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Die Wahrheit · 1906-09-07 · Heft 35 (7.9.1906) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 35 (7.9.1906)
Date
1906-09-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 35. Die Wahrheit. Leite 5. die unter der Feder waren, zumal Lazarus schon frühzeitig wegen seines stupenden Wissens, insbesondere wegen seines ausgereiften ästhetischen Feingefühls, als eine kunstkritische Autorität ersten Ranges gefeiert wurde. Selbst Schriftsteller von Ruf sandten ihm ihre Manuskripte zu und lauschten seinen ..Bleistiftj winken". Berthold Auerbach nennt ihn den „geliebten Rat- : geber und Wegweiser" (S. 50). Paul Heyse bittet um eine „milde Blei-Stiftung, wo etwas noch hilfsbedürftig ist" (S. 87). „Jede Bemerkung von Ihnen," schreibt I. G. Kohl, „und > wenn es auch nur eine einzige wäre, würde von mir als etwas! höchst Wertvolles und Willkommenes mit dem größten Dank > ausgenommen werden" (S. 234). So wuchs sich der Völker-! Psycholog fast ohne fein Wissen und Wollen zu einem der führenden Geister im jungen Deutschland" aus, und die Fülle von Anregungen, die von ihm ausging, konnte nicht verfehlen,! auf den Werdegang einer ganzen Schar aufstrebender Talente.! die bei dem populär-wissenschaftlichen Essayisten eifrig in die j Schule gingen, einen förderlichen und nachhaltigen Einftuß zu üben, j Diese vielbeneidete aber unangefochtene Führerrolle, deren sich Lazarus mehr als ein Menschenalter hindurch zu erfreuen hatte, will nun dessen kongeniale Witwe N a h i d a, unterstützt von der dankenswerten Mitarbeit des Professors Dr. Leicht, als kulturhistorische Tatsache, durch mannigfaltige Belege bis zur Evidenz beleuchten. Mit wahrhaft rührender Unverdrossenheit sammelte Nah ida die losen Blätter, die sich in einer Leipziger Briefkiste chaotisch und kunterbunt vorfanden, sichtete und ordnete sie, flocht daraus mit kundiger Hand einen Lorbeer- und Jmmortellenkranz und wand ihn ums Hanpt des von ihr abgöttisch verehrten, stillen Mannes. Das Buch empfiehlt sich schon durch diesen Umstand als eine literarische Erscheinung ungewöhnlicher Art und fesselt die Aufmerksamkeit des Lesers auch durch ne respektable Anzahl seiner Kapitel unter folgenden Ueberfchriften: 1. Rückert. 2. Gottfried Keller. 3. Berthold Auerbach. 4. Paul Heyse. 5. Reuter, Raabe, Goltz. 6. Literarisches Kunterbunt. 7. Schillerstiftung. 8. Aus der Welt des Theaters. 9. Kulturgeschichtliches. 10. Paris. 11. Aeckerleins Keller. 12. Berliner- Erinnerungen. 13. Wiener Erinnerungen. 14. Schönefeld. 15. Das kleine Diner als Kultnrelement. 16. Herbert-Denkmal. 17. Meine vier Alten. 18. Am preußischen Hof. 19. Kriegsakademie. 20. Fontane kriegsgefangen. 21. Tunnel und Ellora. 22. Das Rütli-. Der Totaleindruck der „Le b en s e rinn eru n g en" ist ein entschieden wohltuender, der auch bei der Erwägung, daß manches Persönliche besser jenseit der Erinnerung hätte bleiben dürfen, keinerlei Eintrag und auch nicht den Schatten einer Trübung erfährt. Je weiter die Lektüre des Buches fortschreitet, desto lebhafter bewundert man Lazarus' phänomenale Vielseitigkeit, seine nie versiegende Arbeitskraft, seine philosophische Schulung und seine ungezählten Beziehungen zu Stadt- und Weltberühmtheiten, zu Kunstgrößen, zu den Bürgern der allgemeinen Geistesrepnblik und zur Hofgesellschaft. Es braucht wohl kaum erst betont zu werden, daß jene Berührungspunkte nicht wenig dazu 'beitrugen, das in den Achtzigerjahren von Dühring und Treitschke ausgestreute antisemitische Gift teilweise mindestens zu paralysieren, ein besseres Verständnis des jüdischen Geistes anzubahnen und manche tief* gewurzelten Vorurteile gegen Juden und Judentum, wo nicht zu berichtigen, so doch zu modifizieren. Sehr bezeichnend sind die freisinnigen, an einem Teeabende bei Hofe in Anwesenheit Lazarus' vom damaligen deutschen Kronprinzen geäußerten Worte: „Allen Landeskindern, welcher Religionsgemeinde sie auch angehören, soll dieser Geist zugute kommen und alle ohne Unterschied des Bekenntnisses soll er zur gemeinsamen, freudigen und tatkräftigen Mitarbeit auf allen geistigen und humanitären Gebieten anspornen. Das ist mein Wunsch." (S. 505.) Sind solche Fürstenworte in der Aera Stöcker nicht merkwürdig? Zum Schlüsse eilend, geben wir der Zuversicht Raum, daß die Lektüre des hochinteressanten und auch typographisch geschmackvoll ausgestatteten Buches dazu beitragen wird, die Stunden der sich dehnenden Herbst- und Winterabende genußreich verfliegen zu lassen. Jglau. Dr. I. I. Unger. Land. Kand!