Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1906-08-03 · Heft 30 (3.8.1906) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 30 (3.8.1906)
Date
1906-08-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063316-3063346--04379-3071215
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 30. Die Wahrheit Seite 7. So lautet der Bericht von Tatzeugen. Demnach sei nicht isiese viehische Grausamkeit des Pöbels das am meisten Erschreckende, sondern daß die Untat angestiftet war und unter den Augen der Behörden stattfand, von ihnen geduldet und unterstützt wurde. Die Interpellanten fragen den Ministerpräsidenten: Ist Se. Exzellenz geneigt, sich mit dem Minister des Aeußeren in Verbindung zu setzen, damit dieser die russische Regierung auf die Verletzung alles menschlichen Gefühles durch die Kischinewer Bluttaten und auf die hohe Gefahr derselben für den allgemeinen Frieden aufmerksam mache und sich bei ihr für kräftige Maßnahmen zur Verhütung weiterer derartiger Greuel einsetze?" (Schluß folgt.) Das nationale Judentum. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) I. Serene. Während in Babylonien im achten Jahrhundert die Akademieen der „Gaonen" sich der schönsten Blüte erfreuten, und der Talmud das ganze jüdische babylonische Gemeinwesen beherrschte, haben die in Palästina, Syrien und Irak angesiedelten arabischen Juden eine antitalmudische Bewegung hervorgerufen. Sie waren, wie Graetz sehr richtig bemerkt, Söhne der Wüste, Männer des Schwertes, Krieger und Ritter, welche von Haufe aus au Freiheit des Lebens und an Kraftentwicklung gewöhnt lvaren und geselligen Umgang mit ihren ehemaligen arabischen Bundes- und Kampfgenossen pflogen, unter denen sie nach der Eroberung Persiens und Syriens wieder angesiedelt waren. Wohl war ihnen das Judentum teuer, hatten sie doch dafür alles, Freiheit, Gut, Vaterland geopfert, um Mnhamed, der in sie gedrungen, -sich zum Islam zu bekennen, Widerstand leisten zu können; allein die Lust an Freiheit des Lebens blieb in ihnen immer wach,' daher sie sich mit den jede Art Genußsucht verpönenden Vorschriften, Sentenzen, Grundsätzen und Maximen des 'Talmuds durchaus nicht befreunden konnten, sie waren mit einem .Worte entschiedene Gegner des Talmud. Diese antitalmudische Strömung wurde von einem Manne begünstigt, der im Jahre 720 auftrat und sich den Juden als den seit langen Jahrhunderten Ähnlichst erwarteten Messias .„Moschiach" zu erkennen gab. Dieser Mann war aus Syrien und hieß Serene. Er gab den Juden feierlichst das Versprechen, ffie wieder in ihre alte Heimat, in das heilige Land, nachdem er früher die Mohammedaner aus demselben vertriebenhaben wird, zurückzuführen, damit sie es als ihr von Gott ihnen verheißenes Erbgut in Besitz nehmen können. Die damaligen Verhältnisse und Umstände waren danach angetan^ in den Juden die Sehnsucht nach Befreiung wachzurufen. Es war dies gerade während der Regierungszeit des fanatischen Chalifen Omar H., der sich auf Proselytenmacherei verlegte und Juden wie Christen zur Annahme des Islam gezwungen hatte Kaum hatte er die .Regierung angetreten, als er an die Statthalter geschrieben: .„Reißet keine Kirche und keine Synagoge ein, aber gestattet nicht, daß neue auf eurem Gebiete erbaut werden." Serene, wer nunmehr in der Zeit der Not und Bedrängnis als Erlöser und Befreier der Juden erschien, wurde von denselben umsomehr mit Freuden begrüßt, als er ihre Antipathie gegen den Talmud nicht nur billigte, sondern die Lossagung von den üalmudischen Satzungen geradezu auf seine Fahne geschrieben hatte. Er schaffte den Zweiten Feiertag, die vorgeschriebenen .'Gebetssormeln und die talmndischen Speisegesetze ab. Er gestattete den Wein von Nichtjuden, das Heiraten innerhalb der wom Talmud verbotenen Verwandtschaftsgrade. Infolge dieser radikalen Reformen, die vorzunehmen er sich erkühnte, gewann er einen großen Anhang, von dem er als den wahren Messias betrachtet, verehrt und gefeiert wurde. Sein Ruf drang bis nach Spanien, und auch die dortigen Luden entschlossen sich bereitwilligst, ihr Hab und Gut zu lassen und sich um diesen Erlöser zu scharen. Obwohldie Luden Spaniens den mohammedanischen Arabern bei der Eroberung der spanischen Halbinsel wesentliche Dienste leisteten seufzten sie doch