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Die Wahrheit · 1906-08-31 · Heft 34 (31.8.1906) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 34 (31.8.1906)
Date
1906-08-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 4. Die Wahrheu 34. Man muß die Kinder heute praktisch erziehen ..." (Die Mutter nickt zustimmend. Egonchen jubelt und begibt sich in sein Zimmer, wo er sich eine dem Vater entwendete Zigarette anbrennt.) II. Auf der Esplanade. Die Bademusik spielt heitere und ernste Weisen, während die Sonne heiß hernieder scheint. Die Gesellschaft ist etwas gelangweilt. Zwei „Vorsteher" einer großen Gemeinde sitzen auf einer Bank nebeneinander; sie rauchen Trabuccos especiales. Beide, ziemlich beleibte Herren mit dicken Uhrketten. Man sieht ihnen weder Not noch Krankheit an; sie sind offenbar mit sich sehr zufrieden. Erster V o r st e h e r (die Musik spielt den Chor der Verschwörer aus den ..Hugenotten"): „Was sagen Sie, verehrter Herr Collega, zu dem neuesten Rummel wegen des Religionsunterrichtes, den der Brief in der ,Neuen Freien Presse* angerichtet hat?" Zweiter Vorsteher (behaglich sich streckend, den Dampf aus seiner Zigarre vor sich hinblasend): „Etwas Wahres ist daran; der Bankier T. hat sich auch über den ,grammatikalischen" Unterricht beklagt. Die Jungen werden zuviel damit geplagt. Der Sohn des Kommerzialrates N. war aus der Religion zweimal .in der Konferenz". Ich bitte Sie, in der Religion getadelt werden, ist dies nicht etwas Unerhörtes? Erinnern Sie sich gefälligst an unsere Zeiten. Wer hat damals ,Religion* in der Schule gelernt? Und doch halte ich stets die Note ,ausgezeichnet^. Damals konnte man noch mit,ausgezeichnet" klassifiziert werden. Und die Spässe, die wir in der Religionsstunde trieben! Erster Vorsteher: „Und doch waren wir religiöser erzogen, wie die Kinder heutigen Tages. Trotz aller Konferenzen und ,ungenügend' kennen sich die jungen Leute nicht im Gebetbuche aus. Von wahrer Religion ist bei diesem jüngeren Verschlechte keine Spur." (Die Musik spielt das Lied aus dem „WaffenschmiedDas war eine herrliche Zeit!" Die Herren Vorsteher wiegen sich in süßen Erinnerungen und fahren sich mit den fetten Händen über die Stirne und die kahlen Schädelflächen.) Zweiter Vorsteher (die Musik spielt den Trauermarsch aus der „Götterdämmerung"): „In der nächsten Vorstandssitzung muß über die Sache interpelliert und verhandelt werden. Etwas muß geschehen. Was halten Sie von einer Enquste in Angelegenheit des Religionsunterrichtes?" Erster V o r st e h e r (die Musik spielt: „Dann gehen wir nach Nußdorf hinaus"): „Offen gesagt, gar nichts. Die Eltern müssen den Kindern mit gutem Beispiele vorangehen, und die Lehrer — die mögen dem Ernste etwas Wohlwollen beimengen. Sonst geht die ganze Religion zugrunde. Aber die Sache ist so wichtig, daß wir sie hier nicht behandeln können. Was sagen Sie zu einem Frühstück bei der ,Waldquelle"? Im übrigen werden wir interpellieren. Es wird einen Kampf wegen des Hebräischen setzen. Doch dies soll unsere Erholung nicht stören." (Sie lassen sich den Schinken bei der ..Waldquelle" gut schmecken.) HI. Im Walde; ein Lusthäuschen. Die elegante Dame. Der junge Herr. Eine ältere Dame. Zwei Studenten. Die Ersteren spielen, umgeben von Tannen, in Gottes herrlicher Natur „Angehen". Die elegante Dame (zum jungen Herrn): „Heute haben Sie nicht allein in der Liebe Glück, Sie werden mich noch ganz ,arm* spielen." Der junge Herr (galant): „Sie und arm, wenn alle Schätze Ihnen genommen werden, bleibt Ihnen doch der. Reichtum der Schönheit." Die ältere Dame (spielt nicht mit, liest in einem Zeitungsblatte, aus diesem aufschauend): „Nichts als Mord, Unwetter und Erdbeben, Verunglückte in den Bergen und Ehebruch, jetzt kommt noch das Schiffsunglück dieses . .. dazu." Erster Student (Zionist): „, Sirio*, gnädige Frau Die ältere Dame: „ ,Sirio" dazu. Eine wahre Unglückszeit. Und das Erdbeben in . . ." E rst e r S tu d e u t: „Valparaiso. Und die Jndenmetzeleien in Rußland. Ein Kaiastrophenjahr ists