Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 32 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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'Jcr. 32. Die Wahrheil. Lette ö. war, ließ Tischkowski seinen ältesten, verheirateten Sohn zuhause, weil es dort noch viel Geschäftliches abzuwickeln gibt, und machte sich mit seiner Familie und der Familie seines Sohnes auf den Wanderweg. In Fischern kaufte er ein schönes, zweistöckiges Haus, dessen Parterrelokalitüten zu einer jüdischen Restauration adaptiert wurden. Das Ganze kostete 60.000 Kronen. Dieser Tage las ich in den Tagesblättern, daß 28 gänzlich verwaiste jüdische Kinder aus Jekaterinoslaw vom Hilfskomitee in Lemberg empfangen wurden, um an diverse Waisenhäuser verteilt zu werden. — Ich bin in meiner Karlsbader Epistel vom Ziele etwas abgekommen; aber es ist heutzutage für einen fühlenden Israeliten schwer, in einer Zeitung zu schreiben, ohne der unschuldig und grausam verfolgten Glaubensbrüder zu gedenken. Oberlehrer Alex. Baum (Klattau). Zur Präsidentenwahl in der Sndapester Gemeinde. Der Vorstand der Pester israelitischen Religionsgemeinde scheint die Ansicht des Hofrates Berthold Weisz zu teilen und dürfte im kommenden Herbste — wahrscheinlich nach Ablauf der hohen Feste — eine Neuwahl vornehmen. Die letzte, resultatlos verlaufene Präsidentenwahl wird als nicht geschehen betrachtet und neue Männer werden aus den Plan treten. Dabei ist es sehr leicht möglich, daß die beiden bisherigen Kandidaten, oder einer von ihnen, wieder um die höchste Würde, in die Seele der Nachkommenden einzufügen und das Bewußtsein und den Weg auf diesem zur Beglückung der Menschheit bestimmten Besitz, den wir in unseren heiligen und unvergänglichen Büchern niedergelegt sinden, zu stärken, das ist der erste Punkt unseres Programmes. Wir leben hier in Ungarn auf diesem geliebten Boden in dem Lande unserer Verheißung. Jahrhunderte lang angefeinder und nicht gewürdigt, knüpfte unsere Vorfahren schon jede Faser ihres jüdischen Herzens an diese Scholle. Und es ward der Tag, an welchen wir mit allen Rechten eintraten in die Gemeinschaft mit allen Bürgern und Bewohnern unseres von Gott gesegneten Vaterlandes. Die Scheidemanern sind gefallen, und wir sind als Bürger jüdischen Bekenntnisses Eins mit allen, die sich um die ungarische Fahne scharen. Für die Glorie derselben zu leben und zu sterben, ist unser Gebot, und die Macht und Bedeutung der ungarischen Nation zu heben, ist unsere Pflicht. Und wollen wir dies, dann darf unser Bestreben und das, was wir als ungarische Juden zu schaffen imstande sind, nicht nur unseren Kindern, sondern eben allen unseren Kindern, die Ungarn sind und es werden wollen, zum Nutzen und Frommen dienen. Doch nicht der Einzelne allein als Jude soll es sein, der sich an dem nationalen Emporringen aus allen Gebieten beteiligt, sondern die Gemeinden, als örtlicher Sammelbegriff der Glaubensgenossen, sind berufen, aus der vielfältigen nationalen Arbeit ihren Anteil herauszunehmen. Mit und für Ungarn, mit und für alle unsere Mitbürger wollen wir in unseren Schulen, unseren Institutionen wirken. Die Pforten, innerhalb welche die Gemeinde vergeben kann, sich bewerben werden. Es ist auch nicht ansgeschloffen, daß Hofrat Weisz, so er nochmals kandidiert, mit großer Majorität gewühlt werden wird, was sogar mit Bestimmtheit erwartet werden kann. Doch wir wollen kommenden Ereignissen nicht vorgreifen und uns mit Prophezeihungen nicht weiter beschäftigen. Hofrat Weisz motivierte seiner Partei gegenüber seinen Rücktritt von der Kandidatur mit der folgenden Erklärung: „Ich konnte und durfte nicht anders für mich und für die Herren, die meinen Namen auf ihre Flagge schrieben, Vorgehen. Unser Glaube ist der des Friedens und der Liebe. Wie hätte ich nun bei der Gemeinde Strömungen anfkommen lassen dürfen, die mit ihren dunklen Fluten in dem Schoße unserer Gemeindeverwaltung den Schlamm und das Gerolle des Zwistes, des Haders und der gegenseitigen Anfeindung hineingetragen hätte? Nicht die edelsten Regungen der Menschen wären dort zur Herrschaft gelangt, sondern alle jene bösen Triebe und Leidenschaften, die das Höchste verdunkeln und die Einigkeit, die ich sehnlichst