Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 34 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seile 8. Die Wahrheit Nr. 34. jetzt, nachdem 12 Sitzungen abgehalten und 78 Zeugen vernommen worden sind, ihre Verhandlungen abgeschlossen. Der die jüdische Bevölkerung besonders interessierende Passus des offiziellen Berichtes lautet folgendermaßen: „Schließlich lenkt die Kommiffion ihre Ausmerksamkeit auf die Jntereffen der Juden, denen sie sehr sympathisch gegenübersteht. Es wäre ihr angenehm, wenn ein Kompromiß zustande käme, das die jüdische Gemeinschaft zufrieden stellte. Die Kommiffion hat sich davon überzeugt, daß jedes Gesetz bei ihr auf Widerspruch stoßen werde, das den am Samstag feiernden Juden nicht am Sonntag ihre Geschäfte zu öffnen erlaube. Andererseits würde eine solche Erlaubnis wahrscheinlich die Gegnerschaft der übrigen Ladenbesitzer erwecken, und die Kommiffion kann sie daher nicht empfehlen. Die Kommiffion bedenkt jedoch, daß es in den großen Städten Bezirke gibt, die fast nur von Juden bewohnt sind. In diesen Bezirken haben sich Märkte entwickelt, auf denen am Sonntag ein lebhaftes Geschäft betrieben wird. Die Kommission ist der Meinung, daß man diese Bezirke gesetzlich festlegen und den Juden, die am Samstag ihre Läden geschloffen halten und kein Geschäft besorgen, erlauben möge, daselbst am Sonntag bizum Mittag zu verkaufen. Die Kommission empfiehlt es, wenn die jüdische Gemeinschaft es wünscht, den Verkauf von Koscher-Fleisch und jüdischem Brot am Sonntag bis zum Mittag zu gestatten." Diese Beschlüsse kommen den Wünschen der englischen Juden, wenn sie sie auch nicht ganz befriedigen, hoch immerhin ein gutes Stück entgegen. Die ursprüngliche Fassung des Kommiffonsberichtes macht der jüdischen Bevölkerung, abgesehen von der Erlaubnis des Koscherfleisch- und Brotverkaufes bis Sonntagmittag, gar keine Zugeständnisse. Es gelang jedoch schließlich den jüdischen Mitgliedern der Kommiffion, einer Anregung des Herzogs von Northumberland folgend, die erwähnten Aenderungen zu erlangen. Die endgültigen Beschlüsse haben allerdings noch den Nachteil, daß dabei die außerhalb der abzugrenzenden Viertel wohnenden Inden nicht berücksichtigt sind. Zweifellos wird dadurch die Ansammlung der Juden in den schon allzu dicht bevölkerten jüdischen Stadtteilen in einer durchaus nicht wünschenswerten Weise begünstigt werden. Außerdem setzt auch die Beschränkung des Geschäftsbetriebes am Sonntag auf den Vormittag eine zu enge Grenze, da erfahrungsgemäß der Verkauf am Sonntagmorgen erst gegen 10 Uhr beginnt. Man gibt sich jedoch der Hoffnung hin, daß bei der Einbringung eines Gesetzes im Parlament weitere Zugeständnisse für die Juden erkämpft werden können. Kairo. Während der Judenverfolgungen in Odeffa ist es einer ganzen Anzahl jüdischer Bewohner der unglücklichen Stadt gelungen, sich auf die Schiffe zu retten, die in regelmäßiger Fahrt Südrußland mit Aegypten verbinden. Die maßgebenden Kreise Aegyptens, weit entfernt, den Vertriebenen bureaukratische Schwierigkeiten in den Weg zu legen, haben sich nun mit anerkennenswertem Eifer an die Organisation eines Hilfswerkes gemacht. Sofort nach dem Eintreffen der ersten Auswanderer simstltuierte sich in