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Die Wahrheit · 1906-08-31 · Heft 34 (31.8.1906) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 34 (31.8.1906)
Date
1906-08-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheu. Nr. 34. am wenigsten zu verlieren haben, an der Bewegung teil, sofort heißt es, sie seien die eigentlichen Anstifter der das ganze große russische Reich erschütternden Revolution. Eine zeitlang warf man ihnen vor, daß sie zwar die Hauptleiter der Bewegung seien, daß sie aber von allen Mut und persönliche Aufopferung erfordernden Taten sich feige fernhalten. Nachdem angesichts der Tatsachen dieser Vorwurf nicht mehr aufrecht erhalten werden kann, da mehrere Juden als Attentäter auf frischer Tat ergriffen und dann hingerichtet worden sind, so heißt es jetzt, die Juden seien die Hauptbombenwerfer und so weiter. Kurz, die antisemitische Zwickmühle ist überaus leistungsfähig. Die Juden können machell, was sie wollen, der antisemitischen Weisheit letzter Schluß ist: Die Juden werden verbrannt, die Juden hier, da, überall. Und die bornierte Masse, die man keineswegs nur oder hauptsächlich unter den Massen zu suchen hat, folgt wie die Schafherde dem Leithammel nnd stimmt mehr oder weniger laut ein in den Ruf: Die Juden werden verbrannt! Es kommt eben nichts über eine praktische Zwickmühle, besonders wenn es viele gibt, die sich nicht die Mühe geben, die zu beschränkt oder zu denkfaul sind, die Verwerflichkeit eines solchen Zwickapparats einzusehen. Analogien. I. Friedrich der Große u n d Kaiser Diokletian. Friedrich H., der Vorfahre des deutschen Kaisers, war bekanullich ein Verächter der deutschen Sprache und Literatur, die gerade damals ihre klassische Periode hatten. Er selber begnügte sich indes nicht mit dem Lorbeer des großen Feldherrn. sondern strebte darnach, ailch den des großen Dichters zu erwerben, schrieb aber seine Verse in französischer Sprache. Mendelssohn, „der Jude", trat ihm, dem Preußenkönig gegenüber. für die deutsche Sprache und Dichtung ein. In der Zeitschrift ..Briefe, die neueste Literatur betreffend" schrieb Mendelssohn eine Kritik über Friedrichs Gedichte und ließ, da man Königen nicht offen die Wahrheit sagen darf, in das Lob, das er ihm spendete, auch einen leichten, aber leicht erkennbaren Tadel einflreßen. Mendelssohn schrieb: „Jeder Vers beinah' ist ein Zug vom Charakter dieses Prinzen und das Ganze ist das Portrait, worin seine große Seele, sein noch größeres Herz und seine Schwachheit selbst auf das natürlichste geschildert sind. Welcher Verlust für unsere Muttersprache, daß sich dieser Fürst die französische geläufiger gemacht! Der hohe Verfasser würde der Herablassung überhoben gewesen sein, in j der Vorrede zu sagen: ,Meine Muse, deutsch und wunderlich, Kauderwelschend ein barbarisch Französisch, Meldet die Dinge, wie sie kann?" Ein Höfling (Prediger Justi) machte den König auf den Tadel aufmerksam und denunzierte Mendelssohn, daß er, ..der Jude die Ehrfurcht, gegen des Königs allerhöchste, geheiligte Person im frechen Urteil über dessen Poesie ans den Augen gesetzt habe". Mendelssohn erhielt hierauf den Befehl, sich am Sonnabend (Samstag) in Sanssouci zu stellen. Um den frommen, gesetzestreueu Mendelssohn nebst der Angst auch eine Verlegenheit zu bereiten, wurde in boshaft-kleinlicher Weise der Samstag gewählt. Mendelssohn begab sich schon Freitag nach Potsdam und erschien Samstag im königlichen Schlosse. Befragt, ob er der Verfasser jener nnehrerbietigen Beurteilung sei, gestand er offen seine „Untat" und bemerkte zu seiner Entschuldigung: . Wer Verse macht, schiebt Kegel, und wer Kegel schiebt, sei er König oder Bauer, muß sich gefallen lassen, daß der Kegeljunge sagt, wie er schiebt." Friedrich mochte wohl eingesehen haben, daß eine Bestrafung wegen einer Rezension nur den Spott der ihn umgebenden Franzosen Hervorrufen würde, und Mendelssohn kam mit heiler Haut davon. Der kleinliche Einfall Friedrichs des Großen, Mendelssohn gerade an einen Sabbath kommen zu lassen, ist indes nicht originell. Wie im jerusalemischen Talmud und nach diesem im Bereschith-Rabbah-Tholedot erzählt wird, hat schon Kaiser Diokletian eines solch boshaften Kniffs sich bedient. Dort wird nämlich berichtet, daß Diokletian, als er noch „Schweinehirt" gewesen, einmal in der Nähe von Tiberias von den Schülern des dortigen Lehrhauses geneckt worden