Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 30 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 8. Die Wahrheit Nr. 29. Empörungen gegen ihn erhoben. In dieser stürmisch bewegten und aufgeregten Zeit hatte Abu-Jsa in der Gegend von Jsfahan sein Befreiungswer! begonnen. Mermam wurde besiegt und in Egypten getötet, und Abu-Moslim, Emissär der Abbassiden, erhielt das Chalifat. Auch unter der Regierung dieses Chalifaten behauptete sich Abu-Jsa einige Zeit, später verließ er diese Gegend und zog weiter nach Norden. Dort hatte ein Rebellenhäuptling, Gunber Sinbad, ein Heer von 60.000 Mann befehligt. Dieser veranlagte den Messias Abu-Jsa, dem er als seinen Vorgänger sehr gewogen war, sich nur wacker zu halten. Gunber Sinbad wurde endlich vom neuen Chalisen besiegt, und so kam dann die Reihe an Abu-Jsa. Dieser verstand es jedoch durch seine Tapferkeit, wie durch den Mut seiner Leute sich recht lange noch zu behaupten. Erst im Jahre 755 wurde er vom Chalisen besiegt und getötet. Seine Anhänger erhielten sich noch im X. Jahrhundert und verehrten ihn als den Messias. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. Wie die „Wiener Zeitung" meldet, hat der Kaiser dem mit dem Titel eures Regierungsrates bekleideten Oberpolizeirate der Wiener Polizeidirektion Bernhard Frankl anläßlich der erbetenen Uebernahme in den dauernden Ruhestand den Titel und Charakter eines Hofrates mit Nachsicht der Taxe verliehen. Frankl ist schon seit längerer Zeit leidend. Mit Rücksichr auf seinen schwer angegriffenen Gesundheitszustand verließ er den aktiven polizeilichen Dienst, in dem er jahrzehntelang tüchtig gewirkt und hervorragende Stellungen bekleidet hat. Viel genannt wurde er insbesondere in den Jahren 1863 und 1884, da er Chef der Staatspolizei war und als solcher die um jene Zeit erwachten extremen Agitationen in der Arbeiterschaft, die zu den bekannten anarchistischen Attentaten führten, zu überwachen und einzudämmen hatte. Es war jene Zeit, da der Polizeikommissär Hlubek in Floridsdorf und der Polizeiagent Plöch von Anarchisten ermordet wurden. Im Jänner 1884 erfolgte dann das fürchterliche Mord- und Raubattentat auf die Familie Eifert, dessen Urheber die Anarchisten Stellmacher und Kämmerer waren. In diese kritische Zeit fiel die Haupttätigkeit Frankls Er wurde damals von sozialistischer Seite im Parlament und in Versammlungen überaus scharf angegriffen. Der Vorwurf, der ihm von sozialistischer Seite gemacht worden war, daß er der Agent provocateur in allen diesen Äffairen gewesen sei, wurde nicht nur von Frankl selbst, sondern auch von den maßgebenden Stellen, die auf seine organisatorischen Fähigkeiten großen Wert legten und ihn in seiner Stellung nicht missen wollten, mit großer Entschiedenheit zurückgewiesen. Die leidenschaftlichen Angriffe gegen ihn hörten aber nicht auf. Frankl kam später aus dem bewegten Departement der Staatspolizei in die ruhigen Bureaus des Meldungsamtes, wo er seither als dessen Chef fungierte. Unter seiner Leitung machte dieses Amt manchen Wandel durch, durch den es immer mehr in einer den Bedürfnissen des Publikums entsprechenden Weise ausgestaltet wurde. Hofrat Frankl hat eine mehr als 35jährige Dienstzeit absolviert. Wien. („Monumenta Judaica.