Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 30 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 Die Wahrheit Leite 9. die nicht zugeben werden, daß Gelder der Kolonialbank außerhalb Palästinas und seiner Nachbarländer verwendet werden, sind alle Aenderungen der Gründungsurkunden und Gesellschaftsstatuten überflüssig. Köln. (Oberrabbiner D r Güdemann über die Wiener Schechita.) Bon Herrn Rabbiner Dr. Frank erhält die Kölner „Jsr. Gemeindezeitung" folgende Zuschrift: In Nr. 4 der „Zeitschrift des Verbandes Rheinisch-Westfälischer Tierschutz-Vereine", vom JL. Juli d. I., ist ein Aufsatz „Zur Schächtfrage" enthalten, welcher den bekannten Bericht der „Köln. Ztg.", Nr. 555, gegen welchen das hiesige Rabbinat bereits Verwahrung eingelegt hat, wörtlich abdruckt. In diesem Aufsatz heißt es nun weiter: „Eine andere Frage, die beim Schächten von wesentlicher Bedeutung ist, ist die religiöse Seite. In dieser Beziehung sind wir der Ansicht, daß es nur Sache der Israeliten sein kann, zu entscheiden, wb das Schächten als in Bibel und Tradition religionsgesetzlich begründet mnd für die Bekenner des Judentums verbindlich anzusehen ist. Doch meinen wir. daß das betäubungslose Schächten keinen wesentlichen Bestandteil der Religion bilden kann und schließen das schon daraus, daß in Wien schon seit vielen Jahren zugleich mit dem Schächtschnitt'betällbt"wirb, mnd zwar mit Zustimmung des dortigen Rabbinates. Sollte nun nicht das, was in Wien möglich ist. auch anderwärts einqeführt werden können? Ter religiöse Ritus des Schächtens bliebe dabei unangetastet, und die Betäubung, die zugleich mit dem Schächtschnitt eintritt, würde das Tier sofort bewußtlos machen." Obgleich ich mir bewußt war, daß diese Mitteilung über die Wiener Schechita nicht der Wirklichkeit entspricht, schrieb ich an den Oberrabbiner von Wien, Herrn Dr. Güdemann, und bat mm Aufklärung, die mir auch umgehend zuging und welche Sie gütigst veröffentlichen wollen. Sie lautet folgendermaßen: Baden bei Wien, 20. Juli 1906. Sehr geehrter Herr Kollege! In sofortiger Beantwortung Ihres Briefes vom 16. d. M. erkläre ich die Angaben der „Zeitschrift des Verbandes Rheinisch-Westfälischer Tierschutz-Vereine", dato Köln, 1. Jul> 1906, S. 28, wonach angeblich „in Wien schon seit vielen Jahren zugleich mit dem Schächtschnitt betäubt wird, und zwar mit Zustimmung des dortigen Rabbinates", ln ihrem ganzen Umfange für eine Unwahrheit. Hochachtungsvoll und ergebenst Dr. M. Güdemann, Oberrabbiner der Jsr. Kultusgemeinde in Wien. Wie leichtsinnig man innerhalb der Tierschutzvereine über die 'Schechita urteilt, unbegründete und unwahre Behauptungen aufstellt, beweist wiederum vorliegende Tatsache. Rabbiner Dr. Frank. London. Der soeben eingegangene Bericht der Königlichen Kommission betreffend den Sonntaghandel betont die Notwendigkeit einer strengeren Handhabung der bestehenden Gesetze inbezug auf die Störung der Sonntagsruhe und empfiehlt, namentlich bei wiederholter Uebertretung, eine bedeutende Erhöhung der zu zahlenden Strafgelder. Andererseits aber erkennt der Bericht auch offen und freimütig das Vorhandensein von besonderen Umständen und Ansnahmefällen an, in denen die strenge Anwendung der betreffenden Gesetze oft zu großer Härte führen würde. Die Kommission findet es daher für recht und billig, daß in solchen Fällen der Anspruch ans eine besondere Behandlung durchaus gerechtfertigt ist. In eingehender Weise hat sich die Kommission auch mit der Lage der jüdischen Händler und Ladenbesitzer beschäftigt, und sie konnte nicht umhin, anzuerkennen, daß die religiösen Juden, d. h. diejenigen, welche am Samstag sich jedweder geschäftlichen Tätigkeit enthalten, eine besondere Berücksichtigung verdienen. Die Kommission schlägt deshalb vor, daß die verschiedenen Lokalbehörden die Befugnis chaben sollen, unter gewissen Umständen und unter genau zu bestimmenden Bedingungen die Abhaltung von Sonntagsmärkten in größerem oder geringerem Umfange je nach dem Bedürfnis der betreffenden Lokalität zu gestatten. Namentlich solle es Juden, welche amSamstagstreng geschlossen habe n, verstattet sein, ihre Geschäfte am Sonntag bis um die M itta g s stun d e offen zu halten. Der Weschummed. Von Martha Wolfenfteiu in Cleveland. Uebersetzt von Doktor Wolfen st ein- Znaim. (Schluß.) Die Feststimmung in Jaikew Holzmanns Hause war eine besonders frohe Der alte Holzmann leitete den Festgottesdienst und füllte die Pausen mit heiteren Erzählungen und