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Die Wahrheit · 1906-08-10 · Heft 31 (10.8.1906) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 31 (10.8.1906)
Date
1906-08-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. Bl. Die Wahrheit Seite 7. Ducreux, welche im hohen Greisenalter von 86 Jahren diese Zeitlichkeit verlassen hat. Frau v. Horvath war eine Wohltäterin in des Wortes ‘ schönster Bedeutung. Sie weihte ihr gottgefälliges Leben den Lwbeswerken : für Hilfsbedürftige. Sie soll auch für mehrere Wohltätigkettsanstalten Legate l gemacht haben. Warum wir dies in einem den jüdischen Interessen ge-! widmeten Blatte erwähnen? Weil die Verblichene ausnahmsweise sich nicht : nur zur Nächstenliebe bekannte, sondern diese auch ausübte und dabei aber i keinen Unterschied kannte zwischen Mensch und Mensch. Bor ungefähr fünf Jahren hatte sich die edelherzige Frau ein Augenübel zugezogen, und um ■ sich zu überzeugen, wie man mit den armen Spitals kranken umgeht, kleidete > sie sich ärmlich und ließ sich im Jsraelitenspital auf der Abteilung des , Professors Dr. Adolf v. Szily aufnehmen. Bevor sie das Spital als \ geheilt verlassen sollte, fragte sie, was sie schulde. Professor Szily sagte | ihr, daß die Behandlung in dem der Jsraelitengemeinde gehörenden Spital! kostenlos geschehe. Sie dankte und entfernte sich. Am darausfolgenden Tage! jedoch kam sie wieder und brachte eine Spende von 5000 Kronen für das Jsraelitenspital. Möge die edle Dame viele Nachahmerinnen finden. Sie ruhe sanft! JD. H. S. j Mo6r. Der im Alter von 58 Jahren verstorbene Grundbesitzer; Gabriel G r ü n f e l d ist auf der Pnßta Borbäla des Komitats Fejsr vom Tode ereilt worden. Der nunmehr Verblichene war als Philantrop weit und breit bekannt und erfreute sich auch bei allen, die ihn kannten der größten Wertschätzung. Grünfeld's Leiche wurde zur Beisetzung auf dem hiesigen jüdischen Gottesacker hierher überführt. Als der Trauerzug, dem die Hervorragendsten aller Nachbargemeinden das Ehrengeleite gaben, die Ortsgemeinde Csäkberöny passierte, ertönten zur Ehre des toten Juden die Glocken der katholischen und vrotestantischen Kirchen, und unter den Portalen der Kirchen erschlen die Geistlichkeit dieser Konfessionen im vollen Ornate, um den Leichenzug zu empfangen. Freitag fand nun hier die Beerdigung des edlen Verstorbenen statt. Die ganze Gemeinde mit dem Präsidenten Dr. jur. Josef H e u m a n n an der Spitze, Abordnungen der Nachbargemeinden, Komitats- und Gerichtsherren beteiligten sich an der imposanten Leichenfeier. Der hiesige Oberrabbiner P. B ü ch l e r hielt dem selig Entschlafenen einen tiesergreifenden Nachruf. 8. Hamburg. Ein eigenartiger Transport rnssischer Auswanderer, nämlich 108 jüdische Waisenkinder, deren Eltern bei den Metzeleien in Rußland ermordet worden sind, hat vor einigen Tagen die russische Grenze überschritten, um durch die Fürsorge der jüdischen Komitees Unterkunft in Oesterreich, Deutschland, England und A m e r i k a zu finden. Ein Teil dieser Waisenkinder ist in Wien, ein anderer Teil in Berlin bereits untergebracht worden, die übrigen Kinder, 71 an der Zahl, Knaben und Mädchen im Alter von 11 Monaten bis 18 Jahren, sind nach viertägiger Reise am Dienstag in den Auswandererhallen der Hamburg-Amerika-Linie auf der Beddel angekommen, wo sie Aufnahme fanden. Der Führer des Transports. Herr Kahan, und dessen Frau sorgten während der langen Fahrt für das Wohlergehen der Kinder. Alle Kinder haben die Strapazen gut überstanden. Das jüdische Komitee hat strenge Weisung gegeben, daß Geschwister nicht getrennt werden dürfen. Das ist natürlich vielfach mit großen Schwierigkeiten verbunden, da verschiedentlich vier, fünf und sechs Waisen einer Familie vorhanden sind. Von den 108 Kindern stammen 24 aus I e k a t e r i n o s l a w, 16 aus Odessa. 