gleich der christlichen Bevölkerung unter dem Drucke der schweren Steuern, die ihnen jene auferlegten. Sie mußten einen sehr bedeutenden Tribut leisten an die Statthalter von Spanien, an die Statthalter von Afrika, denen Spanien untergeben war, und endlich an den Chalifen selbst, der die Halbinsel als seine Geldquelle betrachtete. Ueberdies hat die Erpressungssncht der Steuereinnehmer die Lage des bedrückten Volkes unerträglich gemacht. Was Wunder also, daß die auf so grausame Weise ausgebeuteten Juden Spaniens ihre Zuflucht zu dem in Syrien aufgetretenen und von den dortigen Juden so hochgefeierten Messias nehmen zu müssen glaubten. Sehr viele Juden haben daher Spanien verlassen und sind nach Syrien gezogen. Der spanische Statthalter Anbosa, oder Ambiza beeilte sich (721) ihre Güter für den Staat einzuziehen. Wie all die früher aufgetretenen falschen Messiasse, hatte auch Serene ein schmähliches Ende. Er wurde gefangen und vor den Chalifen Jezid, der Omars Nachfolger war. gebracht. Jezid stellte an ihn mehrere auf dessen Messianität bezughabende verfängliche Fragen, die der Betrüger nicht beantworten konnte. Um sich aus der Verlegenheit, die ihm Jezid bereitete, befreien zu können, hatte der Feigling den traurigen Mut folgende Erklärung abzugeben: ..Ich habe ja nie die ernste Absicht gehabt, als Lehrer und Erlöser der Juden recht tätig in die Situation einzugreifen, sondern ich wollte mir bloß mit diesen leichtgläubigen Juden einen Spaß machen." Jezid, der befürchten zu müssen glaubte, durch das wühlerische Treiben des falschen Messias die Juden sich gegen die Regierung auflehnen würden, war von der Antwort Serenes um so mehr befriedigt, als dieser sich selber als „Judenfeind" gerierte, der seine eigene Stammesgenossen zum Besten hielt. Der Chalife hatte nunmehr keine Ursache mehr, von seiten der Juden einen Aufstand zu befürchten, daher er ihnen den falschen Messias auslieferte mit der Weisung, sie mögen ihn selbst nach ihrem Gutdünken bestrafen. Was mit ihm weiter geschehen ist, ist nicht bekannt, soviel ist gewiß, daß er unschädlich gemacht wurde und bald von dem Schauplatz seiner schändlichen Tätigkeit verschwunden ist. Die meisten seiner Anhänger sind von ihm nicht nur abgefallen, sondern haben ihn verflucht, verurteilt und als Verräter gebrandmarkt. Sie wollten sich wieder den syrischen! Juden, von denen sie als Antitalmudisten getrennt waren, an-! schließen, doch diese wußten nicht, ob sie berechtigt seien, die! Reuigen in ihren Schoß aufzunehmen. Sie wandten sich daher! an das Oberhaupt der Hochschule zu Pumbadita, namens! Natronai, und ersuchten ihn um Bescheid. Dieser lautete: j „Nach talmudischem Gesetze ist es gestattet, die Anhänger Serenes! in den Gemeindeverband aufzunehmen, da dieselben als Juden; betrachtet und behandelt werden müssen. Jedoch in der Synaj goge müssen sie öffentlich bekettnen, daß sie gefehlt und geirrt! haben und feierlichst geloben, die talmudischen Vorschriften stets! respektieren zu wollen" rc. (Resp. Gaonim Schaare-Zedek.) 1 II. Ob ad i n A b u - I s a. Ungefähr drei Dezennien später (745) trat ein anderer j Messias, und zwar in Persien auf, der sich ebenfalls als Anti-! talmudist geberdete und das Volk zu betören suchte. Es war I dies ein äußerst phantastischer und kriegerischer Mann, namens \ Obadia Abu-Jsa aus Jsfahan, der vorgab, er sei von Gott j gesandt morden, Israel vom Joche der Völker zu befreien. Er! gab zwar anfangs vor, daß er nicht der eigentliche Messias, sondern nur dessen Vorläufer sei, tatsächlich aber war sein ganzes Gebühren, Wirken und Streben dahin gerichtet, um als der eigentliche Messias erkannt, betrachtet und behandelt zu werden. Auch er führte antitalmudische Reformen ein. Er fand bald einen großen Anhang, und 10.000 Mann, die er bewaffnete und selbst, hoch zu Roß, gleich einem Kriegshelden, befehligte, haben sich um ihn geschart. Mit diesen gedachte er einen jüdischen Staat zu gründen. Die Zeit, in der Obadia Abu-Jsa seinen Plan auszuführen gedachte, war hierzu nicht ungünstig. Es herrschte nämlich damals im muhamedanischen Reiche Mermam II., der letzte aus dem Hause der Omejaden, der aber so sehr verhaßt war, daß in allen Teilen des Reiches sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.