*) Zum zweiten Male im Verlaufe dieses Jahres komme ich aus dem „heiligen" Rußland nach Europa, um für eine Bewegung einzulreten, welche den Hauptinhalt meines Lebens ansmacht, und deretwegen ich alle persönlichen Wünsche, die ich noch haben könnte, als ganz nebensächlich bei Seile schiebe. Ich komme hierher, um für den Territorialismus eine Lanze zu brechen. Ich begreife recht wohl, wie schwer es denjenigen, die von Kindesbeinen an eine gewisse Denkungsweise sich angeeignet haben, deren Nervenbahnen nach einer ganz bestimmten Richtung a u s g e s ch l i f f e n sind — wie schwer es denen fallen muß, den Gedankenstrom nach einer anderen, neuen Richtung hinzulenken, die Umwertung derjenigen Werte zu vollziehen, die sie als die einzig richtigen bis nun anfzufaffen gewöhnt waren. Ich versetze mich in die Lage der Verblüffung und des Zweifels derjenigen, denen Kopernikus zuerst verkündete, daß die Erde sich um die Sonne drehe, während wir doch täglich beobachten, wie die Sonne anfgeht, wie sie untergehr, und wie unbeweglich die Erde dasteht mit ihren Häusern, Bergen, Türmen, Kirchen und Straßen. Und die Erde bewegt sich doch! Eppur si muove! Ebenso schwer muß es nicht nur dem größten Teil der Ghettojuden, sondern auch den Juden des Westens werden, sich in den Gedankengang hineinzuarbeiten, daß die russischen Juden, welche doch den Hanplkern des ganzen jüdischen Volkes ansmachen, welche seit Jahrhunderten in Rußland leben, leiden und für ihre Freiheit die schwersten Opfer bringen, kämpfen und sterben, ihr Heil und ihre endliche Ruhe nicht in Rußland selb st, sondern nur außerhalb dieses Riesenreiches finden können. Und doch ist dieses scheinbare Paradoxon das einzige, von welchem behauptet werden kann, daß es festen Boden zur Voraussetzung hat, während die Erlangung der Gleichberechtigung in Rußland keinen Boden unter sich hat; nicht etwa deshalb, weil sie überhaupt nicht zu erlangen sein wird, sondern aus dem einfachen Grunde, weil, falls sie auch einst erreicht feiwwird, dies ohne Land u n d B o d e n, ohne Territorium geschehen wird. Land wird ihnen nie zufallen, und ohne Land, ohne eigenen Boden ist die normale Existenz eines Volkes für mich ganz undenkbar. Die Ablengnung. daß die Inden ein Volk sind, ist, meiner Anschauung nach, zum mindesten eine Torheit. Und wenn viele Juden sowohl in Rußland, als auch anderswo sich alle erdenkliche Mühe geben, diese Tatsache aus der Welt zu schaffen, so glaubt es ihnen niemand; am allerwenigsten glauben es ihnen die christlichen Völker, die eben die Inden zur Nation par excellence und noch dazu zu einer ganz unausstehlichen Nation stempeln wollen. Als Nationaljnde fordere ich Sie deshalb auf. mir nicht etwa auf der breiten Fahrstraße zu folgen, auf welcher gegenwärtig die unzähligen Nationen und Natiöuchen Rußlands sich tummeln, eine jede Nation mit ihrem schweren Gepäck, ihren Lastwagen, die eine die andere in die Rippen stoßend, bei Seite drängend — ans der mit dem Blute gedüngten Fahrstraße Rußlands, sondern ans einem stillen, zwar holprigen, steinigen, mit Gestrüpp bewachsenen Wege, der mit Harke, Spaten und Axt, mit sehnigen Muskeln, schwieligen Händen, mit großem Aufwande an festem Willen und prüfendem Verstände erst geebnet werden muß, der aber auf alle Fälle einem Knlturvolke geziemt, zu dem ich das Judenvolk hinzuzählen mir das volle Recht nehmen darf. Dieser Weg wäre übrigens nicht neu. Diesen Weg beschritten einst die Hugenotten, als sie nach Aufhebung des Ediktes von Nantes in Frankreich öen gräßlichsten Verfolgungen ansgesetzt waren. Diesen Weg beschritten die Engländer des XVII. und XVm. Jahrhunderts während der vieljährigen Religionskriege und politischen Wirren. Diesen Weg wählten die Irländer in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, und diesen Weg wollen auch wir beschreiten. Und wenngleich es wahr ist, daß ohne schweren, harten Kampf kein Volk seine Freiheit, feinen Wohlstand erreichen kann, so ist damit noch lange nicht gesagt, daß dieser Kampf in einer gegenseitigen Ausrottung und Zerfleischung bestehen müsse. Der *) Rede, gehalten in der- Jto-Versammlung in London, am 5. August 1906. Von Professor Dr. Mandelstamm -Kiew.

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