Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 33 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Oesterr -ungar. Kantoren -Zeitun g. Kantorale Gnqnrte. Wie bekannt, hat der Vorstand des österr.-nngar. Cantoren- Vereines den Beschluß gefaßt, im Herbste des heurigen Jahres die hervorragendsten Vertreter des Kamorenstandes zu einer Enquete nach Wien einzuladen, in welcher über Gegenwart und Zukunft des Kantorenstandes eingehende und ernste Beratungen gepflogen werden sollen. Mit Rücksicht auf die Wichtigkeit der siebei zu behandelnden Themen, welche die soziale Stellung, die materielle Fürsorge im Invaliditäts- und Abtebensfalle, die Heranbildung eines fachlich und allgemein gebildeten Nachwuchses rc. umfassen sollen, wäre es zur Vorbereitung der Verhandlungen überaus ersprießlich, die einzelnen Fragen vorher öffentlich zu diskutieren, und laden wir die geehrten Kollegen ein, ihre Erfahrungen, Wünsche und Anregungen nach den angedeuteten Richtungen in diesem Blatte einzuleiten. Die Redaktion. Vereinigung israelitischer Kehrer and Kantoren der Ufal;. Die Freie Bereinigung israelitischer Lehrer und Kantoren der Pfalz hat ihre Konferenz in Lndwigshafen gehalten. Der Vorsitzende. Lehrer Waldbott-Speyer, eröffnet« die- Sitzung, seiner Freude über den guten Besuch der Versammlung Ausdruck verleihend. Er begrüßte in herzlichen Worten die anwesenden Vorstände der Knltnsgemeinde Ludwigshafen. Hierauf erstattete er den Jahresbericht, nach welchem die pfälzische Vereinigung 40 Mitglieder zählt. Mit einem Ausblick ans das Schicksal und die eventuellen Folgen der preußischen Schulgesetzvorlage und einige Mitteilungen über die Tätigkeit der Jngendschriftenkommission schloß der Vorsitzende. Herr Moritz Wolfs dankte im Namen des Synagogenausschnsses für die freundlichen Worte der Begrüßung. Hierauf erhielt Lehrer Silbermann-Kirchheimbolanden das Worr zu einem Vortrage über: „Quellen, Prinzip und Charakter der jüdischen Sittenlehre nach Prof. Dr. Lazarus Ethik des Judentums." Seine trefflichen Ausführungen fanden den Beifall und Dank der Versammlung. Sodann referierte Lehrer Wetzler über das Berbandsthema: „Notwendigkeit der methodischen Umgestaltung des hebräischen Unterrichtes." Die Ausführungen fanden nach eingehender Diskussion in folgender These ihre Zusammenfassung: Eine Umgestaltung des hebräischen Unterrichts ist notwendig, insoweit derselbe ein mechanisches Uebersetzen der Gebete zur Voraussetzung hatte. Eine Uebergangsstufe zwischen Hebräischlesen und dem Uebersetzen der Gebete ist zweckmäßig. Dem Referenten wird durch den Vorsitzenden der Dank der Versammlung ausgesprochen. Hierauf verabschieden sich die Herren Vorstände der Gemeinde, nachdem Herr Ferd. Mann seine Freude über das ideale Streben der Lehrer- Ausdruck verliehen hatte. In herzlichen Worten äußerte er seine Ueberzeugung, daß die Früchte dieses Strebens den Eltern zugute kommen werden. Die Ausfchußwahl hat, da Lehrer Steinem- Landau eine Wiederwahl ablehnt, folgendes Ergebnis: Waldbott- Speyer, Vorsitzender. Feibelmann-Germersheim, Rechner, Wetzler- Ludwigshafen Schriftführer. Der Antrag der Lehrer Rosenwald- Edesheim, Martin Göllheim, Löb-Venningen: Die „Freie Vereinigung israelitischer Lehrer und Kantoren der Pfalz" möge bei der Königlichen Kreisregierung dahin vorstellig werden, dieselbe möge die Auflösung israelitischer Elementarschulen tunlichst vermeiden, wird unterstützt und angenommen. Der Vorsitzende gab noch einige Aufklärungen über den Kantorenverband und Kantorensektion. Es ist zu verwerfen, daß der ganze Verein als Mitglied zur letzteren beitritt. Ein diesbezüglicher Antrag soll die nächste Versammlung beschäftigen. Der Beitritt zur Archawa wird den Kollegen vom