Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 31 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 31. Literatur. B'wTCi C‘S‘;j min Biblia Uebraica adjuvantibus professoribus G. Beer, F. Buhl, G. Dalman, S. R. Driver, M. Löhr, W. Nowack, I. W. Rothsteiu, V. Ryssel edidit Rud. Kittel, protsssor Uipsisusis. ikars II. (Letzte Propheten uiid Hagiogrophen.) Lipsiae, I. C. Hinrichs, 1906. 4 Mark. So liegt denn von der neuen Textausgabe der heiligen Schrift, deren ersten Teil mir in diesem Blatte (1905, Nr. 85) besprochen und als unentbehrliches Handbuch für Lehrende und Lernende bezeichnet haben, auch der zweite und letzte Teil vor. Es ist schwer zu sagen, welches Gefühl stärker ist, ob das der Bewunderung für soviel Fleiß und Gelehrsamkeit, oder das der D a n k b a r k e i t für die Fülle der Belehrung, die uns hier, aus Schritt und Tritt geboten wird. Diese Editio Kittel wird nun als monumentum aere perennius dastehen und allen Geschlechtern zur unerschöpflichen Quelle bei der Erforschung der heiligen Schrift werden. Ein großer Teil der Dankbarkeit gebührt" auch der I. C. Hinrichsschen Verlagsbuchhandlung, welche das Werk so glänzend ausgcstattet und dabei den Preis so billig bemesierr hat. Die bei einem solchen Werke unvermeidlichen, verhältnismäßig wenigen Druckfehler werden natürlich bei den folgenden Auflagen verschwinden. Dr. K a h a u, Znaim. Die geehrten Leser unseres Blattes werden zur Deckung ihres Bedarfes der D’DT.n ti'-b'h Q“V"iflK auf den ausführlichen Preiskurant der bewährten Firma Hermann Rath, Triest, aufmerksam gemacht. 2HP! *rtP Wir machen die Herren Kantoren auf die vom Herrn Chordirigenten Kijewsky, Preßburg, unter dem Titel „Scliir-Chodosck“ herausgegebenen Kompositionen besonders aufmerksam. Feuilleton. (ättte Rechte Vorbehalten) Eine Erzählung frei nach dem Talmud von Hanna Grube. „Wenn Baumeister Dich bereden wollen, daß Du ein neues Haus bauen lassest, denn warum soll ein reicher Mann in so aller Kabache wohnen, folge ihnen nicht, Schlome. Das Haus ist gut, Segen wohnt unter diesem Dach. Der Sohn des Pan, des vielmächtigen Wohltäters, der den armen Faktor geschuhriegelt hat, ist im Zuchthaus als Betrüger und Wechsel» fälscher verdorben, und der Sohn des armen Faktors ist der Chef einer weithin geachteten Firma! Nur eines, Schlome, möchten meine alten Augen noch sehen, daß es wieder von Kindern wuselet in unserem alten Haus, von Deinen Kindern." Das Leben erfüllte Moische Bruchstein nicht diesen Herzenswunsch. Er und sein Weib waren lange schon unter der Erde, als Schlome seine Neuvermählte in das alte Heim führte. Wie es Sitte bei den Orthodoxen, war er ganz jung schon verlobt worden, zweimal nacheinander und beidemale war es nicht bis zur Trauung gekommen. Die erste Braut starb plötzlich kurz vor der Hochzeit, die andere, schön und leichtfertig, war in letzter Stunde mit einem Offizier durchgebrannt, von ihrer in den heiligsten Gefühlen tiesverletzten Familie wie eine Tote betrauert. von den düsteren Frommen als Abtrünnige verflucht. Das waren Bräute gewesen, wie kluge Väter ftir ihre Söhne erwählen, schwerreiche Mädchen aus angesehenen Häusern. Moische zögerte auch nicht, neuerlich eine solche Braut für den einzigen Sohn, den das Schicksal ihm von einer stattlichen Zahl Kinder am Leben erhalten hatte, zu suchen. Nun aber widersetzte sich Schlome mit aller Macht jeder Verlobung. Mit Mühe wußte die Mutter einen ernsthaften Streit zwischen Vater und Sohn hinianzuhalten. «Habe Geduld/' beruhigte sie den erzürnten Moische, „Schlome wird heiraten, ganz gewiß. Laß ihm Zeit! Böses hat er erlebt. Du siehst ja, das Schicksal läßt nichts erzwingen. Auch für Schloime wird die Stunde schlagen, in der er unter dem Trauungszelte steht." Nach dem frühzeitigen Tode der Eltern strömten Schadchen von nah und fern herbei, dem reichen Manne reiche Mädchen anzubieten. Und Vettern auch und Basen kamen! Und jeder und jede wußte von einer Kalle für ihn! Und die Kalle des einen war immer schöner und begehrenswerter und viel, viel reicher als die des andern. Und jeder und jede wußte am besten, was