Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 34 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit Redaktion u. Admintsti ation: Wien, 13/, Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15802. JUilsvate 25 Hell, ver Nonvareille-,>lelie. Abonnementsn. Jnierlioiisveträge ftnb in Wien zahlbar und klagbar. nabhängtge Heitfchrifi für jüötfche Interessen. Erscheint jeden Kreilag. I^otto: „Oa-j 8l6A«1 Gottes ist Wahrheit!“ Verugsrnkeis: Ganzjährig ... ft i*.— Halbjährig ... ft. 6.— Für Cultnsbeainte: ««anzjährig . . ft. >0 - Für AnsllUld. Ganzjährig ... 8 Mark 6 Nnbel oder lü Fcs. Ur. 34. Wien, August 1900. Inhalt: Aus der Sommerfrische. — Die antisemitische Zwickmühle. — Analogien. — Eingesendet. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Excelsior. — Jsac Heymann. Die geehrten Herren Abonnenten werden um freundliche Einsendung der restlichen Abonnewentsbeträge ersucht. Ans der Sommerfrische. Gespräche über die Religionsunterrichtsfrage. I. Auf der Veranda. Der Vater; die Mutter; der Sohn, Schüler der fünften GymnasiaMasse. Draußen gießt es aus Kannen; die Familie ist nach dem Speisen behaglicher Ruhe hingegeben. Der Vater liest die eingelaufenen Zeitungen; die Mutter blättert in einem Modejournal; der Sohn lümmelt vor sich hin. Der Sohn (aus dem Traume süßen Nichtstuns plötzlich auffahrend): „Papa, hast Du von der Verschwörung gelesen?" Der Vater (der soeben den Kurszettel ziemlich eifrig studierte, etwas mißmutig): „Meinst Du vielleicht die russische Revolution?" (Er seufzt, ist er doch in „Russen" ziemlich stark engagiert.) Die Mutter (von dem Studium der neuesten Modebilder aufschauend): „Das hat uns noch gefehlt, daß jetzt selbst die Kinder von Revolutionen und Verschwörungen reden. Egonchen, wie wars denn gestern mit der Tennispartie bei Müllers?" Der Sohn (etwas blasiert und herablassend): „Ziemlich fade; die Müllerschen Mädels sind zu plump und ungeschickt. Doch, Papa, ich wollte Dir von der Verschwörung erzählen. Aber um Rußland handelt es sich diesmal nicht. So gefährlich ist die Sache nicht. Es betrisst etwas Geringeres, aber für uns Gymnasiasten desto Wichtigeres. Und kurz und gut — vom nächsten Jahre an gibt es kein Hebräisch mehr an den Mittelschulen, aus ists mit der Plage. Der Religionslehrer kann auch niemand mehr durchfallen lassen. Sein »nicht genügend^ gilt nichts mehr. Das hat ein Herr getan, der in die »Neue Freie Presse* einen »Briefs geschrieben. Natürlich werden sich ihm viele anschließen. Sie alle wollen eine Verschwörung gegen den Religionsunterricht anzetteln und znm Minister gehen. Das werden Zeiten fein l Die Religionslehrer werden grün und gelb werden. Warum waren sie aber auch so strenge?" Die Mutter (beschäftigt sich nicht mehr mit den Modebildern; zum Gatten gewendet): „Wirst Du Dich, Isidor, dieser — wie nannte es Egonchen — Verschwörung nicht anschließen? Wozu brauchen auch die Kinderchen das Hebräisch? ..." Der Sohn: „. . . Diese tote Sprache." Der Vater (hat den Kurszettel zu Ende studiert): „Freilich haben sie an Latein und Griechisch genug. Es wird heute die Jugend mit viel Ballast beschwert. Jetzt kommt noch das Hebräische dazu. Allerdings, wenn ich am Versöhnungstage — einmal im Jahre — zur Seelengedächtnisfeier in den Tempel gehe — für dieses Einmal bezahle ich einen ziemlich teuren Sitz — dann möchte ich doch die hebräischen Gebete ein wenig verstehen. Hebräisch, vor Jahren habe ich es gelernt, hab's aber gründlich vergessen. Es ist lange her .. . aber die Geschäfte ... die Geschäfte ..." (Er ist in Nachdenken versunken. . . ziemlich zerstreut liest er den jüngsten Börsenbericht.) Die Mutter: „Woher sotten die Kinderchen die Zeit nehmen, um den körperlichen Sport, Tanzen, Tennis, Radfahren, Eisläufen usw. zu pstegen, wenn sie eine »tote Sprache*, das Hebräische, studieren müssen? (Sie streichelt Egonchen zärtlich mit der weißen Hand das Haupt.) Und dann kommt der Musikunterricht, Französisch, Englisch, so viel haben die Kinder jetzt zu lernen. Man könnte sie wirklich von dem unnützen — wie nennt man's doch? — Bal—" Der Sohn (einfallend, überlegen): „Ballast —" Die Mutter (die Abbildung eines modernen Kostüms betrachtend): „Ballast befreien. Und dann sind sie alle so strenge, diese Religionsprofessoren, wie sie sich jetzt nennen." Der Vater: „Sie werden wohl nicht strenger sein, wie die anderen Professoren, und auch nicht mehr verlangen. Zu meinen Zeiten hatten wir es besser: die Religionsstunde war eine Hetzstunde. Da stogeu die Knallerbsen nur so herum, und der Zylinderhut meines seligen Religionslehrers — damals gab es noch keine Religionsprofessoren — hatte manche Leidenszeit durchzumachen. Gelernt haben wir bei ihm nicht viel, desto mehr zuhause. Der Vater war der beste Religionslehrer und die Mutter unterstützte ihn tapfer darin. Jetzt sollen die Kinder in zwei Stunden lernen, worauf wir viele Stunden in der Woche verwendeten. Es ist eine andere Zeit angebrochen ... wozu das Hebräische?... Könnte man das »Seelengebet* nicht in deutscher Sprache verrichten?" Der Sohn (sehr naseweis): „Ist auch meine Meinung. Doch, lieber Papa, erzähle etwas von den Hetzen in der Religionsstunde." Die Mutter lacht herzlich. Der Vater: „Davon ein andermal; jetzt muß ich an meinen Agenten telegraphieren, er möge Lombarden kaufen und Russen geben ... eine schwere Zeit ... Doch wie heißt der Herr, der die Verschwörung gegen den Religionsunterricht anzettelte? Der Mann hat Ideen. Ich werde mich ihm anschließen.