16 aus Kiew, 5 aus K i s ch e n e w, 34 aus B j e l o st o k, 3 aus Kallarasch und 10 aus Sinjenowska. Sie werden durch das Komitee in Familien in Straßburg, München. Frankfurt a. M. und anderen deutschen Städten, sowie in London und N e w - P o r k untergebracht werden. Brüssel. Der vor kurzem verstorbene Senator Montefiore-. L e v i hat der hiesigen jüdischen Gemeinde 200.000 Francs testiert, von denen 160.000 Frcs. für ihre eigenen Humanitären Anstalten bestimmt sind, der Rest dem jüdischen Wohltätigkeitsvereine in Lüttich zugeführt werden soll. Paris. Angesichts der Wiedereinstellung Alfred Dreyfus' in die Armee dürfte es von Interesse sein, envas über die Juden im französischen O f f i z i e r k o r p s zu erfahren. Der Name Dreyfus ist in demselben nicht weniger wie achtunddreißig Mal vertreten, meist zwar in der Reserve und in der Territorial-Armee, aber doch auch im aktiven Heere. Es entzieht sich natürlich der Möglichkett, auch nur annähernd eine Statistik darüber aufzustellen, wie stark der Prozentsatz der jüdischen Offiziere gegenwärtig ist. Aber einige Stichproben aus der neuesten französischen Rangliste dürften in dieser Beziehung vielleicht Interesse beanspruchen. Man ist dabei freilich nur auf die Vermutung angewiesen, daß die Träger bestimmter Namen jüdischer Konfession sind — eine Vermutung, die voraussichtlich in vielen Fällen nicht zutrifft. Die Waffe, in der man den wenigsten solcher Namen begegnet,, ist die Kavallerie, die auch unter der Republik noch vornehmlich von den Abkömmlingen des Adels bevorzugt wird und deren Offiziere mit ihren Sympathien zum großen Teile nicht nach der Revnblik hinneigen. Man trifft sie dagegen schon ziemlich häufig bei der Infanterie an, wo es u. A. einen Obersten Holender, mehrere Oberstleutnants Bloch usw. gibt. In den unteren Graden verstärkt sich das Verhältnis noch ganz wesentlich. Besonders zahlreich aber sind diese Namen bei der Artillerie, die u. A. die Obersten Francfort, Krebs, Mayer-Samuel,. Lncas, einen Oberstleutnant Borchard, die Majore Isidor, Lövy. Ely, Bloch, Meyer, Katz, Kahn. Marcus, Aron, Cahen und Fraenkel und die Kapitäne Grünfelder. David, Lövy. Libmann. Coblentz, Magnus, Adam-Salomon, Weil und Baron aufweist. Der Name Lövy kommt im französischen OffizierkorpD nicht weniger als 90 Mal, der Name Meyer 70, David 79, Bloch 47, Jacob 36, Jsaac 6 und Simon 121 Mal vor. Es gibt ferner 4 Nathan, 3 Cohen, 1 Davidsohn, 2 Jacobsohn, B Loevy (bezw. Loeb, Loewe, Loew). 3 Oppenheim, 1 Gerson, 2 Barone Rothschild, 4 Katz, 10 Kaufmann usw. In der Generalität scheinen zurzett nur die Namen Heimburger, Feldmann und Liebermann auf jüdische Abstammung ihrer Träger hinzudeuten. London. Vorige Woche hat hier unter dem Vorsitze Israel Z a n g w i l l S die erste internationale Konferenz der Jewish Territorial Association (Jto) stattgefunden, deren Aufgabe es bekanntlich ist, die auswandernden jüdischen Massen des Ostens in einer autonomen Siedlung zu koloirisieren. Die britische Regierung har sich wiederholt in wohlwollender 'Weise über das Projekt einer jüdisch-autonomen Kolonie aus britischem Territorium ausgesprochen. An der Konferenz hatten unter anderen teilgenommen: Osar Straus, der frühere amerikanische Botschafter in Konstalitinopel, Professor Mandelstamm (Kiew). Cyrus L. Sulzberger (New-Iork), Lucien 'Wolf ^London), Dr. Klee (Berlin), Parlamentsmitglied Moses (Bamberg) rc. Die Konferenz hatte sich mit mehreren Landprvjekten zu befassen, auch mrt einem größeren Siedlungsprojekt in Argentinien, das durch die empfehlenden Hinweise des Präsidenten der Baron Hirsch'schen Millionenstiftung in der letzten Generalversammlung der Jewish Territorial Association in den Vordergrund des Interesses für jüdische Kolonisation gerückt ist. Nach einem Berichte Zangwills und Professor Mandelstamms wurde über Antrag Dr. Klees der Beschluß gefaßt, die Ausivahl der Landaugebote einer eigenen Kommission zu überweisen, welche den Auftrag erhält, in kürzester Zeit hierüber Bericht zu erstatten. Für die Konferenz waren tausende Zustimmungsknndgebnngen eingelangt. Mr. Fels, ein im englischen Judentum wegen seines hervorragenden Wohltätigkeitssinnes vekaniiter