Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 30 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 30 dank der geradezu sträflichen, von einer aktiven Parteinahme sich kaum mehr unterscheidenden Toleranz der fürstlichen Regierung. von diesem Zeitpunkte an eine geradezu fieberhafte Tätigkeit, deren Ergebnis die Ausrüstung zahlreicher Banden und die Verübung einer Reihe von empörenden Attentaten war, die noch genug in jedermanns Erinnerung stehen, um es überflüssig zu machen, viele Worte darüber zu verlieren. Die Tendenz dieser Machenschaften konnte niemanden täuschen. Sie verfolgte den leicht erkennbaren Zweck, die Ausführung der geplanten Reformen zu hintertreiben und durch Veranstaltung eines allgemeinen Ausstandes unter territoristischer Marke, die Intervention Europas zugunsten einer radikalen Umwälzung zu erzwingen. Es sollte in dieser Weise die Geduld der öffentlichen Meinung in manchen europäischen Staaten, unter Darlegung der Unfähigkeit der Türkei zu jedweder Reformarbeit, erschöpft und ein Dissens unter den Mächten, nicht in letzter Linie aber zwischen den Kabinetten von Wien und Petersburg, über die weitere Behandlung der einschlägigen Fragen herbeigeführt werden, aus dem nach dem schlau angelegten Plane der Initiatoren reiner Profit für die mazedonische Sache entstanden wäre. Obwohl von allem Anfänge an ebenso von uns wie von Rußland gegen diese Taktik ganz entschieden Stellung genommen wurde, und demnach kein Zweifel an dem Ernste unseres Beschlusses bestehen konnte, das einmal vereinbarte Programm unentwegt zu befolgen, wollte man sich in jenen Kreisen von der Verderblichkeit solcher Illusionen nicht überzeugen lassen und nahm, von einem förmlichen Wahne befallen, zu immer tolleren Streichen Zuflucht, bie nebenbei wohl auch darauf berechnet waren, ähnliche Grausamkeiten aus türkischer Seite hervorzurusen, um das empfängliche Gemüt der zivilisierten Welt um so nachhaltiger zu impressionieren. Die erwarteten Ausschreitungen bösester Art blieben auch nicht aus und bald wetteiferten beide Teile in dem Bestreben der gegenseitigen Vernichtung, dessen Rückschlag die unschuldige und friedliche Bevölkerung am härtesten zu fühlen bekam. Daß unter solchen Umständen das Reformwerk ins Stocken geraten mußte, ist wohl erklärlich; bedarf eine so eminent friedliche Arbeit zu ihrem Gelingen nicht am wenigsten der gewissenhaften Mitwirkung aller nächstbeteiligten Faktoren, so konnte an einem durchgreifenden Erfolg derselben insolange nicht gedacht werden, als das in Betracht kommende Gebiet durch die entfachten Leidenschaften einem verzweifelten Kampfe preisgegeben war und dadurch auch der türkischen Regierung der nur zu willkommene Vorwand geboten wurde, sich der ihr auferlegten Aufgabe möglichst lange selbst hinsichtlich jener Bestimmungen zu entziehen, die trotz der Ungunst der Verhältnisse zu einer rascheren Durchführung hätten gelangen können. Beide Minister erhoben wiederholt die ernstesten Vorstellungen. sowohl in Sophia als auch in Konstantinopel. In Sophia, um die fürstliche Regierung zu energischen Vorkehrungen gegen die Bandenformationen und die auf bulgarischem Boden sich breit machende revolutionäre Organisation zu veranlassen; in Konstantinopel, um von der Pforte nicht minder wirksame Maßregeln zur Einstellung der vielfachen, von den irregulären Truppen an der friedlichen Einwohnerschaft begangenen Ausschreitungen und Grausamkeiten zu erlangen; an beiden Orten, um den sich immer mehr zuspitzenden Verhältnissen zwischen Türkei und dem Fürstentume entgegen zu wirken, und ihnen begreiflich zu machen, wie wahnwitzig und aussichtslos der Ausbruch eines offenen Konfliktes für beide Teile wäre. Die Mürzsteger Zusammenkünfte boten Gelegenheit zu einer Revision, deren Ergebnis in neun Artikeln zusammengefaßt wurde und einem Bedürfnisse entspricht, welches erst durch die Ereignisse der letzten Zeit zutage getreten ist. War es von der Pforte billigerweise nicht zu verlangen, daß sie inmitten der beständigen Kämpfe, die das Reformgebiet durchwühlten, den an sie gerichteten Anforderungen in jedem Punkte genau und gewissenhaft Nachkomme, so gab es doch, wie vorher erwähnt, gewisse Verfügungen, die