar oft auch ihre „Schiffchen", deren Familienleben im geraden Gegensätze zur Schule steht. Das ist

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