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Die Wahrheit · 1906-09-07 · Heft 35 (7.9.1906) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 35 (7.9.1906)
Date
1906-09-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. Die Wahrheu üx. Bi?.1 stellung der Tatsachen sei, mit aller Entschiedenheit zurückweisen. Wenn die publizistische Fehde mit solchen Waffen geführt wird, dann müssen wir auch aus Gründen des Anstandes auf die Fortspinnung derselben verzichten. * * * In Deutschland und Oesterreich wurden in kurzer Aufeinanderfolge Katholikentage abgehalten und im Vergleiche der beiderseitigen Beratungen drängen sich uns eigentümliche Beobachtungen auf. Während auf dem deutschen Katholikentage der Erzbischof von Köln den Geist des Friedens predigte, zu nationaler und konfessioneller Duldsamkeit und zur Achtung vor jeder Religion mahnte, pries der österreichische Katholikentag in Eger den Hetzapostel Dr. Lueger als den Messias der ch r i st l i ch e n Völker. Es wundert uns nur, daß die Begeisterung für die Koryphäen des jeder wahren Religion hohnsprechenden Antisemitismus nicht auch in Begrüßungstelegrammen an die der Partei Dr. Luegers angehörigen Retter des christlichen Gewerbes, wie Doleis und Genossen, Ausdruck fand., * * * So muß es kommen. In einer Notiz des „Deutschen Reichsanzeigers" heißt es: „In unser Handelsregister ist heute unter Nr. 394: Warenhaus des Herzogs von Pleß, Hans Heinrichs XI., und als dessen Inhaber Se. Durchlaucht der Herzog von Pleß, Hans Heinrich XI. in Pleß, sowie die Erteilung der Prokura an den Generalbevollmächtigten, Königlichen Regierungsrat a. D. Gustav Keindorff zu Schloß Waldenburg eingetragen." Man wird den Kummer der Antisemiten, die nicht müde wurden, über die Warenhäuser als eine Erfindung des jüdischen Geistes zu zetern, begreifen, daß nun ein veritadler preußischer Herzog auch unter die Warenhäusler gegangen ist. Bisher konnten sie so tun, als seien nrtr die Juden verworfen genug, ein Warenhaus zu besitzen. Daß der Herzog von Pleß kein Jude ist, müssen selbst die Antisemiten zugeben, die sich sonst nicht genieren, ihnen unbequeme Personen den Rockschößen der Juden anzuheften. Das geht nun hier nicht. Aber ein süßer Trost ist ihnen geblieben; sie können Klagelieder anstimmen über die fortschreitende Berjudung des deutschen Volkes, der sich selbst ' die Granden des Reiches nicht mehr entziehen, über die zunehmende Judenherrschaft, und was der albernen Klagen mehr sind. -t- In Italien ist ein Jude, Herr Riva, Unterrichtsminister geworden, ohne daß deswegen von judenseindlicher Seite auch nur ein schüchterner Protest laut geworden wäre. Wie herrlich weit hat es dagegenPreußen-Deutschland gebracht, wo erst noch vor wenigen Wochen bei Verabschiednng des Volksschulgesetzes Herr Ministerialdirektor Dr. Schwarzkopff die „schweren Bedenken" des Frh. von Durant durch die | Zusicherung beschwichtigte, daß jüdische Volksschullehrer nur in den dringensten Notfällen an christlichen Schulen! beschäftigt iverden sollen. Der gleichfalls jüdische italienische I Schatzminister Luigi Luzzatti ist kürzlich erst von dem deutschen Kaiser durch das Großkreuz des Roten Adlerordens! ausgezeichnet worden, und der Reichskanzler Fürst Bülow hat ihm ein höchst schmeichelhaftes Schreiben übersandt, in dem er seine Bewunderung „für die geniale, überaus verdienstvolle Finanz-Transaktion" Luzzattis Ausdruck gibt. Merkwürdig nur, daß die amtlichen Stellen immer nur an ausländischen Juden hervorragende Verdienste entdecken, die doch nach antisemitischer Behauptung moralisch und intellektuell noch unter den deutschen Juden rangieren. * Die letzten bedauernswerten Ereignisse und traurigen Vori fälle in Bulgarien, wo nach russischem Muster Läden und Wohnungen griechischer Handelsleute in Bulgarien von der bulgarischen Bevölkerung unter dem Schutze der Behörden und des Militärs geplündert und devastiert, angezüudet und vernichtet und deren Besitzer von ihrer erbgesessenen Erdscholle vertrieben und verjagt wurden, haben die Aufmerksamkeit des Kontinents in