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Die Wahrheit · 1906-08-10 · Heft 31 (10.8.1906) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 31 (10.8.1906)
Date
1906-08-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheil Nr. 31. tum nicht abgesprochen werden kann? Die Mittelschüler werden i mit dem Hebräischen unmäßig geplagt, überbürdet — so lauten die Beschwerden — die jüdische Schuljugend seufze unter einer Last, der sie erst durch den Austritt, sei es aus der Schule, sei es aus der Religion, entgehe, Wo mag nun die beklagte Schwierigkeit-gelegen sein? Inder S p r a ch e s e l b e r wohl nicht, da die Hauptschwierigkeit des Hebräischen, wie jeder Fachmann dies weiß, die A neignung des richtigen Lesens bildet. Dieses Stadium wird aber bereits in der Volksschule überwunden und kommt; also für die Mittelschule nicht mehr in Betracht. Die hebräische Sprache selber samt ihrer Grammatik und ihrem Vokabelschätze ist bedeutend leichter als etwa die lateinische mit ihrer Fülle von Unregelmäßigkeiten und ihrer gewundenen Syntax — von dem Griechischen, dieser Qual der Jugend, ganz zu schweigen. Wohl wird von mancher Seite versucht, einige Religionslehrer, „die zu viel verlangen", als Sündenböcke hinzustellen, Männer, die ver-! möge der Integrität des Charakters und ihrer Gewissenhaftigkeit dem israelitischen Religionsunterricht zum besonderen Ansehen bei Behörden und in Mittelschulkreisen verholfen haben und alles eher als Nörgelei und Kritik verdienen. Freilich war die bis vor kurzem gebrauchte Methode keine einwandfreie. In Außerachtlassung des Goetheschen Wortes: „Eines schickt sich nicht für alle", wurde die bei den klassischen! Sprachen usuelle philologische Behandlung auf das Hebräische angewandt, wobei einerseits übersehen wurde, daß es bei letzterem weniger auf die Einführung in den Mechanismus der Sprache als vielmehr ans die Einführung in den Geist der Bibel ankommt, andererseits aber unberücksichtigt gelassen! wurde, daß die uralte jüdische Methode des Bibelstudiums ohne Formelkram, die von keinem Geringeren als j dem pädagogischen Historiker Ditmans „als i wohltuendes Gegengewicht gegen den Forma-! lismus des Mittelalters" bezeichnet wurde (lege j biblia, relege biblia, repete biblia), gerade in der modernen j Berlitzschule ein Analogon gefunden hat und umsomehr bei uns! Erwägung verdient! j Die philologische Methode im Hebräischen hat aber bereits j ihren Höhepunkt überschritten, sie wird von vielen nicht mehr kon-! sequent gehandhabt, von manchen ganz verworfen und trotzdem! die anhaltende Klage über Ueberbürduug der lernenden Jugend!! Wo also — wir wiederholen die Frage — liegt die Ursache dieser! Ueberbürdung? j Nach Erwägung aller Umstände glauben wir i als Ursache derUeberbürdung einzig und allein! das allzu geringe, dem Hebräischen gewidmete Zeitausmaß bezeichnen zu sollen. So lange. in der Vorväter Zeit der ganze oder halbe Tag dem Hebräischen gewidmet war, da wurde in der Schule selber das ganze Pensum g r a d a t i m verarbeitet, wiederholt, eingeprägt; die Häuslichkeit blieb vom Lernen zumeist verschont, es sei denn bei besonders strebsamen Kindern. Wie anders in der Gegenwart! Von den zwei Stunden, die wöchentlich für den israelitischen Religionsunterricht bestimmt sind, wird eine vom Geschichtsunterricht in Anspruch genommen und eine bleibt dem Hebräischen überlassen. Da das Schuljahr ungefähr 40 Unterrichtswochen hat, so entfallen auf das Hebräische sage und schreibe bloß40 Unterrichtsstunden im ganzen Jahre. So minimal nun auch der vorgeschriebene Lehrstoff aus dem Hebräischen ist, die zugewiesene Zeit ist noch knapper, s i e reicht nicht aus, um das Pensum in der Schule selber restlos zu verarbeiten; es bleibt ein U e b r i g e s für das Haus zurück, und hier beginnt die Misere, das heiße Bemühen des Schülers, zuhause das Wort, die Erklärung, den Gedankengang des Lehrers, in der Schule nicht ganz tief eingeprägt, sich in Erinnerung zu bringen, von den Andeutungen des Textes, für den kein „Freund" vorhanden ist, ja nichts auszulassen und zu vergessen. Alles ist verzweifelt! ... Kinder