Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 34 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34. Die Wahrheit Leite 7. Uerschiedene Uachrichleu. Wien. (Spenden z n g n n st e n der Opfer d e r E x z e s s e in Bj el o sto k.) Bei der „Israelitischen Allianz zu Wien" sind an Spenden eingegangen: Wien: I. H. K 20, Dr. Heinrich pritsch, Hof- und Gerichtsadvokat, K 20, Vorstand des Bet-Hamidrasch „Auhel Abraham" L 15, Dr. R. Sp. K 12, Vorstand des Bethausvereines in der Schönlaterngasse L 10, Ignaz S petz er K 10, Josef Kolin K 4; Dr. Wilhelm Eisenberger- Karlsbad Avvokat, K 4.0, Jacques Löwi t-Pardubitz (anläßlich der Genesung seines Sohnes) L 25, Jgn. Basic r-Tarnow X 20, A. G.-Velden K 36; hiezu die bereits, ausgewiesenen L 5156, zujarnnren bis 29. August K 5338. — Weitere Spenden werden erbeten und dankend bestätigt im Bureau der „Israelitischen Allianz zu Wien", I., Weihburggasse 10, zwischen 9 und 1 Uhr vormittags, oder mit Postsparkassakonto 8152. Wien. Wie dem Wiener Korrespondenten des „Neuen Budapester Abendblattes" von wohlinformierter Seite mitgeteilt, wird in gewissen Wiener Kreisen eine höchst intensive Wühlarbeit gegen den österreichischen Ministerpräsidenten, Freiherrn v. Beck, entwickelt, und die Ursache derselben liegt nicht etwa in den politischen Gewalttaten des Ministerpräsidenten, sondern weil seine Gattin — eine Jüdin ist. Das genannte! Blatt berichtet hierüber folgendes: „.. . . Als Freiherr v. Beck im Arbeitszimmer des Monarchen erschien und von Sr. Majestät zur Uebernahme der Nachfolgerschaft des Fürsten Hohenlohe aufgefordert wurde, erklärte derselbe, es falle ihm aus Familienrücksichten schwer, diesen Auftrag zu übernehmen. Freiherr von Beck verwies auf die Tatsache, daß seine Frau Jüdin sei, und gab seiner Befürchtung Ausdruck, dcefer Umstand könne seine Mission gefährden. Se. Majestät erklärte hierauf in ganz bestimmtem Tone, er könne dieses Motiv ntcht akzeptieren. Ja, der Monarch soll bei dieser Gelegenheit gesagt haben: „Ich kenne Ihre Frau, schätze und achte Sie, und ich glaube, dies genüg t." Diese chevalereske Erklärung Sr. Majestät verfehlte nicht ihre Wirkung: Freiherr v. Beck übernahm die Mission und führte sie auch mit Erfolg durch. Die parlamentarischen Siege des Freiherrn v. Beck, die er in und außerhalb des Parlaments aufzuweisen hat, und die bisher so erfolgreiche Führung der Geschäfte erweckten den Neid und die Eifersucht aller jener Kreise, die einen starken und mächtigen Premier in Oesterreich nicht brauchen können. Und es begann das häßliche Jntriguenspiel, desien Fäden einerseits bis in das altersgraue Haus am Ballplatz, andererseits bis in das Boudoir einer Erzherzogin liefen. Die Zielscheibe aller gegen die starke Position des Freiherrn v. Beck abgeschossenen verj gifteten Pfeile war die Gattin des österreichischen Ministerpräsidenten. > Freifrau v. Beck ist eine geborene Jüdin. Sie ist de Tochter des Chefs > der Großhandlungsfirma B.- Mayer & Söhne in Guntramsdorf, des! Herrn Albert Mayer. In erster Ehe war sie mit dem gewesenen Sektionsches z im Ministerium des Auswärtigen, Baron Ludwig Däczy vermählt ge-; wesen, von dem sie geschieden wurde. In zweiter Ehe heiratete sie den; Freiherrn v. Beck. Die Gegner des Freiherrn v. Beck gaben nun die Parole zum Boykott seiner Gattin aus — die „Hofdamen" schürten und; wühlten — die ganze „Kamarilla" wurde mobilisiert — — und das! Fazit ist: die Maulwurfsarbeit hat tatsächlich die Stellung des öfter-! reichischen Ministerpräsidenten erschüttert. Es darf daher gar nicht Wunder; nehmen, wenn im Herbst aus irgend einer Ursache in Oesterreich eine; Kabinetskrise ausbrechen wird. Ihre wahre Ursache ist aber: D i e; boykottierte Jüdin!" Baden. Mittwoch, den 29. d. M., beging der hier zum Sommer-; aufenthalte weilende Präsident der Wiener Kultusgemeinde, Herr Dr. Alfred j Stern, seinen 75. Geburtstag. Die zahlreich eingelaufeuen Gratulationen j waren diesmal von besonderer Herzlichkeit, da Präsident Dr. Stern im - heurigen Frühjahr von