Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 34 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Oelierr.-migar. iftiitorcn-Mung. Isar Heymann, Oberkantor der Nieder!. Israelitischen Hauptsynagoge in Amsterdam. Am 16. August ist Oberkantor I s a c Heymann in Amsterdam, einer der vornehmsten und edelsten Repräsentanten des Kantorenstandes, plötzlich gestorben. In den weitesten Kollegenkreisen wird diese Nachricht aufrichtigste Trauer erwecken, denn der Verblichene, der nicht nur ein hervorragender Fachgenosse, sondern auch ein seltener Mensch und ein ausgezeichneter Kollege gewesen ist, genoß allgemeine Verehrung. Wie tief schmerzlich sein Heimgang in Amsterdam empfunden wurde, beweisen die nachfolgenden Mitteilungen, die uns von dort zukommen: Erst wenige Wochen ist es her, seit wir einen Jubelgesang anstimmen konnten, weil Jiac H e y in a n n das seltene Vorrecht haben sollte, sein fünfzigjähriges Jubiläum als Oberkantor unserer Gemeinde zu begehen. Am Erew Schewuoth waren es gerade fünfzig Jahre, daß er, dessen Name weit über die Grenzen unseres Vaterlandes bekannt war, der unter den berühmten Chasoniin aller Zeiten eine Ehrenstelle ernnahm, hier installiert wurde. Bei diesem Anlasse wurde sowohl in den jüdischen als nichtjüdischen Organen nicht nur in Holland, sondern in fast allen Ländern Europas H e y in a u n gehuldigt, als Israels beliebtestem Sänger, der von Gott begabt mit einer herrlichen Stimme, soviel Gefühl und Begeisterung in seinen Vortrag zu legen wußte, als dem musikalisch gebildeten Manne und Komponisten synagogaler Gesänge. In den Sälen des Gebäudes „Boor den werkenden Stand" waren damals Gemeindemitglieder verschiedenen Ranges und Standes anwesend, um dem Manne ihre Verehrung zu bezeugen, der durch sein hervorragendes Talent, seine unvergleichliche Humanität und seine nngeheuchelte Frömmigkeit sich so viele Freunde erworben hatte, ulid jetzt, schon nach so kurzer Zeit, müssen wir uns trauernd hinsetzen, um sein Andenken zu ehren. Am vergangenen Donnerstag hat Jsac H e y m a n n noch bei einer Trauung in der neuen Synagoge fungiert, scheinbar ganz frisch ging er nach Hause, und nach wenigen Minuten war er nicht mehr. Gleich seiner edlen Gattin, die ihm vor einigen Jahren am ersten Tage des Pessachfestes im Tode vorausging, hatte auch er kein Krankenlager. Sie war gerade im Begriffe, in die Synagoge zu gehen, als sie vom Tode ereilt wurde, er kam aus der Synagoge und fand auf der gleichen Stelle in einem Augenblick den Tod. Groß war die Bestürzung, als die traurige Nachricht sich in Amsterdam verbreitete. Nicht weil Heymann jung an Jahren gewesen wäre, aber er war jung an Kräften, und diejenigen, die ihn am vergangenen Wochenfest, besonders am zweiten Tage, gehört haben, sprachen noch mit großer Begeisterung über die meisterhafte Weise, mit welcher er die schwere Aufgabe vollbrachte. Man konnte es nicht glauben, daß der Mann, der noch so aus Herz und Seele jauchzen konnte, dahingegangen sei; er, der ununterbrochen im Amte stand, er, der noch am selbigen Tage auf seinem Posten war. Leider war es aber traurige Wahrheit. Donnerstag, den 16. August, ist er plötzlich verschieden, und uns obliegt die Aufgabe, dem vieljährigen Freunde zu huldigen. Müssen wir dabei wiederholen, was wir vor ungefähr drei Monaten gelegentlich seines Jubiläums geschrieben haben? Müssen wir aufs neue den Eindruck schildern, den H e y m a n n machte, als er zum ersten Male bei seinem Probedienste den „LecKo dodi“ durch die Synagoge ertönen ließ, die Begeisterung, welche während des ganzen Probedienstes unter den Gemeindemitgliedern herrschte? wiederholen, daß Tausende sich vordrängten, um den jungen Chasan, von dem