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Die Wahrheit · 1906-09-07 · Heft 35 (7.9.1906) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 35 (7.9.1906)
Date
1906-09-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 35. Kampf mit der Natur ist ein viel dankbarerer und edlerer, als der mit Bestien in menschlicher Gestalt. Ein solcher Kampf fördert keine tierischen Instinkte, macht dagegen die Menschen viel edler und besser. Ich müßte eigentlich, um den Grund anzugeben, warum wir Territorialisten auf die jüdische Zukunftsmusik in Rußland so wenig Wert legen, ein klares Bild von der inneren Lage Rußlands entwerfen; ich unterlasse dies aber, weil es ganz unmöglich ist, in diesem Wirrwarr, diesem Tohuwabohu sich auch nur einigermaßen zurechtzufinden. Dieses unglückliche Land, ein Viertel der ganzen Erdkugel, ist in eine der fürchterlichsten Erschütterungen geraten, welche die Weltgeschichte kennt, und wenn ich die letzten Eruptionen des Vesuv, das Erdbeben in San Franzisko mit denjenigen Eruptionen vergleiche, die täglich in Rußland geschehen, so finde ich in ersteren viel mehr Ordnung und Gesetzmäßigkeit als in letzteren, da die Dauer der Zerstörungswut der schwarzen und roten Banden sich weder mit Meßinstrumenten. noch mit anderen Mitteln der Wissenschaft, der Logik und Vernunft auch nur annähernd berechnen läßt. Schlimm stände es um das Menschengeschlecht und um alle lebenden Geschöpfe, wenn in der Erde Tiefen eine solche Mißwirtschwaft und Gesetzlosigkeit obwalten würde, wie gegenwärtig da oben im „heiligen" Rußland. Allerdings werden die Optimisten aller Richtungen und Schattierungen behaupten, daß Rußland denselben Befreiungsprozeß durchmache, wie alle anderen europäischen Völker auch, daß Menschenopfer fallen, daß Ströme Blutes fließen müssen, daß aber zu guterletzt das Befreinnngswerk zu Stande kommen müsse. Ja, die Frage bleibt aber nur: Wann? Für uns Inden wäre es ein sehr schlechtes Geschäft, das Ende abzuwarten. Was sich in den revolutionären Lilipnt-Laboratorien Frankreichs, Deutschlands oder Oesterreichs zugetragen hat, ist durchaus nicht maßgebend für das unendliche, riesige russische Reich. Wenngleich es dem Chemiker oft gelingt, in seinem Laboratorium ein neues chemisches Produkt herzustellen, so kommt es häufig vor, daß er Fiasko macht, sobald die Herstellung desselben fabrikmäßig in großen Quantitäten betrieben werden soll. Aber selbst in Frankreich dauerte ja die Revolution nicht weniger als achtzig Jahre! Und nun, innerhalb dieses allrussischen Chaos, gleichsam als erratischer Block eingekeilt, vegetiert ein nach fünf Millionen zählendes Volk, das jüdische, einst das auserwählte, jetzt von Gott und Menschen total verlassene Volk. Dieser „ewige Jude", der nicht davon lassen kann, mit dem einzigen von seinen Propheten überkommenen Erbstück der Nächstenliebe, der allgemeinen Gerechtigkeit und der Gleichheit aller vor dem höchsten Wesen — herumzuwandern, überall diese seine Gaben feilbietend, von allen zurückgewiesen, vor die Türe gesetzt, da offenbar solch „ethischer Plunder" im XX. Jahrhundert längst in die Rumpelkammer gehört. Wahrscheinlich in pädagogischer, erzieherischer Absicht sind die Juden gerade in die slavischen Länder eingepfercht, damit der zivilisierten christlichen Welt an den von blutenden Striemen durchfurchten Judenrücken deutlich demonstriert werden könne, wie sehr die Menschen noch Bestien, und wie human im Vergleich zu den Menschen die Tiere sind. Nicht nur rechtlos, sondern vogelfrei, ein gehetztes Wild, muß jetzt der Ghettojude, immerfort den Wanderstab in der Hand, das Ranzel auf dem Rücken, durch die Straßen wandern, schen um sich schauend, da er jederzeit der Gefahr ausgesetzt ist, daß die eiserne Brechstange eines Hooligans ihm den Schädel straflos zerschmettern könnte. Und auch in diesem Augenblick, wo ich zu Ihnen rede, bin ich nicht sicher, ob nicht irgendwo im Ghettorevier die schwarzen Banden unter dem Schutz und der Leitung der nach den mandschurischen Niederlagen so tapfer gewordenen Krieger eine neue Hetze, ein neues Bjelosto! in Szene setzen. Als L e s s e p s den Suezkanal durchstochen hatte, da begaben sich viele gelehrte Botaniker und Zoologen an Ort und Stelle, um die neuen Tier- und Pflanzenarten zu studieren, die dadurch entstehen müßten, daß zwei bis nun getrennte Meere miteinander verbunden