herbeiwünsche, in tausend Stücke zersplittert hätten. Ein Einziger ist. der herrscht, das ist unser Gott, der Gott der Reinheit, der Güte und der Liebe. Wir Sterbliche hingegen sollen nur das Beglückende der heiligen Gotteslehre unseren Glaubensgenossen näher bringen. Die volle Gnade, deren uns der ewigwährende Schöpfer und Herr teilhaftig werden, läßt, muß uns zum würdigen Handeln stärken, die ohnmächtige Klage und das abfällige Urteil über andere von uns fernhallen. Und aus diesem Grunde war ich bemüssigt, meine Kandidatur niederzulegen." In seiner Programmrede stellte Hofrat Weisz folgende Gesichtspnnkle auf: „Wir wollen vor allem und einzig und allein unserer Religion unsere Dienste weihen und wer hieran wacker, mit Herzensfreude und voller Hingebung mitwirkt, der wird zu jenen Auserwühlten gezählt, die durch die Wahrheit, Reinheit und Aufopferungsfrendigkeit in unserer Gemeinde zu dem Ansehen erhoben werden, dessen sie sich durch ihr Denken, Fühlen und Handeln, nicht aber nur durch Worte würdig erwiesen haben. Für den Gärtner sprechen die herrlichen Bäume, die sein Fleiß auch dem ärmlichen Boden zu entringen imstande ist. Leider ist es nur allzuwahr, daß in unserer Gemeinde der Boden unserer Glanbenstreue vernachlässigt und wenig ertragreich ist. Diesem die belebende und fortzeugende Kraft wieder zu geben, dient der Religionsunterricht und das Vorbild der Hochhaltnng unserer Religion, die wir in der Gemeinde, im Hause und überall, wo wir sind und weilen, zu geben verpflichtet sind; denn ..in seinem Antlitze schuf Gott der Herr den Menschen" . . . Die kostbaren Schätze unserer Glaubenslehre welcher der Geist unseres Gottes herrscht, sollen meiner Ansicht nach jedem offen stehen. Unsere jüdischen Einrichtungen, welcher Art immer, d. h. jene, die durch die Gemeinde getroffen werden, sollen in ihren segensreichen Wirkungen jedem, der dieser Nation angehört, und jedem Menschen, der die Segnungen unserer Glanbensausübnng in Anspruch zu nehmen gewillt ist, offen stehen. Und treten wir so mit dem festen Glauben an unsere heiligen Lehren und mit voller Hingebung für unsere nationale Sache in die Reihe aller anderen Konfessionsvereinigungen, dann bin ich überzeugt, werden wir unserem Gott gedient haben und das ganze Judentum wird zum Gegenstände der allgemeinsten Hochachtung und Würdigung werden, mit) in jedem Glaubensbruder wird das Selbstbewnßtsein und die Hochschätzung, für den eigenen Glauben wachsen, und in unseren Kindern werden wir den Keim der religiösen Angehörigkeit ins Herz legen, die sich darin äußert: „Nicht nur als Jude geboren sein, sondern sich mit Freude und Stolz als Jude immer bekennen und am Judentum sesthalten." Dies war der zweite Grundgedanke, den Hofrat W e i s z in seiner Programmrede zum Ausdruck gebracht hat. Wir haben im Vorstehenden in knappen Umriffen die im eleganten Ungarisch gehaltene und mit großer Verve vorgetragene Rede des Hofrates Weisz wiedergegeben und behalten uns vor, demnächst in die Details derselben einzngehen. Speziell den Religionsunterricht, der eben jetzt durch die odiose Affaire Schiff in Wien mehr denn je aktuell geworden, wollen wir im Sinne und im Geiste des Hofrates Weisz eingehender besprechen. 8. Mer ist international? Zu den antisemitischen Dogmen gehört auch die Behauptung von der Jnternationalität des Judentums, und es ist traurig, daß es noch immer Leute gibt, die diesen Unsinn nachsprechen und in deren Phantasie die Juden als mystische Wesen mit teuflischen Attributen erscheinen. International ist, logisch gedacht, eine Person, deren Interessen in der Gegenwart und deren Hoffnungen in der Zukunft außerhalb des nationalen Kreises liegen. Von welchen Inden in Deutschland darf man dies behaupten? Die Inden wurzeln mit ihren Interessen und ihren Hoffnungen ebenso in Deutschland wie die anderen Bürger. Selbst die Zionisten in Deutschland betonen bei jeder Gelegenheit ihr warmes Interesse für alle öffentlichen Vorgänge des Vaterlandes. Die Juden sind wie alle Menschen in erster Reihe Menschen, mit Neigungen, Idealen, Interessen, und erst dann Juden. Daß psychologische Eigentümlichkeiten, die auf geschichtlichen und sozialen Verhältnissen basieren, vorhanden sind, ist