einer schweren Krankheit wiedergenas und sich jetzt; einer so ausgezeichneten Gesundheit erfreut, daß er sich wieder vollkommen j der Leitung der Gemeinde widmen kann. j Böslau. Vorige Woche, Mittwoch, starb hier Herr Josef Paunzen, , k. u. k- Hoflieferant und Seniorchef der Firma Herrn. S. Paunzen in j Wien. Der Verblichene entstammte einer sehr religiösen Familie in Nikolsbürg und war, wie dessen vor der Zeit verstorbene Sohn, wegen seiner Wohltätigkeit und religiöser Gesinnung sowohl hier, als in der Residenz allgemein geachtet. Dies zeigte sich auch bei der am Freitag stattgehabten Beerdigung, bei der Oberrabbiner Dr. Güdemann die Vorzüge und Tugenden des allzufrüh Verblichenen — er erreichte ein Alter von sechzig Jahren — gebührend hervorhob und Oberkantor Singer mit dem Tempelchore die liturgische Funktion versah. Der älteste Bruder, Wilhelm, eilte aus Paris hieher, um dem Dahingeschiedenen die letzte Ehre zu erweisen. Ec ruhe in Frieden! Saaz. Am 1. September a. c. begeht unser verdienstvoller und allgemein beliebter Oberkantor das Jubiläum seiner 25jährigen Wirksamkeit in der hiesigen Gemeinde. Marienbad. Ein Akt bodenloser Frechheit russischer Spitzel macht hier viel von sich reden. Kürzlich weilte der frühere russische Minister des Innern, Durnowo. in Marienbad. Trotzdem er ein strenges Jncognito wahrte, wußten die Eingeweihten doch sehr bald, daß irgend ein russischer Großwürdenträger im Badeorte sein müßte, da derselbe plötzlich von einer Schaar russischer Geheimpolizisten überschwemmt wurde. Es dauerte auch nicht lange, und die sauberen Patrone machten sich auch dem großen Publikum sehr unliebsam bemerkbar. Eines Tages stand eine kleine Gruppe russischer Juden im Kurpark und diskutierte lebhaft über die aktuellen Vorgänge in Rußland, wobei die gegenwärtige Regierung ihrer Heimat scharf kritisiert wurde. Plötzlich tauchte einer jener allen Küssen bekannten dunklen Ehrenmänner dicht vor der Gruppe .auf und rie ihr drohend zu: „Ihr sehnt Euch wohl hier in Marienbad nach einem Pogrom?! Bitte schön, das können wir auch hier besorgen!" Spracht Und verschwand unter der Menge. Die hiesige Polizei bemüht sich vergebens, den Burschen zu erwischen; er ist und blieb verschwunden. Dux. Freitag, den 17. August, fand.im hiesigen Tempel im Anschluß an den Abendgottesdienst eine erhebende Karserferer statt, bei welcher der neuengagierte Relrgionslehrer, Herr Moritz Mandl eine patriotische Ansprache hielt und auch die kantorale Funkclon zur vollsten Zufriedenheit der zahlreich erschienenen Gäste versah. Bisenz. Erzherzog FranzSalvatorhar nach vierzehntägigem Aufenthalte in Bisenz für die dortigen israelitischen Armen eine ansehnliche Spende dem Vorsteher der dortigen Knltusgemeinde zukommen lassen. Lemberg. Reichsratsabgeordneter Regierungsrat Dr. I e i n f e l d hat an das Präsidium der Lemberger israel. Kultusgemeinde ein Schreiben gerichtet, in welchem er zunächst darauf hinweist, daß nach der zwischen dem verstorbenen Abgeordneten Dr. B y k und dem Polenklub getroffene,i Vereinbarung acht Mandate auf Grund der neuen Wahlreform jüdischen Kandidaten zufalleu sollten, daß jedoch durch die Reassumierung der aus Galizien bezüglichen Abstimmungen im Wahlreformausschusse diese Vereinbarung hinfällig und eine neue Wahlkreiseinteilung getroffen worden sei, durch welche die Zahl von acht jüdischen Mandaten nicht mehr gesichert erscheine. Zufolge dessen möge das Präsidium der Lemberger Kultusgemeinde die Vorsteher der übrigen Kultnsgemeniden Galiziens zu einer anfangs September in Lemberg abzuhaltenden Konferenz einbernfen, auf welcher diese Frage diskutiert und beschlossen werden soll, au das Präsidium des Polenklubs mit dem Ersuchen heranzutreten, daß mit Rücksicht ans die neue Wahlkreiseinteilung auch eine neue Vereinbarung bezüglich der Zahl der jüdischen Mandate getroffen werde. Budapest. Der Antisemitismus i n U n g a r n nimmt ständig zu: es geschehen fortwährend Ereignisse, die dieses Faktum konstatieren. So wies kürzlich der stellvertretende