Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 31 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 31. ändern muß, wenn es leben will, und da es dies aus Eigenem nicht zu bewerkstelligen vermag, so müssen diejenigen dafür sorgen, die an seiner Erhaltung und Integrität ein unverkennbar aufrichtiges Interesse haben. 8. Nicht zu verhehlen sind die Schwierigkeiten, die mit der Ausführung dieses Pensums verbunden sein würden. Der Hauptherd der Opposition ist in den Verwaltungsbehörden zu suchen und in der Umgebung des Zaren zu finden, deren Zentralleitung dank der geradezu sträflichen, von einer aktiven Parteinahme sich kaum mehr unterscheidenden Toleranz der kaiserlichen Regierung eine fieberhafte Tätigkeit entwickelt. 9. Dte Tendenz dieser Machenschaften kann niemand täuschen. Sie verfolgt den leicht erkennbaren Zweck, die Ausführung der beantragten Reformen der Duma zu Hintertreiben und die Wut des Volkes auf die Juden abzuleiten. Die erwarteten Ausschreitungen bösester Art bleiben leider auch nicht aus, dessen Rückschlag gerade die unschuldigsten und friedlichsten Juden am härtesten zu fühlen bekamen. 10. Uebereinstimmend wird daher die Notwendigkeit der Beseitigung jener gefahrvollen Momente angesehen, in der Ausführung dieses Gedankens zunächst die ernstesten Vorstellungen am Zareuhos erhoben werden, um die kaiserliche Regierung zu energischen Vorkehrungen gegen die schwarzen Landesformationen zu veranlassen. Ist es von der russischen Regierung billigerweise nicht zu verlangen, daß sie inmitten der beständigen Kämpfe, die das Land durchwühlen, den an sie gerichteten Anforderungen in jedem Punkte genau und gewissenhaft nachzukommen, so gibt es doch Verfügungen, die unter allen Umständen in Taten umgeselZt werden können und deren beharrliches Ausbleiben nichts Gutes für die Zukunft verheißt. Das erfordert eine gründliche Remedur, zumal man sich nicht der Hoffnung hingeben kann, daß selbst die nachdrücklichsten Ermahnungen der Mächte in Rußland ohne weitere Vorsorge allein genügen würde, um die angeborene Renitenz Rußlands gegen die Gebote ihres eigenen Interesses zu bezwingen. Diese Erkenntnis muß zu der Schlußforderung führen, daß nur durch die Schaffung eines entsprechenden Ueberwachungsdienstes den fraglichen Uebelständen abgeholfen werden könne und zeitigt den Gedanken der Bestellung, an der Seite des General-Inspektors der im ersten Artikel des Mürzsteger Programmes in Aussicht genommenen Delegierten, sowie der Berufung einer Anzahl fremdländischer Offiziere zur Organisierung eines verläßlichen Schutzkorps. Die Mission dieser Herren, die noch aus Diplomaten und hervorragenden Persönlichkeiten des In- und Auslandes verstärkt werden könnte, hätte nicht den Charakter einer ständigen Kontrolle; sie ist vielmehr unbedingt temporärer Natur und nur dazu bestimmt, das Reformwerk in richtige Bahnen zu leiten, ohne in irgend einer Weise eine dauernde Beeinträchtigung der Souveränitätsrechte Rußlands zu involvieren. Nebenbei erscheint es notwendig, auch noch einige andere Maßnahmen anzuregen, die im Sinne und unter Aufrechterhaltung des Sanierungsplanes eine wesentliche Besserung in den administrativen Verhältnissen und eine Beruhigung in den Kreisen der jüdischen Bevölkerung herbeizuführeu geeignet sind. Dazu gehören die Heranziehung der letzteren zum Verwaltungsdienste und eine Ausdehnung der Ansiedlungsbezirke würden das Vertrauen in eine hoffnungsvolle Zukunft wachrufen. Ein weiteres Klageobjekt bildet die Vorgangsweise der russischen Organe bei der Untersuchung und Bestrafung der während der Unruhen begangenen politischen und sonstigen Verbrechen, wie auch die vielfachen Ausschreitungen der Kosaken und Soldaten, die sich an den friedlichen Bewohnern ihren wehrlosen Frauen und Kindern vergreifen und in ihrer tierischen Zerstörungswut zahlreiche Ortschaften durch Brand und Mord vernichten. Um diesen Uebelständen abzuhelfen, stellen wir das Verlangen nach Einsetzung gemischter, aus Juden und Christen zusammengestellter Enquetekommissionen unter Zuziehung der österreichisch-ungarischen und der deutschen oder englischen Konsularvertreter, sowie nach endgiltiger Beseitigung der organisierten schwarzen Banden, die als die gefährlichsten Anstifter aller Verheerungen gelten. Was den humanitären Teil dieses Projektes aubelangt, so ist ein weiterer Kommentar hiezu kaum noch mehr erforderlich. Ohne effektive Ueberwachungsmaßregel ist Rußland von seiner mörderischen, den europäischen Frieden bedrohenden Politik nicht abzubringen. Von diesen Erwägungen geleitet, dürfen sich die Schutzherren in ihrer Vorgangsweise nicht beeirren lassen, vielmehr sich überzeugt halten, daß dies die einzig richtige ist, die mit Unterstützung der übrigen Signatarmächte des Berliner Vertrages eine sehr ernste Gewähr für den eutgiltigen Erfolg der unternommenen Aktion bildet. