Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 32 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 32. Ein altes Sprichwort sagt: „Undank ist der Welten Lohn!" Und auch hier findet es seine Richtigkeit; denn, wenn der Religionslehrer auf den Dank für seine Tätigkeit zahlt, so täuscht er sich. Nun will man den Religionsunterricht noch einschränken und die Retigionsnote soll keinen Einfluß auf das Zeugnis haben. Das heißt so viel, als den Religionsunterricht völlig abschaffen. Den Religionsunterricht einschränken! — Von 28 Stunden wöchentlichen Unterrichtes in einer Volks- oder Bürgerschulklasse bleiben bloß zwei für Religion und auch diese sind leider unseren Glaubensgenossen zu viel geworden. Zwei Stunden in der Woche Religion zu lernen, ist zu viel. Möge doch derjenige, der dies beantragt, ein galizisches Cheder betrachten, in dem das jüdische Kind den ganzen Tag, im Winter auch einen Teil der Nacht, zubringt und die tote hebräische Sprache in der Form von Olluraisod., Raschi und G-emore lernt, und da sollen dem Fortschrittskind die zwei Stunden wöchentlich, die es im Gegensätze zum düsteren, meist nassen Cheder in einer geräumigen, luftigen Schulklasse der Religion widmet, zu viel sein? Die hebräische Sprache, in der unsere Gebete abgefaßt sind, in der der Ewige vom Sinai herab seine heiligen Gebote uns verkündete, in der unser Lehrer Mosche uns seine Lehren mitteilte, darf keine tote genannt werden, sowie Israel nicht aufhören wird, ein Vo.lk zu sein; denn unser Lehrer Mosche sagte vor seinem Hinscheiden: -an: ->212 rotpn xb '3 Und wahrlich, seine Worte verdienen beherzigt zu werden. Wenn wir nur die Geschichte des Altertums lesen, finden wir schon, daß Völker vorhanden waren, von denen heute nur ein schwaches Andenken blieb. Wo sind die Phönizier, Chaldäer rc.? Aber die Kinder Abrahams, Jsaks und Jakobs werden, trotz aller Plagen, Leiden und Drangsale immer bestehen. Werden sie aus Spanien vertrieben, so finden sie eine zweite Heimat; mag Rußland sie massakrieren, der alte Gott lebt noch. Und so lang Israel besteht, bleibt auch die hebräische Sprache mit ihm und darf auch aus der Schule nicht abgeschafft werden. Wenn dem Anträge, die Religionsnote möge keinen Einfluß auf das Zeugnis haben, stattgegeben werden sollte, so hieße das soviel, als den Religionsunterricht anfheben. Die Erfahrung lehrt, daß von hundert Schülern der modernen Juden kaum zehn die Religion aus Liebe zu ihrem Stamme lernen, die übrigen tun dies nur aus Furcht vor dem — nicht genügend. Sollte dieses .nicht genügend" in Zukunft keinen Einfluß auf den Fortgang haben, dann kann man der Religionslehre Valet sagen. Samuel Schwarzbaum, Religionslehrer in Milöwka, Galizien. Karlsbader Kries. Der offizielle Bericht, den die alte, stets in neuer Jugendfrische erstrahlende Thermenstadt Karlsbad herausgegeben hat, enthält mit Recht folgende Worte: „Wie in einem Tempel, dessen Schwelle Haß und Verfolgung nicht überschreiten dürfen, so waltet in den Mauern Karlsbads der Gottesfriede für alle. Hier gibt es nur Kranke und friedlich wandeln sie nebeneinander: Franzose und Deutscher, Engländer und Bure, Russe und Pole, Amerikaner und Spanier, Christ und Chinese, Moilim und Jude. Gläubig und fromm, jeder nach seiner Fa^on, pilgern sie alle zum allein gesundmachenden Sprudel." Dichter und Schriftsteller aller Nationen — voran Altmeister Goethe, der hier des öfteren geweilt — haben die Karlsbader Quellen gepriesen und zahlreiche Inschriften verkünden ihren Ruhm. Auch ein hebräisches Akrostichon hat Mordechai Fromberg am 4. Ab des Jahres 1847 einem Felsen anvertraut. Die Natur mit ihren herrlichen Reizen, die Karlsbad umgibt, ist ein wahrer Tempel der Gottheit und nachdem wir uns durch einen Spaziergang in derselben gestärkt, begeben wir uns in den im maurischen Stile erbauten prachtvollen Tempel der israelitischen Kultusgemeinde. Wie erhebend und andachterweckend ist hier der Gottesdienst, bei dem sich die Antike mit der Modernen vermählen, und wie herrlich tönt der Bariton des Herrn Oberkantors Weiß, begleitet von dem geschulten Chore! Dem Ganzen setzt unbedingt der ehrwürdige Rabbiner Dr. Ziegler, ein Meister der Rede, die Krone auf. Ich habe durch vier Jahre seinen Worten gelauscht