Finanz-Bezirksdirektor in Debrezin das Gesuch eines Inden um eine Tabak- und Schänklizenz mit dem Bemerken ab, daß es „schon genug jüdische Trafikanten und Schänker gebe". Budapest. Die verwitwete Frau Ignaz Pfeifer geb. Amalie Schwab ist nach kurzem Leiden im Alter von 74 Jahren hier gestorben. Der Name Amalie Pfeifer wird vielen unvergessen bleiben, denn die ihn geführt, hat sich fast ein halbes Jahrhundert lang durch ,hr W.rken Anspruch auf unvergängllches Gedenken erworben. Die herrlichen Lehren, die sie von ihrem berühmten Vater, dem seinerzeitigen Pester Oberrabbiner Löw Schwab empfangen, sie hat sie später während ihres ganzen Erdenwallens in die Tat nmgesetzt. Mit ihrem Gatten, dem Budapester Großindustriellen und Gemeindevorsteher Ignaz Pfeifer, führte sie Jahrzehnte hindurch das denkbar glücklichste Leben; sein vor vier Jahren erfolgter Tod war der erste schwere Schlag, mit dem das Schicksal diese edle Frau iraf. In Werken der Mildtätigkeit suchte und fand sie Trost. Es gab fast keine humanitäre Institution, der sie nicht ihre werktätige Mithilfe lieh. An der Gründung und Entwicklung des Pester israelitischen Frauenvereines, dessen Leitung sie auch angehörte, hatte sie hervorragenden Anteil genommen. Ihre ganz besondere Fürsorge wendete sie dem von diesem Verein errichteten und erhaltenen Mädchenasyl zu, in dem jährlich fünfzig Halbwaisen verpflegt, erzogen und unterrichtet werden. Sie begnügte sich nicht damit, für die Zöglinge zu sorgen, so lange sie in der Anstalt waren, sondern sie machte es sich zur Pflicht, die Mädchen auch in ihrem weiteren Lebenslaufe zu stützen und zu fördern. Bei den Wohltätigkeitsanstalten der Baron Hirsch-Stiftung betätigte sie sich gleichfalls in der wirksamsten Weise; nur rastloser Aufopferung suchte sie hier die Hütten der Armut, all die Stätten des Elends auf, um nur auf Grund ihrer persönlichen Recherchen über Würdigkeit und Dürftigkeit der Bittstellerinnen Auskunft geben zu können. In der Verstorbenen betrauern die Budapester Kaufleute Wilhelm und Ludwig Pfeifer, sowie die Gemahlin des hiesigen Filialdirektors des Oesterreichischen Phönix, Ignaz Trebitich, ihre Mutter; überdies wird eine angesehene, weitverzweigte Familie durch den Todesfall in tiefe Trauer versetzt. Bayreuth. Den Abschluß der diesjährigen Bayreuther Festspiele bildete zu Ehren der anwesenden Fürsten eine große Soiree in der Billa „Wahnfried". Zur Mitwirkung waren Mme. Grandjeun von -er Pariser Oranck Oxära und Max D a w i s o n aus Hamburg auserwählt Der Großherzog von Hessen, der Herzog von Anhalt-Dessau, der Erbprinz von Sachsen-Meiningen und die Erbprinzessin (Schwester des deutschen Kaisers), Exzellenz Graf Hochberg u. A. ließen sich durch Cosima Wagner den Hamburger Sänger D a w i s o n vorstellen und liehen ihrer Bewunderung Ansdruck über das reiche künstlerische Können, mit dem es Dawison gelingt, trotz der Schärfe seines Deklamationsstyles, immer wieder der touschöuen Kantilene, somit der Tradition edlen Gesanges treu zu bleiben. (Diese Tradition mag der Sohn vom Barer, der ein tüchtiger Kantor war, ererbt haben. Die Red.) Köln. Äm 28. August wird in Köln a. Rh. im Hotel Disch die Jahreskonferenz der zionistischen Weltorganisation beginnen. Die Jahreskonferenz findet immer in dem Jahre statt, in dem kein zionistischer Weltkongreß abgehalten wird. Die diesjährige Konferenz wird außerordentlich stark besucht sein. Es werden unter anderen Vertreter folgender Länder anwesend sein: Deutschland, Oesterreich, England, Holland, Belgien, Frankreich, Rumänien, Bulgarien, Italien, Dänemark, ferner von Palästina, Nordamerika und Argentinien. Besonders stark wird Rußland vertreten sein, u. zw. werden unter anderen drei ehemalige Dumaabgeordnete nach Köln kommen. Aach der Präsident des letzten Kongreßes, Dr. Max Nord au. wird an der Konferenz teilnehmen. Die Verhandlungen'werden mehrere Tage dauern. London. Die parlamentarische Enquete-Kommission, die zur Prüfung der Frage einer erweiterten Sonntagsruhe eingesetzt war, hat