für uns Juden." Zweiter Student (Sohn eines Millionärs, hat es gottlob nicht notwendig, Zionist zu sein): „Aber die jetzigen Gymnasiasten werden es besser haben, als wir, die werden nicht ,Religion* lernen müssen. Das hat der Brief in der .Neuen Freien Presse* Man. Es ist also hoch etwas Erfreuliches in diesem Katastrophenjahre, wie Sie es, Cyllega, nennen. Die Religion steht ohnehin im Widerspruche zur Wissenschaft. Darum weg mit ihr." D er j u n g e H e rr (während einer Pause im „Angehen"): „Auch meine Meinung." Die elegante Dame (gelangweilt): „Spielen wir weiter, wer wird sich auch mit solchen ledernen Dingen beschäftigen?" Erster Student: ..Verzeihen Sie, gnädige Frau, so gar ledern sind diese Dinge nicht. Wenn nur unsere Jugend in der Religionsstunde mehr national erzogen würde, dann hätte der Religionsunterricht eine nicht zu unterschätzende Bedeutung/' Zweiter Student (höhnisch lächelnd): „Sie wünschen wohl, Collega, daß die jungen Leute mit ,Peikes' herumlaufen und das alte Ghetto wieder aufgerichtet werde. Ihr Ideal sind, wie es scheint, die Gestalten aus dem Osten, die wir in unserem lieblichen Badeorte in den Kaftanen herumlaufen sehen? Sie verschandeln uns die Promenade und den Wald." Alle, bis auf den Zionisten, lachen, allerdings etwas gezwungen. Erster Student (auffahrend): „In diesen Fragen werden wir doch niemals eines Sinnes werden. Brechen wir deshalb dieses Gespräch ab. Es ist hier nicht der Ort dazu. Auch muß ich jetzt ,K u r machen* . . ." (Er entfernt sich etwas erhitzt.) Der zweite Student (lachend): „Auch ich muß jetzt Cour machen, aber anders, wie mein wütender Bruder in Zion." Man unterhält sich köstlich über diesen „Witz". Die elegante Dame und der „junge Herr" spielen flirtend weiter. Die ältere Dame ist eingenickt. Ihre Zeitung fällt zu Boden .. . Ha—Zopheh. Die antisemitische Zwickmühle. Gotthold Ephraim Lessing hat bekanntlich das Wort geprägt: „Der Jude wird verbrannt". Er glaubte mit diesem einem Patriarchen zur Zeit der Kreuzzüge in den Mund gelegten Satz der mittelalterlichen fanatischen Borniertheit und Bosheit letzten Schluß ausgedrückt zu haben. Und Millionen Menschen mit und nach ihm glaubten dasselbe. Wenig ahnte der gute Lessing, obwohl er doch einer der hellsten deutschen Köpfe war, die seit des Cheruskers Zeiten bis auf den heutigen Tag gelebt haben, daß antisemitische Borniertheit und Bosheit im neunzehnten Jahrhundert, ja im zwanzigsten Jahrhundert ihn weit übertrumpfen werden. Die Antisemiten unserer Tage gehen sich nach dem berühmten Muster Franz Moors mit Kleinigkeiten nicht ab. Ihnen genügt nicht, daß der Jude verbrannt wird; bei ihnen heißt es: Die Juden werden verbrannt. Sie gehen gleich aufs Ganze. Die fortgeschrittenen Nachfolger des Lessingschen Patriarchen haben sich eine wunderschöne Zwickmühle ersonnen. Ein Verbrechen wird verübt. Ein Jude soll es unter allen Umständen begangen haben. Man denke an Dreyfus, an den Konitzer Mord, an Hilsner. Mit den verwerflichsten Mitteln einer zügel- und skrupellosen Agitation wird alles auf den vermeintlichen jüdischen Verbrecher gehetzt, bis er, wenn auch nicht mit Recht, so doch in aller Form Rechtens verurteilt ist. Nun werden, was bereits während der gerichtlichen Prozedur mehr oder weniger verblümt geschehen ist, Reflexionen angestellt über die Glaubens- und Stammes-Genossen des Verurteilten in der ganzen Welt. Wird aber Dank der sich mit aller Macht zur Wehr setzenden Unschuld und der der Wahrheit innewohnenden Macht nach Jahr und Tag nicht nur in aller Form Rechtens, sondern auch wirklich von Rechtswegen der unschuldig verurteilte freigesprochen und rehabilitiert, dann. haben die Juden mit Hilfe unzähliger Millionen die Justiz bestochen und den „Schuldigen" der wohlverdienten Strafe entrissen. Und jetzt sind erst recht die Juden aller Länder Mitschuldige des vermeintlichen Verbrechers, der in den Augen oder richtiger in den Zeitungen der Antisemiten der Verbrecher bleibt, haben sie

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