Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 31 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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OeKtrr-ungar. Kantoren -Zeitung. AUgemeiuer Deutscher Kantorenverband. Am 5. und 6. Juni fand im Logenlokal zu Dresden die erste Generalversammlung des „Allgemeinen Deutschen Kantorenverbandes" statt, die nach dem uns vorliegenden, vom Schriftführer Heinrich Fabe r- Göttingen verfaßten Protokolle folgenden Verlauf nahm. Nachdem der Vorsitzende, Kollege Schönberger- Potsdam, die Versammlung und die erschienenen Vertreter von Gemeinden und Vereinen begrüßt halte, erhielt Kollege Bellak- Frankfnrt a. O., als Vorsitzender der „Kommission für Anstellungsverhältnisfe" das Wort zu seinem Referat „Anstellungs- Verhältnisse." Die bestehenden Anstellungsverhältnisse der Kan-! toren, so führte der Redner ans, sind in den meisten, kleineren, mittleren, ja sogar in einem Teil der jüdischen Großgemeinden solch traurige, daß unbedingt etwas geschehen muß, um das Elend so vieler Kollegen zu mildern. Referent zeigte, wie diese Notlage herrühre: 1. aus der nicht lebenslänglichen Anstellung, 2. der unanskömmlichen Besoldung und 3. der fehlenden Pensions- und Relikten-Bersorgung. An Beispielen (vorgelesenen Kontrakten von Kultusbeamten) zeigte Referent, wie die jüdischen Killtusbeamten, deren Kontrakt meistens von Jahr zu Jahr erneuert wird, der Willkür ihrer Vorgesetzten ausgesetzt seien, wie für die Dauer ihres Bleibens in der Gemeinde weder Befähigung noch Amtseiser, sondern die kleinlichsten Beweggründe maßgebend seien. Ständig schwebt das Damoklesschwert der Kündigung über dem Haupte des jüdischen Kultusbeamten und läßt ihn um Hungerlöhue arbeiten. Denn nur die Zwangslage, mit seiner Familie nicht betteln zu müssen, zwingt ihn dazu, sich um Stellen von 700 bis 1000 Mark jährlichem Gehalt zu bewerben. Noch trauriger ists um den Kantor bestellt, wenn er irgendwie dienstunfähig wird. Sein Gehalt hat es ihm unmöglich gemacht, sich für das Alter einen Notgroschen zu ersparen, und da ihn die Gemeinde, auch wenn er noch so lange treu im Dienste des Judentums gewirkt hat, entläßt, so ist er auf die Gnade der Glaubensgenossen angewiesen und wird zum Bettler. In gleicher, womöglich noch schlimmerer Lage befinden sich Frau und Kinder im Fall, daß der Ernährer mit dem Tode abgeht. Diese traurige Lage so vieler unserer Kollegen, so führte Referent aus, macht es dem Kantorenverband zur heiligen Pflicht, mit Eifer und Energie für eine Besserung der Verhältnisse einzutreten. Die ersten einleitenden Schritte hat die „Kommission für Anstellungsverhältnisse" bereits getan, indem sie sich mit dem D. I. G. B., dem berufensten Vertreter der jüdischen Gemeinden Deutschlands, in Verbindung setzte. Auf die Anfrage, wie viel Gemeinden sich! bereit erklärt hätten, ihre Knltnsbeamten nach dem vom D. I. G. B.! ausgearbeiteten Normal-Entwurf anzustellen, erfolgte der wenig! ermutigende Bescheid, daß bis jetzt nur zwei Gemeinden zu-! stimmende Antwort erteilt hätten. Als nächsten Schritt, etwas j zur Besserung der Lage der Kliltusbeamten zu tun, empfahl i Referent, sich, an die Provinzial-Gemeindeverbände zu wenden,! ferner durch dazu befähigte Kollegen die Gemeinden agitatorisch j zu bearbeiten und sie für die definitive Anstellung der Kultus- I . beamten (nach einer Probezeit) zu gewinnen. Dte großen und j mittleren Gemeinden müssen aber zur Erkenntnis gebracht werden, daß es für sie, die. die leistungsfähigen Mitglieder der kleinen . Gemeinden in sich ausgenommen haben, eine Ehrenpflicht ist, die! kleinen Gemeinden zu unterstützen, damit sie ihre Beamten in! jeder Weise sicherstellen können. Referent forderte in bewegten - Worten die Anwesenden auf, daß sie angesichts der großen! Notlage des größten Teils der jüdischen Kultusbeamten nicht j säumen sollten, alle Kraft einzusetzen, um das Los der armen j