Alexandrien ein Hilfsausschuß, dem hervorragende Mitglieder der Gesellschaft, Privatpersonen, Richter, Kaufleute, Bankiers ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität beitraten. Bis zum 26. v. M. waren bereits ungefähr 150 Familien teils mit Geld, teils durch Nachweis von Arbeitsgelegenheit unterstützt worden. Dreißig der unterstützten Familien sind inzwischen wieder nach Rußland zurückgekehrt. Die übrigen verteilten sich über das Land; einige kamen nach Kairo, andere fanden Beschäftigung in Baumwollspinnereien und Reismühlen, ein kleiner Teil wurde zur Landarbeit herangezogen. Der Hilfsausschuß hat sich dahin geäußert, daß später, wenn einmal die Organisation voll durchgeführt sein wird, noch sehr viel mehr in Aegypten ausgenommen werden können, und so löst sich vielleicht in aller Stille ein Teil des schwierigen Problems, das die Judenhetzen in Rußland der an der Zivilisation interessierten Kulturwelt gestellt haben. Zur Beschaffung von Barmitteln wurde in Alexandrien ein großes Wohltätigkeitsfest veranstaltet, das die Summe von 26.000 Mark eingebracht hat. New Aork. Der Kongreß der orthodoxen Rabbiner Amerikas, welcher in Tranton (New-Jersey) getagt hat, beschäftigte sich fast ausschließlich mit der Not unserer russischen Glaubensgenossen. Die Schlußsitzung gestaltete sich zu einer imposanten Ehren-Kundgebung für das seit Jahren in New Dork wirkende Removal Office, das bekanntlich den Strom der jüdischen Emigration nach den Weststaaten zu lenken sucht. Es wurde beschlossen, in allen Städten jüdische Arbeits- Nachweise zu gründen, welche mit dem Removal Office in Verkehr zu treten haben. Ferner sollen alle Rabbiner sich bemühen, in ihren Gemeinden Asyle zu schaffen, in welchen die armen Emigranten Ruhe und Schutz finden bis sie sich selbsttätig ernähren können. ^(((ftOt< (Alle Rechte Vorbehalten.) Eine Erzählung frei nach dem Talmud von Hanna Grube. (Fortsetzung.) „Das also ist Dein Weib!" sagte er, als Schlome ihm Lea vorgestellt hatte. „Wo sind Deine Kinder, daß ich sie segne?" Lea erbleichte und wankte aus dem Zimmer. ..Wir haben noch keine Kinder," antwortete Schlome zögernd. „Wie lange seid Ihr schon verheiratet?" frua der Alte. „Fünf Jahre." „Fünf Jahre und noch kein Kind!" schrie Baruch entsetzt. „Höre, welche Frau hast Du da heimgeführt?" „Lea ist das beste, das edelste Weib, wie sie das schönste ist, dem ich je begegnet bin!" '..Ein unfruchtbares Weib ist nichts wert, Ist eine taube Nuß; anderes, hat ja-das Weib nicht zu tun, als dem Mann das Kind zu schenken. Oder gehörst Du zu jenen, die davon schwatzen, das Weib sei zu befreien, zu bilden, zu heben? Die Weiber sind gescheit genug, nur ehrlich sind sie nicht! Behalten immer etwas insgeheim für sich, mit dem sie uns täuschen und betrügen. Frei' genug auch sind sie und mächtig genug, führen sie doch alle Männlichkeit am Halfter durch das Kind! Und höhere Würde gibt es nicht, als die der Mutterschaft." „Wir leben in einer bösen Zeit, Oheim. Jetzt müssen die Mädel lernen, damit sie sich das Brot selber verdienen l Würde jede gerne heiraten, fände sie nur einen Mann!" suchte Schlome das Gespräch in ein anderes Fahrwasser zu leiten. ..Du willst sagen, fände sich für jede eine