Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1906-09-07 · Heft 35 (7.9.1906) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 35 (7.9.1906)
Date
1906-09-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063316-3063351--04438-3071279
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

vcr. öö. Die Wahrl>eit Lette II. Allein auch derjenige, dessen Kehle naturgemäß leidliche Koloratnrveranlagung besitzt, der,jedoch das wirklich wundersame Tongewebe 'des synagogalen Traditionsgesanges weder theoretisch beherrscht, noch durch die Meschorer-Wirksamkeit bei anerkannt großen Meister-Chasanim vorgebildet ist» vielmehr seine diesbezüglichen Kapazitäten aus der Mnsikatmosphäre des Beth-hamidrasch geholt, sollte mit dem Pfiindlein seines ..Ueberpolnisch" nicht allzusehr wuchern. Es gibt nämlich ein elegant modernes Polnisch-Singen, dessen nach strengen Gesetzen gefügten Intervalle selbst dem minder' emgeweihten musikalischen Zuhörer — allerdings etwas exotisch entgegenklingen — aber immerhin durch die Eigenartigkeit, wir möchten sagen der „keuschen" Tonmalerei, derart imponiert, daß mancher moderne Komponist es nicht verpönte, seinen großangelegten weltlichen Kompositionen dieses eigentümlich ergreifende Kolorit za verleihen.*) Es gibt aber auch ein „Polnisch-Singen", dessen Wiege, wie erwähnt, im Bethhamidrasch stand, da, wo der Singsang von Epoche zu Epoche übertragen und in freibeulerisch willkürlicher Weise, ohne Rücksicht auf Gesetz und Nötigung, gleich der Umgangssprache dieser Gesellschaftskreise, ..dem Jargon", gehandhabt wird. Jawohl! Der jüdisch-deutsche Jargon! Wir wissen ja, daß derselbe bereits eine blühende Literatur von Zeitschriften, Schauspielen, Opern und anderen Vorführungen besitzt und daß Tausende mit Entzücken diesen gutturalen Darbietungen lauschen. Doch betrachten wir die Gesellschaftsschichten, für welche diese Gaben bestimmt sind, und urteilen wir, ob diese letzteren jemals Gemeingut der gebildeteu Kreise werden können; ob es — um nur ein eklatantes Beispiel anzuführen — einem modernen jüdischen Prediger jemals in den Sinn "kommen dürfte, seinen Vortrag im jüdisch-deutschen Jargon zu halten. Nun denn! Dieser jüdisch-deutsche Jargon ins Synagogengesangliche übertragen, ist das „Ueberpolnisch-Singen" unserer heutigen sogenannten modernen Kantoren im Ornate und Chormütze. Lassen wir doch das ..Ueberpolnisch-Singen" unseren Kollegen in der polnischen Schul' und denken wir ernstlich daran, daß wir ausschließlich durch eine möglichst vereinfachte Beibehaltung des Traditionsgesanges es zuwege bringen, das zu rezitierende Wort und demnach den vorzutragenden Satz vor Undeutlichkeit zu bewahren. Soviel über die Bedeutung des hebräischen nm in der Uebersetzung als Wort. Die Bezeichnung -irn wird jedoch auch durch die deutsche Uebertragung von Sache, Handlung, Tat, Gegenstand rc. ausgedrückt; auch nach dieser Richtung wäre in dem Satze aanma nn-n für uns moderne Kantoren eine Blumenlese herrlicher und notwendiger Hinweise auffindbar. Doch hierüber ein anderes Mal. . Wir jüdische Kantoren stehen ja jetzt vor den sogenannten a'*Oi3 a,ö\ den furchtbaren Tagen. Wenn auch der Inhalt dieser Tage im Zeitenwechsel viel von seiner „Furchtbarkeit" eingebüßt, für uns Kantoren bilden dieselben eine Kette von Aufregungen, körperlicher und geistiger Anstrengungen, die vom verehrten Publikum nicht erfaßt, daher auch viel zu wenig gewürdigt werden. Schaffen und leisten wir. was jeder zu schaffen imstande ist; doch sind wir stets der Worte eingedenk: aanri:: nnrn a'irn Grinzing b. Wien, September 1906._ ^£C£fß0¥ (Alle Rechte Vorbehalten.) Eine Erzählung frei nach dem Talmud von Hanna Grube. (Fortsetzung.) „Was ist das," legte er gleich mürrisch los, „Du hältst Lea in Unehre?" „Was fällt Dir ein, Oheim?" *) Solch läuternd reformatorische Vertreter des jüdischen Kantorates der mit- und nachsulzerschen Periode waren die Heimgegangenen Kollegen: B a er-Gothenburg, Deuts ch-Breslau, Eppstei n-Proßnitz, E i ch b e r g- Stuttgart, Friedman n-Budapest, Fische r-Wien, G o l d st e i n-Wien, Hecht-Bielitz. H e y m a n n - Amsterdam, L ö w e n st a m m - München, Schwär z-Brünn, W e i ß-Warschau, W o d a k-Göding u. A., die allesamt den inhaltsreichen und