wurden. .Für Naturforscher mußten solche Studien höchst interessant und lehrreich sein. Aber ebenso lehrreich, wenn auch in ihren Resultaten unendlich traurig und verstimmend, sind die Erfahrungen, die ein Beobachter in dem großen Sumpfe macht, den man „das jüdische Ghetto Rußlands" nennt, wo ebenfalls eine allmähliche Mischung verschieden gearteter Völkerspezies vor sich geht: die Mischung der Juden mit denjenigen Nationen, unter denen sie leben, und deren Kultur sie sich aneignen, seitdem sie ihre eigene und eigenartige jüdische Kultur aufzugeben begonnen haben. Faßt man diesen Mischnngsprozeß scharf ins Auge, so ist es nicht möglich, vor demselben ohne Schaudern und Schrecken einerseits und ohne die größte Bewunderung andererseits stehen zu bleiben! Welch ein buntscheckiges, kaleidoskopisch durcheinander gewürfeltes Bild! Welch schöne, üppige Golusblüten auf der einen, welch garstige Sumpf-, pflanzen auf der andern Seite! Sklaven unter Sklaven, doppelte Sklaven, zunächst allrussische und obendrein jüdische Parias, in deren Adern Aristokratenblut fließt, nach Freiheit lechzend, mit aller Kraft der Verzweiflung an ihren Ketten rüttelnd und dabei blos ihre Haut blutig schindend, immer hoffend, immer enttäuscht, mit einer wunderbaren Lebenszähigkeit ausgerüstet, stets bereit für andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen, echte Makkabäer, die ihr Leben nicht nur für ihr eigenes Volk, sondern selbst für das russische Bauerntum aufs Spiel setzen, in der Hoffnung, daß der Sieg der Freiheit auch ihnen Erlösung bringen werde! Merken diese Unglücklichen nicht, wieviele Havarien, wieviele moralische Schäden und Defekte sie bereits erlitten haben, teils infolge ihrer „hündischen" politischen und ökonomischen Lage, teils aber auch infolge ihres engen Anschlusses an die russischen und polnischen Nachbarn? Sie scheinen nicht sehen zu wollen, wie sie allmälig alles Gute, das dem Judentum eignet, von sich werfen, um alles Schlechte ihrer Nachbarn dafür einzutauschen. Sie merken es nicht, daß auch sie den derben Spott des altrömischen Satyrikers verdienen, der die damaligen Juden geißelte, als sie bei den gymnastischen Spielen ihre nackten Körperteile denen der Heiden täuschend ähnlich zu machen suchten. Sie merkten es nicht, wie die Ghettomoral allmälig einen Tiefstand erreicht, daß alle die wilden Instinkte ihrer Peiniger, die Gefühlsroheit derselben auch Gemeingut zahlreicher Juden werden. Sie merken es nicht, wie ihr geistiges Niveau sich verflacht und der ganze wissenschaftliche Schatz unserer Heranwachsenden Jugend allmälig zusammenschrnmpft. aus einem Dutzend unverdauter „geflügelter Worte" aneinander gekleistert wird, zumeist aus kosmopolitischen Schwärmereien, die zu nichts verpflichen, weil sie, wie eine jede abstrakte Idee, ganz inhaltsleer sind. Sie merken es nicht, daß in das einst selbst von unseren Feinden zugestandene züchtige Familienleben, in die Sittenreinheit, in die Nüchternheit, die Alkoholabstinenz, die sie bis nun vor einer gänzlichen körperlichen Degeneration schützte, allmälig eine Bresche nach der andern geschlagen wird. Und die unendliche Zahl politischer Parteien, die wie Pilze aus der Erde aufschossen, die sich miteinander nicht mehr verständigen können, wie einst die Leute beim Turmbau von Babel — sind das nicht alles böse Anzeichen einer Zerfahrenheit, einer inneren Zersetzung des sonst so fähigen, kulrnrell beanlagten, idealistisch gestimmten und in der Wirklichkeit so grob materialistisch handelnden Volkes? (Schluß folgt.) Zur Uriflideutenmichl in der Kudapester Gemeinde. Nennt man die angesehensten und hervorragendsten Mitglieder der Pester israelitischen Religiousgemeinde, so steht sicherlich der glanzvolle Name des hochverdienten Hofrat Berthold Weiß in der allervordersten Reihe. Unsere Gemeinde zählt ihn zu ihren Allerersten, und es bedarf nur noch eines Schrittes, damit er, falls ihm die Präsidentenwürde zuteil werden sollte, als Erster an der Pester Großgemeinde stehe. Sollte Hofrat Weiß Präsident unserer Gemeinde werden, dann dürften viele wichtige Zweige der Gemeindeverwaltung eine Erweiterung und eine wesentliche Verbesserung erfahren. Das läßt sich nach der vernommenen, großangelegten und ideenreichen, wahrhaft jüdischen Programmrede ganz ruhig behaupte«, denn Hofrat Weiß

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