irren, Mütter jammern. Zeit gewonnen, alles gewonnen! gilt auch in einem anderen Sinne vom Hebräischen So paradox dies für denjenigen klingen mag, der die vollständige Ausschaltung des Hebräischen wünscht, man räume dem Hebräischen bei sich gleichbleibendem Lehrstoffe mehr Zeit ein, man ermögliche es hiedurch dem Lehrer, in der Schule selber das Pensum derart eindringlich dnrchzunehmen, daß dem Schüler höchstens ein einfaches häusliches Wiederholen übrig bleibt, und all die Klagen über Ueberbürdung, Ueberanstrengnng durch die „tote Sprache' werden verstummen! Doch woher die notwendige Zeit nehmen? Wie das Prokrustesbett vergrößern? Die Antwort lautet: Durch Einschränkung des Geschichtsunterrichtes, durch Znrückfiihrung dieses Lehrge gen st an des auf das nur unbedingt notwendige Maß. Weit entfernt, den Wert desselben nicht voll und ganz anzuerkennen, muß doch betont werden, daß der bisherige Geschichtsstoff eine Einschränkung um mehr als ein gutes Dritteil vertrüge, ohne daß der moralische oder religiöse Ertrag dieserthalben auch nur um ein Körnchen geringer würde! Abgesehen von der epischen Breite, an der die Schilderungen des sonst vortrefflichen Buches Wolf-Pollak zeitverschlingend leiden, sind ganze Partien desselben im nachpentateuchischen Teil leicht zu vermissen. Hier seien bloß einige Beispiele, denen noch viele folgen könnten, angeführt: Die Erzählungen über die Richter Othniel und Ehud, David in Nob, David und Abigail, David in Ziklag, Davids Kämpfe nach Sauls Tod zur Erlangung der Alleinherrschaft, Davids Sünde, die Geschichte der einzelnen Könige des Teilreiches Israel, insoweit sie nicht mit den Propheten Elias und Elisa in Verbindung standen n. s. w. Eine noch weiter gehende Kürzung vertrüge der Geschichtsstoff, wie er in Branns Buch verarbeitet wird. Was da in großem und kleinem Drucke an weitem Ausspinnen geleistet wird, gehört bereits in das Gebiet der M onographie. Man vergleiche z. B. die nachmakkabäische Fürstengeschichte, das Anekdotische in der talmndiscken Zeit, die Aufzählungen der gesetzlichen Beschränkungen der Juden im Mittelalter u. s. w. Bedarf es da noch der besonderen Hervorhebung, daß bei der so knapp zugemessenen Zeit des israelitischen Religionsunterrichtes das maßlose Ueberwuchern der Geschichtsstoffes als unverantwortliche Zeitvergeudung zu bezeichnen ist und daß die Eindämmung desselben — durch engere Zusammenfassung und Ausschaltung gewisser Teile — zugunsten der heiligen Sprache, der Verknnderin unseres Glaubens und Trägerin unseres Gottesdienstes als eine zwingende Notwendigkeit erscheinen muß? Die durch rationelle Neuordnung des Geschichtsstoffes gewonnene Zeit haben wir als für die schulmäßige Durcharbeitung des Hebräischen notwendig bezeichnet. Der Geschichtsunterricht müßte aber noch eine andere Einschränkung sich gefallen lassen, nämlich die Ueberlassung des letzten Semesters der IV. und VIII. (respektive VH.) Klasse an einen Lehrgegenstand, der, wiewohl e r d e m g a n z e n Unterricht den Namen gibt, gar nicht oder nur flüchtig gelehrt wird. Es ist dies der Religionsunterricht bat exochen, d. h. der Unterricht in der jüdischen Religion a l s s o l ch e r, die systematis che Belehrung über die Glaubenswahrheiten und Glaubenshoffnungen des Judentums! Wir haben am Beginn unserer Ausführungen der lauten Klagen über die Ueberbürdung Erwähnung getan, sollten wir mit Stillschweigen die Klagen mancher Absolventen über die Unzulänglichkeit des Unterrichtes übergehen? So mancher Maturant, der Hebräisch imb Geschichte noch sö fleißig und erfolgreich gelernt, ist beim Auftauchen einer Frage über die Hauptlehren des Judentums von einer verblüffenden Unwissenheit, es sei denn, „er gehe, einen Gelehrten fragen". Wohl sind viele Glaubenssätze in Geschichte und Bibellektüre verstreut enthalten, allein man vergesse nicht, daß die Aufmerksamkeit des Schülers bei der Geschichte von der Erzählung mit ihren Namen, bei der Bibellektüre vom Texte mit seinen Vokabeln ganz in Anspruch genommen wird, wobei das Akzidens unter die Schwelle ■»BBaaB

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