unliebsamer Weise auf sich gelenkt und allgemein ungeteilte Verurteilung hervorgerufen. Europa kann wohl Zusehen, wenn nur an Juden solche Greueltaten begangen werden, aber an Christen gleiche Grausamkeiten verübt zu wissen, das berührt schon ganz empfindlich dieses von hoher Kultur beleckte und von der seligmachenden Nächstenliebe so sehr durchdrungene Mütterchen Europa. Wir Juden sind gewiß nicht die allerletzten, die solche Grausamkeiten und Barbareien, sei es an wem immer begangen, aufs schärfste verurteilen und verdammen. Jedoch müssen wir diese an den Griechen am Balkan begangenen Untalen als Nemesis der Geschichte erkennen und kennzeichnen. Waren es ja die Griechen, welche, um ihre mit der von ihnen in der Levante beherrschten Navigation eng verbundenen Handelsposition zu sichern und zu befestigen und den ihnen gefährlich erschienenen jüdischen Konkurrenten auf leichte Weise unschädlich zu machen, den Raffen- und Reügionshaß als sicheres und nie versagendes Kampfmittel gegen die Juden entfachten, um so den Zorn der Balkanvölker von den ihnen zu jeder Zeit wegen ihrer grenzenlosen Habgier verhaßten Phanarioten, auf die Juden zu lenken. Das ist ihnen leider nur zu oft gelungen, und so ist auch der Ursprung der Leiden der rumänischen Juden größtenteils auf die wohlinfzenierten Hetzereien der Gräko-Rumäno-Beamten znrückzuführen, die unter der Decke der Assimilation und dem Mantel der gemeinsamen Religion die meisten Beamtenstellen zu erlangen wußten, . wogegen selbst die Regierung nichts auszurichten vermochte, da sie selbst in den höchsten Stellen konnationalen Schutz fanden. Nun hat sie die Nemesis erreicht, wenn auch spät, wie Börne sagt, „leider lebt Gott ewig", aber gerecht. Ci« Griirnerimgs schätz.*) Die Erlebnisse und Erfahrungen hervorragender Geister sind wertvolle Kulturmomente und erweisen sich in der Erinnerung nicht selten als eine wahre Fundgrube von Belehrung und Erhebung. Von solchem Kaliber sind ailch die vorliegenden „Lebenserinnerungen". Größtenteils von zarter Frauenhand mit liebender Sorgfalt und mit verständnisinnigem Kennerauge gesammelt, präsentieren sich dieselben in höchst anmutiger, oft malerisch ausgeschmückter Form und erwecken dadurch ein lebhaftes und dauerndes Interesse. Moritz Lazarus war unstreitig einer der edelsten und originellsten Denker des XIX. Jahrhunderts, ein bahnbrechender Forscher, ein genialer Kunstkritiker, ein „Fahnenträger des echten Idealismus", kurz, ein Charakterkopf seltener Eigenart. Seit dem Erscheinen seines Werkes: „Das Leben der Seele in Monographien" (1856—1858) war Lazarus Name in ganz Deutschland vom besten Klange. Die von ihm begründete und mit S t e i n t h a l herausgegebene „Zeitschrift für V ö l k e r p s y ch o l o g i e u n d S p r a ch w i s s e n s ch a f t' (1859) trug seinen Forscherruhm weit über die deutschen Grenzpfühle hinaus und bahnte ihm den Weg zur Professur für Psychologie und Geschichte an der Universität Bern, einer Professur, die freilich dem Expansiousbedärfnis seines arbeitsfrohen Geistes nicht adäquat war. Die Bekanntschaft mit den kleinen Sorgen des Tages ist ihm glücklicherweise erspart geblieben. Als Besitzer einer sehr ansehnlichen Jahresrente durfte er es sich vielmehr gönnen, ein vornehmes, stillbeglücktes, gastliches Heim in Berlin und später ein Landhaus, als Sommersitz, in Schönefeld bei Leipzig zu etablieren, häufige Reisen und Ausflüge zu machen, persönliche Beziehungen und Bekanntschaften anzustreben und unmittelbar seine Welt- und Menschenkenntnis zu vertiefen, insbesondere seine völkerpsychologischen Erfahrungen sehr wesentlich zu bereichern. In den köstlichen Stunden, die Lazarus, der geborene Gastfreund, in seinem behaglichen Schönefelder Heim Freunden und Bekannten zu bieten pflegte, drehte sich der literarische Gedankenaustausch vornehmlich um Geistesprodukte, *) „Moritz Lazarus' Lebenserinnerungen." Bearbeitet von Nahida Lazarus und Alfred Leicht. Mit einem Titelbilde. Berlin. Druck und Verlag von Georg Reimer. 1906.

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