unter allen Umständen hätten in Taten umgesetzt werden können und denen beharrliches Ausbleiben nichts Gutes für die Zukunft verhieß. Dies erforderte eine gründliche Remedur, zumal man sich nicht mehr der Hoffnung hingeben konnte, daß selbst die nachdrücklichsten Ermahnungen der Mächte in Konstantinopel ohne weitere Vorsorge allein genügen würden, um die angeborene Renitenz der Türkei gegen die Gebiete ihres eigenen Interesses zu bezwingen. Und nun höret alle, die ihr hören wollt, was eine Macht vermag, wenn sie will und dann später höret, was sie nicht kann, wenn sie nicht will! Also diese so meisterhaft ausgebaute Erkenntnis mußte zur Schlußfolgerung führen, daß nur durch Schaffung eines entsprechenden Ueberwachungsdienstes den fraglichen Uebelständen abgeholfen werden könne und zeitigte den Gedanken der Bestellung. arr der Seite des Generalinspektors, der im I. Artikel des Mürzsteger Programmes in Aussicht genommenen Delegierten Oesterreich-Ungarns und Rußlands, sowie der Berufung einer Anzahl fremdländischer Offiziere, zur Organisierung des Gendarmerie-Korps. Die Mission dieser Herren hat bekanntlich nicht den Charakter einer ständigen Kontrolle; sie ist vielmehr unbedingt temporärer Namr und nur dazu bestimmt, das Reform-- werk in richtige Bahnen zu leiten, ohne in irgend einer Weise eine dauernde Beinträchtigung der Souveränitätsrechte der Türkei zu involvieren. Nebenbei erschien es notwendig, auch noch einige andere Maßnahmen anzuregen, die im Sinne und unter Aufrechthaltug des ursprünglichen Sanierungsplanes eine wesentliche Besserung in den administrativen Verhältnissen und eine Beruhigung in den Kreisen der christlichen Bevölkerung herbeizuführen geeignet sind. Dazu gehören die Heranziehung der letzteren zum Verwaltungsdienste, eine Aenderung in der territorialen Abgrenzung der politischen Bezirke behufs entsprechender Gruppierung der verschiedenen Nationalitäten und die allmähliche Ausgestaltung der lokalen Autonomien, die im Gegensätze zu der von mancher Seite befürworteten, wenn ich mich so ausdrücken hars, „globalen" Autonomie der drei Vilajete, kein den inneren Organismus der Türkei schädigendes Prinzip enthalten und jedenfalls in verstärktem Maße dazu beitragen dürften, bei der dortigen Einwohnerschaft das Vertrauen in eine hoffnungsvollere Zukunft wachzurufen. Ein weiteres Klageobjekt bildete die Vorgangsweise der türkischen Organe bei der Untersuchung und Bestrafung der während der Unruhen begangenen politischen und sonstigen Verbrechen, wie auch die vielfachen Ausschreitungen der Jlaves und Baschibozuks, die sich an den friedlichen Bewohnern, ihren wehrlosen Frauen und Kindern vergriffen und in ihrer Zerstörungswut zahlreiche Ortschaften durch Brand und Mord vernichteten. Um diesen Uebelständen abzuhelfen, wurde das Verlangen nach Einsetzung gemischter, aus Mohammedanern und Christen zusammengestellter Enquete-Kommissionen unter Zuziehung der österreichisch-ungarischen und der russischen Konsularvertreter gestellt, sowie nach endgiltiger Beseitigung der irregulären Truppenkörper, die infolge ihrer Disziplinlosigkeit seit jeher als die gefährlichsten Anstifter aller Verheerungen gegolten haben. Was den humanitären Teil des Programmes anlangt, entspricht er einem Gebote mildtätiger Gerechtigkeit. Im Jahre 1903, also kurz nach diesen Ereignissen, bringen der Abgeordnete Dr. Ofner und Genossen eine Interpellation wegen des Judenmassakres in Kischenew ein. Es wird darauf hingewiesen, daß die Bluttat in Kischinew ohne Beispiel sei. ..Zerrissene Säuglinge, Kinder, die aus den Stockwerken auf die Straße geworfen wurden, Wöchnerinnen mit abgeschnittenen Brüsten und herausgerissenen Gedärmen, erdrosselte Mädchen, vor aller Weltgeschändete Frauen, Männer mit herausgeschnittenen Augen und herausgerissener Zunge, Leichname auf denen die Mörder tanzen. Alle diese Greuel geschehen gegen Menschen, die den Angreifern nichts zuleide getan hatten, die nur die Gottheit auf ihre Weise anbeteten und denen man einen Justizmord nachtrug, welcher vor tausend Jahren aus Fanatismus begangen wurde und dem im Laufe dieser Zeit tausende gleichartiger Justizmorde aus gleichen Ursachen nachgefolgt sind.