wahrhaften Frohndienst bei anerkannten Chasanim als Meschorerim leisteten, später sich tüchtige Musikkenntnisse zu eigen machten und durch ihre Wirksamkeit allgemeine Würdigung erfuhren. Wir erfüllen eine wahrhafte Herzenspflicht, wenn wir an dieser Stelle ihrer Pietätvoll gedenken. „Hat sie ein Kind? Ich fürchte. Du kränkest sie und doch, Herr! — was ist diese Frau schön! Immer schöner wird sie!" „Höre, Aaron, nie Hab ich darüber geklagt, daß mir Lea das Kind versagt. Was kommst jetzt Du, mir Vorwürfe zu machen?" Da schlich Aaron beschämt heim. Schlome hatte nur einen einzigen Jugendfreund, seinen Vetter Schmul Lewi. Der stapfte Tag für Tag als armer Glaser durchs Land. Rebekka, sein Weib, stand daheim dem kleinen Laden mit Glaswaren vor. Sechs Kinder krabbelten lustig im Haus herum, und war es Gotteswunder, daß sie nicht alle insgesamt irgendwie längst an Glasscherben zugrunde gegangen sind. Gab aber in der ganzen Judenstadt keine gesünderen, hübscheren und aufgeweckteren Kinder als Schmul Lewis junge Brut. Seinem Freund Schmul wollte Schlome seine Kümmernis mitteilen. „Das von den Leuten bildest Du Dir ein. Ich rede nicht von den Weibern. Bei denen mag es ja Vorkommen, daß die eine oder die andere, wenn sie Deine schöne, geputzte Lea sieht, neidisch auf sie hinüberhackt. Das ist einmal so Weiberart. Männer haben andere Sorgen." tröstete Lewi. ..Aufgeregt bist Du! Hab ich mich im Finger geschnitten, denk ich an die Wunde, tritt einer mich auf den Fuß. Aber Onkel Baruch ist ein ehrlicher und ein kluger Mann." „So redest Du, mein Freund?" grollte Schlome. „Ein rechtschaffener Mann ist er, täten nicht seine Nachkommen erben, stirbst Du kinderlos? Und klng ist er: was er sagt, ist wahr. Hör' auf mich! Ich bin der arme Schmul Lewi und Hab sechs Kinder. Gesund sind sie, der Herr sei gelobt. Aber was Dir die unter Dach bringen, kaum zu glauben! Eine Freude ists, ihnen zuznschaun, wenn auch oft für die Alten fast nichts überbleibt. Und immer brauchen sie Schuh! Und wie sie die Kleider zuschanden reißen, das kannst Du Dir gar nicht vorstellen! Und was sie zerbrechen und was ihnen einfällt! In die Schule gehen sie und Bücher müssen sie haben und es kommt der Lehrmeister und will bezahlt sein und wäre nicht mein Vetter, der reiche, immer hilfebereite Bruchstein, ginge es bei uns oft her schmarunkes. Aber, gottlob, die Kinder leben und wachsen und lernen und brav sein tun sie. Komm ich abends heim, erwartet mich schon das Feigele an der Straßenecke und streckt mir die Hündchen entgegen. Tragen soll sie der Tatte! Sie leidet es nicht anders und du, lieber Himmel, der Tatte leidet es auch nicht anders! Wenn ihre kleinen Arme sich um meinen Hals legen, spüre ich nicht meine wunden Füße, nicht meine Müdigkeit, nicht Staub, nicht Schweiß, nicht Hunger. Siehst Du, Schlome, da bin ich ein reicher, ein glücklicher, ein beneidenswerter Mann. Tät der Herr Baron Rothschild kommen: »Lewi? tät er sagen, »gib mir eines deiner Kinder, daß du nie mehr was von ihm hörst. A Hans geb ich dir dafür, a Haus in Wien und Geld so und soviel? Nach dem Stecken tät ich greisen und meine Rebekka tät mit dem Federwisch den Herrn Baron zur Türe hinausbekomplimentieren und schrein tät sie, denn das kann sie, meine Rebekka. Die ist nie schön gewesen, das Hab ich gesehen, wie ich sie Hab als Kalle beguckt, und jetzt fließt sie auseinander wie ein Unschlittkerzenstümpchen. Aber gesegnet ist sie! Sie hat mich armen Mann reich gemacht durch meine Kinder! Ich kann nur beistimmen zu dem, was Barnch Bruchstein sagt." Der arme Bündeljude redet dieselbe Sprache, wie der reiche Großkaufmann. Nun entschloß sich Schlome, Ascher Neumann, den hochangesehenen und hochbetagten Rabbiner der Gemeinde aufzusuchen. Vaterleid und Baterglück hat der im reichsten Maße zu kosten bekommen. Der Rabbiner empfing den reichen, angesehenen Bruchstein freundlich und bat ihn, Platz zu nehmen. Auf weiten Umwegen kam Schlome auf jenes Thema zu sprechen, das ihn hergeführt hatte. Bei Ascher Neumann braucht sich keiner zu beeilen, der ihm sein Herz ausschütten will. Das ist ein kluger Seelenarzt, läßt die Patienten ihr Weh ausjammern, um sie dabei zu studieren. (Fortsetzung folgt).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.