Erinnerungen aus. Die Kinder aßen Süßigkeiten (Charosses), welche mit kleinen Schößlingen von Meerrettig durchsetzt waren, welche zu essen geboten war, zur Erinnerung an die Bitternisse der Borfahren in Egypten, und warfen verstohlen die bitteren Kräuter unter den Tisch. „Liebes Großväterchen," sagte Jsserl, Jaikews jüngster Enkelsohn, mitten im Mahle und am Schlüsse der Festlichkeit, „für wen ist dieses Glas Wein, von welchem niemand trinkt?" ..Hörr nur auf unseren Kleinen," lachte der alte Holzmann, stolz auf das Kind hinweisend. „Der da stellt eine Frage, wie ein Talmudschüler. Dies ist," erklärte er, „für den Propheten -Eliah! Nachdem wir abgespeist und das Daukgebet verrichtet .haben, werden wir die Haustüre weit uufmachen, damit Eliah eintrete. Wenn er kömmt, dann wird er der Vorbote des Messias sein; dann werden wir alle im nächsten Jahre in Jerusalem sein." „Laß mich die Türe für Eliah aufmachen," rief Zfserl, nach dem Dankgebete eilends von feinem Sessel sich erhebend. Weit riß er die Türe auf. „Hier ist er!" rief er fröhlich quiekend. Die Gesellschaft stieß einen Schreckensschrei aus, denn im Vorzimmer stand ein fremder Mann; nicht mit langem Kopfhaare, nicht ein barfüßiger Bettler, sondern ein eleganter Herr in tadelfreier Festtoilette. Ein mit Zobelfell gefütterter Mantel hing auf seiner Schulter und an einem um den Hals geschlungenen Seidenbande hing als eine kaiserliche Auszeichnung das Großkreuz eines hohen Ordens. „Vergebt mir," sagte er mit ängstlichen, stockenden Schritten in die Stube eintretend. „Habe ich Euch erschreckt? Kennst Du mich nicht mehr, Jaikew?" „Peretz!" keuchte Jaikew mit bleichen Lippen. „Habet Ihr nicht Platz an Eurer Sedertafel für einen alten Freund?" bat Neuer mit einem matten Lächeln Die Gesellschaft blieb erstarrt .mit bleichem, beängstigtem Gesichte, nur der alte Holzmann rief höhnisch: „Dies ist ein jüdisches Fest; dies ist nicht vorbereitet für einen Goj. Warum sind Sie gekommen, mein Fest zu stören?" fügte er rauh hinzu. Neuer stand bei der Türe, den Hut in der Hand, demütig wie ein Bettler. Seine Lippen zitterten traurig, seine Augen blickten weit und bittend über die glückliche Familiengruppe und das anheimelnde Familienbild. „Ich war — so heimwehkrank," murmelte er zaghaft, am ganzen Körper zitternd. „Vater, laß ihn hier bleiben," bat Jaikew. ..Siehst denn Du nicht, daß der Mann schwer leidend ist? Sicherlich ist er reumütig." „Reumütig," schrie der alte Mann grimmig. „Sieh hin auf das Zeichen seiner Reue! Sieh! Er trägt es an seiner Brust," und dabei zeigte er mit zitterndem Finger auf das Kreuz an Peretzens Brust. Für einen Augenblick kehrte das bittere Lächeln, welcher durch den Hohn der Gräfin seine Lippen umspielt hatte, wieder zurück. Schnell kam er in seine gewohnte stolze Haltung. „Entschuldigt meinen Einbruch," sagte er kühl, dann aber erfaßte er, wie ein Trunkener taumelnd, die Türschnalle und verschwand in der Dunkelheit. Eine Stunde später wurde die Gaß durch verworrene Schreie und durch eilige Fußtritte auf der sonst stillen Straße in Unruhe versetzt. „Was ist vorgefallen?" fragte Jaikew von seiner Haustüre aus. ..Eine Leiche — eine Leiche ist auf unserem Friedhofe gefunden worden," stüsterte ihm ein Vorübergehender zu. Jaikew erfaßte eine Laterne und rannte mit den Anderen fort. Die Freude der Festfeier war zu Ende. Die Männer eilten auf die Straße mit erblaßten Wangen, die vom Schrecken befallenen Frauen umklammerten ihre Kinder und in jedermanns Seele erwachte die schreckliche Erinnerung an die blutigen Anklagen des Ritualmordes. Aller Herzen erzitterten, als sie die Gestalt eines mit übereinander geschlagenen Armen tot auf einem Grabe hingestreckten Mannes sahen. „Der Meschummed," lispelte ein Dutzend flüsternder Stimmen. Das Grab, auf welchem er lag, war das seiner Mutter. Neben ihm lag ein altes, schwärzliches Gebetbuch, auf dessen erstem Blatte Schedels Name verzeichnet war. Das Buch war aufgeschlagen bei dem Trauergebete für die Verstorbenen, dieser großartigen Verherrlichung Gottes, der unsterblichen alten Todesklage, welche mit geheimnisvoller Macht ganz Israel verbindet, wie mit unzerreißbaren stählernen Banden. Peretz, der Renegat, ruht auf dem Friedhofe von Sankt Benedikt unter einem massiven Marmorkreuze. Aber jedes Jahr, wenn sein Todestag herannaht, steigt das alte Kadischgebet gen Himmel und ist ein Totenlicht zur Erinnerung an ihn in dem Hause des Jaikew Holzmann in der Gaß angezündet.