Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 32 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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iSH Seire 6 Die Wahrdeu. Nr. 32. wohl wahr. Aber im Staatsleben, wo nur konkrete Faktoren mitsprechen, spielt das gar keine Rolle. Diese seelischen Eigentümlichkeiten mögen wohl ein Gegenstand für psychologische Studien sein, politische Konsequenzen kann und darf man daraus nicht ziehen. Und gewiß wird diese psychologische Differenzierung durch Liebe vermindert, durch Haß aber gesteigert. Je weniger man in den Juden den Inden sucht, desto mehr fühlen sie sich als Menschen und Glieder der Völker, unter denen sie leben. Je mehr aber man in ihnen lediglich und ausschließlich den Juden sieht, destomehr drängt man sie auch innerlich aus der großen Gemeinschaft und zwingt sie dazu, sich zurückzuziehen und eine Art unsichtbaren Ghettos zu bilden. Man hat immer wieder zur Sanktionierung dieses antisemitischen Dogmas die Alliance Israelite Universelle als Schreckensgespenst herausbeschworen. International aber ist an dieser Institution nur der Name. Die Statuten und Berichte, die Satzungen, Protokolle und Abrechnungen dieses Vereines liegen der Oeffentlichkeit vor, und wer wirklich glaubt, daß daneben noch geheime Sitzungen stattfinden, mit dem läßt sich nicht streiten. Die Alliance ist ein Verein mit ausschließlich humanitären Bestrebungen. Sie fördert die Armen, sozial und sittlich, erzieht ihre Kinder zur Arbeit und zur Kultur, und damit nützt sie der Judenheit und der Kulturwelt zugleich, ohne irgend jemand zu schaden. Damit fördert sie auch die kommerziellen Beziehungen der Länder zu einander, und das kommt einem Exportland ersten Ranges wie Deutschland gewiß zu statten. Wo sie im Orient ihren -Einfluß geltend macht, den Juden, die unter Ausnahmegesetzen schmachten, ihre Lage zu erleichtern, da geschieht es im Lichte der Oeffentlichkeit. Dieses Wirken ist ebensowenig international wie das Eintreten der Deutschen für die Armenier in der Türkei. Das alles sind bekannte Dinge, die freilich angesichts der immer wiederkehrenden antisemitischen Verdächtigungen stets wiederholt werden müssen. Die deutschen Juden sind nicht um ein Haar internationaler als die deutschen Christen und ihre humanitäre Tätigkeit für die Juden des Ostens hindert sie nicht daran, alles, was in Deutschland schön und gut ist, warmen Herzens zu fördern. Wenn freilich unsere Antisemiten jedes Vergehen, das irgend ein Jude in der Welt begeht, getreulich registrieren, um es als typisch-jüdisches Verbrechen zu bezeichnen, so wird man die Juden für diese komische Mache nicht verantwortlich machen können. Dagegen trägt der Antisemitismus in seiner theoretischen Begründung und in seinem praktischen Wirken, also als Idee und als Bewegung, alle Zeichen der Jnternationalität an sich. Und all sein Prunken mit nationalem Heldenmut und mit germanischem Beserkertum, all sein Prahlen mit kernigem Patriotismus und urwüchsigem Deutschttim dient nur dazu, um die dahinter steckende Jnternationalität zu verbergen. Und während die angebliche internationale Vereinigung der Juden darauf gerichtet ist, Leid zu mildern, Kultur zu verbreiten und die Idee der Menschlichkeit zu fördern, zielt die antisemitische Internationale überall dahin, jeden Fortschritt zu bekämpfen und die Humanität durch Bestialität zu ersetzen. Ob dieser Antisemitismus unter der Führung eines Stöcker, eines Drumont oder eines Pobjedonoszew steht, ob er sich religiös oder atheistisch gebärdet, ob er stürmische oder sanfte Töne anschlägt, — es ist nur ein Unterschied des Grades und der Form, das Wesen bleibt dasselbe. Der Antisemitismus soll nach der Behauptung seiner hervorragendsten Theoretiker auf der Erkenntnis der Schädlichkeit der Juden für die Völker beruhen. Er bedeutet in seinem Ziele den Kamps der arischen Völker gegen die Judenheit. Dieser Kampf kann doch nur so gedacht werden, daß alle arischen Völker sich vereinigen, um die Juden zu verdrängen, ihre Existenz zu verkümmern und ihren Einfluß zu vermindern. Das ist eine internationale Idee mit einem internationalen Ziele optima forma. Faßt man die Judenfrage als Raffenfrage auf, dann ist es ja klar, daß die Begriffe Volk und Rasse sich heute nirgends decken. Einerseits ist der Begriff Volk enger, weil er doch nur den Teil einer Rasse verkörpert, andererseits aber ist er