Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 33 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ais Wahrheit Redaktion u. Aduiinistiano»: Wien. II/, Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei Inserate 25 Hell, per Nonvareille-^eiie. Abonnementsn. JnsertionSbeträge sind in Wie» zahlbar und klagbar. Unabhängige Aeiifchrifl für Mische Interessen^ Erscheint jeden Areitng. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Verngsi'ileis: ganzjährig ... St »».— Halbjährig . . #. 6 — jviir CnltuSveaiilte: (»anzjährig ... St. io — Kür Anslaud. ganzjährig . . . a Mark 8 Rubel oder ie FcS. |lv. BB. Wien, 24. August nmy Inhalt: Aufruf. — Rußland und feine Pogrome in Hardenfcher Beleuchtung. — Judenmaffakre und Judenfrage. — Aus dem Kurorte Luhatschowitz. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Excelsior. — Kantorale Enquete. — Vereinigung israelitischer Lehrer und Kantoren der Pfalz. — Reform und Orthodoxie in Amerika. Ausruf! Die in den letzten Monaten gegen unsere Glaubensgenossen in Rußland geübten Gräuel, welche die ganze zivilisierte Welt mit Schrecken und Entsetzen erfüllt haben, veranlaßten die hervorragendsten Rabbiner Rußlands, Heuer den Vorabend des Rosch-Chodesch El ul, dasist Montag, den 20. A u g u st l. I. als F a st t a g festzusetzen, an welchem in Trauergottesdiensten dem riefen Schmerze um die hingemordeten Märtyrer erneuert Ausdruck gegeben werden soll. Wir wenden uns auch an unsere Glaubensgenossen in Wien diesem Beispiele zu folgen und sich gleichzeitig durch werktätige Spenden an der von der israel. Allianz eingeleiteten Hilfsaktion zu beteiligen, Wien, 17. August 1906. Das Rabbinat der israel. Knltusgemeinde Wien. Rußland und seine Pogrome in Hardenscher Beleuchtung. „Heisa, juchheia! Dideldumdei!" So lauten die stimmungsvollen Eingangsworte des Leitartikels „Kapuzinade", den Maximilian Harden in seiner „Zukunft" vom 10. d. M. veröffentlicht. Sogleich sind wir an die Schrecknisse und Greuel des dreißigjährigen Krieges gemahnt und an den! göttlich groben Kapuziner, welcher nach dem Urbilde , des witzigen und satyrischen Wiener Kanzelredners Abraham i a Sancta Clara in „Wallensteins Lager" der zügellosen Sol-! dateska in so derber Weise die Leviten liest. Hardens Kapuzinade! richtet sich gegen seine Bernfsgenossen von der Feder und ihre! schrecklichen Sünden: sie verbreiten verleumderische Nachrichten j über Rußlands Finanzlage, die eigentlich nicht so schlecht sei, sie verdächtigen mit Unrecht die ehrlichen Absichten und die staatsmännische Klugheit der russischen Regierung, vornehmlich die Pobjedonoszews, und endlich, was ihr kardinalstes Verbrechen ist, sie stehen bei Beurteilung der Pogrome völlig auf Seite der Ermordeten, Verstümmelten, Geplünderten und Geschändeten, statt auf jener der Halsabschneider und Räuber. Man sieht, das Relief des tertium comparationis ist glücklich herausgearbeitet : Der brave Pater geriet in Harnisch ob der Zuchtlosigkeit und Unbotmäßigkeit der übermütigen Kriegsknechte und fragte: „Seid ihr Christen?" und der ehrenwerte Harden möchte nicht übel fragen: „Seid ihr Christen, wenn ihr beim Hinschlachten von Juden Mißbehagen fühlt?" Und er fragt auch wirklich: „Arbeitet ihr für London oder Zion?" Aber von urwüchsigem Humor wie jene ihres Vorbildes ist diese Standrede ganz und gar nicht, wenn sie auch freilich grob genug ist. „Warum redet ihr Magistrat über Dinge, die ihr nicht kennt, kennen zu lernen euch nicht bemüht?' So lautet eine seiner vielen Fragen. „Verschont uns endlich mit den Eierfibelreaktionären! Die Pobjedonoszews, Durnowo, Gringmuth meinen es auf ihre Art eben so gut mit dem Volke, wie irgend ein Versammlungsschwätzer. Denken nur, daß der Unmündige, bevor er zum Herrn seines Geschickes werden darf, erst erzogen werden muß, nnd können sich vor der Stachelhecke religiöser, natürlicher, klimatischer Schwierigkeiten nicht zur Wahl eines schnellen Erziehungstempos entschließen. Befehdet sie meinetwegen, aber erwägt, daß Goethe sie gewiß nicht hart tadeln, vielleicht verteidigen würde!" Herr Harden gefällt sich in der Rolle eines advocatus diaboli, aber zur Ehre seines Verstandes nehmen wir an, daß er nicht im Ernst daran glaubt, ein Pobjedonoszew wolle das Rad des Fortschrittes nur hemmen, nicht ihm in die Speichen fallen, um es zu vollständigem Stillstände zu bringen. Der würdige Pobjedonoszew ist zeitlebens ein Anhänger und Verbreiter des Schlagwortes vom „faulen Westen" gewesen, vor dessen sogenannten Kulturerrungenschasten das heilige Rußland behütet werden müsse, wenn es nicht an seiner Unverbrauchtheit und Gesundheit Schaden nehmen soll. Eine gutgläubige Behauptung kann dies bei einem so belesenen Chronisten wie Harden somit , nicht sein, eine Sucht nach paradoxaler Ironie ebensowenig — diesmal wenigstens gewiß nicht, dazu ist dieses docnment humaine mit zu blutigem Ernst geschrieben — was kann es demnach anderes sein, als eine bewußte, plumpe Fälschung zeitgeschichtlicher Tatsachen? Goethe würde die Führer des russischen Volkes „vielleicht verteidigen". Aber da müßte er zuvor die Ueberzeugung gehabt haben, daß der Autokrat und die ihn leitende Kamarilla es als heilige Mission betrachten, die Russen der Freiheit entgegenreifen zu lassen. Doch Goethe würde dies, gleich uns, nicht ohne zureichenden Grund wohlwollend voraussetzen, da das gerade Gegenteil auch dem blödesten Auge erkennbar und alle Welt Zeuge ist der Kniffe, Lügen und Gewalttätigkeiten, mit denen die Machthaber die aufgegebenen Vorwerke ihres Zwing-Uri zurückzuerobern versuchen. Das Kunststück, bei Pobjedonoszew auch nur ein Atom von Reformfreundlichkeit zu entdecken, wird keinem Chemiker gelingen und muß dem Alchymisten Harden Vorbehalten bleiben, der es im übrigen auch vor dem Forum der Geschichte und Aesthetik zu verantworten hat, wenn er Pobjedonoszew und einen Goethe in einem Atem nennt und sie nicht in gehörige, respektvolle Distanz rückt.