man sich Wunder erzählte, zu hören? Müssen wir es in Erinnerung bringen, daß, nachdem man ihn gehört hatte, niemand mehr zweifeln konnte, daß nur er allein unser Oberkantor werden könne? Müssen wir wiederholen, daß. nachdem er unter großer Begeisterung vor fünfzig Jahren installiert worden ist, er in all diesen Jahren geblieben ist der beliebte Chasan, der m-röT d'JH und daß die Synagoge, in der er den Dienst versah, an Sabbath¬ und Feiertagen immer noch dicht besetzt war? Wir können uns dessen, da zwischen seinem Jubiläum und seinem plötzlichen Tode nur eine so kurze Frist liegt, ruhig überhoben erachten. Vergangenen Donnerstag ist er mit dem Tode abgegangen und am darauffolgenden Sonntag wurde er nach seiner letzten Ruhestätte geleitet. Wenn man jemals daran gezweifelt hatte, ob H e y m a n n eine bekannte Persönlichkeit sei, so mußte man sich an diesem Tage überzeugen, daß der Verblichene bei niemand ein Unbekannter war. Wenn wir sagen, daß die Teilnahme etwa so groß war, wie damals, als unser Wertheim bestattet wurde; daß, wo der Zug vorbeiging, nur die Ehrfurcht Platz machen konnte, weil man dicht aneinander gedrängt, Schulter an Schulter stand; daß Tausende anwesend waren, und daß man es nnr den trefflichen Maßregeln des Herrn Kommissärs Rechtsanwalt E. van R a l t e verdankte, daß die Ordnung keinen Moment gestört wurde, dann kann man eine Vorstellung erhalten von der Popularität, deren Oberkantor H e y m a n n sich erfreute, von der Teilnahme, welche sein Hinscheiden allgemein erweckte, Im Trauerhause, wo nur die offiziellen Persönlichkeiten, Oberrabbiner, Rabbiner, Kirchenrat, Parnassim, Chasanim und nur die ersten Beamten zugelassen werden konnten, wurde hintereinander das Wort ergriffen von den ehrwürdigen Herren M. I. Hirsch, Akiba Fra uh und S. S e h l b e r g. Unter dem Eindrücke der Reden wurde der Sarg um 10 Uhr aus dem Hause getragen. Ueber Anordnung des Kirchenrales ging der Leichenzug an der großen und neuen Synagoge, deren Haupttüren geöffnet waren, vorüber Nachdem der Sarg in den Leichenwagen gestellt war, nahm der Zug den Weg so, daß man auch an der Synagoge der Schwestergememde vorbeiging, wo gleichfalls die Hauptlüren geöffnet waren, während Parnassim auf die Leiche warteten, und als diese sich der Synagoge näherte, ans rezitiert wurde. Nach „Muiderberg" wurde der Verstorbene begleitet vom Vorsitzenden des Kirchenrates, Parnassim, Sekretär, von den Vorsängern der großen und neuen Synagoge und einem der Oberküster, Aufwärter und Ädjunktaufwärter der Gemeinde. Die K.rchenvorsteher der neuen Synagoge waren vertreten durch Herrn M. S w a a b, die Geistlichkeit war vertreten durch den Rabbiner I. Vreden bürg. Vorher hatte die Elektrische bereits Hunderte zugeführt, so daß man sich im Trauerhause kaum einen Platz erobern konnte. Nachdem das gebräuchliche Zeremoniell beendigt war, belrat der Rabbiner I. Vreden bürg den Rednerstuhl, um im Namen des Gemeindevorstandes und der Gemeindemitglieder dem Manne Dank zu sagen, der 50 Jahre treuer Pflichterfüllung hinter sich hatte, der 50 Jahre lang zu aller Zufriedenheit das heilige Amt eines Scheliach Zibbnr bekleidet hatte. Er huldigte dem Verstorbenen mit den Worten, die H e y m a n n selbst so häufig an den hohen Feiertagen ausgesprochen, nämlich: -,^2 pabra "p33 Er schilderte, wieviel Begeisterung der Verstorbene in seinen Vortrag zu lege» wußte, wie er, wenn er vor dem Omoed stand, völlig im Gebere aufging, wie er in übertragener Bedeutung das Knie beugte vor Gott, indem er sich vor seinem Schöpfer demütigte und sich zum Bewußtsein brachte, vor wem er stand. Er schilderte ihn als einen humanen Menschen, der von seiner Gattin, die ihm in den Tod