weiter, weil er auch Teile anderer Rassen enthält. Also kämpft die eine Rasse, wo sie auch sein möge, losgelöst von der engeren nationalen Bedeutung, gegen die andere Rasse. Nicht die deutschen Antisemiten kämpfen im Grunde gegen die deutschen Juden, sondern ein Teil der Antisemiten, der zufällig in Deutschland lebt, kämpft gegen einen Teil der Judenheit, der in Deutschland lebt. Eine solche Ausgabe wird man nur als internationale betrachten dürfen. Tatsächlich ist der verehrte Vater der Rassentheorie der französische Graf Gobineau und der populärste Vertreter in der Gegenwart ist der aus England stammende C h a m b e r l a i n. Es ist schon mehr als merkwürdig, daß unsere Ueberger.manen sich Nationalheilige aussuchen, deren Namen die alten Germanen kaum hätten aussprechen können.. Faßt man die Judenfrage als religiöse Frage auf, so kann es logischerweise nur den Sinn haben, daß mau Judentum und Christentunl als unversöhnliche Feinde betrachtet und daher vom Standpitukle des Christentums das gefährliche Judentum bekämpft. Da aber das Christentum nicht das Gut einer einzelnen Nation ist und bei uns in Deutschland auch in der äußeren Form einer Naiionalkirche nicht existiert, so kann dieser Kampf wiederum nur als ein internationaler ausgefaßt werden. Das höchste Ziel wäre die Vereinigung aller christlichen Völker im Namen des Christentums gegen das Judentum. Diese Aufgabe wäre ebensowenig national wie etwa die Kreuzzüge im Mittelalter es waren. Von welcher Seite also man die Sache auch anfassen mag, sie ist und bleibt, wenn sie überhaupt konsequent erscheint, international. Und wie in der Idee, so zeigt sich auch in der Praktischen Bewegung überall der internationale Zug. Die christlichsoziale Partei in Deutschland und Oesterreich hat so viel Ähnlichkeit mit der klerikalpolnischen Partei in Galizien und mit der nationalistischen Partei in Frankreich, daß man ihre innere Verwandtschaft sofort merkt. Ja, sogar die Kontinuität zum Antisemitismus in .Rußland ist nicht schwer nachzuweisen, und manchmal erscheint die „Staatsbürgerzlg." Einem nur als deutsche Ausgabe der sattsam bekannten „Nowoja Wremja". Die Mittel und die Formen des antisemitischen Kampfes sind, von lokalen Variationen abgesehen, in allen Ländern so ziemlich dieselben. Der Antisemitismus schillert wohl in allen Farben, der Grundton aber läßt sich nirgends verleugnen. Die Sympathien und Antipathien kennzeichnen das Einzelindividuum und die Gemeinschaft am meisten. Und nach der Richtung hin kann man bei den Antisemiten jeden Tag seine Beobachtungen machen. Unsere deutschen Antisemiten sympathisieren mit allen reaktionären Mächten im Auslande und verfolgen dagegen jede freiheitliche Regung in der ganzen Welt mit ihrem Haffe. Ihr gelobtes Land ist Rußland und ihre verhaßteste Nation ist England, trotzdem wir sicherlich, von der Abstammung ganz abgesehen, doch viel mehr kommerzielle und kulturelle Beziehungen zu England als zu Rußland haben. Im Mittelpunkt ihres Denkens und Fühlens steht eben der Antisemitismus, der zum Ausgangspunkt aller Neigungen und Betrachtungen wird. Es ist bezeichnend, daß die deutschen Antisemiten den Intriganten und Schwindlern in Frankreich, die die ganze Dreyfus-Komödie zu chauvinistischen Zwecken inszeniert haben, stets zujubelten, trotzdem sie wohl wußten, daß jene die grimmigsten Deutschenfeinde sind und daß ihre höchste Sehnsucht der Vergeltungskrieg gegen Deutschland ist. Wegen ihres Antisemitsmus verzeihen sie ihnen alle Sünden. Ebenso sympathisieren unsere deutschen Antisemiten heute mit den blutdürstigen Hooligans in Rußland, trotzdem sie wohl wissen, daß die Bestien in Menschengestalt auf einen Wink von oben und gegen Schnaps und Bezahlung sich mit derselben kannibalischen Lust auf die „ungläubigen Protestanten" und „fremden deutschen Teufel" stürzen würden. Daß sie aber Juden gemordet und geplündert haben, ist ein so großes Verdienst, daß alle anderen Betrachtungen verstummen müssen. Unsere Antisemiten würden zn jeder Zeit auch mit Chinesen und Negern fraternisieren, wenn diese sich durch einen ..zielbewußten Antisemitismus" legitimieren könnten. Es ist dieselbe Erscheinung überall: die Judenfeinde sind zugleich bewußt oder unbewußt die schlimm st en Feinde der Kultur, die größten Gegner der modernen Zivilisation. Das ist das unsichtbare internationale Band, das diese edlen Seelen überall verbindet. F. S.