Vorsitzenden warm empfohlen. Als nächstjähriger Versammlungsort kommt Pirmasens eventuell Kaiserlautern in Betracht. Nach Bekanntgabe des Kassenberichtes durch Lehrer Feibelmann schloß der Vorsitzende die in allen Teilen anregend verlaufene Versammlung mit einem Hoch aus den Prinzregenten. Keform und Orthodorie in Amerika. Die Londoner „Jewish Chronicle" veröffentlicht in ihrer letzten Nummer ein Interview mit dem gegenwärtig in London weilenden Rabbiner M e l d o l a de Sola aus Montreal. Derselbe bekennt sich als einen begeisterten Anhänger des gesetzestreuen Judentums und gehört auch zu den Begründern des Verbandes orthodoxer jüdischer Gemeinden in den Vereinigten Staaten und in Kanada, und seine nachfolgenden Ausführungen werden daher gewiß allgemeines Interesse erwecken: „Das Reformjndentum in Amerika sucht mit ungezügelter Wildheit alles Ueberlieferte zu zerstören. Die Reform von der Berkeley-Straße (in London) würde von den amerikanischen Reformern als antiquierte Orthodoxie betrachtet werden. In einer Artikelserie, die von einem New-Iorker Blatt veröffentlicht wurde, habe ich eine Uebersicht der von mehreren Vertretern der amerikanischen Reform geäußerten Anschauungen und der bei ihren Zusammenkünften gefaßten Beschlüsse gegeben. Das Fazit dieser Uebersicht muß jeden, dem das Judentum am Herzen liegt, erblassen machen. Man maßt sich das Recht an, göttliche Gesetze abzuschaffen. Eine übernatürliche Offenbarung wird geleugnet. Die Bibel wird als gewöhnliches Menschenmachwerk hingestellt. Sie soll von Jrrtümern wimmeln und Legenden und allerlei verwerfliche und schädliche Dinge enthalten. Die göttliche Inspiration der Bibel wird als ein Hirngespinnst bezeichnet und der Gott Israels durch eine „Gottidee" ersetzt. Angesichts dieser Beschaffenheit der amerikanischen Reform überrascht es uns nicht, wenn wir sehen, daß die religionsgesetzlicheu Institutionen des Judentums verworfen werden, daß man die Beschneidung einen Ueberrest der Barbarei nennt, die Entweihung des Sabbats freudig begrüßt und zur Schließung von Mischehen ermutigt. Dr. Köhler, der Vorsteher des Hebrew Union College in Cincinnati erklärt ausdrücklich, daß die Bibel für das Resormjudentum keine verpflichtende Kraft besitze, und spottet über die Donner des Sinai. Dr. Hirsch in Chicago, der von Londoner Juden neulich so herzlich begrüßt wurde, hat die Sepher Thora aus seinem Tempel verbannt. Er nennt es eine Erfindung, daß Gott sich am Sinai offenbart und dort die Heiligung des Sabbats geboten habe, und leugnet, daß Moses jemals gelebt. Aus der gleichen Stufe wie dies alles steht die abstoßende Art. wie die amerikanischen Reformer ihre Verehrung für den Begründer des Christentums an den Tag zu legen suchen. Ihre Predigttexte nehmen sie häufig aus dem Neuen Testament. Und was ist der Erfolg dieser ausschweifenden Lehren, die unter dem Namen der „Aufklärung" verbreitet werden? Die Heranziehung einer Generation von Inden, die keine Ahnung haben von dem Judentum und seinen Pflichten, keine Ahnung von dem Wesen und der Herrlichkeit der jüdischen Sendung. Einer der hervorragenden Reformrabbiner macht das Geständnis: „Die Mütter und ihre Kinder haben das Beten verlernt. Die Sabbatruhe mit ihrer Heiterkeit hat Abschied genommen von unseren Häusern. Die Blume der Pietät ist verwelkt. So sehen wir das religiöse Gefühl auf dem Gefrierpunkt und die aufgeklärten Juden beim Atheismus angelangt." Dabei hat das Kokettieren mit dem Christentum diesen Radikalen nicht einmal irgend welche materielle Vorteile gebracht. Viele amerikanische Hotels verwehren jüdischen Gästen die Aufnahme; bei den Empfehlungen, die diese Hotels an das Publikum richten, wird hinzugefügt, daß Juden keinen Zutritt haben.