Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 35 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Oestkrr.-uiMr. Kantoren-Zeitung Das Mort. Eine Jomim noroim-Betrachtung von Oberkantor Josef Singer, Wien. „Kantoren, achtet auf Eure Worte." Der Inhalt des vorstehenden Mottos ist allerdings ausschließlich für Chachamim geprägt, daher dürfte die Nutzanwendung auf Chasanim, d. h. auf diejenigen, die bekanntlich im lieben Volksmunde als der strikte Gegensatz zu Chachamim gelten, etwas gewagt erscheinen. Trotzdem wollen und müssen wir es — in Anbetracht der Wichtigkeit des Gegenstandes — im Nachstehenden dennoch versuchen, der Beachtung, oder besser gesagt, der Behandlung obigen Satzes unser Augenmerk zuzuwenden. Betrachten wir zuvörderst die landläufige Uebersetzung der Bezeichnung -iri als „Wort", so gelangen wir alsbald zur Ueberzeugung, daß wir jüdische Kantoren, als die Vertreter der musikalischen Wortillustration beim jüdischen Gottesdienste, nicht allein das Recht sondern sogar die Verpflichtung haben, uns eingehend mit diesem interessanten Stoffe zu beschäftigen. Allein, nicht die ästhetisch-künstlerische Darstellung des von uns musikalisch zu illustrierenden, auch nicht die grammatikalisch richtige Betonung des von uns vorzutragenden Wortes soll hier behandelt werden; für das Elftere ist nur ein geringer Bruchteil unserer Kollegen fachmännisch und intellektuell vorbereitet, und die Vertrautheit mit dem Letzteren wird ja ebenfalls von den Meisten aus naheliegenden Gründen perhorresziert. Unsere heutige Erörterung soll ausschließlich der Ausdrucksrichtigkeit des Wortes, beziehungsweise der Satzphrase gewidmet sein. Deutlichkeit des vorzutragenden Wortes darf allenthalben unangefochten als mäßiges Verlangen seitens des Publikums von uns jüdischen Kantoren gefordert werden; denn von der Deutlichkeit jedes einzelnen Wortes hängt ja die Deutlichkeit des zu behandelnden Satzes ab. Schon unsere Altvorderen längstvergangener Epochen erachteten das deutliche „Sagen" als eine hervorragendere fachmännische Befähigung des Einen dem Anderen gegenüber und nur derjenige galt als ein „Wo ilsing er", der eminent zu „sagen" verstand; denn in diesem „Sagen" gelangte nicht allein die souveräne Beherrschung der mannigfachen Gesangsqualitäten in kunsttechnischer und gedanklicher Beziehung zum Ausdrucke, sondern — was bedeutsamer in die Wagschale fällt — diese Augenblicksschöpfung der Musikillustration für das vorzutragende Wort war ein beredtes Zeugnis für den ästhetischen Geschmack des Vortragenden. Es würde den Rahmen dieser Auseinandersetzung weit überschreiten, wollten wir es versuchen, die geschichtliche Entstehung dieses ..Sagens" aus dem einstigen jerusalemitischen Tempelgesange Ni8inoriin, Thilim rc., die Einführung der Neginoth beim Thoravorlesen 2C. hier aufzurollen; wir fühlen uns vielmehr veranlaßt, über alle diese bedeutungsvollen Vorkommnisse, als zu unserer vorliegenden Besprechung nicht gehörig, hinwegzuschreiten, und wollen nur einen Moment bei der geschichtlichen Tatsache verweilen, daß die Art des christlichen Psalmgesanges (Psalmodieren), Choraliierlesen, Kollektengesang rc., ein Ueberbleibsel des Tempelgesanges in Jerusalem, von den ersten Christen, die ja zumeist Juden waren, in die Kirche ausgenommen wurde und, der jeweiligen Epoche entsprechend, eine folgerichtige Umwandlung erfuhr, bis endlich die heutige moderne Rezitativform sich herausbildete, die, je nach deren Verwendung, für weltliche (Opern) oder geistliche (Oratorien) Veranlassungen zur Anwendung gelangt. Denselben bedeutsamen Umwandlnngsweg mußte auch das einstige „Sagen" unserer Altvorderen im Amte zurücklegen, um endlich bis zu jenem für uns jüdische Kantoren so wichtigen Punkte zu gelangen, der durch Meister Salomon Sulzer, teils durch die Musterschöpfung des eigenen künstlerischen Vortrages, teils durch autoritatives Eingreifen, als festgefügte Norm hingestellt wurde. Bei dieser durch Sulzer in die Synagoge neu eingeführten