just Schlome nottat, daß er nicht zum Träumer, zum Sonderling werde! Viel wußten diese Menschen, was für Schlome paßte! Träumer? Sonderling? Das war er immer gewesen, immer anders als die anderen! Das wußte er selber am allergenauesten. Das fühlte er immerzu! Manchesmal bedrückte es ihn schmerzlich, wie es einer als eine Ungerechtigkeit empfindet, ist er mit einem Finger zuviel oder zuwenig auf die Welt gekommen. Als so eine Art Mißgeburt, von der nachlässigen Natur nur flüchtig zu Faden geschlagen! Glücklich sind jene nicht, die nicht so wie die Herde! In seinen trüben Stunden meinte Schlome, es sei gut, daß die Eltern nicht mehr am Leben. Der Vater würde zürnen, weil er ihn zu wenig verstand. Die Mutter, die ihn immer besser begriffen hatte, würde sich abhärmen. Weil sie wußte, daß der eine schwere Bürde zu tragen bat, der mehr empfindet als andere und mehr ersehnt. Und immer noch trüumr, wo andere schon genießen! Süß ist der Traum und dennoch ermüdet nichts das Herz so sehr, als der Traum, der nimmer sich erfüllen will! Schlome gedachte wohl zu heiraten, den toten Eltern das Wort zu halten. Nur die Richtige muß er'finden. Das wars, die Richtige. Ein ganz anderes Geschöpf, als die Mädchen, die ihm da augeboten werden! Keinem teilnehmenden Freund, keinem lebensklugen Vermittler könnte er mit Worten sagen, wie seine Auserkorene zu sein hätte! Nicht mit nüchternen Worten definieren, was sich nur fühlen läßt. Einmal wird er ihr begegnen auf seinem Lebenspfad. Dann wird eine Stimme in seinem Innern ihm zuflüstern: „Die isis! Schlome, die ist die Richtige!" Dann wird das Glück auf ihn herablächeln! Dann ziehet neuer Segen ein in das gesegnete Haus? Eines Tages saß Schlome allein in seiner Schreibstube. Da trat der bucklichte Manasse unangemeldet bei ihm ein und stellte sich breitspurig mitten in das Zimmer. Manasse war der Lustig der Gemeinde, Badchen bei allen Hochzeiten, seines Witzes wegen gerne gesehen, seiner bösen Zunge halber von jenen, die etwas aus dem Kerbholz hatten, gefürchtet. Munter blinzelten seine pfiffigen Augen als er anhub: „Herr Bruchstein! Wollen Sie nicht heiraten?" „Wie kommen Sie zu dieser Frage? Seit wann sind Sie ein Schadchen?" erwiderte Schlome ohne die Feder wegzulegen. „Wie soll ich nicht auf diese Frage verfallen, seh' ich den angesehensten Mann von unseren Leutetl unbeweibt und die schönste Kalle ungefreit?" „Sie reden wohl von Blume Süßt, Ihrem Büschen?" „Ich rede von Lea Wormser," antwortete Manasse. „Aaron Wormsers Kinder gehen noch in die Schule." „Lea ist Wormsers Nichte, eine arme Waise, die er aus Mitleid in sein Haus genommen hat, und das Brod ist knappauf Aarons Tisch." ..Aaron Wormser ist nicht viel mehr als ein Bettler," sagte Bruchstein. „Schlome Bruchstein jedoch ist nicht viel weniger als ein Millionär!" entgegnete Manasse keck. „Der braucht nicht nachzurechnen, was seine Frau ihm mitbringt außer ihrer Schönheit. Und Lea ist schön! Entzückender kann Sulamith nicht gewesen sein, die Braut des Hohen Liedes, und Esther nicht, die König Ahasver bestrickte. Schön und still und bescheiden wie eine sanfte Taube." Lauernd beobachtete der Bucklichte den schweigenden Schlome. Da sprang dieser plötzlich auf und sagte: ..Gut! Gehen wir zu Aaron Wormser! Jetzt! Gleich, in dieser Stunde!" und erreichte Schlome mit diesen Worten, was noch wenig Leuten zu erreichen war gegönnt gewesen: Manasse war verblüfft! Der Bucklichte' hatte seiner Rednergabe solch schnellen Erfolg in den kühnsten Träumen nicht zugetraut! Dem reichen Bruchstein zuzumuten, die blutarme Lea zu heiraten, war ein Unterfangen, das nur einem Manasse einfallen konnte! Einem ganz klugen oder einem ganz verrückten Menschen! Jedenfalls nur einem, dem das. Bei-der-Türe-hinausgeworfen-werden nicht völlig neu und der somit aus Erfahrung wußte, daß solches zwar unangenehm, aber ohne Lebensgefahr. Und Schlimmeres war ja nicht zu befürchten. Aber, gesetzt den Fall, der tollkühne Versuch gelang? Bruchstein läßt sich dann nicht spotten! Und allem Anschein nach — — war das Unternehmen nicht aussichtslos. (Fortsetzung folgt.)