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Die Wahrheit · 1906-08-24 · Heft 33 (24.8.1906) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 33 (24.8.1906)
Date
1906-08-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Leite 4. Die Wahrheit Nr. 33. Freilich, wollen wir die Sache tiefer behandeln, dann ist es auch mit Goethe eigentlich zwiespältig bestellt. Wir haben zu unterscheiden zwischen dem Weltgenie des Dichters des „Fauste, dem Naturforscher und Vorläufer Darwins einerseits und dem Frankfurter Patriziersohn, dem Duzfreund seines Fürsten, dem weimarschen Staatsminister andererseits. Harden hat die Exzellenz Goethe beschworen. Zufälle und Gründe rein äußerer Natur drücken Goethes Bedeutung auf politischem Gebiete stark herab. . Deutschland nennt ihn wohl seinen größten Sohn in künstlerisch-geistiger Beziehung, kann ihn jedoch seinen Freiheitsaposteln nicht zuzählen, in diesem Belang nicht Schiller zugesellen, ja nicht einmal Körner, Herwegh, Freiligrath, Hoffmann von Fallersleben und vielen Anderen an die Seite stellen. Daß Goethe diesen Mangel selbst empfand, möge folgende, seinen Gesprächen mit Eckermann entnommene Stelle dartun, die zugleich auch Harden vorgeschwebt haben mochte, als er sich in der Literatur nach einem Plaidoyer für Pobjedonoszew umschaute: „Es ist wunderlich, gar wunderlich, wie leicht man zu der öffentlichen Meinung in eine falsche Stellung gerät. Ich wüßte nicht, daß ich je etwas gegen das Volk gesündigt; aber ich soll nun einfür allemal kein Freund des Volkes sein. Freilich bin ich kein Freund des revolutionären Pöbels, der auf Mord, Naub und Brand ausgeht, aber ebensowenig ein Freund eines Ludwig des Fünfzehnten. Ich hasse jeden gewaltsamen Umsturz, weil dabei eben so viel Gutes vernichtet, als gewonnen wird. Ich hasse die, welche ihn ausführen, wie die, welche dazu Ursache geben. Aber bin ich darum kein Freund des Volkes? Denkt jeder rechtlich gesinnte Mann etwa anders? Wie sehr freue ich mich über jede Verbesserung, welche die Zukunft uns etwa in Aussicht stellt! Aber, wie gesagt: jedes Gewaltsame, Sprunghafte ist mir in der Seele zuwider; denn es ist nicht naturgemäß. Ich bin ein Freund der Pflanze, ich liebe die Rose als das Vollkommenste, was unsere deutsche Natur als Blume gewähren kann; aber ich bin nicht Tor genug, zu verlangen, daß mein Garten sie mir schon jetzt, Ende April, gewähren soll. Kann aber jemand die Zeit nicht erwarten, der wende sich an die Treibhäuser." Doch nun zur zweiten Todsünde der deutschen Zeitungsschreiber, ihrer Judensreundlichkeit. Ich sehe mich leider genötigt, die ganze diesbezügliche Stelle wortwörtlich zu zitieren. Denn nicht das „Deutsche Bolksblatt" oder irgend ein anderer obskurer antisemitischer Preßköter hat sie geschrieben, sondern der berühmte Harden, der sich seine literarischen Sporen erworben, als er wegen seines Aufsatzes .Zäsarenwahn" ins Gefängnis wandern mußte, da man darin versteckte Anspielungen auf Kaiser Wilhelm II. erblickte, Maximilian Harden, dessen ..Zukunft" Beiträge liefern zu dürfen, die Besten unseres Schrifttums wetteifern und dem ihre Spalten zu öffnen, die „Neue Freie Presse" sich zur Ehre macht. ..Tragt nicht das Märlein weiter, die russische Regierung lasse die Juden schlachten. Fällt ihr ja nicht ein. So wenig wie unserer, die Arbeiter niederknallen zu lassen (was mit nicht geringerer Hartnäckigkeit behauptet wird). Der Durchschnittsrusse haßt den Juden, der ausgewucherte Wirt den Parasiten. Der körperlich starke, geistig schwerfällige blonde Bauer den kleinen, emsigen, pfiffigen Schwarzkopf, der ihm in allen Stücken überlegen ist. Nur in dem Kampfe nicht, wo, Mann gegen Mann, die Stärke siegt. In Zeiten heftiger Gärung, wenn die Hefe wirksam wird, besinnt der Blonde sich auf die Uebermacht seines Leibes und schlägt den Schwarzen nieder, dem er so lange nichts anhaben konnte. Leider nicht unnatürlich. Brutalität war von jeher die ultima, ratio der von Zwergen umgarnten Riesen. Der Bauer, Soldat, Handwerker, Uuterbeamte ist (nicht nur in Rußland) Antisemit. Nun gehts ihm nach Krieg, Hungern, Putschen besonders schlecht. Er hört, daß die Juden sich in Scharen dem Kriegsdienst entzogen haben. Hört, daß sie zur Revolution rufen, Bomben Herstellen, aber, um ihrer Rasse nicht neuen Haß zu wecken, fast, nie selbst werfen, daß sie den Zaren- Papfl knechten und die Grundmauern der heiligen Kirche lockern wollen. Hört, glaubt und überredet sich rasch, daß alles Gut der Schwarzen den Blonden geraubt ward, und plündert und mordet. Die Regierung