“) 28ie wir erfahren, soll der jüdische Vertreter und Hauptherausgeber der „Monumenta Judaica“ aus dem Akademischen Berlage sowie aus der Redaktion der „Monumenta“ ausgeschieden sein. Es war vorauszusehen, daß ein Wiener Akademischer Verlag zwar auf „Monumenta Judaica“ gegründet werden kann, daß aber für einen Juden dort kein Platz sein wird, nach dem Sprichwort: „Der Jude ist trefe, sein Geld ist aber koscher." Wien. (Z i o n i st i s ch e P a l ä st i n a r e i s e.) Der „Zionistische Zentralverein" gedenkt im Herbste eine zionistische Palästinareise zu veranstalten. Die Reise ist für zirka 22 Tage berechnet und soll nach dem Sukottfeste im November unternommen werden. Die Preise, die außerordentlich billig sein werden, sowie sonstige Bedingungen werden in den demnächst erscheinenden Prospekten bekonntgegeben. Die gewählte Zeit ist für eine Palästinareise außerordentlich günstig. Das Meer ist im Gegensatz zum Frühjahr ruhig, die Temperatur angenehm, die Zahl der Pilger ist um diese noch keine so große, so daß für mehrere hundert Reisende gute Unterkunft verbürgt werden kann. Alle, die für sich diese Reise interessieren, erhalten nähere Auskunft beim „Zionistischen Zentralverein", Wien, IX., Türkenstraße 9. Stockerau. Der hier allgemein geachtete Kaufmann, Herr Hermann Munk und deffen Gattin Frau Helene, langjährige Präsidentin des hiesigen Frauen-Wohltätigkeitsvereines, feiern Donnerstag, den 9. August, im engsten Familienkreise das Fest der silbernen Hochzeit. Es werden Vorbereitungen getroffen, diesen Ehrentag würdig zu feiern. Lemberg. Aus Podwoloczyska wird das Anlangen von 70—80 Waisen gemeldet, welche 3—4 Tage hier Absteigequartier nehmen und unter Leitung des Delegierten der deutschen Judenschaft, Herrn B e r g e l, Weiterreisen werden. Es sei daran erinnert, daß im Jahre 1882 über 300 Waisen aus Jekaterinoslaw und anderen russischen Städten unter Leitung des Dr. Stern iu Wien anlangten und von hier aus in das heilige Land, und zwar in die Kolonie „Mikweh Israel" gebracht wurden. Die unglücklichen Kinder vergaßen damals ihr Leid im Gedanken, ins heilige Land zu ziehen und dort den Boden unserer Ahnen bebauen zu dürfen. Die kleinen Gäste wurden damals von Privatpersonen reich beschenkt. Hoffentlich wird dies auch in Lemberg geschehen. Lemberg. Wie in vorstehender Notiz bereits angekündigt, kamen Freitag, den 27. Juli, hier 35 Bjelostoker Waisenkinder an. Sie wurden von Herrn Dr. M a r g u l i e ß schon in Rowno in Empfang genommen. Am Bahnhofe warteten eine große Menge von Juden und Nichtjuden. Die Gruppe der Ankömmlinge wurde zunächst photographiert, und dann mittelst eines dereitstehenden Separatzuges der Straßenbahn in die Stadt gebracht. Die meisten der Kinder sind körperlich herabgekommen, viele von ihnen weisen Wunden am Kopfe und im Gesichte auf. — Mit einem späten Abendzuge kamen weitere 64 Kinder aus Bjelostok hier an. Sowohl diese, wie auch die erste Gruppe wurde vom hiesigen Kultusvorstande mit Herrn S. Edlen v. H o r o w i tz an der Spitze empfangen. Mit den Kindern kam als Führer der traurigen Expedition auch Herr Bergt vom Berliner Hilfsverein der Deutschen Inden, ferner Fräulein Bertha Pappen heim aus Frankfurt a. M., Dr. Kahn- Berlin und Herr Spiewak aus Jekaterinoslaw, die Damen B i e l i tz k a und die Leiterin einer Kinderschule in Kiew, Fräulein R a b i n o w i t s ch. Die Kinder bleiben bis Sonntag hier. Lemberg. Der für Amerika bestimmte Teil der Waisenkinder setztenach dreitägiger Ruhe seine Reise fort. Die Kinder erhielten sehr viele Geschenke, und waren überhaupt Gegenstand liebevoller Aufmerksamkeit. Auch viele Christen bedachten die armen Waisenkinder mit Geschenken. Preßburg. In ehrenvoller Weise und unter allgemeiner Beteiligung, fand am 26. v. M. auf dem hiesigen jüdisch-orthodoxen Friedhose die Beerdigung der verstorbenen Frau Marie Tänzer, deren Leiche aus Meran nach hier überführt wurde, statt. Der hochbegabten, religiösen undsehr geschätzten Frau hielten die Leichenreden deren Sohn Bezirksrabbiner Dr. Tänzer aus Meran, Rabbiner Hertl und Schlesinger aus Preßburg, die alle die seltenen Tugenden der edlen Frau hervorhoben. ITS'Si'MT Beuthen (O.