sei. Als Kaiser habe er sich daran erinnert, und als er einmal in Paneas, wo die Jordanquelle ist, weilte, schickte er an einem Donnerstag abend dem Vorsteher des Lehrhauses zu Tiberias den Befehl zu, Sonntag zeitlich morgens vor ihm in Paneas zu erscheinen, dem Ueberbringer des kaiserlichen Schreibens hatte er aber ausdrücklich geboten, dieses erst knapp vor Sabbath-Eingang den Vorstehern zu übergeben, damit diese nicht schon vor Sabbath die Reise antreten können, und in einer Nacht war es unmöglich, von Tiberias nach Paneas gelangen zu können. Diokletian hatte dabei die Absicht, die nicht zur bestimmten Zeit erschienenen Vorsteher wegen Ungehorsams gegen den Kaiser zu bestrafen. Diese Absicht habe er aber nicht erreicht, weil es den Vorstehern und Rabbinern trotz aller Hindernisse, die ihnen bereitet wurden, dennoch durch ein Wunder gelang, zur festgesetzten Zeit vor dem Kaiser zu erscheinen. Von diesem wegen der damaligen Neckereien zur Rede gestellt, gaben ste zur Antwort: Den „Schweinehirten" Diokletian haben wir allerdings damals mit Geringschätzung behandelt, aber vor dem Kaiser Diokletian sind wir von tiefster Ehrfurcht erfüllt, worauf der Kaiser ihnen den Rat gab, künftighin auch, einen Geringen und Machtlosen nicht zu beleidigen, denn aus dem Kleinen könne ein Großer werden. II. Der Kuttenberger Gerichtshof und die römischen Gerichtshöfe. Wie Herr Dr. E l b o g e n in seinem Vortrage über den Hilsnerprozeß mitteilte, hat der gewesene Präsident des Kuttenberger Gerichtshofes den Angeklagten Hilsner mit den Worten angesprochen: „Ob Sie an dem Morde teilnahmen,. das frage ich Sie nicht, denn das ist sicher, ich fordere Sie nur auf, mir zu sagen, wer die anderen Teilnehmer waren." Diese Art von Fragestellung an jüdische Angeklagte ist ebenfalls nichts Neues. Denn nach dem Midrasch-Rabbah zu Ruth. 3. Abs., verfuhren schon die römischen Gerichtspräsidenten jüdischen Angeklagten gegenüber in derselben Weise. Wenn ein Jude, heißt es dort, des Diebstahles angeklagt war nnd er behauptete, er habe nicht gestohlen, so wurde ihm darauf erwidert: daß du gestohlen hast, das wird dir ja gar nicht gesagt, du wirst nur gefragt, wer mit dir gestohlen hat. (Siehe die Erklärung des Müthnath-Kehuna zur Stelle.) Prag-Weinberge. Stark. Kingesenvet. Verehrter Herr Redakteur! Eine Rezension in Ihrer letzten Nummer über eine meiner jüngsten Schriften, für welche ich dem unbekannten Rezensenten Dank sage, bestimmt mich zu folgender Richtigstellung: 1. In einer Zeit, in welcher jede vernünftige, vorurteilsfreie Person des In- und Auslandes von der Unschuld Hilsners vollständig überzeugt ist, kann von keinem großen Rechtsirrtum, sondern nur von einem großen, ja sehr großen I u st i z m o r d e die Rede sein. 2. War ich nicht zu zwei, sondern zu einem Monate Arrest verurteilt. 3. Fiel es mir auch nicht im entserntesten ein, um Gnade zu bitten. Im Gegenteil! Ich erklärte, daß ich niemandem die Berechtiguiig einräuMe, den Gnadenweg zu betreten, und ich es für eine Charakterschwäche hielte, Gnade hiefür zu stehen, weil ich meine Gesundheit einsetzte, um mein Vaterland von der Schmach eines Justizverbrechens zu retten; — dennoch wurde der Rekurs abgewiesen und ich mußte von meinem sauer erworbenen Sparpfennig K 2000 bezahlen. 4. Opferte ich nicht mein ganzes Vermögen, sondern einen beträchtlichen Teil desselben. 6. Ist mein Werk „Offener Brief an Seine Exzellenz Dr. Franz Klein" nur für Unbemittelte gratis erhältlich, dagegen verpflichtete ich mich, aus Pietät für den Grafen Heinrich Coudenhove (gew. Vizepräsident des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus), meine im Vormonate erschienene zwei Schriften, „Aufklärung den Aufgeklärten" und „FriedenspfeNnig", jedem unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, solange der Vorrat reicht. Eine im Drucke sich befindliche Schrift, „Bier Elemente des Geistes", in welcher u. a., trotz gegenteiliger Ansicht unserer Justizverwaltung, nachgewiesen wird, daß ein neues Faktum zur Ueberprüfung des Prozesses Hilsner in reichem Maße vorhanden ist, wird gleichfalls kostenlos zu beziehen sein. Im übrigen bin ich vollkommen überzeugt, daß mein „Offener Brief" an die Persönlichkeit.des jetzigen Justizministers nicht vergebl i ch gerichtet wurde. Hochachtungsvoll Fronzensbad, 27. August 1906. Elias Lehr.

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