Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 34 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 34. Die Wahrheil. Zeile 5. solidarisch über Meer, Gebirg und Tal, sich der Bestechung der Zeugenbeeinflussung, der Anstiftung zu Meineiden und was der Verbrechen mehr sind, schuldig gemacht. In jedem Falle sind die Juden die Schuldigen und müßten, wenn es noch eine von den Juden unabhängige Gerechtigkeit gäbe, von Rechtswegen samt und sonders eingesperrt werden, da es ja eine Bestrafung zum Tode durch Verbrennen nicht mehr gibt. Man weiß, daß für Dreyfus — zu ihrer ewigen Ehre sei es gesagt — in erster Reihe durch ihre Stellung und durch ihre sittliche Größe hervorragende Christen, Männer wie Scheurer-Kestner, Trarieux, Zola, Picquart, Labori, Anatole Frattce, Jaurvs und sehr viele andere mehr, und schließlich die ganze Regierung, der höchste Gerichtshof, die überwältigende Mehrheit des Senats und der Deputiertenkammer, fast die gesamte Presse der ganzen ztvilisierten Welt, die weit überwtegende Mehrheit der Menschetl und vor allem des früher ans ihn höchst erbitterten französische^ Volkes eingetreten sind, dennoch bleibt bei der antisemitischen Presse Dreyfns nach wie vor der Verräter, den die Juden aus verbrecherische Weise losgekauft haben. Die ganze zivilisierte Menschheit weiß, daß es einen Ritualmord nicht gibt. Dennoch ist in Oesterreich ein Jude, H i l s n e r, in aller Form Rechtens wegen Ritualmords zum Tode verurteilt worden. Kaiser Franz Josef hat den Verurteilten begnadigt. Da Hilsner notorisch ein mauvais snjet ist und absolut nichts einen Gnadenakt begründen kann, ist nur anzunehmen, daß der Justizminister und der Kaiser aus denselben Gründen Gnade hat walten lassen, ans welchen Dreyfns nach der Verurteilung durch das Militärgericht in Rennes begnadigt worden ist: nämlich in Frankreich um nicht einen ohnehin schon hart mitgenommenen Mann das Opfer eines bereits notorisch ungerechten Urteils werden zu lassen, in Oesterreich um einen nicht mehr gut zu machenden weil blutigen Justizmord nicht zuzulassen. Auch für Hilsner, trotzdem er ein verrufenes Subjekt und ein armer Teufel ist, von dem also nichts zu holen wäre, ist ein Gerechtigkeit liebender C h r i st eingetreten, ein Dr. Bulowa. der Jahre lang mit Aufopferung des wenigen, das er hatte, bis zu seinem Tode die Unschuld des Verurteilten verfochten und die Schuldigen genannt hat. Wenn einmal die neuen Tatsachen gefunden werden sollten, die zur Wiederaufnahme des Verfahrens erforderlich sind, dann wird es ganz sicher wieder heißen, die Juden haben den Ritualmörder der strafenden Gerechtigkeit entrissen. Kein Antisemit wird fragen: warum haben sie ihn erst verurteilen lassen? warum haben sie ihn erst viele Jahre im Zuchthaus sitzen lassen? Wenn die Juden schon die christlichen Richter in allen Ländern bestechen können — so liebevoll urteilen die Antisemiten über christliche Richter — warum haben sie es nicht getan, da es noch viel leichter und — billiger gewesen wäre? Uebrigens brauchen die Antisemiten zur Anwendung ihrer Zwickmühle nicht einmal eines bereits verurteilten jüdischen Verbrechers. Ihnen genügt, daß ein Jude eines Verbrechens beschuldigt wird. Noch ehe das Gericht gesprochen, ist er schuldig, und sind seine und seiner Freunde Bemühungen, seine Unschuld zu beweisen. Versuche, die Justiz zu bestechen. In R u m ä n i e n wird ein jüdischer Gutspächter beschuldigt, vierzehn rumänische Bauernmädchen vergewaltigt zu haben. Eine gerichtliche Verhandlung hat noch nicht stattgefnnden. Der Beschuldigte hat die Flucht ergriffen. Ob er sich schuldig fühlte, oder ob er der rumänischen Justiz mißtraute, wissen wir nicht. Und nun höre man, wie die „S ta a tsb ü rg erz tg." weiter über den Vorfall berichtet. „Das ganze Judentum — so schreibt sie — ist auf den Beinen, um durch Aufstellung falscher Zeugen, durch Bestechung von Polizei- und Justizpersonen, durch Drohungen und Einschüchterungen gegenüber den Beschädigten und ähnliche Mittel die Sache zu vertuschen und aus dem Verbrecher einen „Märtyrer" zu machen . . . Das Verbrechen ist notorisch und erwiesen, und trotzdem haben sich alle Juden zusammengeballt, um den Verbrecher reinzuwaschen. Man bedenke! Vorläufig hat nur der Staatsanwalt gesprochen, es hat keine Gerichtsverhandlung stattgefunden. Die „Staatsbürgerztg." hat anscheinend noch nie davon gehört, daß sehr viele Indizien gegen einen sprechen können, daß ein Staatsanwalt sich irren kann, sich schon öfter geirrt hat. Dennoch spricht sie von einem bereits erwiesenen Verbrechen, dennoch wirft sie den Juden, nein dem ganzen Judentum vor, was oben zu lesen. Das Antisemitenblatt sollte doch einmal den Rabbi von Bacharach lesen, und es wird daun wissen, daß Juden, wenn auch nur der entfernteste Verdacht auf sie geworfen worden ist, als einziges Mittel die Flucht kannten. Das war allerdings im Mittelalter. Aber in Rumänien und überall, wo Antisemiten das Wort führen, herrschen eben mittelalterliche Zustände. Wir sehen ja, wie in Rußland nur das Wort hingeworfen zu werden braucht, daß Juden auf eine Prozession geschossen haben, und die Menge ist schon bereit, auf nicht einmal verdächtigte Juden sich zu stürzen und sie scharenweise hinzuschlachten. Wenn die Antisemiten es für möglich halten, daß Inden die rumänische Justiz bestechen können, wie sollten dann nicht Juden, die gar wohl wissen, daß die Juden kein Geld, am allerwenigsten ungezählte Millionen, sür Verbrecher übrig haben, der rumänischen Justiz Zutrauen, daß sie sich durch die im Lande herrschende antisemitische Strömung beeinflussen lassen möchte? Zn Saladius Zeiten brauchte nur der Jude zu fürchten, der der Gewalt eines wenig patriarchalischen Patriarchen auheimfiel. Im zwanzigsten Jahrhundert soll nach antisemitischer Christlichkeit die Judenheit auf dem ganzen Erdball zittern, wenn es irgend einem Antisemiten einsällt, eine Beschuldigung gegen einen Juden auch nur auszusprecheu. Und das ist doch, wie man schon aus den Ritualmordbeschuldigungen, die sich bald als leere Hirngespinste erwiesen haben, oft genug vorgekommen. Und da sage man noch, es gebe keinen Fortschritt! Von dem Patriarchen zur Zeit der Kreuzzüge bis zu dem modernsten Antisemitismus welcher Fortschritt auf dem Wege — rückwärts. Die Dummheit und die Bosheit währen eben ewiglich und kennen keine Grenzen. Man darf indessen nicht anehmen, daß die so bequem zu handhabende und vortrefflich funktionierende antisemitische Zwickmühle nur im Falle von Verbrechen in Betrieb gesetzt wird. O nein! Sie wird bei jeder möglichen Gelegenheit andewendet Wenn ein Graf Hoensbroech in einer Stichwahl die Parole ausgibt: lieber rot als schwarz, dann wird es niemandem einfallen, seinem Charakter einen Makel anzuheften, noch weniger seine Glaubensgenossen zu verdächtigen. Wollen aber Juden in einer Stichwahl zwischen einem Antisemiten und einem Sozialdemokraten nicht als die größten Kälber ihre Metzger selber wählen, dann sind sie das zersetzende Element, die Umstürzler, die vaterlandslosen Gesellen, und zwar nicht bloß die Juden in dem betreffenden Wahlkreise, sondern die Juden im ganzen Reiche. Sind sie aber wirklich die größten Kälber und stimmen für den Antisemiten, dann find sie die ehrlosen, feigen Kriecher, die heuchlerisch ihre wahre Gesinnung verbergen. Stehen die Juden auf Seiten der Regierung, dann sind sie die listigen Egoisten, die es gerne mit der Macht halten. Sind sie, was infolge ihrer gesetzlichen oder doch tatsächlichen Rechtlosigkeit in vielen Ländern nur natürlich ist, auf Seiten der Opposition, dann sind sie die ewig unzufriedenen Nörgler, die Wühler, die Agitatoren usw. Treten sie mit vollem Eifer in dem Lande, in welchem sie wohnen, für die Nationalität ein, dann werden sie verspottet, find sie nicht eifrige Nationalisten, dann macht man ihnen zum Vorwurf, daß sie kein Interesse nehmen an dem Schicksale des Volkes, in dessen Mitte sie leben, dann sind sie die Parasiten und was dergleichen mehr ist. In dem russischen Riesenreiche wallt und braust und siedet und zischt es. Bauern. Edelleute, alle Intelligenz, Soldaten, Matrosen, Offiziere, alle Nationalitäten sind in Aufruhr, und die ganze Welt sympathisiert, wenn nicht mit den rebellischen Handlungen immer, so doch mit der geistigen Bewegung, genau so wie die ganze Welt seinerzeit mit der großen französischen Revolution sympathisiert hat. Würden Juden in Rußland nicht auch an dieser Bewegung teilnehmen, dann gäbe es keine Schmähung, die man nicht für die elende, feige, niedrig denkende Judenfchaft Rußlands übrig hätte. Nun nehmen sie als die am meisten Unterdrückten, als diejenigen, die am meisten zu gewinnen und