-S.) Wie bereits berühret,. ist am 15. Juli in Kudowa, wohin er sich zur Kur begeben hatte, der Amtsgerichtsrat Eduard Levy im Alter von 69 Jahren gestorben. Seit dem Jahre 18i9 hat derselbe unserer Gemeindeverwaltung zunächst als Mitglied des Repräsentanten- Kollegiums und seit 1682 als Vorsteher angehört. Am 1. Mai 1892 wurde ihm das höchste Ehrenamt der Gemeinde, das Amt des Vorstands-Vorsitzenden, übertragen, welches er bis zu seinem Ableben ununterbrochen bekleidet hat. Mit hervorragender Pflichttreue, unermüdlichem Eifer und selbstloser Hingabe an sein Amt hat der Verstorbene gewirkt, zum Wohl und Segen der Gemeinde. Ausgestattet mit den herrlichsten und edelsten Eigenschaften, hat er allezeit ein inniges Verständnis für die sozialen und kulturellen Aufgaben der Gemeinde bewiesen und ihre bewährten Jnstitu-- tionen gefördert. Aber nicht nur für unsere Gemeinde, sondern für die ganze deutsche Judenheit hat er mit dem gleichen Eifer und derselben Hingabe gewirkt, so für den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, für dem Synagogen-Gemeindeverband des Regierungsbezirkes Oppeln, für den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und zahlreicheandere Institutionen. Nichts, was aus dem Gebiete des Judentums geschah, war ihm fremd oder ließ ihn kalt. An allem nahm er den wärmsten Anteil, das regste Interesse. Sein Hinscheiden reißt eine Lücke, die soleicht nicht auszufüllen sein wird. Er war ein Mann von hervorragender Herzensgüte, von edelster Menschenliebe erfüllt, ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Der Verstorbene war der erste Kreisrichter jüdischen Glaubens im Königreich Preußen auf Grund des Gesetzes vom 8. Juli 1869. Seit dem 1. August 1869 war er Kreisrichter, seit 1. Oktober' 1879 bis zu seinem Tode Amtsrichter beim hiesigen Amtsgericht. In Eduard Levy, dem Sohn eines frommen Rabbiners zu Rosenberg in Schlesien, der in seiner Jugend selbst dem Rabbinerberuf sich widmen wollte und mehrere Jahre hindurch das Breslauer Seminar besuchte^ hatten sich Judentum und Deutschtum zu einer innigen Harmonie verschmolzen. So war er ein Muster und Vorbild für viele! Die irdische Hülle des teuren Toten . wurde hier zur kühlen Erde gebettet, sein Geist aber wird fortleben in unserer Gemeinde und sein Andenken wird nicht erlöschen bei allen, die ihn je gekannt haben. Frankfurt a. M. Eine außerordentliche Generalversammlung der jüdischen Kolonialbank wird am. 29. August in Köln abgehalten werden. Es ist diesmal Sache eines jeden Aktionärs, selber bei der Generalversammlung anwesend zu sein oder sich vertreten zu lassen (Vollmachtsexemplare sind bei der Jewish Colonial. Trust Ltd., Brook House, Walbrook, London E. Czu verlangen), denn es sind Bestrebungen vorhanden, die Satzungen zu ändern. Die Gründe, die gegen jede Aenderung der Satzungen sprechen, sind folgende: 1. Keine Aenderung kann in Wirksamkeit treten, sobald ein Verwaltungsrat (auf Grund seiner Stellung als Inhaber von Gründeranteilen) gewählt wird, der gegen die Aenderung sein würde, denn der Berwaltungsrat ist berechtigt, wiederum die Gründungsurkunden und Gesellschaftsstatuten zu ändern. . 2. Die Kosten derartiger Aenderungen würden eine Summe von mindestens 600 Lstrl. in Anspruch nehmen und können viele tausend Livresterlings betragen, je nachdem die Aenderung beim höchsten Gerichtshof, von dem sie genehmigt werden müssen, Widerstand finden oder nicht. 3. Weil dieses Vorgehen denen, die danach streben, das Geld außerhalb Palästinas und seiner Nachbarländer zu verwenden, eine Waffe in die Hand geben würde. Diese könnten dann sagen, daß die Kolonialbank gegründet worden sei, außerhalb Palästinas zu arbeiten, sonst wären keine Aenderungen ihrer Satzungen nötig gewesen. Das Resultat einer Aenderung würde sein, daß sehr viel Geld ausgegeben wird, um etwas zu erlangen, was nicht erlangt werden kann, wenn ein Verwaltungsrat gewählt wird, dessen.Ansichten von denen des jetzigen abweichen. Solange der Verwaltungsrat aus Männern besteht,.