rezitativischen Kunstform spielte die unangetastete 1 Deutlichkeit des Wortes eine solch umfassende Rolle, daß der letzteren zugute sogar das sich oftmals impulsiv ansdrängende j Ausspinnen des Musikgedankens znm Opfer fiel. Das ist ein i Standpunkt, durch welchen das Vorrncken zu einer höheren * Stufe der Erkenntnis dargetan erscheint; ein künstlerischer Standpunkt, der es verpönt, mit einer oftmals als unfaßbar zu bezeichnenden naiven (um nicht zu sagen frechen) Unmittelbarkeit der Erfindung zu kokettieren und durch ein Anhänfen von unberechtigten Tönen das Wort bis zur Undeutlichkeit zu verballhornen. Snlzers Streben nach Deutlichkeit verleitete ihn (im I. Teil „Schir Zion") sogar zur Verwerfung des Traditionsgesanges, weil die Melismatik mit demselben untrennbar verwoben erscheint, und wenn er im H. Teil „Schir Zion" hie und da zur Tradition zurückgreift, so gehorchte er der Not, indem er für seine diesbezüglichen Tonschöpfungen nur die knappeste Form zur Anwendung brachte. Der Schreiber dieser Zeilen wird den Moment nie ver-s geffen, als er vor mehr denn 25 Jahren, gelegentlich seines Amtsantrittes in Wien, bei einem Freitagabendgottesdienste ein allbekanntes »n^n-Fragmentchen vorführte, wie er da von dem anwesenden Nestor nach dem Gottesdienste mit den Worten angeherrscht wurde: „Was? Eine Iudenschul willst Du wieder machen?' Wofür ich mich mein ganzes Leben hindurch geopfert habe, das willst Du vernichten?" Dieser heilige Zorn des nun Heimgegangenen Meisters galt einem, nach seiner Intention, in knappester Tonform vorgetragcnen riinn-Fragmentchen; wie müßte er erst in zügellosem Feuereifer entbrennen, wenn er Gelegenheit hätte, so manchen an heiliger Stätte amtierenden sogenannten Kantor zu hören! Die neueste Erscheinung, die zutage tritt, ist die vollständige Unvertrautheit mit den Gesetzen und Formen des modernen, sogenannten „deutschen' Rezitativs und eine rü ck h a l t s l o s e, durch keinerlei Gesetz beschränkte Wieder-Aufnahme des sogenannten Jeschiwa-Gesangsstiles. Wir gestehen es unumwunden und bekundeten es bei den mannigfachsten Veranlassungen, daß wir mit ganzer Seele der traditionellen Richtung anhingen und noch anhängen, wenn die Tonsolgen dieser Gesangsweise unter der Botmäßigkeit eines Gesetzes, stehen, aber nicht dem frivolen Walten eines Ignoranten überlassen sind. Der traditionelle Synagogengesang wird ja ohne Melismatik zum Zerrbild; zum gesteigerten Zerrbilde jedoch in der Kehle jener, die durch unstät umhertastende Experimente und durch Unfertigkeit ihrer technischen Tonbehandlung dem lauschenden Hörer in frivoler Weise die Ueberzeugung beibringen möchten, sie sängen koloriert. Der Volksmund, der ja zumeist das Richtige trifft, hat ja für derartige unlautere Vorführungen die richtige Bezeichnung, indem er dieselben mit dem Epitheton „Meckern, Winseln und Heulen" belegt. Wir möchten hier nicht mißverstanden werden und betonen es noch einmal, daß der synagogale Traditionsgesang in seiner grundlegenden Gesamtstruktur geradezu nach Melismatik verlangt; dieser Grundsatz darf uns jedoch nicht blind machen, indem das G run d v e rw e r f li ch e zur Eigenart hingestellt erscheint. Koloriert singen darf überhaupt nur derjenige, der zuvörderst hiefür beanlagt, dessen Veranlagung aber auch unter der Botmäßigkeit kunstgerechter Uebungen zur Reife gelangt. Ist schon der einfach kolorierte Gesang, wenn „regelrecht" ausgeführt, eine Kunstbestrebung allerersten Ranges, so darf nicht außer Acht gelassen werden, daß die Koloraturen des synagogalen Traditionsgesanges mit ihren Fiorituren, Trillern und Doppelschlägen eine Eigenart bilden, die nicht etwa, wie in der italienischen Oper, eine Folie zu Liebesschwüren oder Zornesansbrüchen bilden, sondern die vielmehr auf das Seelenleben des andächtig Betenden ergreifend und erschütternd wirken sollen, jedoch durch die Willkür eines mit dieser Technik unvertrauten Sängers zur Zote entwürdigt werden und dem Fachmanne wie dem Laien geradezu possierlich erscheinen.