glänzende Partie. Nur für reiche Männer werden jetzt die Mädel erzogen. So viel der reichen Männer leben gar nicht, als Mädel nach ihnen fahnden. Ein ehrlicher Mann mit bescheidenem Einkommen wagt gar nicht mehr zu freien, und wie viele Mädel sparen, um sich eine Mitgift beiseite zu legen für einen bescheidenen Werber? Schau Dir die Weiber gnt an, die am lautesten nach Befreiung schreien! Sie sind nicht wie unsere Mütter ehevor gewesen, so verehrungswürdig groß im Kleinen. Jetzt bringen sie es nur dazu, klein im Großen zu sein!" „Bist Du ganz gerecht? Bist Du nicht zu hart?" „Ich und hart gegen ein Weib? Frag Perle, ob ich auch nur ein hartes Wort zu ihr in den vierzig Jahren unserer Ehe gesprochen habe! Ich nicht und keiner von unseren Leuten ist hart gegen das Weib, das ihm unter Schmerzen Kinder gebiert. Aber ein Weib wollen wir; ganz Weib ist jene nur, die einem Kind das Leben schenkt. Die allein füllt ihren Platz aus. Für das Kind ist uns kein Opfer, keine Plage, keine Entbehrung zu groß, nicht für das Kind, nicht für die Mutter." Und als Schlome schwieg, fuhr er fort: „Meinst Du, das Weib lebe zum Vergnügen des Mannes, wie die Straßenläuferinnen? Dann bist Du es, der niedrig von der Frau denkt. Um des Kindes willen lebt sie, — leben wir alle, Glieder einer endlosen Kette. Darum hat ein Weib, das unfruchtbar ist, den Scheidebrief zu erwarten. Genug der blühenden Mädchen sind bereit, Mutter Deiner Kinder zu werden, bist Du doch ein reicher Mann." Das Kind! Gewiß wünschte Schlome auch von der Geliebten ein Kind! Aber nur von der Geliebten! Bis zu dieser Stunde hatte der Gedanke an Leas Kinderlosigkeit nicht einen Augenblick Schlomes Glück gestört. Im Besitze von Leas tadelloser Schönheit, zärtlich umfangen von ihren weichen Armen, von ihren süßen Schmeicheleien umkost, hatte er beinahe auf den Endzweck der Ehe, auf das Kind, vergessen. Jetzt dachte er daran. Er wußte, daß alle Männer ringsum Baruchs Ansicht teilten. Und auch die Weiber! Und auch Lea! Lea selber! Einstmals hatte er die in der Dämmerstunde weinend in ihrem Zimmer getroffen, und als er sie frug: „Lea, mein Gold, warum diese Tränen?" hatte sie ihm geantwortet: „Weib bin ich und habe kein Kind! Und ich sehne mich nach dem Kind von Dir! Bei Tag und bei Nacht! Oft wach ich auf, nach boshaft neckendem Traum und meine, ich höre leises Kinderwimmern! Wenn tagsüber von der Straße her übermütiger Kinder Geschrei in meine Stube dringt, lausch ich, als müßt ein wohlbekanntes, süßes Sümmchen darunter sein. Seh ich Kleine im Kinderwagen, oder an ihrer Mutter Hand, blick ich ihnen ins Gesichtchen, als könnt ich unseren Kindern begegnen. Daß auch ich mit meinem Erstgebornen vor Dich hintreten könnte als —-eine Mutter!" „Närrchen!" hatte Schlome damals getröstet. „Bist so jung! Kinder genug werden noch angerückt kommen! Zu klein wird uns noch das alte Haus werden! Zubau'n werd ich noch müssen!" Jetzt brauchte er selber Trostesworte! Jetzt wurde er, wie alle Unzufriedenen, empfindlich. Er hielt sich für einen Gegenstand des Spottes, witterte immer Anspielungen, hämische Bemerkungen, Schadenfreude. Kam dazu, daß einmal Aaron Wormser bei ihm einfiel. Aaron kränkelte und war ein Griesgram. (Fortsetzung folgt).