vorangegangen war, gestützt, getan hat, was eigentlich die Pflicht der Gemeinde ist, nämlich trrTTiK nD33n das Unterstützen dürftiger Freunde mit milder Hand. Nach diesem Redner sprach dann der ehrwüdige Herr Rabbiner Philipp Elte, np' waji *n 'rann *n nab Diese Worte des königlichen Psalmisten machte er zu den semigen, um im Namen des israelitischen Waisenhauses Jsac H e y m a n n den Tribut der Dankbarkeit und Anerkennung zu zollen, aber auch als langjähriger Freund des Hauses dem dahingeschiedenen Freunde den Abschiedsgruß zuzurufen und darauf hinzuweisen, wie Jsac Heymann gelebt hat und was er in gemeinsamer Arbeit mit seiner braven, edlen Gattin tagtäglich mit unverdrossenem Eifer und mit unendlicher Liebe für andere getan hat. Nach einer geistreichen Auslegung der Worte rann und nbsn zeigte der ehrwürdige Redner, wie der Heimgegangene in Erkenntnis derselben auch die Hebung von „Gemiloth Cheffed" als zu seinem Berufe gehörig erachtete, welche hohe Auffassung er von seinem heiligen Borbeteramte im allgemeinen hatte und in welch ausgezeichneter und die Gemeinde begeisternder Weise er dasselbe verwaltete. Herz und Seele legte er in sein Gebet, das rein und lauter vor Gottes Thron gelangte. Nachdem hierauf der ehrwürdige Herr Staat, Vorsänger zu Zutphen, im Namen der Chasoniin des ganzen Landes gefühlvolle Abschiedsworte gesprochen hatte, ergriff der Präsident des Kirchenrates, Rechtsanwalt B. E. A sicher das Wort. Er erinnert daran, wie er vor drei Monaten den Dahingeschiedeuen als Jubilar anreden durfte. Die Bescheidenheit des Jubilars verbot ihm damals, die ausgezeichneten Tugenden und Fähigkeiten Heymanns zu erwähnen. Und jetzt, wo er schon so bald nach diesem Tage berufen ist, ihm ein Abschiedswort zuzurusen, gebietet ihm die Vergänglichkeit, von der das Grab zeugt, das Schweigen. Nur will er sagen, daß es ein Wort gibt, das uns allen die Richtung zeigt, das Wort heißt: Pflicht. Und Pflicht hat H e y m a n n gekannt, seine Pflicht hat er getan in der weitesten Bedeutung des Wortes, und in dieser Hinsicht darf er den Beamten zum Muster hingestellt werden. Auch der Dirigent des Chores der neuen Synagoge, Herr Italic, richtete ein Abschiedswort an den unvergeßlichen Direttor und Freund, der alles für „Awodas Hakodesch" gewesen ist. Mit Job ruft der Redner aus: „Es ist jetzt, wo du uns durch den Tod entrisien bist, still wie der Tod, aber deine Stimme wird gehört werden; wir werden, so oft sich die Gelegenheit dazu bietet, deine Kompositionen singen!" Nachdem die gebräuchlichen Gebete gesprochen waren, war die traurige Feier beendet. Auf diese Weise wurde dem Andenken des Kantors H e y m a n n. seinem Leben und Wirken eine imposante Huldigung gebracht; eine Feier seines Andenkens, die uns erinnert an das Wort der Weisen, daß, mögen unsere Vorgänger beim Leben nicht immer die Beweise der Liebe, Achtung und Anerkennung, auf die sie Anspruch machen können, empfangen, wenn sie uns auf immer verlassen, so zeigt sich doch spontan, mit welch innigen Banden der Liebe man an ihnen hing. Es war eine Feier, die einen tiefen Eindruck auf jedermann machte, die den Kindern des Verstorbenen unvergeßlich sein wird, sie für ihr ganzes Leben bei jeder ihrer Handlungen erinnern muß an die braven und teuren Eltern, denen sie entsproffen sind. Amsterdam hat seinen Oberkantor durch den Tod verloren, wahrscheinlich wird, wenn die Gemeinde es an der Zeit halten wird, Amsterdam wieder einen Oberkantor bekommen, der seiner Aufgabe gewachsen ist; aber einen Mann, der so voller Liebe war, so ganz aufging in seinem heiligen Amte, einen edleren Menschen mit diesem lauteren, hohen Charakter, einen pflichttreueren Beamten wird es schwerlich finden: