Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 33 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063316-3063349--04412-3071251- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 7. Nr. 33 Die Wahrheit Erstreckungsbegehren mit der kurzen Begründung ab, daß die Streitteile Christen sind. und daß es auf die Konfession der Parteunvertreter nicht ankomme. Dem gegen diesen Beschluß von beiden Teilen eingelegten Rekurse hat das Laudesgericht Czernowitz Folge gegeben und die Ueberlegung der Tagsatzung angeordnet. Die Gründe besagen kurz: Es kann den Streitteilen das Recht, sich bei der Beweisaufnahme durch Advokaten vertreten zu lasten, nicht benommen werden. Im gegenwärtigen Falle aber, wo in Sereth mur jüdische Advokaten amtieren, diese jedoch des hohen Festtages halber ihre Mitwirkung versagen, sei durch die Verweigerung der Ueberlegung der Tagsatzung den Parteien die Möglichkeit. Advokaten zu ihren Vertretern zu bestellen, tatsächlich illusorisch gemacht. Budapest. In ganz Ungarn, vornehmlich in seiner glanzvollen Haupt- und Residenzstadt, wurde das Wiegenfest unseres gekrönten Königs in erhebender Weise gefeiert. An den Feierlichkeiten des 18. August nahmen auch alle Ungarn jüdischen Bekenntnisses teil, welche in ihren Tempeln, Synagogen, Bethäusern und Schulen Festgottesdienste veranstalteten. Im großen Tempel in der Tabakgaste wurde das Geburtsfestest Sr. Majestät nach beendigtem Sabbatgotresdienst gefeiert. Oberkantor Professor Adolf Lazarus eröffnete die Jubelfeier mit dem in wahrhaft künstlerischer Weise vorgetragenen Königsspalm, worauf Oberrubbiner Dr. Samuel Kohn die Kanzel bestieg und eine erhebende, vom patriotischen Geiste durchwehte Rede hielt. (Dr. Kohn war der einzige Jude, welcher an dem Diner des Ministerpräsidenten teilgenommen hatte.» Mit dem Absingen der ungarischen Kcönungshymne durch den vollzähligen Tempelchor endete die nationale F:ier. — Tags vorher fand im selben Gotteshause nach Schluß der täglichen Morgenandacht die Beeidigung der jüdischen Rekruten statt. Sämtliche israelitischen Mannschaften der hiesigen Garnison waren nach dem Tempel kommandiert und füllten die weiten Räume dieses herrlichen Gotteshauses. Zahlreiche Mitglieder der Gemeinderepräsentanz mit dem Kultusckef Ludwig Adler und dem Tempelvorsteher Tr. Wilhelm Grauer an der Spitze, ferner der Sekretär und Rechtsanwalt der Gemeinde, Honvsdhauptmann-Auditor d. R. Dr. jur. Julius Gabor, der Referent der Kultussektion Ludwig Burger u. A. wohnten dem Gottesdienste an. Oberkantor Professor Lazarus eröffnete denselben mit einem passendem Gebetstück, das er unter Assistenz seines Chorpersonales wirkungsvoll vortrug. Rabbiner Dr. Julius Fischer, ein Meister, der Rede und des Vortrages, hielt nun eine prächtige Ansprache an die junge Kriegerschaar, in welcher er sie zur Treue ihrem obersten Kriegsherrn gegenüber aufforderte, ihnen die Liebe zu ihrem Baterlande ans Herz legte und die Heiligkeit des abzulegenden Eides ganz besonders betonte. Die erhebende Feier endete mit dem Absingen der ungarischen Königshymne, welche von den Anwesenden stehend angehört wurde. Musikprofessor Rudolf Schneider brillierte mit seinem entzückenden Orgelspiel. — Ebenfalls am Sabbattage fand um 11 Uhr vormittags in der Synagoge der B u d a p e st e r aut.-orthodoxi s r a e l. Gemeinde unter zahlreicher Beteiligung der Gemeindemitglieder ein solenner Festgottesdienst statt, bei welcher Gelegenheit Psalmen rezitiert und das übliche Gebet für König und Herrscherhaus gesprochen wurde. — Am Vorabende des Sabbats, gelegentlich des Freitag-Abendgottesdienstes ward das Geburtsfest des Königs im Altosner Tempel in feierlicher Weise begangen. Das überaus prächtige Gotteshaus erstrahlte in blendendem Lichte. Daselbst hielt Oberrabbiner Dr. Elias A d i e r die Festrede, welche auf die Anwesenden eine mächtige Wirkung ausübte. — Die Ofner Israel. Kultusgemeinde beging vormittags 10 Uhr in feierlicher Weise den Geburtstag Sr. Majestät. Oberabbiner Dr. Arnold K i s s hielt eine schwungvolle Rede, die er mit einem erhebenden Gebete abjchloß. Den gesanglichen Teil der Feier besorgte in meisterhafter Weise Oberkantor Eduard Weiß mit seinein trefflichen Tempelchor. — Endlich hatte auch die U j p e st e r Jsraelitengemeinde einen Festgottesdienst veranstaltet, wobei Oberrabbiner Dr. Ludwig Venetianer eine formvollendete Kanzelrede hielt und Oberkantor Friedrich die kantorale Funktion versehen hatte. D. H. Spitzer. Budapest. Unterrichtsminister Graf Albert A p p o n y i hat in betreff der Reform der israelitisch-konfessionellen Schulen eine neuerliche Verordnung eriassen, die vom 1. September l. I. angefangen diese Schulen aus dem Wirkungskreise der Borstehungen der Kultusgemeinden ausschaltet und letzteren nur die Verpflichtung auferlegt, für die materielle Bedeckung der Kosten dieser Schulen Sorge zu tragen. Die Hauptpunkte der Verordnung sind: Die israelitisch-konfessionellen Schulen gelangen unter die Obrigkeit der zu schaffenden Schulstühle, die aus sieben, seitens der Generalversammlung der Kultusgemeinde zu wählenden Mitgliedern bestehen werden. Von amtswegen gehören den Schulstühlen an: der Rabbiner, der Gemeindepräsident und der Direkcor-Lehrer. Außerdem entsenden die Lehrckorporationen im Sinne des § 117 G.-A. 38:1868 gleichfalls Vertreter in die Schulstühle. Die Schulstühle wählen aus ihrem eigenen Schoße im Wege geheimer Abstimmung einen Präsidenten, Vizepräsidenten und Schriftführer. Das Recht der Beaufsichtigung, der Feststellung, der Lehrerzahl, der Organisierung von Stellen und Entlohnung der Lehrer steht dem Schulstuhle zu, gegen dessen Beschlüsse — Wahlen und Diszipliuar-Verfahren ausgenommen — an die Generalversammlung der Knltusgemeinde appelliert werden kann. Budapest. Die Gewerbegenossenschaft der hauptstädtischen Dienstmänner hat für ihr Bethaus den früheren Odessaer Kantor David Cs er n o w s k y zu ihrem Kantor gewählt. Derselbe hat am letzten Freitag Abend sein' neues Amt angetreten und sehr gefallen. — Ebenfalls am Freitag Abend hat Oberkanror Israel Tkäts in der Rombach-Synagoge nach seinem beendeten Urlaub seine kantoralen Funktionen wieder ausgenommen und .großen Beifall durch seinen Kunstgesang eingeheimst. In Ujpest und im Auwinkel entzückt ein Grammophon die dort weilenden Israeliten durch die Wiedergabe einiger Gesangsviecen, die Oberkantor Tkats ins Grammophon hineingesungen hat. (Wenn diese Gesangspiecen Syuagogenmelodien sind, können wir die Entzückung unserer Ujpester Glaubensgenoffen keiueswegs teilen und müssen auch den jüdischen Kantoren von einer derartigen Profanation unserer heiligen Melodien entschieden abraten. Die Red.) Budapest. Frau Fanny Weiß de Sznrda geb. Mauthner, welche zum Besuche ihrer Tochter in Altmünster weilte, verunglückte daselbst durch einen Fall, an dessen Folgen sie nach wenigen Stunden verschied. Die Verblichene, welche das 60. Lebensjahr erreicht hatte, war die Gemahlin des vor zwei Jahren verstorbenen Adolf Weiß de Sznrda, Seiliorchefs der Budapesler und Wiener Großhandlungsfirma Gerson Spitzer & Co. Die sterblichen Reste dieser edlen Dame wurden hieher gebracht und unter imposanter Beteiligung einer überaus vornehmen Trauergemeinde am Mittwoch, den 15. d. M., auf dem Gottesacker nächst der Kerepesec Linie zur ewigen Ruhe beigesetzt. Bei der Leichenfeier bemerkten wir nebst den Familienangehörigen als Trauergäste die Herren Leo v. Weisz, Baron Moriz Herzog, Hofrat Berthold v. Fürst, kaiserl. Rat Julius Stern (Wien), Salo Cohn (Wien), Dr. Fritz Schick (Prag), Josef Hatvany-Deursch de Hatvan, Baurat Sigmund v. Quittner u. v. A. Oberkantor Professor Adolf Lazarus besorgte die Funeralien in gewohnter 'Meisterschaft, wobei ihm die Tempelsänger assistierten. Oberrabbiner Dr. Samuel Kohn hielt einen ergreifenden Nachruf, in welchem er die hohen Frauenlugenden der so jäh ihren Angehörigen entrissenen Frau mit beredten Worten pries. Ihr Andenken bleibt ein ehrenvolles. I>. 3. 8. Pakraö. Im hiesigen Tempel wurde anläßlich des Geburtstages des Königs ein FestGottesdienst abgehalten. Die Festrede hielt Rabbiner S a g h e r. Mit Absingung der Hymne schloß die Feier. Kattowitz. Gegen die russischen Judenmassakres har auch eine von dem Bürgerverein in Kattowitz am 8. d. M. einberufene, von Angehörigen aller Stände und Konfessionen zahlreich besuchte Versammlung protestiert. Das Hauptreferat hatten der katholische Rektor L a t a c z-Kattowitz und Dr. Mose s-Berlin übernommen; in der Diskussion nahm auch der Rabbiner Dr. C o h n-Kattowitz das Wort. Die vom Fabriksbcsitzer G e r d e s geleitete Versammlung nahm zum Schluß! einstimmig folgende Resolution an: j „Die heute un großen Saale der Reichshalle aus allen Schichten; der Bevölkerung zahlreich besuchte allgemeine Versammlung des Bürgerj Vereines der Stadt Kattowitz spricht ihr lebhaftes Bedauern und ihre tiefste l Entrüstung aus über die grausamen Verfolgungen, denen die Juden ihrer , Religion lvegen in Rußland ausgesetzt sind, und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß das Nachbarreich recht bald aus seinen Wirrnissen der Gegeni wart als ein Kulturstaat hervorgehe, in dem die Gerechtigkeit und Liebe j allen Untertanen gegenüber in gleicher Weise betätigt wird, und dadurch den Verfolgungen der Juden ein Ende gemacht wird." Berlin. Der Leiter der deutschen Hilfsorganisation für die aus Rußland auswanderuden Juden, Dr. Nathan, hatte bekanntlich am letzten Sonntag Gelegenheit, den russischen Ministerpräsidenten und Minister des Innern Stolypin, zu sprechen. Nach der Ueberzeugung des i Ministers Stolypin hängt es zur Zeit von den russischen Juden selbst ab,! ob sich die gegen sie gerichteten Ausschreitungen der Administrativbehörden > und des Pöbels verringern. Er. Stolypin, habe sich zur Aufgabe gestellt, ' die leidige jüdische Frage in Rußland in der weitestgehenden Weise und > möglichst schnell zu lösen. Aber eine Gleichberechtigung der Juden in! Rußland und die Bewilligung aller von den russischen Inden gestellten! Forderungen könne bei den obwaltenden Verhältnissen unter keinen Um-; ständen durchgeführt werden und würde auch nicht einmal im Interesse : der russischen Juden sein. Was die starke Beteiligung der russischen Juden j an der revolutionären Bewegung in Rußland betrifft, so steht diese für j Stolypin als erwiesen da. Kein Wunder also, daß der Haß gegen sie bei! allen regierungsfreundlichen Elementen zum krassen Ausdruck komme und! oft sogar zu beklagenswerten Mordtaten führe, die aber von der russischen j Regierung auf das tiefste bedauert werden. Es seien auch umfassende Bori kehrungen getroffen, daß sich Pogroms, wie in Kischenew, Bjelostok usw. i nicht wiederholen. Zwar seien in diesem Jahre schon 300.000 Juden aus-! gewandert, gegen 185.000 im vorigen Jahre, doch wolle die russische j Regierung den auswandernden Juden behilflich sein. Stolypin glaubt,! daß mit Beginn der Reichsdumawahlen die Auswanderung der Juden! Nachlassen werde. Berlin. Für die nächste Saison ist Fräulein Olga Lenk an der hiesigen Hofoper engagiert worden. Die brillante Sängerin, welche vor kurzem ein glanzvolles Gastspiel in Düsseldorf absolvierte und zur Mitwirkung an den Meisterfestspielen in Frankfurt eingeladen wurde, war bisher ein sehr geschätztes und beliebtes Mitglied der Troppauer Over, woselbst sie unter der bewährten Leitung des Kapellmeisters Theumann ihr Repertoir außerordentlich bereicherte. Frankfurt a. M. (Misrachi - Kongreß.) Im Monat September l. I. findet in Franksurt a. M. ein Kongreß der in der Gruppe des Misrachi vereinigten gesetzestreuen Zionisten statt. Auf diesem Kongreß sollen jene Forderungen beschlossen werden, von deren Erfüllung das weitere Verbleiben des „Misrachi" in der zionistischen Organisation abhängen wird. Paris. Die Annahme der Fremdenbill in England hat auch auf Frankreich eine merkliche Rückwirkung gehabt. Früher bildete Paris für die auswandernden Juden zumeist nur die Durchgangsstation, wo sie sich das Geld zur Weiterreise nach England resv. Amerika zu ersparen hofften. Die Erschwerung der Einwanderung in England hat Hunderte von heimatlosen Juden gezwungen, sich dauernd in Frankreich emzurichlen, was ohne . genügende Sprachkenntniffe doppelt schwierig ist, und die aufregenden | Szenen, welche in jüngster Zeit sich in den Räumen des Comit6 de j Bienfaisance und der j. C. A. abspielten, haben bewiesen, welche Dimen- > sionen die Not unter unseren arbeits- und obdachlosen Brüdern in Paris