könnte.' mit dem Aufgebot all ihrer Machtüberbleibsel die Inden schützen, dann würde' sie aber unpopulär und käme in den Verdacht, mit dem Gelbe der Großjudenheit bestochen zu sein' und hätte das ganze Land gegen sich. Daß sie zu solchem Wagnis nicht den Mut hat, ist ihre ganze, nicht ganz kleine Schuld." Es wäre überflüssig, diese lapidaren, jesuitischen Verdrehungen der Wahrheit eingehend zu widerlegen, die Leser dieses Blattes sind zu wohl orientiert, als daß eine ausführliche Richtigstellung not täte. Trotzdem seien einige Entgegnungen gestattet. Es ist gar nicht wahr, daß der russische Bauer im Juden, der gerade so elend und zumeist noch elender als er selbst ist, seinen Widersacher sieht; ihn gelüstet es nach den großen Latifundien des Erbadels, wie die Plünderung und das Niederbrennen der Güter beweisen. Die Bauern sind es auch nicht, welche die Regierung zur Niedermetzelung der Juden ansbietet, sondern die Holigans sind ihr Heerbann, ländliche Taglöhner, die des Winters ans Mangel an Beschäftigung in den Schnapsbuden, gleich unseren Branntweinern nnd Stromern, herumlnngern. Diese vertierten Gesellen stehen jetzt im fixen Sold, werden trunken gemacht und auf ihre Opfer gehetzt. Selbst dieser Auswurf des Auswurfes — um mit Saphir zu reden — dies weiß ich aus authentischester Quelle, bereut, wenn er ernüchtert ist, derart gewütet zn haben, hat sich einen letzten Rest von Menschlichkeit bewahrt und bedauert, zum Mietling des Mordes herabgesunken zn sein. Mit Recht Haben auch einige Dnmamitglieder betont, daß das russische Volk an den Pogromen keinen Teil habe. Nicht Mann gegen Mann stehen sich in ehrlichem Kampf gegenüber, sondern entnervte Alkoholisten gegen die Verteidiger ihres Lebens und des Lebens ihrer Familie, von ihrem Eigentum ganz zu schweigen. Diese könnten sich ihrer erbärmlichen Gegner mit Leichtigkeit erwehren, zumal eine Selbstwehr organisiert ist, wenn die Militärgewalt sie nicht entwaffnen und füsilieren möchte. Geehrter Herr Harden! Erst muß die nationale Verschiedenheit der Bewohner des weiten russischen Reiches zur Verteidigung Pobjedonoszews und seiner Reformkunktatorik herhalten und dann ist der russische Bauer auf einmal blond und hünenhaft. Der Typus der 30 Millionen Kleinruffen oder -Russinnen ist z. B. ausgesprochen schwarzhaarig und klein gebaut, hingegen gibt es unter den Juden, wie einst Börne sagte, viel blonde und ehrliche. Es wäre zu untersuchen, wer mehr betrügt, der selbstherrliche korrupte Tschinownik, oder der geknechtete Jude. Brutalität wäre die ultima ratio der von Zwergen umgarnten Riesen? Wie komisch, daß sie dann den kleinen Japanern nicht gewachsen waren. Den versteckten Spott, der Jude wäre feige, möchten wir am liebsten von demselben Gewährsmann zurückweisen lassen, den Harden namhaft gemacht hat, von Goethe. Wie Goethe kein Heros des Liberalismus war, so war er auch kein sonderlicher Freund der Juden. Umso höher ist folgender Passus aus „Wilhelm Meister" anzuschlagen, der zeigt, daß nichts lächerlicher sein kann, als dasjenige Volk der Feigheit zu zeihen, das sich trotz seiner geringfügigen Zahl gegen Roms Weltmacht löwenmutig verteidigt, die Hasmonäer und Bar Kochba anfzuweisen hat. Es heißt bei Goethe: .Das israelitische Volk hat niemals viel getaugt, wie es.ihm seine Anführer, Richter, Vorsteher. Propheten tausendmal vorgeworfen haben; es besitzt wenig Tugenden und die meisten Fehler anderer Völker; aber an Selbständigkeit, Festigkeit, Tapferkeit und, wenn alles das nicht mehr gilt*), an Zähigkeit sucht es seinesgleichen. Es ist *) „Wenn alles das nicht mehr gilt", diese Einschaltung ist etwas dunkel und will offenbar sagen: Jetzt wo es seine staatliche Selbständigkeit eingebüßt, jetzt, wo auch die übrigen Völker, die ihr Vaterland noch besitzen, ihre Kriege meist von Mietstruppen führen lassen („Wilhelm Meister" ist 1795 erschienen), muß die ihm innewohnende Tapferkeit latent erscheinen und kann sich nur in Zähigkeit aktualisieren. Goethe mußte diese Tapferkeit sehr imponieren, denn ihm selbst gebrach es an persönlichem Mut: er mußte anläßlich der Besetzung Weimars durch die Franzosen seine Rettung aus Lebensgefahr einer Frau verdanken, seiner Wirtschafterin Christiane Vulpius, die er denn auch, aus Dankbarkeit bald hernach ehelichte. Daß heute, wo die Institution der Volksheere besteht und trotz Bertha Suttner noch lange bestehen wird, die Juden ihre Schuldigkeit nicht tun, das behaupten zu wollen, wird selbst ein Harden nicht die Stirne haben.

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