Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 33 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Leue 8. Die Wahrheit Nr. 33. erreicht hat. In überaus dankenswerter Initiative hat Baron James v. Rothschild, der älteste Sohn des Barons-Ed mund v. Roitzsch i l d, den Anstoß zur Errichtung eines Institutes fürjüdischen Arbeitsnachweis gegeben, mit welchem ein Asyl und eine Werkstatte verbunden sind. Die letztere wurde in geräumigen, gut erleuchteten und vorzüglich ventilierten Sälen untergebracht, in welchen 100 Personen bequem arbeiten können. Das unter sachkundiger Leitung stehende Institut mufaßt einstweilen nur eine Album- und Cartonage-Fabrik, der bald weitere Branchen hinzugefügt werden sollen. Die Wcrkstätte beschäftigt zahlreiche Agenten, welche stets auf der Suche nach Arbeit resp. nach Absatz für die Fabrikate sind. Der mit der Zeit steigende Arbeitslohn beginnt mit 2 Frcs. pro Tag nebst freiem Mittagessen, das im ersten Stocke des Institutes eingenommen wird. Jeder arbeitsuchende Jude darf drei Monate lang in der Werkstätte verbleiben. Literatur. Offener Brief an Se. Exzellenz Dr. Franz Klein, Leiter des k. k. Justizministeriums ist der Titel eines Buches, 112 Oktavseiten stark, welches kürzlich erschienen ist und den Wiener Lederhändler Herrn Elias Lehr zum Verfasser hat. Seitdem bei uns der große Rechtsirrtum .begangen wurde, der noch immer, trotzdem bereits 6 Jahre ins Land _ gezogen sind, der Remedur wartet, steht Lehr an der Spitze der Kämpfer für Wahrheit und Recht. Nicht bloß mit der Feder ist Lehr bis jetzt in einer ganzen Reche von Publikationen für eine Revision des Prozesses Hülsner eingetreten, sondern auch mir dem Einsätze seiner zerrütteten Gesundheit, seines Vermögens und seiner Freiheit führt Elias Lehr einen hartnäckigen Kampf gegen die Staatsgewalt, um der Wahrheit und dem Rechte zum Siege zu verhelfen. Es ist bekannt, daß Lehr wegen einer früheren Schrift „Appell an die Wissenschaft" in welcher er die! Unschuld Hülsners nachwies und an unserer Justizpflege scharfe Kritik I übte, zu 2 Monaten Kerkers, und im Gnadenwege zu einer entsprechenden j Geldbuße verurteilt wurde. Aerzte und Freunde rieten dem wackeren aber leidenden Manne wiederholt, von dem Kampfe abzulasien, den allein zu führen seine Kräfte kaum ausreichen würden, allein all dies fruchtete nichts. Durchdrungen von der Unschuld des Verurteilten und fest vertrauend auf das lebendige und mächtige Recht hofft der Mann zuversichtlich auf einen endlichen Erfolg in dem Kampfe gegen Haß und Verleumdung, daß zur Wahrheit werde das alte Wort: „Es gibt noch Richter in Oesterreich". Es kann nicht die Aufgabe dieser Zeilen sein, einige Auszüge aus dem mit Begeisterung und scharfer Logik geschriebenen Buche, das sich als ein flammendes Playdoyer für die Unschuld Hülsners darstellt, zu bieten. Das Buch muß ganz gelesen werden und ist im Selbstverläge des Autors, n. Rote Sterngaffe 7, der seine Schriften auf eigene Kosten ' drucken läßt, soweit der Vorrat reicht, gratis erhältlich. N. Ch. i Union-Kalender. Soeben ist der neue Jahrgang des von der! „Oe st erreicht sch-Jsraelitischen Unio n" herausgegebenen „Kalender für Israeliten" erschienen, welcher die Vorzüge dieses in Amt und Familie bereits weit verbreiteten Nachscblagebuches aufs neue bewährt. Der „Unionkalender" ist bekanntlich der einzige jüdische Zeitweiser, welcher zugleich einen wertvollen Führer durch die ö st erreicht s ch-u ngarischen Kultusgemeinden bildet. Auch in dem neuen Jahrgange ist der Schematismus über den Personalstand und die Einrichtungen aller Kultusgemeinden des Reiches, ferner aller jüdischen Vereine, mit der größten Genauigkeit und Sorgfalt zusammengestellt worden. Durch die Neuaufnahme der rituellen Speisehäuser (Koschergasthäuser) erhält der Kalender auch für unsere reisenden Glaubensgenossen einen erhöhten Wert. Der literarische Teil erhält ein besonderes Lustre durch eine glänzende Erzählung aus den jüngsten Freiheitskämpfen in Rußland aus der bewährten Feder Julius Uprimny's. Die Erzählung trägt den Titel „Auf der Barrikade" und liest sich in ihrer Plastik und spannungsvollen Dramatik wie ein unmittelbar aus der Zeitgeschichte gegriffenes Stück Leben. In einem ausgezeichneten, das „Judentum als K u l t u r w e r k" betitelten Essay bekämpft Herr Rabbiner Dr. Simon M a n d l in wärmster Weise die von Huston Stewart Chamberlain verkündete Theorie, daß Humanismus und Judentum unvereinbare Begriffe wären. Der geschmackvoll gebundene „Unionkalender" ist vom Bureau der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union", Wien, DL Universitätsstraße 8 und allen Buchhandlungen zum Preise von K > 60 zu beziehen. ßreelstor (Alle Rechte Vorbehalten.) Eine Erzählung frei nach dem Talmud von Hanna Grube. (Fortsetzung.) Jetzt sind sie Mann und Weib, Schlome und Lea! Was an diesem Tage noch kam an Festjubel, dieses Gemisch von Trinksprüchen und Mischeberach, von Vivats und Tänzen, schier unerträglich schien es dem jungen, liebenden Paar. Um keinen Preis hätte Schlome selber den Drusch gesprochen! Da mußte der glattzüngige Manasse für ihn eintreten. Dann schlug die Stunde, in der die Unterführerinnen, Rosa, eine ganz junge Frau und Aarons Weib, Lea in ihre Mitte nahmen, sie von der Festtafel weg in das Haus ihres Gatten, in das hochzeitliche Gemach führten. Rosa löste ihr den schweren Thoravorhang vom Haupt und küßte sie zärtlich, Sarah, Mutterstelle vertretend, beeilte sich Zucker und Geld in das Kopfkisfeü zu schmuggeln, daß es dem jungen Paare nie'an Glück und Glanz im Leben gebräche. Unter Tränen und Liebkosungen nahmen sie Abschied von Lea, die nun tieferschüttert den Geliebten erwartete. Schweigend nahm Schlome Abschied von seinen Unterführern. Nun waren sie allein im Dunkel der Nacht, in der Einsamkeit der Kammer. Schlome sank vor der erbebenden Geliebten auf die Knie. „O, daß ich, Geliebte, Dich führen könnt In stolze, in fürstliche Hallen, Wo den Estrich weicher Teppich bedeckt, Und zarte, syrische Seide Wehret dem blendenden Sonnenstrahl, Wo aus hohen, aus silbernen Ampeln Des Weihrauchs süßbetäubender Duft Zitternd zur Decke sich kräuselt. Mit Rosen möcht ich Dein Lager bestreun, Das Haar mit Narzissen Dir kränzen! Und Deine Brüste, wie Elfenbein weiß, Verhüllen mit funkelnden Steinen! - Ein Gürtel bloß Deine Lenden umspann Mit indischen Perlen besticket. Also in endlos einsamer Nacht Hab ahnend von Dir ich geträumt, Als einer Fürstin, von Zauber umflort, Als von köstlich berauschenden Wonnen." Blütenreigen ohne Ende, ein fröhlich lachender Lenz! Will es nie zur Ernte werden? Schlome lächelt! „Der Apfelblüte ähnelt mein Lieb, So zart und voll süßer Verheißung! Der lieblichen Bläue des Himmels. Von goldenen Wolken umsäumt, Gleich dem Mond ist es gütig und sanft. Der freundlich dem Irrenden weiset Zur ängstlich gesuchten Heimat den Pfad! . .. Bald beugt sich der Apfelbaum, früchtebeladen, Und Traube an Traube reiset am Rebstock. Lachend gedenke ich der Ernte, Und freu mich im Lenz schon des Weins, An dem mein Alter dereinstens sich labet!" Lea aber, die immer fröhlich gewesen, wird stiller und stiller, und wenn sie allein ist, weint sie, und die alte Wiege, für die sich keine Verwendung einstellen will, wird von ihr in eine finstere Ecke gerückt. Lea hat nie viel Verkehr mit den anderen jungen Frauen unterhalten. Nach und nach wird sie ganz einsam. Diese Weiber haben alle viel und immer mehr zu tun. Die haben Kinder! Rosa, Leas Unterführerin, hat nun schon zwei allerliebste Töchterchen und einen strammen Jungen. Wohl ist sie jetzt schon dafür ein verblühtes, welkendes Weib und Lea prangt in voller, fraulicher Schönheit. In einer Schönheit, die sie zu hassen beginnt! Nun schauen die Weiber mit spöttischem Lächeln, von oben herab, aus Frau Lea Bruchstein, wenn diese an Feiertagen reichgeschmückt in die Frauenabteilung des Tempels tritt. Keine hätte mit ihr tauschen mögen! Die Allerärmste am allerwenigsten! Diese besitzt immer noch namenlos kostbares Gut, das sich diese reiche, strahlende Schönheit für all ihr Gold, für ihre funkelnden Juwelen nicht zu kaufen vermag, etwas, das dieses reiche Weib unter Tränen und Herzeleid entbehren muß: das Kind! Ganz unerwartet kam eines Tages Baruch Bruchstein zu Besuch, Schlomes Oheim, der letzte noch lebende Bruder seines Vaters. Vor Jahrzehnten war der in das innerste Rußland gezogen, hatte sich da niedergelassen und war zum reichen Mann geworden. Baruch war noch einer vom ganz alten Schlag im Guten wie im Bösen, eine hohe Greisengestalt von Patriarchenschönheit. Lea zitterte, als sie vor ihm stand und seine strengen, funkelnden Augen sie durchbohrten. (Fortsetzung folgt). KeschäsLsnotiz. Auf wiederholte Anfragen gebe ich bekannt, daß die Ausstellungs-Ornate von der Londoner A u s st e l l u n g verkäuflich sind. Rudolf Goldstein, Wien, II., Taborstraße 54.