und muß gestehen, daß seine Predigten nicht nur auf mich, sondern auf alle Anwesenden einen unauslöschlichen Eindruck gemacht haben! Dieser gottbegnadete Redner versteht es, Gemüt und Herz zu rühren und in überzeugender Weise die unvergänglichen Lehren des Judentums zu beleuchten. Als vor kurzem einer der verdienstvollsten Aerzte der Stadt, Herr M. U. Dr. Heinrich Löwenstein, unter immenser Beteiligung aller Bevölkerungsschichten und Vereine zu Grabe getragen wurde, war es Herr Dr. Ziegler, der im Angesichte der Stadtvertretung und ihres Oberhauptes unter anderem sagte: „Der Verblichene, der seil dem Jahre 1874 in unserer Mitte als Arzt unermüdlich tätig war, hat alle Armen ohne Unterschied unentgeltlich behandelt. Er fragte nie nach deren Konfession und war allen ein fürsorglicher, aufrichtiger Berater und Freund. Als aber die Neuwahlen in das - Kollegium stattfanden, fragte man plötzlich nach der Konfession des Entschlaflnen, der immer ein pflichteifriges Mitglied der Stadtvertretung gewesen ist, und er ging nicht aus der Urne hervor. Diese Undankbarkeit nagte an seinem Herzen." Ansonsten schreitet Karlsbad als Kurstadt rüstig vorwärts.! Das neue Elisabethbad, von einem reizenden Parke umgeben, wurde in den Jahren 1905 und 1906 erbaut und macht einen imposanten Eindruck, ebenso die neue Sparkassa, und der Bau > der Drahtseilbahn neigt seinem Ende zu. Die jüdischen! Restaurationen stehen zumeist auf der Höhe der Zeit und manche! genießen mit Recht einen Weltruf. Ich habe nahezu sämtliche besucht, um auch das darin speisende Publikum kemten zu lernen. Am meisten interessierte mich ein neues israelitisches Gasthaus, das sich in Fischern (Berggasse) befindet. Dasselbe gehört einem russischen Glaubensb rüder, namens E. Tisch.kowski aus Jekaterinoslaw. Der Wirt ist ein imposanter, martialisch ge-! bauter Greis mit freundlichem Gesichte, ichwarzen, klugen Augen! und weißem Haupthaare. Das Antlitz schmückt ein schöner,! silberner Kaiserbart. Er spricht fließend hebräisch und russisch, aber nur sehr gebrochen deutsch, während einer seiner älteren j Söhne diese Sprache und auch mehrere andere moderne Idiome! vollkommen beherrscht. Wie erstaunte ich, als mir Herr Tischkowski , erzählte, er sei unlängst erst 51 Jahre alt geworden. Als er! meine Verwunderung wahrnahm, sagte er: „In Rußland wird der Jude bald grau." Und nun erzählte er mir seine Leidensgeschichte, die ich in kurzem wiedergebe: Ich bin ein geborener Russe und betrieb in meinem Heimatsorte Jekaterinoslaw ein großes Bankgeschäft, das jährlich einen bedeutenden Umsatz machte. Ich ernährte mich mit meiner! aus Frau und fünf Kindern bestehenden Familie glänzend und besaß ein schönes Haus, Grund und Boden. Da traten die Ihnen aus den Zeitungen bekannten Verhältnisse ein. Es kam I der „Pogrom." Drei Tage wurden die Juden in unserer Stadt geschlachtet und gemordet. Mädchen wurden entehrt. Frauen die Brüste abgeschnitten, die Augen wurden ihnen ausgestochen und die Höhlen mit Sand oder Unrat (8io!) gefüllt. Kinder wurden vor den Augen der Mütter zerrissen. Mehrere Männer und Weiber verfielen dem Wahnsinne. Jüdische Leichen . lagen auf den Gassen, über welche sich Ströme Blutes ergossen. Zweieinhalb Tage war ich in einem engen Keller mit meiner Familie versteckt, wo wir beteten und fasteten. Meine Frau hatte die Geistesgegenwart, etwa hundert Rubel in der Kasse zu lassen, daübrige Geld nähte sie in eine alte Unterhose ein und barg sie unter dem Waschkasten. Von den Greueln können Sie sich keinen Begriff machen. In einiger Entfernung von uns wohnte ein 80 jähriger, kranker, bettlägeriger Jude mit seiner Frau. Himmelhoch bat er den Polizisten, ihnen kein Leid zuzufügen. Dieser erwiderte: ..Euch wird nichts geschehen; ich sperre nur das Haus ab." Das tat er auch. Hierauf bestrich er das. Gebäude mit Petroleum und zündete es an, so daß das greise Ehepaar verbrannte. Am Nachmittage des dritten Tages wagte sich Tischkowski aus dem Keller und war Augenzeuge der oben angeführten Szenen. Dreimal wurde er angeschossen; doch trafen die Mörder nur seinen dicken Rock. Da erschien der Gouverneur,' der dem Plündern, Morden und Sengen Einhalt gebot, indem er sagte: „Jetzt habet ihr schon genug!" Als Ruhe eingetreten