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Spenden zugunsten der Opfer der Exzesse in B j e l o st o k.) Bei der „Israelitischen Allianz zu Wien" sind an Spenden eingegaugen: Wien: Markus E n g e l X 150, Anonym K 100, I. Herz X 100, H. G. X 50, Dora Hers ch in amt K 40, Dr. Emil Pins X 20, Ein. Fischet X *20. Dr. Friedrich (Seimiger K 20, Rosa Pollak X 20, „Aus Anlaß der glücklichen Landung meines Sohnes" X 20, „Konfessionslos" X 18, Redaktion des „Neuen Wiener Tagblatt" X 12.20, N. Völker K 5, Friedrich Adler K 2; Lud. Fischt- Horazdiovitz X 2, durch Dr. Groß, Advokat in Krgkau, A. B. „gewonnene Wette" X 4, S. Lauda u, Saybusch X 2, Jakob D n b- Pilgram X 5, „Nächstenliebe"-Reichenberg (für Waisenkinder) X 10, Marie Fischer- Triest X 5. Hiezu die bereits ausgewiesenen X 3268*80, bis 6. August zusammen l( 3877. — Weitere Spenden werden erbeten und dankend bestätigt im Bureau der „Israelitischen Allianz zu Wien". I., Weihburggasse 10, zwischen 9 und 1 Uhr, oder mit Postsparkassakonro 8152. Wien. (Hilfsaktion für die russischen Waisenkinder.) In Ergänzung unseres in der vorigen Nummer über den Transport der Waisenkinder gebrachten Berichtes erfahren wir Folgendes: Die Aktion war auf der gemeinsamen Konferenz der Hilfsorganisationen im Jänner d. I. in Frankfurt a. M. beschlossen worden. Nachdem die umfassenden Vorbereitungen getroffen waren und Genaues über die Zahl der zur Versorgung in Betracht kommenden Kinder seststand, wurde den einzelnen Landesorganisationen in Europa und Amerika diejenige Anzahl von Kindern zur Unterbringung übergeben, zu deren Uebernahme sie sich bereit erklärt hatten. Seitens der „Israelitischen Allianz zu Wien" intervenierte beim Empfange der Kinder in Galizien Herr Sekretär Doktor K a m i n k a. Die Wiener „Allianz" übernahm acht Kinder zur Erziehung, welche provisorisch in Mähr.-Ostrau untergebracht wurden; fünf davon, welche Geschwister sind, und zwar vier Mädchen im Alter von 4 bis 10 Jahren und ein Knabe von 2*/z Jahren, werden Ende August voraussichtlich dauernd in Leipnik unter Aufsicht des dortigen Kultusvorstandes einer dazu hervorragend qualifizierten Frau übergeben werden, die die Erziehung während der nächsten Jahre leiten wird. Die drei anderen, ebenfalls Geschwister, im Alter von 16, 13 und 9 Jahren, werden möglicherweise in Mährisch-Ostrau oder in einer anderen größeren Provinzstadt erzogen werden, worüber der Vorstand der „Allianz" noch definitiven Beschluß fassen wird. Außer diesen acht Kindern wurden in Oesterreich bereits früher acht andere Waisen nach den Opfern der Massakres versorgt. Anträge, die von einzelnen Familien der „Allianz" zugehen, einzelne Kinder zu übernehmen, kann nicht entsprochen werden, da der Beschluß gefaßt wurde, Geschwister beisammen zu lassen. Komotau. Herr Dr. Emil Krakauer, bisher Rabbiner-Stellvertreter und Religionslehrer an den Mittelschulen in Budweis, wurde einstimmig zum Rabbiner von Komotau gewählt. Budapest. Die Beamten und Angestellten der neologen Kultusgemeinden hielten in der Zeit von Sonntag bis Mittwoch ihren ersten Landeskongreß in der Hauptstadt. Es wurde beschlossen, au -den Minister für Kultus und Unterricht, ferner an die zwei Landeskanzleien ein Me morandum zu richten. Hierauf wurde der Landesverein der Kultusgenieindeangestcllten konstituiert, welcher die Unterstützung notleidender Mitglieder, wie auch ihrer Witwen und Waisen bezweckt. In den Vorstand wurden gewählt: Ludwig Labowitsch (Budapest) als Präsident, Parczel lObuda) und Friedmann (Szolnok) als Vizepräsidenten, Rabbiner Dr. Wilheim (Budapest) als Sekretär. Lorber (Bndavest) als Kassier, Ehrentha! (Budapest) und Jakobowics (Budapest) als Kontrollore. Sontagh als Oekonom. Schließlich ermächtigte der Kongreß die Vereinsleitung, bei der Gesetzgebung und den Landeskanzleien die nötigen Schritte zu unternehmen, damit die Kultusgemeindeangestellten definitive Anstellungen erhalten. Budapest. Laut der jüngsten, im Mai d. I. vorgenommenen Volkszählung beträgt bei einer Einwohnerschaft von 791.748 die Zahl der Juden in Budapest 186.047 Seelen (20.000 mehr als vor fünf Jahren), d. h. 23 *6°/g der Gesamtbevölkerung. Nächst New-Iork weist nunmehr die ungarische Hauptstadt die größte jüdische Seelenzahl auf. Budapest. Letzten Freitag wurden hier am hauptstädtischen Friedhofe nächst der Kerepeser Linie die sterblichen Reste einer edlen Dame in einer Familiengruft beigesetzt, die eine gute Christin, aber auch eine wahre Menschenfreundin gewesen ist. Es war dies die Witwe nach dem Honvöd- Oberstlieutenant Paul Horvath de Bäbith geb. K a r ö l i n e