Multimillionär, sandte nebst seinen Glückwünschen eine Anweisung auf rund 1 Million Kronen, welche Summe zur Erwerbung von Land verwendet werden müsse. Dieses vermögen bleibt im Sinne des Stifters das gemeinsame Gut der im anzuwerbenden Lande angesiedetten Judengemeinschaft. Hiermit ist für den Nationalfonds des „Jto" ein starker Grundstein gelegt worden. Warschau. Auf der hiesigen polnischen Nationalbühne wurde ein fünfaktiges Drama unter dem Titel „Aus Moses Zeiten" zur Aufführung gebracht, welches lebhaften Beifall fand. Der Verfasser des Dramas ist der bekannte jüdische Jargondichter Josef A s ch, welcher jetzt mit diesem Drama den ersten dramatischen Versuch in polnischcr Sprache gemacht hat. Die imposante Charakterfigur des Moses als Gesetzgeber seines Volkes hat nicht verfehlt, außerordentlich tiefen Eindruck zu machen. Petersburg. Eine Flugschrift des Fürsten Urussoff mit Aktenstücken, die die Mitschuld Trepows sowie der Polizei an den russischen Judenmetzeleien beweisen, soll demnächst erscheinen. Der Fürst wird ein Exemplar dem Zaren übersenden. Es wird versichert, daß Nrussoffs Auftreten im Einvernehmen mit Witte erfolge. Petersburg. Das Departement für allgemeine Angelegenheiten ist. wie das Blatt „Dmadzaty Wjek" meldet, auf Grund von Gutachten der Gouverneure über die Juden zu dem Beichlusse gelangt, daß noch vor endgiltiger Lösung der Judenfrage auf gesetzgeberischem Wege den Juden sofort das unbeschränkte Wohnrecht und das Recht des freien Handels eingeräunit werden soll. Die Nachricht, daß Ministerpräsident Stolypin die vollständige Gleichstellung der Juden mit den anderen russischen Untertanen bereits als feftgestellten Punkt in das Regierungspcogramm ausgenommen habe, ist u n z u t r e f f e n d. Dieses Programm bilde gegenwärtig erst den Gegenstand von Verhandlungen mit den für den Eintritt in das Kabinett in Aussicht genommenen Persönlichkeiten, und die endgiltige Entscheidung über den Entwurf der Regierung werde selbstverständlich vom Zaren abhängen. Sebastopol. Hier bereitet man neue I u d e n m a s s a k r e s vor. um die Aufmerksamkeit der Bevölkerung von den Meutereien abzulenken. Gedruckte Proklamationen, in denen aufgefordert wird, die Juden totzuschlagen, sind beinahe in einer halben Million Exemplaren verteilt worden. Es zeigt sich sogar, daß diese Flugzettel i n der amtlichen Druckerei des Militärgouvernenrs von Sebastopol gedruckt worden sind. Das jüdische Schntzkomitee hat ferner schriftliche Beweise dafür, daß die Massakres, die an mehreren Plätzen in Bessarabien kürzlich stattfanden, von Sebastopol aus kommandiert und geleitet worden sind. Kairo. Wie aus Jerusalem berichtet wird, ist in den letzten Monaten eine große Anzahl jüdischer Einwanderer ans Rußland und Rumänien dort eingetroffen. Man schätzt die Zahl der Einwanderer, die sich in Jaffa ausgeschiffc haben, auf 5000. Die Einwanderer haben sich hauptsächlich in der Nähe der Städte Ramleh und Lydda niedergelassen. Fast das ganze fruchtbare Land ist bereits in Händen der Juden, die es mit großem Geschick und viel Fleiß bearbeiten sollen. Zurzeit durchforschen jüdische Finanzleute die Gegend östlich vom Jordan, nach Kerak zu. Man hat hier sehr fruchtbaren Boden gesunden, nur bildet die Nähe von Beduinenstämmen ein Hindernis der friedlichen Ansiedlung. Die Finanzleute haben sich daher mit der türkischen Regierung in Verbindung gesetzt und sie um Schutz gegen Ueberfälle von Beduinen gebeten. Tunis. Der verstorbene Bey von Tunis war bekannt als ein Feind der Juden. Er schloß während seiner ganzen Regierung systemattsch diese von allen öffentlichen Aemtern aus. Sein Nachfolger, Sidi Nacer Bey, ist liberaler gesinnt und den Juden wohl geneigt. Eine seiner ersten Regierungshandlungen war die Begnadigung vieler, die lange Zeit eingekerkert worden waren. Zu der bei seinem Regierungsantritt im Bardopalast abgehaltenen Zeremonie waren auch die Führer der tunesischen Juden geladen.

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