Kollegen aufbessern zu helfen. Nach durchgeführter Diskussion fanden folgende Thesen einstimmige Annahme: 1. Der Allgemeine Deutsche Kantoren-! verband erkennt in der definitiven Anstellung und der Pensions-! und Relikten-Bersorgung das einzige Mittel zur Sicherung der! Anstellungsverhältnisse der jüdischen Kultusbeamtem 2. Der! Allgemeine Deutsche Kantorenverband erstrebt die Aufnahme der jüdischen Knltnsbeamten in die Provinzial-Pensions-, Witwen-! und Waifenkasseu, um eine Versorgung des Alters und der ' Hinterbliebenen herbeizuführen. | Als nächster Punkt der Tagesordnung folgte der Vortrag! des Kollegen Fabisch-Göttingen: „Der liturgische Gesang in der jüdischen Schule." Da dieser mit lebhaftem Beifall aufgenommeue Vortrag demnächst veröffentlicht wird, so erübrigt sich hier ein genaues Eingehen auf denselben. Die Frucht der Diskussion war die einstimmige en bloe-Annahme der vom Vortragenden aufgestellten Thesen, sowie der ebenfalls einstimmig gefaßten Resolution Jacobs oh n- Leipzig. „Die Generalversammlung des Kantorenverbandes zu Dresden spricht im Anschluß an den Vortrag des Kollegen F a b i s ch - Göttingen über den liturgischen Gesang in der jüdischen Schule die Ueberzeugung ans, daß die allgemeine Einführung des liturgischen Gesanges als obligatorischer Lehrgegenstaud in die Religionsschule im Interesse des Gottesdienstes erstrebenswert ist." Mit allgemeinen Besprechungen, in denen noch manche anregende allgemeine Fragen lebhaft diskutiert wurden, so unter anderem ein vorgelegter Statutenentwurf für eine Sterbekasse vom Kollegen Nathan-Rakwitz, schloß der erste Tag der Generalversammlung. Der zweite Tag der Sitzung war hauptsächlich der Statutenberatung gewidmet. Die Statuten wurden nach stundenlanger, eingehender Beratung — ein gedruckter Slatutenentwurf der betreffenden Kommission lag der Versammlung vor — besonders nach den Vorschlägen der Kollegen Henle-Hamburg und Zivi-Elberfeld, von der Versammlung angenommen. Nach dieser Beratung erfolgte die Wahl des Vorstandes (neun Mitglieder) auf sechs Jahre mit dreijährigem Ausscheidungsturnus. Es wurden gewühlt: Schönberger -Potsdam (Vorsitzender), H en l e-Hamburg (stellvertretender Vorsitzender), F a b i s ch - Göttingen (I. Schriftführer), K i r s ch n e r - München (II. Schriftführer), Zivi-Elberfeld (Schatzmeister) und vier Beisitzer: R o s e n t h a l - Berlin, Jacob sohn - Leipzig, B e l l a k- Frankfurt a. 0. und Hofstein - Dresden. Es folgte darauf das eingehende Referat des Vorsitzenden der „Kommission für Kantoren- Vor- und Fortbildung," Kollegen H e n l e - Hamburg. In allseitig erschöpfender, klarer und überzeugender Weise erörterte Referent das ..Was und Wie" der Kantoren- Vor- und Fortbildung. Er stellte scharf umgrenzte Forderungen für das Mindestmaß dessen auf, was man von einem modernen gebildeten Kantor an Kenntnissen im Hebräischen, in Musik, Gesang. Liturgie rc. fordern müsse und zeigte zugleich wie der aufgestellte Plan im Anschluß an bestehende Institutionen realisiert werden könne. Daß ein Kantor mit solch gediegener und künstlerischer Ausbildung etwa sich zu gut halten würde, in einer kleinen oder mittleren Gemeinde zu amtieren, das sei nicht zu befürchten. Für die nötige Korrektur sorge schon die natürliche Veranlagung, die die Bäume nicht in den Himmel wachsen lasse. — Die Gründlichkeit und das Folgerichtige aller in dem Referate gemachten Ausführungen riefen den lauten Beifall der Versammlung hervor, und allseitig erkannte man an, daß niemand etwas Wesentliches zur Ergänzung der vorgetragenen Gedanken und Pläne zu sagen wußte. Das Referat soll als Grundlage für eine eingehende Denkschrift dienen, die den maßgebenden Faktoren zu überreichen bestimmt ist. Als letzter Punkt der Tagesordnung folgte der Vortrag des Kollegen Zivi-Elberfeld: „Ursprung und Entwicklung der jüdischen Musik." Der instruktive Vortrag enthielt vieles Neue und Anregende.